Tag 102: Zurück in die Zukunft
September 12, 2024 in Georgia ⋅ ☀️ 26 °C
Heute gefahren: 119km
Bisher gefahren gesamt: 5.835km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 921hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 60.680hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 24
Fahrtage gesamt: 77
Wir stehen rechtzeitig auf und genießen das Frühstück. Gegen 10:30 Uhr kommen wir los. Vor uns liegen 130 km bis nach Batumi. Wir haben geplant diese Strecke auf zwei Tage zu verteilen, das heißt mit einer Übernachtung sollten wir ganz entspannt nach Batumi reisen können. Wir sind komplett erholt und fühlen uns richtig gut. Der Weg führt entlang der Küste, links das Wasser rechts die Teeplantagen, wir dazwischen und mitten auf einer Bundesstraße. Die Orte die rechts neben uns auftauchen sehen meist ärmlich aus. Einen Strand oder grundsätzlichen Wasserzugang gibt es nicht. Meist blockieren dicke große Felsen den Zugang zum Wasser. Möchte dort niemand baden? Auch in Rize gab es keine vernünftige Promenade und/oder Strand.
Es ist nicht so heiß, es geht kein Wind und wir kommen einfach nur sehr gut voran. Wir kommen so gut durch, dass wir bei einer Eis-Pause durchrechnen ob wir die gesamte Strecke bis Batumi an einem Tag fahren.
Wir entscheiden uns noch den Grenzübertritt vorzunehmen und dann kurz vor Batumi an einem Strandabschnitt am Strand zu schlafen.
Ungefähr 20 km vor der Landesgrenze wird der Seitenstreifen, auf dem wir fahren, von wartenden LKWs blockiert. Die warten dort auf die Abfertigung und Ausreisemöglichkeit.
Die LKW-Kennzeichen kommen hauptsächlich aus den folgenden Ländern: Aserbaidschan, Usbekistan, Kasachstan, Turkmenistan, Türkei, Georgien, Russland, Irak, Iran.
Es sind viele deutsche Aufleger dabei. Meiste sehen diese sehr rumpelig aus und so als wären sie für den deutschen Transport nicht mehr geeignet. Die fahren nun also in ganz andere Länder. Spannend.
Ich stelle mich, je näher wir der Grenze kommen, darauf ein, dass wir nun die Türkei verlassen und bin etwas wehmütig und freue mich jedoch gleichzeitig auch sehr auf Georgien. Wir haben mehr als einen Monat in der Türkei verbracht. Das ist eine lange Zeit, in der ich die Türkei aus unterschiedlichen Blickwinkeln kennengelernt habe.
Die Türkei wird autoritär geführt . Teilweise sind uns Menschen gegenüber offen gewesen und haben sich gegenüber dem Landesfürsten sehr kritisch geäußert. Themen die in der Türkei immer wieder kamen:
- schlechte Wirtschaft im Allgemeinen
- Hohe Inflation
-Starkes Stadt-Land-Gefälle
- systematische Unterdrückung der Kurden
-Abschaltung von sozialen Medien (für uns ein komisches Gefühl als Instagram einfach nicht mehr funktionierte)
- Korruption
- Ablehnung Atatürk von Kurden ansonsten wird er verehrt
- Ablehnung CHP
- Ablehnung Erdogan von Kurden - er wurde sogar als Hitler bezeichnet und uns wurde gesagt sie fühlen sich als würden sie in der Nazi-Zeit leben
Aber auch: stolz auf die Polizei und generell die Sicherheitsorgane
Das sind Dinge die uns begegnet sind und über die wir (auf meinen Wunsch hin) während der Reise nicht berichtet haben. Lt. Auswärtigen Amt kommt es immer wieder zu Festnahmen auch von "einfachen Touristen", die in sozialen Medien etwas Negatives über die Türkei kommunizieren.
Wir haben geografisch die Türkei vom europäischen Kontinent kommend, durch den Südwesten, über das Landesinnere, in den Südosten und Nordosten durchquert. Wir haben unterschiedliche riesige Städte, unterschiedliche ländliche Regionen gesehen. Mir war nicht klar, wie unheimlich groß dieses Land ist. Das Land ist riesig, vielfältig und eine Reise wert. Ich werde türkischen und kurdischen Menschen, die mir zukünftig außerhalb der Türkei über den Weg laufen, anders begegnen. Ich bin dankbar wie die Menschen mir, dem Fremden mit dem bunten Fahrrad, der komischen Weste und der stinkenden Radhose, begegnet sind. Sie waren im persönlichen Kontakt alle durchweg immer offen, immer interessiert, immer hilfsbereit, immer herzlich, es war egal an was ich glaube (oder ob ich überhaupt glaube), es war egal wie ich aussehe, egal wie ich mich mit meinem Fahrrad verhalte - mir (uns) wurde Unterstützung angeboten. Ich (wir) wurden als Menschen gesehen. So möchte ich auch anderen Menschen begegnen und frei von Vorurteilen durchs Leben gehen. Gar nicht so leicht. Ja, es gab Leute die an unser Geld wollten. Ja die gab es, ein paar einzelne. Die sind nicht der Rede wert.
Worüber ich aber reden muss, ist die Ausreise aus der Türkei. Wir nähern uns der Grenze. Was auffällt: Viele Grenzbeamte lungern herum, sitzen auf Gartenstühlen und stehen in Grüppchen zusammen, wirklich arbeiten tut niemand. Ausreisen wollen viele. Wir haben oft Menschen bei der Arbeit gesehen, deren Arbeit offenbar auf vielen Ebenen nicht ausfüllend ist. Sie sitzen einfach da, gucken, trinken Tee, rauchen, snacken, machen Frühstück oder unterhalten sich. Von den vielen vielen Polizei-Check-Points an der Straße, über die Gärtner im Park bis hin zum Obsthändler am Straßenrand. Die Grenze zeigt uns das nochmal deutlich.
Wir werden von den Autos vorgelassen und zeigen am ersten Autoschalter unsere Ausweise. Eingabe am PC, Foto, alles tutti, wir dürfen weiter. 50 m danach müssen alle Ausreisenden erneut ihre Ausweise zeigen. Diesmal nicht am Schalter sondern, den an der Schranke sitzenden Männern. Ein bisschen sinnlos, aber gut. Also Ausweis doppelt zeigen. Wir nähern uns dem zweiten Checkpoint, ein junger Mann springt auf und steuert uns an. Erst guck er freundlich und nachdem er dann vor mir steht, guckt er ganz grimmig und ruft "Passport!". Auch so eine Sache in der Türkei, immer werde ich als Mann angesprochen. Körpersprache und Tonalität vom Chef sagen plötzlich: Ich bin sehr wichtig, ich muss meine Autorität ausspielen. Er nimmt mir zackig den Reisepass ab und durchblättert meinen Pass und stiert ca. 20 Sekunden in das Ausweisdokument. Dann fragt er mich: "Where are you from?"
Autorität und Klugheit müssen nicht zwingend die gleiche Person treffen. Ich blicke auf den roten Reisepass in seiner Hand und sage: "Germany". Der Kollege hat also 20 Sekunden lang einen deutschen Reisepass angeguckt, in dem in mehreren Sprachen bestätigt wird, dass es sich um einen deutschen Pass handelt, und fragt mich dann woher ich komme. Ahja. Es folgt eine weitere Machtdemonstration in dem er auf türkisch weiterredet. Wo wir denn hin wollen? Ich erkläre auf englisch, dass ich kein türkisch kann und er erklärt mir auf türkisch, dass wir in der Türkei sind und dort spricht man gemeinhin türkisch. Daher seid ihr wirtschaftlich ein ganz starkes Land, denke ich mir und halte die Klappe. Ich merke wie wir zwei uns anfreunden. Danach durchblättert er den Ausweis von Kristina und wir können weiter. Mir sind in der Türkei mehrfach so Kollegen begegnet, die ihre Macht sinnlos ausspielen mussten, fühlt sich nicht gut an und ich notiere nochmal für mich: sei lieb und nett zu allen Menschen, die dir begegnen.
Die Georgen möchten, dass wir den Übertritt als Fußgänger wahrnehmen. Nun stehen wir also zwischen Bustouristen und alle glotzen uns mit den Rädern an. Einer drängelt sich dann noch vor. Also so richtig offensichtlich und schamlos. Es ist natürlich, ein Türke. Drängeln und vorbeischlängeln, den eigenen Vorteil suchen. Auch diese Seite der türkischen Kultur haben wir kennengelernt. Im Supermarkt, im Restaurant, im Straßenverkehr - solange du in der Masse untergehen kannst, kämpfe dich egoistisch nach vorne. Wer freundlich und rücksichtsvoll ist, verliert. Ich bin gespannt wie Japan sich in dieser Hinsicht zeigt.
Die Einreise nach Georgien klappt problemlos. Wir sind in Georgien. Wow. Die Uhrzeit verschiebt sich um eine weitere Stunde nach hinten. Die Zivilisation springt jedoch mit einem Schlag zurück in das kapitalistische 2024. Ein Ostblock-Land in dem viel gebaut wird. Aufschwung liegt in der Luft. Plötzlich tauchen westliche Firmen auf. Wendys, McDonald's, Carrefour etc. In der Türkei gab es überwiegend nur inländische Marken und Ketten.
Sofort fallen uns die Kirchen am Wegesrand auf. Sofort fallen uns Rennradfahrer auf. Sofort fällt uns auf, wie freizügig die Menschen sich bewegen, Händchen halten und sich küssen. Alkohol wird offensiv beworben. Glückspiel und Boxkämpfe kann sich, wer will, angucken! Verschwunden sind die Kopftücher, die bidere und altbackende Kleidung sowie die starke Männer-Frauen-Trennung in Alltagsbetrieb. Verrückt.
Der erste Ort hinter der Grenze ist ein Vorort von Batumi. Eine lange Promenade mit Palmen und Strand. Wir finden einen für den Moment ruhigen Platz, springen noch kurz ins Meer und haben noch einen schönen Abend.
Tschüss, Türkei!Read more











Traveler
Ihr seht jetzt wirklich mal erholt aus!
Traveler
Tolles Foto! 🌅