• Alle Wege führen zum Connaught Place

    Mar 14–17 in India ⋅ ☁️ 23 °C

    Wir sitzen im Departure Area des Delhi International Airports und warten auf unseren Flug nach Kathmandu. Auf einer kleinen Bühne spielt ein Duo aus einem Trommler und einem Gitarristen, mit einer indian Slide Guitar, einem für traditionelle Klänge angepassten großen Instrument, eine beruhigende, nicht enden wollende Melodie. Beide sitzen nebeneinander auf Kissen. Der Geräuschpegel ist einer großen Wartehalle angemessen. Hochwertige Shops bekannter Edelboutiquen zieren die Randbereiche der klimatisierten Halle, der Boden ist gefliest und sauber, es riecht angenehm neutral. Mit anderen Worten; es ist ein völlig untypischer Ort für New Delhi. Es ist der größte „safe space“, den wir, seit unserer Ankunft in New Delhi besucht haben und damit der, gefühlt wohlverdiente, Höhepunkt eines „island-hoppings“, in dem wir uns die letzten vier Tage geübt haben. Die wenigen eingemauerten und für Touristen angenehmen Inseln in der Stadt sind rar gesäht und immer mit einem Eintrittspreis verbunden. Unsere Eintrittskarte heute; unsere Flugtickets.

    Jeder Reisende, der für sich neue Gewässer erschließt, respektiert die hohe See. Und so haben auch wir uns am ersten Tag voller Mut und Respekt für die Naturgewalten Delhis ins Getummel der Hauptstadt Indiens gestürzt. Die ausführlichen und wie sich später herausstellen sollte, wirklich seriösen, lieb und nett gemeinten Ratschläge, Hinweise und Angebote unseres Hotelmanagers ignorierend, wollten wir unser erstes Ziel, das Red Fort, eine alte Festung, im Rahmen eines 30-minütigen „Erkundungs-Spaziergangs“ ansteuern - ein fataler Fehler. Wenige Meter später waren wir in aufeinanderfolgenden Dialogen verwickelt. Im ersten wurde uns ein Angeot für eine Tuck Tuck Fahrt ins Zentrum gemacht. Dankend ablehnend haben wir kurz darauf freundliche Hinweise von einem Herrn erhalten, dass Vorbeifahrende gerne mal Smartphones klauen, wenn man sie zu exponiert am Straßenrand stehend einsetzt, um Fotos zu machen. Ein anderer, vertrauensvoll wirkender Mann hat uns auf exzellentem Englisch wärmstens empfohlen uns ins Zentrum fahren zu lassen, da es dort so viel für uns zu sehen gibt. Wieviel würde uns ein Tourist Helpcenter noch erklären. Er rief uns ein Tuck Tuck herbei, für das er uns mühelos den Preis von 40 Rupien (ca. 40 Cent) verhandelte. Mehr sollten auch Touristen nicht bezahlen, sagte er. Wir stiegen ein. Mit dem Handy die Fahrt verfolgend, merkten wir, dass wir zielstrebig auf dem Weg zum Connaught Place fuhren, der Ort, vor dem uns der Manager warnte, weil er für Touristenfallen bekannt ist. Die Masche soll, auch einer offiziellen Warnung des auswärtigen Amtes nach, immer gleich sein; Touristen werden systematisch zu Geschäften gebracht, wo sie, einmal eingetreten, zum Konsum überteuerter, gefälschter und vor allem zu solcher Ware gedrängt werden, von dessen Bedarf sie garnichts ahnten. So stehen große Teppiche, Schmuck und Mode ganz oben auf der Liste. Wer würde sich nicht freuen, mit einen neuen Wohnzimmrteppich im Handgepäck, die Weiterreise antreten zu dürfen. Die Erkenntnis traf uns wie ein Blitz und erschütterte unser gerade keimendes Vertrauen bis ins Mark. Wir forderten den Fahrer auf uns nächstmöglichst aussteigen zu lassen als er bereits in einen sackgassenähnlichen Hinterhof einbog und vor einem Government Information Center hielt. Ein anderer Herr kam heraus um uns zu empfangen. Gemeinsam brachten sie allerhand Überzeugungskraft auf, um uns hereinzulocken, doch wir ergriffen sofort die Flucht. Die Karte ließ einen Park erkennen, in dem wir uns erstmal neu sortieren wollten. Wie sich herausstellte sollte dies unsere erste Insel sein; ein Museum, in dem sich besondere Freilichtbauwerke befanden, für die wir gerne Eintritt bezahlten, auch wenn uns eine plötzlich auftauchende junge Frau dringlichst davon abriet, da es sich nicht lohnen würde. Was sich definitiv lohnte war einmal durchzuatmen, unseren Spaziergang in diesem sicheren Park, hinter hohen Mauern, fortzuführen und den nächsten Schritt noch einmal gut zu überdenken.

    Wir wählten einen Uber um zu einer Tempelanlage zu fahren. Wir wurden nicht enttäuscht. Die Fahrt war angenehm und wir erreichten den Ort in der blendenden Mittagssonne. Erneut konnten wir staunen, als wir erfuhren, dass man, außer seinem Portmonee nichts in die heilige Tempelanlage mitnehmen darf. Wir mussten uns überwinden, den überwiegend und zu Hauf ankommenden Einheimischen zu folgen und unsere Smartphones, Ladegeräte, Kameras und Getränke an einem Counter abzugeben. Wir erhielten nur eine Nummer auf einer Karte aus Plastik im Gegenzug und traten in die nach Geschlecht getrennten und sehr strengen Sicherheitskontrollen, die denen am Flughafen in nichts nachstehen, ein. Die Prozedur über sich ergehen zu lassen und sich zu trauen seine wertvollsten Gegenstände in das Nirvana des undurchsichtigen Aufbewahrungssystems zu entsenden haben sich gelohnt. Wir wurden mit berührenden Szenen wunderschön und traditionell gekleideter Menschen jeden Alters belohnt. Gemeinsam mit ihnen sind wir in den Genuss gekommen äußerst detailreiche und schmuckvolle Architektur zu bestaunen. Die von Mauern umgebene Anlage des Akshardam Hindutempels umfasst einen Hauptweg zum Hauptgebäude durch angelegte Gärten, sowie Nebenanlagen. In der Hauptachse befindet sich gegenüber des Tempels eine riesige goldene Figur einer stehenden Göttin mit in die Luft gestreckten Armen. Das Betreten des Tempels ist mit Schuhen nicht gestattet. Barfuss tapste man also umher und wurde beim Eintreten in das Tempelgebäude von einer käsigen Strenge empfangen. Im Inneren erinnerten uns die Bilder, die die mit Marmor verkleideten Wände schmücken, an biblische Geschichten. Doch das Plateau aus rötlichem Sandstein mit seinen Reliefs und Statuen aus unzähligen Tier und Götterdarstellungen übertraf jede zuvor gesehene Fülle an Formen, Szenen und Fantasie für die Gestaltung eines religiösen Gebäudes. Eine Reihe unzähliger, individuell gestalteter, circa einen Fuß großer Elefantenreliefs auf der Fassade umrundete den Tempel und bildete eine unendlich lang wirkende Parade, wie ich sie aus Walt Disney’s Film „Das Dschungelbuch“ kenne.

    Das hat also gut geklappt. Unser Hab und Gut an der Pforte gegen die Plastikarte und ein Lächeln in die abgleichende Überwachungskamera zurückgetauscht, saßen wir schon bald im nächsten Uber. Wir wollten noch alles aus dem Abend raushohlen und das im Licht von Strahlern inszenierte Rote Fort am Abend bestaunen, so wie von unserem Hotelmanager empfohlen. Das war dem Fahrer klar, schließlich hat er die Fahrt angenommen, wenn auch mit dem Versuch unsere PIN nicht einzugeben, die für die Abwicklung mit Uber erforderlich ist. Es folgte eine Aneinanderreihung, sagen wir wohlwollend, unglücklicher Versuche uns Alternativen vorzuschlagen, denn es sei schon spät und das Fort ist „clotscht“. Das Fort ist was? „It’s clotscht“. Aber damit nicht genug. Je länger die Fahrt dauerte desto mehr Alternativen waren auch „clotscht“. Letzten Endes gab es nur ein Ziel, das jetzt noch Sinn macht: der Connaught Place! Die Oase des touristisch motivierten Konsums, das Mekka, in dessen Richtung man in Delhi seine Taxen ausrichtet, das Mordor aller Gefährten aus dem entfernten Ausland, die im Auge des Bösen ihr Geld in das wütende Feuer werfen wollen.
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