• Netzlos

    June 21 in Germany ⋅ ⛅ 32 °C

    21.06.26, Sonntag
    Von Lenzkirch zur Hütte 525

    Abends war ich noch in der anliegenden Brauerei essen. Leckeres Bierbrot als Vorspeise und ein gutes Dunkles. Schnitzel, wie man es erwarten kann.

    Fußball habe ich nicht geguckt. Die Zeltwiese ist überwiegend mit Wohnmobilen besetzt und gegenüber läuft der Fernseher. Als ich im Zelt liege, höre ich die Geräusche. Ab und an klingt es nach vergebenen Torchancen. Einen Torschrei höre ich nicht. Und irgendwann schlafe ich ein.

    Heute Morgen werde ich um 5.00 Uhr durch drei Böllerschüsse aus der Ferne geweckt. Anschließend setzt Marschmusik ein, die nach einem Stück zunächst verstummt und eine Viertelstunde später wieder einsetzt. Hä? Mich interessiert's ja nicht. Ich will sowieso los, aber was ist denn mit der Nachtruhe? Auf dem anliegenden Pferdehof ist auch schon Betrieb und da erfahre ich, dass heute wohl ein ganztägiges Event mit großer Reiterprozession mit Hunderten von Pferden in der Gegend stattfindet. Bis zum Abend. Und die Blaskapelle hat nicht nur geprobt. Sie ist schon unterwegs.

    Mit dem Beginn der Wutachschlucht beginnt der Schluchtensteig für mich erst richtig. Es ist ein traumhafter Weg mit vielen kleinen An- und Abstiegen. Teilweise führt er auch auf ebener Strecke dem Fluss entlang. An der Schattenmühle ist Zeit für eine ausgiebige Pause. Jetzt fängt es an Gewittern und es folgt ein heftiger Regenschauer. Ich scheine ein Talent dafür zu haben, Regen auszuweichen und sitze trocken auf der überdachten Terrasse. Ich hätte jetzt vielleicht nach einem Zimmer fragen und meine Tour unterbrechen sollen, denn es wird mir bewusst, dass ja heute Sonntag ist. Und das ist gut, weil dann Lokale wie die Schattenmühle geöffnet sind. Und auch, weil viele Menschen dann unterwegs sind, auch viele Familien mit Kindern, die die Natur entdecken wollen. ABER... Ja, genau. Als ich um 14.00 Uhr wieder aufbreche, herrscht auf dem Weg ein reger Verkehr, vorwiegend Gegenverkehr. Da der Weg an allen Stellen eng ist, sind bei allen Begegnungen stillschweigende Abmachungen zu treffen. Ich will gar nicht den Genervten spielen. Ich nerve die anderen ja auch mit meiner Anwesenheit. Aber achöner wäre es am Montag.

    Am Diethfurter Wasserfall, einem der Top-Spots meiner gesamten Reise, sind gerade mehrere Familien. Die Kinder spielen unter und hinter der Regenwand. Teenager brauchen 5 Minuten, um ihre Haare zu befeuchten. Und ein Mann, der mich mit seinem Hund zuvor überholt hatte, turnt in Badehose herum. Aber ich gehe nicht ohne ein Foto vom menschenleeren Wasserfall.

    Der Tag ist nun schon etwas vorangeschritten. Ich wollte eigentlich bis Blumberg kommen. Allerdings habe ich etwas Probleme mit meiner Schienbeinmuskulatur. Die möchte ich nicht weiter überanstrengen. An der NST-Hütte 525 versuche ich meine Möglichkeiten zu sondieren. Eventuell "Schlafen im Stroh" kurz vor Blumberg? Aber ich habe hier weder Internet noch ein Mobilfunknetz. Die Hütte ist ganz schön, aber ich habe nicht genug Wasser und an die Wutach komme ich hier nicht dran. 500 m weiter sehe ich einen Trampelpfad zum Fluss. Den nutze ich ohne weitere Pflanzen zu zertrampeln mache mich ausgiebig frisch, filtere meine Flaschen voll und gehe wieder zurück zur Hütte. 

    Es ist jetzt 17 Uhr und es fängt an zu gewittern und als heftiger Regenschauer niedergeht, erscheint ein junges Pärchen und sucht Schutz. Sie wollen noch zur Schattenmühle fragen mich wo ich denn noch hinwolle. Mit meiner Antwort, dass ich hier bleibe, können Sie nicht so viel anfangen.

    Um 19 Uhr kommt noch ein weiterer Wanderer an. Seine Bekleidung deutet zunächst auf Super-ultraleicht-Wanderer hin. Ärmelloses Unterhemd, eine Art dünne, kurze Schlafanzughose mit mehreren Löchern und Sandalen. Sein Rucksack ist aber so groß wie meiner und 14 kg schwer. Dazu trägt er vor dem Bauch einen weiteren Rucksack mit vier Kilo Nahrung. Unter anderem hat er auch einen kleinen Holzofenkocher und eine Kaffeemühle mit. Er ist, wie ich, seit sieben Wochen unterwegs. Seine Tour umfasste das Jura, die Vogesen und ein bisschen Alpen. Jetzt will er noch zum Titisee und dann nach Hause fahren. Er erzählt mir von seinen Touren in Europa, unter anderem von einer Radtour in der Ukraine vor zwei Jahren. Am NST ist er nicht so interessiert, empfiehlt mir aber, den Bodensee südlich entlang zu laufen. Aber: Was nicht geht, geht nicht. Er bleibt auch über Nacht und so muss ich zum ersten Mal nach sieben Wochen nicht alleine schlafen.
    Aber wie Deutschland nun bei der WM gespielt hat, weiß ich immer noch nicht.
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