• Kaskikot, Pokhara

    Mar 28–31 in Nepal ⋅ ☁️ 17 °C

    Unsere nächste Unterkunft in Kaskikot erreichen wir am frühen Nachmittag nach einer überraschend ziellosen Taxifahrt. Der Taxifahrer wirkte in Pokhara noch recht ortskundig, wird auf dem Weg in die umliegenden Hügel jedoch immer unsicherer, sodass wir irgendwann die Navigation übernehmen und uns fragen, wer von uns eigentlich der „Local“ ist 😆. Im für Nepal typischen Taxi, einem mini-kleinen weißen Suzuki Alto, geht es in immer enger und steiler werdenden Serpentinen die Hügel hinauf. Mehr als einmal verlässt uns die mobile Internetverbindung und während der Suzuki unter unserem Gewicht und dem unserer Rucksäcke ächzt und stöhnt, sind wir mehrfach kurz davor, den Wagen anzuschieben und hoffen, dass wir auf der richtigen Straße sind.

    Schließlich kommen wir jedoch in unserer Unterkunft an, die auf etwa 1.400m, oberhalb von Pokhara liegt und über einen tollen Garten auf verschiedenen Ebenen mit vielen verschiedenen (Nutz-)Pflanzen und einer großen Terrasse verfügt. Ganz besonders wurden die Panoramafenster in den kleinen Bungalows angepriesen, vor denen wir kurze Zeit später sitzen. Anstelle auf das erhoffte Himalaya-Panorama blicken wir jedoch geradewegs in eine weiße Wolkenwand, frei nach dem Motto „Wie Sie sehen, sehen Sie nichts“ 🤷🏼‍♂️🤦🏼‍♀️. Wir versuchen es zunächst positiv zu sehen und widmen uns mit möglichst wenig Ablenkung dem Beantworten von Nachrichten, lesen etwas und befassen uns mit der Umbuchung unseres Rückfluges, der zwischenzeitlich wegen des Irankrieges gecancelt worden ist. Wir beide merken, dass wir recht müde sind, sei es wegen der Höhe oder wegen des für uns skurrilen Klimas, irgendwo zwischen schwüler Wärme, Nieselregen und erheblich eingeschränkter Sicht in den Wolken. In der Hoffnung, dass sich die dichte Wolkendecke am nächsten Morgen verzogen haben könnte, gehen wir früh schlafen.

    Unsere Hoffnungen werden jedoch auch am nächsten Morgen nicht erfüllt - die Sicht reicht mit viel gutem Willen soeben bis zum nächsten Rhododendronstrauch, die in Nepal momentan blühen. Beim Frühstück auf der Terrasse unserer Unterkunft treffen wir ein indisches Pärchen aus Bangalore, die wie Heidi und Gerhard Digital Nomads sind und überwiegend von unterwegs aus arbeiten. Zwischen Masala-Chai-Tee und Omelette verziehen sich die dicken Wolken dann doch für einige Minuten, sodass wir kurze Blicke auf die Bergspitzen des Annapurna-Nationalparks erhaschen können und eine Idee davon bekommen, welch beeindruckende 7.000 - 8.000er sich hinter den Wolken verbergen.

    Die Begeisterung währt jedoch nur kurz, die Berge verstecken sich blitzschnell wieder hinter den Wolken. So lassen wir es auch an diesem Tag eher ruhig angehen, da es zwischendurch immer wieder regnet. Am Nachmittag entschließen wir uns, ein wenig das Dorf Kaskikot zu erkunden und uns etwas zu essen zu suchen. Wir haben riesiges Glück im kleinen Restaurant einer sehr sympathischen Nepalesichen Familie zu landen und essen unser erstes „Nepali Thaali“. Nepali Thaali ist das Nepalesische Nationalgericht, serviert auf einem großen Teller mit einer Portion Reis in der Mitte und allerlei Curries, Pickles, fermentiertem Spinat, Chili-Paste etc. um den Reis herum platziert. Wir kommen mit den Inhabern ins Gespräch, die wirklich unglaublich herzlich und offen sind. Unser Gastgeber berichtet uns, dass er früher als Journalist und Fotograf, insbesondere in der nepalesischen Region Upper Mustang gearbeitet hat. Über unsere Frage, ob er auch über politische Themen berichtet hat, kommen wir auf die politische Situation in Nepal zu sprechen. Er erzählt uns, dass er nur über kulturelle und Naturthemen geschrieben hat, da man während seiner Zeit als Journalist nicht frei politisch berichten konnte. Dies werde sich nun, so seine Hoffnung, mit der neuen Regierung ändern.

    Tatsächlich sind wir momentan zu einer politisch spannenden Zeit in Nepal, denn die ehemalige, konservative Regierung wurde im September 2025 aufgrund von erheblichen Protesten der sog. „Gen Z“ gestürzt und nach Neuwahlen durch ein neue, junge Regierung rund um den 35-jährigen Premierminister Balendra Shah ersetzt. Das spannende an Balendra Shah ist, dass er neben einer Ingenieurstätigkeit vor allem als Rapper bekannt geworden ist und die erste Ansprache an die Nation nach seiner Vereidigung Ende März 2026 als Rap-Song adressiert hat. Die von ihm ausgehende Aufbruchstimmung und die mit seiner Wahl verbundenen Hoffnungen, insbesondere in Bezug auf die Verbesserung der Bildung und der Verhinderung von Korruption spüren wir deutlich und werden uns während mehreren Gesprächen mit Nepalesen geschildert. So blicken auch unsere Gastgeber in Kaskikot hoffnungsvoll in die Zukunft und wir freuen uns, dass sie ihre Gedanken mit uns teilen.

    Noch mehr freuen wir uns, dass sie sich während des Essens gemütlich zu uns setzen und uns beteuern, dass sie sämtliche Besucher, ob Kunden, Freunde oder Verwandte, als von Gott gesandt betrachten und sich somit über jeden Besucher freuen. So plaudern wir noch ein bisschen mit den beiden, die uns auch von ihrem kleinen Bio-Garten berichten, in dem sie alles, was sie in ihrem Restaurant anbieten, selbst anbauen - vom Spinat bis zum Honig. So beschließen wir, am nächsten Tag noch einmal wiederzukommen und machen uns auf den Rückweg durchs Dorf in unsere Unterkunft.

    Dort treffen wir noch einmal auf das indische Paar aus Bangalore, mit denen wir den Abend mit einigen Gesprächen ausklingen lassen. Wie schon bei der Einreise in Neu-Delhi kommt das Gespräch irgendwann auf Adolf Hitler, den die beiden zunächst als „großartig und beeindruckend“ betrachten, was uns wieder einmal irritiert und erschreckt. Wir beschließen jedoch, uns auf das Gespräch einzulassen und die Frage der beiden, wie wir Hitler sehen, wahrheitsgemäß zu beantworten. So erzählen wir, dass es sich beim Dritten Reich um die vermutlich dunkelste Geschichte Deutschlands handelt, Millionen von unschuldigen Menschen umgebracht wurden und das Thema wirklich sensibel zu sehen ist. Unsere beiden Gesprächspartner sind ehrlich erschrocken und überrascht und erzählen, dass sie diese Seite des Dritten Reiches nicht kannten und bislang nur die mitreißende Nationalstaatsbildung durch Hitler im Kopf hatten. Umgekehrt schildern die beiden uns die aus ihrer Sicht kritischen Aspekte der Verfahrensweisen Mahatma Gandhis und seine Rolle am Konflikt zwischen Indien und Pakistan, was uns umgekehrt nicht so bekannt war.

    Uns wird bewusst, wie wichtig es ist, zunächst einmal genau zuzuhören und nicht gleich nach der ersten, nach unserer Wahrnehmung kritischen Äußerung, gleich zu urteilen. So begeben wir uns in unseren kleinen Bungalow, der aufgrund des Wetters leider recht klamm und somit etwas ungemütlich geworden ist. Unsere Motivation, ins klamme Bett zu steigen, ist daher nicht allzu hoch und auch unsere bislang unbekannte, neue Mitbewohnerin, eine handflächengroße Spinne, die es sich in unserem Badezimmer bequem gemacht hat, trägt nicht gerade zur Höchststimmung bei. Wir sind froh, dass wir dennoch schnell einschlafen und werden morgens durch ein Klopfen unseres Gastgebers an unserer Tür geweckt, da man die Berge sehen kann. Zumindest für einen kurzen Moment. 🏔️ ✨

    Da das Wetter zumindest etwas besser ist, entscheiden wir uns für eine kürzere, halbtägige Wanderung zu zwei kleinen Tempeln auf den umliegenden Hügeln. Es tut gut, sich etwas mehr zu bewegen und so wandern wir gemütlich durch den Nebel und kehren am frühen Nachmittag wieder im Restaurant des Nepalesischen Paares ein. Dieses Mal sind die beiden noch herzlicher, zeigen uns Bilder aus dem Upper Mustang und berichten uns, dass sie nach ihrer Zeit dort zunächst einen kleinen Supermarkt in Pokhara hatten. Während der Corona-Zeit, in der Nepal lange sehr isoliert war, mussten sie den Laden jedoch aufgeben und haben anschließend das Restaurant mit Homestay in Kaskikot eröffnet. Beeindruckt von so vielen Neuanfängen, fragen wir die beiden nach einem gemeinsamen Foto und werden kurzerhand in traditionelle nepalesische Kleidung gesteckt - ich in einen Sari und Kai wird ein Dhaka Topi, die traditionelle Kopfbedeckung nepalesischer Männer, aufgesetzt. Der Abschied fällt uns gar nicht so leicht und wir laufen beseelt durch die tolle Begegnung mit der Familie zurück in unsere Unterkunft. Auf dem Weg zurück durchs Dorf trägt Kai den Dhaka Topi, den er von der Familie geschenkt bekommen hat, auf dem Kopf, was anerkennend von einem nepalesischen Jungen kommentiert wurde mit: „Oh, you are Nepali now!“ 😅 So schnell kann‘s gehen: auf dem Hinweg noch mit schwarzer Cappie und auf dem Rückweg mit Dhaka Topi in einen waschechten Nepalesen transformiert. 🤷🏼‍♂️😆

    An unserem letzten Abend in Kaskikot sitzen wir noch bei einem Lemon-Ginger-Honey-Tee (der hier schnell zu unserem Lieblings-Getränk geworden ist) im gemütlichen Gemeinschaftsraum unserer Unterkunft, als der Strom ausfällt. Unser Gastgeber, ein sympathischer Nepalese der Kaste Sherpa, den wir auf etwa Mitte 70 schätzen, kommt gleich mit einer Stirnlampe auf dem Kopf vorbei und bringt uns eine Kerze. Schönste nepalesische Hütten-Romantik! Er erkundigt sich nach unseren Trekking-Plänen und berichtet uns von seiner Bergsteiger-Vergangenheit in jüngeren Jahren. Stolz zeigt er uns sein Bergsteiger-Zertifikat, aus dem sich die Besteigung mehrerer 7.000er ergibt. Als wir erzählen, dass wir aus Deutschland kommen, erinnert er sich an eine kritische Situation, als er im Alter von 18 Jahren mit einem Deutschen namens Hansi auf einem 7.000er unterwegs war. Nachdem Hansi auf einem Gletscher ausgerutscht und sich am Kopf verletzt hatte, irrten die beiden ohne Licht auf dem Berg herum, bis sie schließlich um 4 Uhr morgens ins Camp zurückkehrten. Als Ausdruck seiner Dankbarkeit schickte Hansi seinem nepalesischen Lebensretter eine Uhr aus Deutschland und es entstand eine Brieffreundschaft zwischen den beiden Männern. Nach zwei weiteren, lebensbedrohlichen Situationen in den Bergen bat seine Frau ihn, die Bergsteiger-Karriere an den Nagel zu hängen, sodass die Familie heute von der Zimmervermietung lebt. Etwas beklommen von der heiklen Bergsteiger-Geschichte gehen wir ins Bett, wobei uns bewusst ist, dass wir nicht ansatzweise so hoch hinaus wandern werden wie Sonam Tshering Sherpa und Hansi.

    Am nächsten Morgen heißt es Abschied nehmen von Kaskikot, unseren Gastgebern und dem indischen Paar, die uns sehr herzlich ihre Unterstützung in Indien anbieten, wenn wir ab Mitte April in Goa sind. Wir stellen noch fest, dass die beiden dasselbe Trekking-Ziel wie wir haben und so scherzen wir, dass wir uns am übernächsten Tag früh morgens auf dem Poon Hill treffen - eher unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Mit dieser wieder einmal schönen Erfahrung steigen wir in den Jeep unserer Trekking-Organisation und fahren zum Startpunkt unserer viertägigen Wanderung, von der wir Euch in den nächsten Tagen berichten. 🤗☀️
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