• Grand Canyon North Rim

    May 21, 2024 in the United States ⋅ ☁️ 19 °C

    Am nächsten Morgen fahren wir nach einem guten Frühstück die lange Strecke wieder zurück und halten diesmal am Parkplatz für den Bright Angel Trail. Das ist der Wanderweg von der North Rim in den Canyon hinein. Wir würden da ja gerne hindurch wandern, aber dazu braucht man unten eine Unterkunft. Die werden – sowohl für die Phantom Ranch als auch für den Campground – in einer Lotterie verlost. Aktuell kann man sich für Termine ab Juni 2025 bewerben, allerdings ohne Garantie, daß man auch einen Platz bekommt. Sie wollen die Massen im Griff behalten, das ist verständlich, aber für uns Übersee-Touristen ist das völlig impraktikabel. Sehr schade, das hätten wir so gerne gemacht. So wollen wir also wenigstens ein Stück hinunter, so daß wir dann wieder zurück wandern können. Es ist eine tolle Wanderung, sehr eindrucksvoll, man ist so richtig mitten drin. Es kommen uns sehr viele Wanderer entgegen, und mit viele kommt man in ein kurzes „wie geht’s“-Gespräch, da sind die Leute in den USA sehr offen. Aus reiner Neugierde frage ich bei den meisten, ob sie von unten kommen und wann sie losgelaufen sind, einfach aus Interesse, wie lange denn der Aufstieg so dauert. Wir sind sehr erstaunt zu erfahren, daß sehr viele (gefühlt fast die Hälfte) uns erzählen, daß sie heute sehr früh an der South Rim losgelaufen sind, und nun sind sie schon hier, es ist noch nicht Mittag! Noch erstaunter sind wir, daß viele sagen, sie wollen auch heute noch wieder zurück zur South Rim, also Rim-to-Rim & back in einem Tag!!! Überall stehen die Schilder, daß man auf keinen Fall versuchen soll, in einem Tag hinunter und wieder hinauf zu wandern, sehr viele würden sich da total überschätzen und es kämen auch jedes Jahr sehr viele dabei zu Tode. Und die machen das ganze Programm dann gleich in doppelter Ausführung. Zugegeben, sie sehen alle ein bisschen nach Marathon-Läufer aus und haben eigentlich nichts dabei als eine Flasche, die man an mehreren Stellen am Weg auffüllen kann, aber trotzdem, Hut ab! Einer der Kandidaten ist eher noch älter als ich und wir sollten ihn später, als wir dann wieder hinaufsteigen, wieder herunterkommen sehen. Ich sage noch „welcome back“ und „good luck“, da kommen wir ins Gespräch. Immer die erste Frage, woher man kommt, und „Germany“ ist dann ein Zauberwort. Die meisten waren schon da oder wollen mal hin oder haben Vorfahren von dort. Der Rim-to-Rim-Marathon Mann ist öfters beruflich in Sindelfingen und hat auch Verwandtschaft in Villingen-Schwenningen. Der macht das tatsächlich, doppelte Tour an einen Tag, zeitlich ist er ganz gut dabei. Das Schlüsselerlebnis ist allerdings eine andere Begegnung. Wieder kommen wir ins Gespräch, diesmal kommt er vom Bright Angel Campground (das ist der ganz unten am Colorado), wieder sage ich „lucky you, you won the lottery“. Aber diesmal kein glücklicher Kommentar, man habe Glück gehabt, sondern er erklärt uns, daß er den Arizona-Trail wandert, das ist ein 800-Meilen Fernwanderweg von der mexikanischen Grenze quer durch Arizona bis zur Grenze nach Utah in der Nähe des Wire Pass Canyon (wo wir vorgestern waren) und die Durchquerung des Grand Canyon ist eine der Etappen dieses Weges. Da gäbe es ein begrenztes Kontingent an Plätzen im Campground, man müsse nur im Backcountry Office am Parkeingang fragen, eigentlich sei da immer noch ein Platz für die Fernwanderer zu haben. Das ist eine Schlüssel-Begegnung: Dann wandern wir eben auch den Arizona-Trail, und wenn es nur diese eine Etappe ist. Nachdem wir wieder zurück am Buschen sind, fahren wir also zum Backcountry Office, das hat zum Glück gerade noch geöffnet – bis 18:00 und es ist 17:30; normalerweise schließen die immer schon um 17:00. Wir fragen nach und erzählen vom Arizona-Trail, und tatsächlich, von den 11 Plätzen in der dafür vorgesehenen Group Site sind nur vier vergeben, wir können also noch zwei haben. Wir bekommen das Permit und gleich noch einen Platz im Campground hier an der North Rim für heute Nacht. Den brauchen wir ja eigentlich nicht, aber nehmen ihn natürlich mit, wir sind ja jetzt Fernwanderer. Das hätten wir nie gedacht, daß wir das doch noch hinbekommen. Nun müssen wir noch ein bisschen Vorbereitungen treffen. Wir haben zwar Schlafsäcke und Isomatten, aber kein Zelt. Wir gehen in den General Store am Campground und schauen, was es gibt. Wir erstehen ein „Schlauchzelt“ 2,40x1,80m, das ist eigentlich nur eine Hülle, die mit einer Schnur zu einem Dachzelt aufgespannt wird. Die Dame im Backcountry Office sagte aber, die Temperaturen seine nachts „in the fifties“, das wären 10°C, da brauche wir etwas. Ich nehme noch einen Pack leichter Heringe dazu und etwas Jerky (getrocknetes Rindfleisch) und dann geht’s zurück zum Buschen. Wir schauen auf die Uhr und tatsächlich wird es Zeit für unser 16:30 Abendessen in der Lodge. Wir beeilen uns und werden auch gleich an einen schönen Fensterplatz gesetzt. Der Blick in den Grand Canyon ist immer wieder traumhaft und das Abendessen ist auch gut. Eine Stärkung vor der Wanderung morgen. Wir fahren wieder an denselben Platz wie gestern zur Übernachtung, morgen müssen wir früh am Parkplatz am Wanderweg sein (da darf man nicht übernachten), da dann ja das Buschen dort stehen bleiben muss, bis wir zurück sind. Letzteres ist erlaubt, sonst geht das ja mit der Wanderung nicht, nur im Auto schlafen darf man nicht. Wir packen also unsere Rucksäcke, einschließlich aller Jacken und Innenjacken und gehen früh ins Bett. Wir freuen uns schon sehr auf Morgen.Read more