• Ijoukak

    Mar 25–28, 2024 in Morocco ⋅ ☁️ 12 °C

    Eigentlich wollte ich heute direkt weiter fahren. Doch es regnete und Adil und einer seiner Freund waren der Überzeugung, dass man bei dem Wetter nicht Fahrrad fahren könnte, vor allem nicht in die Berge und über den Pass. So ganz wollte ich mich nicht überzeugen lassen - bis es einmal rumste. Adil lief aus dem Haus, ich hinterher wir und schauten, was auf der Straße los war. Ein Rollerfahrer hatte den Grip verloren, war gegen ein Auto geprallt und lag nun samt Roller auf der Straße. Zum Glück war alles glimpflich ausgegangen und lediglich Roller und Auto schienen beschädigt zu sein. Die Entscheidung, heute nicht weiter zu radeln, fällt mir etwas leichter.

    Stattdessen recherchiere ich nach ein paar Hilfsorganisationen, die hier aktiv sind. Gar nicht so transparent der ganze Kram und projekt- oder zweckgebundene Spenden scheint es gar nicht so häufig zu geben. Am Nachmittag nimmt mich Adil auf seinem Roller mit, zeigt mir sein und das Nachbardorf. In seinem Dorf Ijoukak wird gerade eine Containersiedlung aufgebaut. Das andere größere Dorf Talat N'Yaaquob scheint es stärker getroffen zu haben. Hier steht fast kein Haus mehr.
    Im Vorbeifahren sehe ich eine Deutschlandfahne und deutsche Sätze auf einem Zelt, eine Stiftung namens 'Tuisa hilft' kümmert sich hier ums 'Iftar' (Ramadan-'Fastenbrechen').

    Am Abend werde ich wieder zum Iftar eingeladen, diesmal bei Adils Familie im Haus. Zusammen mit Mutter, Vater, Onkel und dem kleinen Bruder. Es wird wieder die traditionelle Harira (Suppe) serviert. In roter, marokkanischer (mit Tomaten, Linsen, Bohnen, Kichererbsen und einer Art Nudeln) und weißer Frühstücks bzw. Berber Ausführung. Dazu gibt es Datteln, Shebakia (süßes Ramadan-Gebäck), Slilou, gekochte Eier und eine Art Joghurtfruchtdrink.
    Im Anschluss wird Tajine mit etwas Fleisch und reichlich Gemüse serviert. Dazu gibt es Brot. Gegessen wird ohne Teller und Besteck gemeinsam aus der großen Tajine, indem das Brot eingestippt und das weiche Gemüse zerdrückt wird.
    Eine allgemeine Beobachtung aus meiner Tajinerfahrung ist übrigens, dass es diese meistens mit Fleisch gibt. Allerdings ist es häufig nur eine kleine Menge - ein Sonntagsbraten hätte vermutlich den 10-fachen Fleischanteil gehabt. So gesehen sind die Speisen also gar nicht so fleischlastig. Zur Tajine wird der typische Minz-Tee serviert, den alle lautstark schlürfen. Auch sonst scheinen Essgeräusche - insbesondere Rülpsen - nicht so verpönt zu sein. Die ganze Zeit über dient der Tisch bzw. die Tischdecke als Ablage für Dattelkerne oder Knochenreste. Am Ende wird dann einmal drüber gewischt und alles direkt im Eimer gesammelt. Das werde ich zu Hause auch einführen, um mir den Abwaschen zu sparen;-)
    Interessanterweise lief beim Essen durchgehend ein Fernsehprogramm, erst ein Film, später Nachrichten. Ich horchte auf, als ich eine deutsche Stimme vernahm. Der Sender Deutsche Welle, die Übersetzung ins Arabische etwas verzögert.

    Die Gastfreundschaft war wirklich unglaublich, Adil überredete mich noch 2 weitere Tage hierzubleiben. Damit überbrückte ich den zweiten Regentag und bekam noch ein paar weitere Einblicke in das Dorf und das Leben hier. Die waren zum Teil natürlich ganz schön krass, Adil erzählte und zeigte mir, was alles durch das Erdbeben zerstört wurde, dass es aus der Familie 10 Opfer zu beklagen gab und das man hier eine Woche von der Außenwelt abgeschnitten war. Dennoch schien er nicht verzweifelt und voller Tatendrang in dem Haus seines Großvaters eine Herberge und Restaurant eröffnen zu wollen - es fehlten nur noch die offizielle Genehmigung.

    Um zumindest etwas auf die Gastfreundschaft zurückzugeben, versuchte ich etwas mit anzupacken. Die Regentage half ich beim provisorischen Dachabdichten, da es seit dem Erdbeben an einigen Stellen durch die Decke tropfte. Und schließlich versuchte ich mich noch daran, ein paar Lampenschirme aus Schilf zu basteln, die Adil für sein geplantes Gästehaus nutzen kann.

    Zum Iftar wurde ich übrigens jeden Tag eingeladen. So ganz richtig kam mir das nicht vor, hatte ich doch tagsüber immer etwas gegessen und getrunken. Den letzten Tag beschloss ich daher auch zu fasten (wovon ich Adil erst überzeugen musste) und stellte mir den Wecker auf 4:30 Uhr, um das letzte Mal zu trinken, etwas zu essen und mich dann wieder hinzulegen. Dann hieß es durchhalten, bis der Klang aus der Moschee den Sonnenuntergang bekannt gab (ca. 19 Uhr). Ein Glück, dass es nicht so heiß war, so ließ es sich ganz gut aushalten, nur ein paar Kopfschmerzen tauchten im Laufe des Tages auf.
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