• Es wird eisig und gastfreundlich

    5 November 2024, Turki ⋅ ☀️ 14 °C

    Eigentlich hätte es heute ein sehr guter Radeltag werden können. Die Sonne schien, und ich hatte 80 km und 1500 Höhenmeter bis nach Kars vor mir. Bis zum nächsten Dorf, Digor, waren es 40 km – dazwischen kein Wasser, wie mir der Restaurant- und Campingplatzbesitzer noch mitteilte.

    Nun hatte ich die Rechnung ohne den Wind gemacht. Der trotz der Berge von mir fröhlich pustete, sodass ich fast nur in Schrittgeschwindigkeit vorankam. Absurderweise führten die Berge und der Wind nicht nur zum langsamen Vorankommen, sondern auch dazu, dass ich gleichzeitig schwitzte und fror. Der Vormittag und Nachmittag waren von vielem Fluchen begleitet, aber ich motivierte mich mit einem potentiellen Lokantasi und einem Çay in Digor.
    Nach viereinhalb Stunden für diese 40 km (!) entpuppte sich dies jedoch als ziemliche Enttäuschung, denn obwohl die Straße fast mitten durchs Dorf führte, kam man aufgrund fleißig installierter Leitplanken nur über Umwege (Berg hoch und runter) auf die andere Straßenseite und ins Dorf. Hinzu kam, dass weit und breit kein Imbiss zu sehen war. Ich machte also nur kurz Pause und aß meine Nudeln von gestern. Bis hier hatte ich mich mit der Aussicht auf etwas Leckeres zu essen und einen warmen Çay motivieren können.

    Dafür war das Motivationsloch nun umso schlimmer, genauso wie der Anstieg, der nun kam.
    Statt Motivation gab es nun eine große Wut auf den Wind und jeden Hügel, hinter dem sich ein neuer Hügel verbarg. Dies führte letztlich dazu, dass ich den Wind anfluchte und stur auf den Asphalt starrte und genervt in die Pedale trat. Was anderes blieb mir auch nicht wirklich übrig, denn sobald ich stehen blieb, wurde es umso kälter. Meine Nase fand diesen ganzen Spaß auch nicht lustig und lief schneller, als ich fahren konnte. Durch das ganze Schnauben und die Kälte tropfte sie inzwischen rötlich.

    Nun hatten diese Wetterbedingungen allerdings dennoch etwas Gutes. Da ich nicht so schnell vorankam, hatte ich zum Sonnenuntergang noch gute 30 km bis Kars vor mir. Auch wenn der Wind etwas nachließ, wurde es schnell deutlich kälter. Die Temperaturen sollten in der Nacht auf -9 Grad fallen – nicht so rosige Aussichten. Also entweder bis Kars durchhalten, einen windgeschützten Ort zum Zelten finden oder in einem Dorf nach einer Unterkunft fragen. Dağpınarı war das letzte Dorf, das noch zwischen mir und Kars lag. So oder so wollte ich hier einmal Wasser für einen potenziellen heißen Tee auffüllen.
    Als ich mein Fahrrad gerade an die Mauer der Moschee lehnte, rief von einem gut 50 m entfernten Laden bereits ein Mann energisch „Tourist, Tourist“ und winkte eifrig, dass ich herüberkommen sollte.
    Es gab natürlich erst einmal einen wärmenden Çay im Laden und die üblichen Gespräche mit den Leuten, die noch so im Laden herumsaßen oder gerade etwas kauften: Meine Reise, die schlechte wirtschaftliche Lage in der Türkei (hohe Arbeitslosigkeit auch hier), Erdoğan yok güzel (nicht gut) und eine frohe Stimmung, fast schon eine Bewunderung für Deutschland und dass ich sie doch mitnehmen solle. ;) Ich erkundigte mich ebenfalls und fragte, ob ich hier irgendwo zelten könnte. Es hieß, vor ein paar Tagen seien auch Radreisende hier gewesen, die in der Moschee übernachtet hätten und dass dies kein Problem sei. Es wurde kurz hin und her telefoniert, in der Moschee ging es irgendwie doch nicht und kurzerhand wurde ich so von Canan, die auch ein wenig Englisch konnte, eingeladen, Gast ihrer Familie zu sein. Ich sollte nur noch kurz im Laden warten, bis sie mit dem Füttern der Kühe fertig seien.

    Später gibt es dann zunächst eine Runde Çay im Wohnzimmer zusammen mit ihrem Vater Ertekin und ihrer Mutter Ayfer. Interessant ist, dass Canan und Ayfer gar kein Kopftuch tragen - wurde mir doch in Istanbul von ein paar Leuten erzählt, dass der Osten der Türkei viel traditioneller und konservativer sei. Den Eindruck hatte ich da bisher nicht. Traditioneller im Sinne der Lebensweise bzw. einfacherer Verhältnisse ja, konservativer aber überhaupt nicht. Wir unterhalten uns noch eine Weile auch über ihre Geschwister, die in Edirne studieren, und ihre zwei Onkel, die in Deutschland leben. Einer, der in Ulm wohnt und dort einen Dönerimbiss betreibt, wird natürlich direkt angerufen. Canan selbst ist übrigens – neben dem, was sie auf dem Hof für die Familie tut – Grundschullehrerin im Dorf und hatte während ihres Studiums sogar einen Erasmus+-Platz über ihre Uni gewonnen. Über die Möglichkeit, so nach Europa zu kommen, hatte sie sich sehr gefreut. Traurigerweise fiel das Ganze dann jedoch wegen Corona ins Wasser.

    Dann gibt es Essen. Canan – und tatsächlich nicht ihre Mutter – schien in der Rolle der Gastgeberin zu sein und hatte Erbsenreis mit Hähnchen, Salat und selbstgemachtem Joghurt zubereitet. Kurioserweise entschuldigte sie sich fortwährend, dass sie aus Zeitgründen nichts Besseres gekocht habe, obwohl es erstens superlecker schmeckte und ich zweitens ja nur ein hereingestolperter, spontaner Gast war und eigentlich gar keine Ansprüche hatte bzw. überhaupt kein Essen erwartet hätte. Dies erinnert mich ein wenig an meine Oma, die ebenfalls immer behauptet, sie hätte nicht gut gekocht, obwohl es immer ziemlich lecker ist.
    Ebenfalls interessant war übrigens noch, dass zunächst nur die Männer, also ihr Großvater, Vater und ich am Tisch saßen und erst später sie und ihre Mutter aßen. Ob dies nun kulturelle Gründe oder einfach nur durch den etwas kleineren Esstisch begründet war, fand ich leider nicht heraus.

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