• Salento: Nebelgrün im Wolkenwald

    Nov 12–16, 2025 in Colombia ⋅ ☁️ 15 °C

    "Estaba mui rico!" strahlt Dana die Frühstücksfrau an. Ich habe die aufgerollte Truthahnwurstscheibe lieber liegen lassen, weil sie an der Oberseite schon etwas angetrocknet war. Ich bin aktuell ein bisschen vorsichtiger, was zweifelhaftes Essen angeht. Wir sind wieder in Bogota, diesmal in einem Kapselhotel. Wirklich ein geiles Konzept, ich schreib dazu nochmal.

    Die Tage im Kaffeetal - von dort aus sind wir gestern in einer etwa zehnstündigen Fahrt angerollt - waren wirklich schön und hielten einige Überraschungen bereit. Vor allem war es sehr ruhige Tage, wenn man sie dem großstadt- und flugreiselastigen Alltag der letzten zwei Wochen entgegenhält. Die Anreise hatten wir über den Flughafen Armenia (AXM), einem Uber zum Busbahnhof und von dort aus einem klapprigen Bus mit einer Kapazität von etwa zwanzig Sitzplätzen bewältigt (Kosten für die einstündige Fahrt: 1.6€). Das Ziel heiß Salento, touristisches Herz des Kaffeetals.

    Um etwa 20:30 Uhr öffne ich dort in unserem Hostel eine Toilettentür (von innen) und mich grinst ein blond-verrücktes Gesicht an: "Clemens Ritthaler!". JP ist ein alter Studienkumpel und er übernachtet sogar im gleichen Schlafsaal wie wir. Zufälle gibt's. Aber es ist halt auch das touristische Herz des Tals und ich kenne wahrscheinlich hunderte Leute, die sich potentiell diese Ecke für ihren Urlaub aussuchen. Naja, wir trinken ein Bier in der Stadt und JP empfiehlt und das Spiel Tejo, was hier viel gespielt wird. Das Spiel besteht daraus, einen Metallklumpen auf eine (in unserem Fall) ~7m entfernte Sprungfeder zu schleudern, auf der kleine, mit Schießpulver gefüllte Kuverts drapiert sind. Wenn man trifft, explodiert das Kuvert und es gibt Punkte.

    Mit JP bequatschen wir noch alles Mögliche (die Deutsche Bahn, Wandertipps in der Region, gemeinsame Bekannte), aber er hat am nächsten Tag leider schon seine Abreise fixiert. Wäre witzig geworden. JP ist einer, der hat mal dem Bürgermeister von Thessaloniki eine PET Flasche auf die Bühne geworfen (begleitet mit Buh-Rufen).

    Das Coffee-Tree Hostel in Salento ist großartig. Sauber, herzlich, gutes Frühstück, Hunde, kostenloser Kaffee. Wir verschlendern unseren ersten Tag größtenteils in Salento. Es geht zum Mirador (span. Aussichtspunkt), es gibt Salento Coffee (Kaffee mit Zimtstangen) und Empanadas zur Mittagszeit. Vielleicht warens die Empanadas, die meinen Darm in den nächsten Tagen sehr herausgefordert haben. Vielleicht wars aber auch das fettige Essen im Allgemeinen, der Pisco Sour in der Karibik oder meine gelegentliche Unvorsicht. Es hat auf jeden Fall nicht nur beim Tejo geknallt.

    Am Nachmittag geht's noch auf eine Kaffeefarm. Wir werden angenehm durchs Programm geschleust: Kirschen - so heißen die reifen Kaffeefrüchte - pflücken, Reifungsprozess durchgehen, Röstung schnuppern, Kaffee zubereiten & trinken.

    Die Jeeps übrigens. Die bringen einen an alle möglichen Orte um Salento herum (z.B. zur Kaffeefarm). Sie fahren vom Plaza de Bolivar aus ab und werden mit Menschen so vollgeladen wie es nur geht. 8 auf die Ladefläche, 2 neben den Fahrer und 3 noch hinten stehend, wie Müllmänner. Die Plätze neben dem Fahrer sind eher für die Senioren bestimmt (Dana darf da aber auch hin), ansonsten erklärt sich der Preis von etwa 50 Cent pro Fahrt aber über den Komfort. Aus dem Valle de Cocora (kommen wir gleich zu) bin ich auch mal als Müllmann mitgefahren. Dummerweise im Regen, fühlt sich an wie Hagel und nach 20 Minuten am Dach festhalten wirds langsam schmerzhaft. Aber man kann sich einreden, sich mal wieder lebendig gefühlt zu haben. 

    Das Valle de Cocora ist die Hauptattraktion bei Salento. Die höchsten Wachspalmen der Welt stehen hier (und dabei ist nebensächlich, dass ich vor meiner Ankunft hier noch nie von Wachspalmen gehört habe). Außerdem gibt es einen guten Zugang in den Nebelwald. Nebelwälder sind quasi Regenwälder, bloß höher und - naja - es ist mit Nebel zu rechnen. Der Nebel verleiht dem Ganzen einen wunderschönen Zauber. Ich kann das alles ehrlich nicht fassen. Jetzt, wenn schreibe und mir die Bilder anschaue - dann blicke ich da fast wie auf einen Traum. Wir wandern durch den Palmengarten, in den Nebelwald hinein, zum höchsten Punkt des Weges. Steigen matschige Trampelpfade hinab (war das Bouldern mal zu was gut), neben Flüssen und Bächen, an steilen Hängen und über Hängebrücken, deren Zustand in Deutschland zu einer Vollsperrung des gesamten Gebiets geführt hätte. Wir machen auch einen Abstecher zum Kolibrihaus. Es wird an so vielen Stellen eine Spende von etwa 4€ pro Person empfohlen, dass man eigentlich nicht mehr von Freiwilligkeit sprechen kann. Dafür gibts aber eine wirklich exzellente Trinkschokolade und natürlich Kolibris. Auf dem Weg runter treffen wir Söntke. Der kommt auch aus Leipzig und ist recht erfolgreicher Künstler (Söntke Campen ist der volle Name). Wir quatschen über alles mögliche und verbringen den Abend später mit Kartenspiel, Fisch und Tejo.

    TRIGGERWARNUNG: Der folgende Absatz enthält Gewalt gegen Tiere.

    Tja, den Rest der Zeit verbringen wir ein bisschen entspannter. Den ersten Tag schonen wir Danas Knie ein bisschen und am zweiten nehme ich meinen Verdauungstrakt ein bisschen ernster. Tee, Zwieback, Suppe und Ruhe. Wir bewegen uns eher entspannt in Salento; eigentlich wollen wir noch ein bisschen um das Städtchen Herumwandern, aber die Regengüsse waren in den letzten Tagen so stark, dass wirs lieber lassen. Wir dringen in den ursprünglichen Teil Salentos vor (einfache Hütten, Einheimische, keine Zahnärzte) und es ist wirklich ein anderer Schnack hier. Am Matschweg beim zugewucherten Bolzplatz verdrischt ein Kolumbianer (unverkennbarer Wahn in den Augen) gerade eine Kuh und brüllt die ganze Zeit "PUTA" (heißt so viel wie Hure). Die Kuh ist in Panik und unternimmt ein paar Fluchtversuche, das macht den Typen aber nur wütender. Die kriegt richtig eins mit dem Stock drüber, wird über den Stacheldrahtzaun getreten und liegt auf dem Boden. Um Himmels Willen. Es gibt Momente, in denen lässt man progressive Wertvorstellungen schweigen. Respektvolles Nicken, gebührender Abstand. 

    Der letzte Tag in Bogota verläuft nicht weiter spannend. Wir besorgen ein paar Wollutensilien für Dana und schlendern ein bisschen durch Chapinero. Ah, und wir besuchen noch das Vapiano-Restaurant des Landes. Das hat es in den kleinen Bereich, der sich kaum von der Bielefelder Fußgängerzone unterscheidet, geschafft.
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