Schlechtes Deutschland, schönes Deuts
17 dicembre 2024, Germania ⋅ ☁️ 7 °C
Einfach nur unter einem Dach im Schlafsack zu übernachten hat den Vorteil, dass am nächsten Morgen nichts nass ist und man sich natürlich den Auf- und Abbau des Zeltes spart. Solange es windstill ist, ist es auch temperaturtechnisch kein Problem und dann ist es sogar noch legal – glaube ich.
Ich mache mich auf den Weg nach Rottweil, der ältesten Stadt Baden-Württembergs, wo ich auf den Neckarradweg biegen möchte. Bei einem kurzen, nicht erfolgreichen Vogelfotoshooting hält eine Mountainbikerin an meinem Fahrrad und spricht mich an. Sie interessiert sich für Radreisen und verfolgt begeistert die Geschichten einiger Radreisender. Wir tauschen Kontaktdaten aus und einmal mehr denke ich darüber nach, ob ich nicht ein kleines Büchlein oder so schreiben sollte – mal schauen. Bevor ich weiterfahre, erzählt sie mir noch, dass der große Turm, der über Rottweil ragt, ein Aufzugstestturm von ThyssenKrupp sei. Ich hatte mich bereits gestern Abend gefragt, was da in der Ferne so leuchtet.
Rottweil hat eine ganz schicke Altstadt mit schön verzierten Häusern. Für meinen Geschmack könnte es jedoch etwas weniger Verkehr geben, um diese besser zur Geltung zu bringen. Ohne große Schwierigkeiten finde ich den Neckarradweg und muss fortan eigentlich gar nicht mehr auf die Karte schauen – nur, wenn ich aufgrund der vielen Radwegschilder gar nicht weiß, welches für mich gilt – willkommen in Deutschland!
Wieder in Deutschland zu sein führt natürlich dazu, dass man wieder alles versteht, was irgendwo steht, neben einem gesagt wird oder überhaupt, wenn man angesprochen wird. Das ist einerseits schön, andererseits naja.
So treffe ich auch einen älteren Herren, der zwar auch gut findet, was ich mache, aber behauptet, mit Frauen könne man so etwas nicht machen. Erfreulicherweise kann ich ihm ja etwas anderes berichten. Was ich allerdings leider nur denke und ihm nicht sage, ist, dass seine Erfahrung vielleicht daran liegt, dass er von Frauen als „Tussi“ und „Mieze“ spricht. Was für ein Hansel… Und wie schön war es doch außerhalb Deutschlands, wo ich solche Dinge nicht verstanden habe.
Im weiteren Tagesverlauf stelle ich noch fest, dass mobile Daten hier am Neckarradweg schlechter funktionieren als irgendwo im Atlasgebirge. Gegen Abend sehe ich vor mir einen Mann mit oranger Jacke, einer Art Trappermütze, Tripod und Gewehr auf dem Radweg laufen. Jäger Nummer drei, den ich auf meiner Radtour treffe, und der erste deutsche Jäger. Es interessiert mich, was er so macht; ich spreche ihn an und lasse mir ein bisschen etwas über die Jagd erklären. Einer der Vorteile, wenn man wieder in Deutschland ist – man kann viel mehr nachfragen bzw. verstehen.
Der Jäger heißt Timo – einfach zu merken – und ist auf dem Revier, das sein Vater gepachtet hat, unterwegs zu einem der Hochsitze. Zum Pachten eines Reviers muss man einen Jagdschein besitzen, der bereits seit drei Jahren gültig ist. Es ist kurz vor der Dämmerung, die zur Jagd auf Rehe geeignet ist; in der Nacht ist diese verboten. Wildschweine hingegen dürfte man auch nachts mit Nachtsichtgerät schießen. Jäger haben ein Auge auf den Bestand der Tiere. Wenn durch das Fehlen natürlicher Feinde die Populationsraten deutlich über 100 % liegen, dann richten nicht nur Wildschweine Schaden an, auch zu viele Rehe sind ein Problem für Fichten, da sie die jungen Triebe fressen und zu sogenanntem „Wildverbiss“ führen. Emotionales Thema, wenn man dazu mal recherchiert, aber wohl wichtig, wenn aus Monokultur wieder Mischwald werden soll.
Ich fahre wieder bis in die Dunkelheit hinein, fülle Benzin und Wasser auf und finde kurz vor Rottenburg wieder ein gutes Plätzchen mit Dach.Leggi altro











