• Shitwetter und Indianergeschichten

    19 dicembre 2024, Germania ⋅ 🌧 10 °C

    Wie vom Wetterbericht versprochen, regnet es heute Morgen. Ich habe gar keine Lust, mich aus meinem Zelt zu bewegen, und checke den Regenradar. Um 9 Uhr soll es aufhören. Kann ich so lange auf dem Spielplatz, auf dem ich zelte, bleiben? Wohnhäuser sind nicht weit, und ich habe bereits ein paar Leute draußen gehört. Tatsächlich hört der Regen schon um halb 9 auf. Zusammenpacken und los! Kalt ist es heute nicht, über 10 Grad sind es. Doch mir wäre es lieber, wenn es trocken und kalt wäre – nass ist eklig.
    Ich folge weiter dem Neckar. Inzwischen hat sich das Tal deutlich erweitert, mit Weinbergen links und rechts. Dass es vor zwei Tagen nur ein kleines Flüsschen war, lässt sich kaum noch erahnen. In Walheim mache ich Frühstücksstopp bei einem kleinen Bäcker. Es scheint noch ein Original zu sein, in dem die Dorfbewohner einkaufen, zumindest kennen sich hier alle, die vorbeikommen. Die meisten bestellen Brezeln, allerdings nicht mit „Ich nehme…“ oder „Ich hätte gern…“, sondern mit „Gibscht du mir…“. Eine Frau spricht mich auf mein Fahrrad an und fragt nach kurzem Smalltalk, ob ich nicht von hier käme, als sie meine Pizza- und Mohnschnecke auf meinem Teller sieht – keine Brezel. Sie reicht mir eine Brezel mit den Worten, sie hätte extra eine mehr gekauft und hier müsse ich Brezeln probieren – wie nett. Aber natürlich entlarvt! Sie kann keine Schwäbin sein, denn dann wäre sie natürlich geizig und hätte mir niemals eine Brezel geschenkt!

    Kurz nachdem ich weiterfahre, beginnt es zu regnen. Erst in Schauern und schließlich regnet es in Strömen. Meine Laune sinkt. Warum stimmt der Wetterbericht nicht? Der Nachmittag sollte besser als der Vormittag sein, nicht umgekehrt. Warum halten weder Regenüberzieher noch Gore-Tex-Schuhe trocken? Warum führt der Fahrradweg auf dem 1,5 m Seitenstreifen der Bundesstraße entlang? In der Türkei hätte ich 3 m! Und warum macht der blöde Neckar so viele Schleifen? Für 5 km Luftlinie muss ich fast das Dreifache fahren. Ich bin wütend und nass. Gleichzeitig treibt mich das in sturer Manier an.

    In Eberbach mache ich eine Pause zum Frust-Döner-Essen und lerne, dass man auch in Deutschland einfach nach einem (kostenlosen) Çay fragen kann. Es regnet noch immer, und ich suche ein paar potentielle Hütten auf der Karte raus.
    Nach 13 km und einem kleinen Anstieg werde ich in einem Waldstück fündig – auf OSM ist Verlass –, auch wenn das Dach schon ein paar Löcher aufweist. Direkt kann ich allerdings noch nicht mein Zelt aufbauen. Ein Sprinter fährt auf der Straße nebenan, dreht um und bleibt stehen. Zwei Männer steigen aus und quatschen, dann steigen sie wieder ein und – fahren nicht weg. In Abständen werfen sie die Scheinwerfer an und leuchten genau in meine Richtung. Etwas gruselig und vor allem sonderbar. Da ich nichts Besseres zu tun habe und mit dem Fahrrad auch nicht herauskommen kann und doch irgendwie wissen will, wer hier noch nachts im Wald unterwegs ist, schleiche ich mich im Karl-May-Winnetou-Stil an das Auto heran. Statt einer Silberbüchse habe ich meine Kamera dabei und mache ein paar Fotos. Mit der Langzeitbelichtung kann ich etwas von dem Auto sehen; ein bisschen Spaß macht es irgendwie auch, und durch die Bewegung wurde mir wenigstens nicht kalt. Wenn ich die Schrift auf dem Auto richtig entziffern kann, scheint es sich um ein Auto zu handeln, das zum Elektrizitätswerk ein paar hundert Meter weiter gehört. Ob sie mein Licht gesehen haben und deswegen stehen geblieben sind? Schließlich, nach einer guten Stunde oder etwas mehr, wird der Motor angeschmissen und das Auto fährt davon – ich warte dann mal auf eine „Aktenzeichen XY“-Sendung, bei der ich meine Fotos einreichen kann. 😁
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