Kars
6. november 2024, Tyrkiet ⋅ ☀️ 7 °C
Es wird heute erstmal der letzte Radeltag hier im Osten der Türkei. Denn zum Weiterradeln nach Georgien wird es zu kalt und vor allem wäre die Zeit etwas knapp, müsste ich mich doch direkt nach Ankunft schon wieder auf den Rückweg machen, um Weihnachten in Deutschland zu sein. So richtig Zeit, Georgien kennenzulernen, bliebe also nicht und ich will das Land schon richtig kennenlernen. Also ein anderes Mal, auch wenn es natürlich schade ist, dass ich nun weder den Weg von Theo noch den von Mareike (Granada Warmshowers), die jeweils gerade in Georgien unterwegs sind, kreuze. Mein Rückfahrplan, den ich in den letzten Wochen immer mal wieder überdacht und recherchiert habe, sieht daher wie folgt aus: Kars - Ankara (Zug), Ankara - İzmir (Zug/Bus), İzmir - Çeşme (Fahrrad), Çeşme-Chios-Athen (Fähre), Athen - Patras (Fahrrad), Patras - Bari (Fähre) und dann Italien hoch ballern!
Das also schon mal als Ausblick auf die nächsten Wochen. Zunächst stand heute aber erst mal das Frühstück mit Canan und ihrer Mutter an (ihr Vater war bereits früh im Stall bei den Tieren). Eier, Käse und Butter aus eigenem Anbau, dazu noch Oliven, Wurst, Honig und Brot. Butter hatte ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gegessen, weil sie in vielen (wärmeren) Ländern einfach nicht mit auf dem Speiseplan steht. Hier in den kühleren Bergen schien das Klima aber wieder Butter geeigneter zu sein.
Auf Nachfrage, ob Canan ihre Familie in Deutschland schon einmal besucht habe, erzählte sie überraschenderweise, dass es eigentlich einfach sei, aber es in ihrer Kultur viel Neid gäbe und sie nicht von ihnen eingeladen würde. Ich bin überrascht, habe ich die Kultur doch als sehr hilfsbereit und gastfreundlich kennengelernt. Auch ihren Geburtstag gestern hätten sie vergessen, aber sie hätte sich gefreut, dass ich quasi als Gast da war, zumal dies durch die Katze angekündigt wurde. Es sei hier nämlich ein Sprichwort, dass ein Gast komme, wenn sich die Katze mit der Pfote das Gesicht putzt. Nun war ich also unwissender Geburtstagsgast gewesen und hatte gar kein Geschenk dabei gehabt. Ich nutze also die Gelegenheit, mal wieder eins der Drahtfahrräder zu basteln und noch eine Muschel, die ich am Strand in Spanien gefunden hatte, zu verschenken – vielleicht konnte ich ja eine kleine Freude bereiten.
Zum Abschied bekam ich von ihrer Familie noch ein gutes Kilo von dem gepressten Puderzucker (vermutlich hatte ich hier zu viel Interesse gezeigt, was das ist), ein paar Socken und ein Brot von ihrem Onkel aus dem Laden geschenkt. Eigentlich möchte ich solche Dinge gar nicht annehmen, ich weiß jedoch auch nicht, wie ich sie ablehnen soll, ohne unhöflich zu sein, sodass sie am Ende dann doch in meinen Taschen landen. 🤔
Zum Abschied geben wir uns – auch Männer und Frauen, anders als ich es woanders erlebt habe – „ganz normal“ die Hände.
In Kars komme ich dann schnell an, da ein Großteil des Weges bergab führt (trotz Sonne sehr kalt). Die Stadt liegt auf ca. 2000 Meter Höhe und gefällt mir auf Anhieb sehr gut. Die Bergdörfer und Bergstädte haben irgendwie immer etwas Besonderes. Es gibt häufig massive Steinhäuser, es ist sonnig, der Qualm der Schornsteine liegt über den Dächern und meistens geht es deutlich ruhiger zu als in anderen Städten – vielleicht strahlen die ruhigen Berge dies aus, vielleicht werden auch alle durch die Temperaturen heruntergekühlt und es geht etwas gemächlicher zu.
Kars ist übrigens für seinen Käse und seine Gänsegerichte (Kaz) bekannt. Zumindest Ersteres kann ich anhand der etlichen Käseläden bestätigen. Die haben übrigens meistens auch Honig und Butter – scheint wirklich wieder ein Ding hier zu sein.
Auf der Suche nach einem günstigen Hotel schlendere ich durch die Stadt, erkundige mich nach den Zugtickets und decke mich bereits mit Brot, Käse und Snacks ein. Mitrechnen zahlt sich dabei aus, sonst wird das Stück Käse schon mal 20 % teurer.
Nachdem ich eingecheckt habe, mache ich mich – nach einer kurzen Pause – für den Sonnenuntergang auf den Weg zur Burg. Hier treffe ich noch zwei lustige Studenten (Architekt, Imam) aus der Stadt, mit denen ich im Anschluss einen Tee trinken gehe. In der Teestube sitzen kurioserweise auch zwei Verkehrspolizisten, die hier ihre Papierarbeit bei ein paar Tassen Çay verrichten.
Çaycounter: ≈8Læs mere









