Carlos Pellegrini: Meckl. Vorpommern
Nov 25–29, 2025 in Argentina ⋅ ☀️ 18 °C
"Wollen wir noch warten oder einfach nach Hause?". Dana manchmal. Wir haben jetzt eine dreiviertel Stunde auf den Sonnenuntergang gewartet und jetzt ist er endlich da. Gestern hatte es so halb geklappt, allerdings waren wir da auf einem sehr klapprigen Steg unterwegs, alles voller Vogelscheiße und im Zwielicht wieder die 80m über brüchig zusammengehämmerte Bretter wieder zurück? Lieber nicht.
Wir sind dem Großstadtdschungel entkommen und endlich in Carlos Pellegrini, einem Ort, der für ein beträchtliches touristisches Angebot immer noch als Remote-Village durchgeht. Es fährt 3x die Woche ein Bus nach Mercedes (das ist eine Stadt) um 4 Uhr morgens. Die Zufahrtswege lassen sich quasi nur mit Geländewagen passieren. Unser Transfer vom Flughafen hat 170 Euro gekostet. Das Gleiche dann auch zurück in die Zivilisation. Insgesamt haben wir hier in 3-4 Tagen so 800€ gelassen. Das dürfte der Spitzenwert dieser Reise werden. Aber: Die riesigen Wetlands hier, für die Carlos Pellegrini der Hauptzugang ist, sind unter den landschaftlich spannendsten Argentiniens (auch wenn das wahrscheinlich jede Region hier von sich behauptet). Es gibt Capybaras, Kaimane, riesige Vögel, ulkige Vögel und natürlich auch kleine Vögel. Schlangen, Otter, Pampashirsche, Schmetterlinge, Wildschweine, Pumas, Affen. Es ist eine schier unglaubliche Artenvielfalt, versteckt in den wässrig-flachen Weiten dieser augenscheinlichen Ödnis.
Wie sah Mecklenburg Vorpommern wohl aus, bevor überall Raps angebaut wurde? Die Wetlands haben an einigen Stellen auf jeden Fall Ähnlichkeit zu den unberührteren Gegenden in MV. Flach, grün, morastig, Holzstege durchs Schilf am See. Hätte man auch günstiger haben können, das Ganze.
Ewig lange Wanderwege durch das Gebiet gibt es nicht. 6km gibt es bei der "Laguna Ibera". Dafür muss man erst zur aufgeschütteten Brücke zum riesigen See (~25 Minuten), die muss man dann überqueren (~25 Minuten) und dann nochmal eine halbe Stunde entlang der rot-staubigen Schotterpiste gen Mercedes. Dann rechts abbiegen und es sind nur noch 10 Minuten bis zum offiziellen Start des Rundwegs. Größtenteils laufen wir auf einem aufgeschütteten Damm, den Abzweig in ein kleines Wäldchen nehmen wir auch noch mit. Überall Hinweisschilder, wie man sich gegenüber Pumas oder Wildschweinen verhalten soll. Im Wald raschelt es aufeinmal. Ein Affe! Die sieht man nicht oft, was für ein Glück. Ansonsten chillt eine unglaubliche Menge an Capybaras auf unserem Damm. Es interessiert sie nicht groß, dass wir uns 1 Meter entfernt von ihnen vorbeischieben. Auch die Capybabys bleiben enstpannt.
Einen Tag sind wir abends in einem "Familienrestaurant". Es ist weniger ein Restaurant als einfach die überdachte Terrasse eines Privatbungalows. Eine kleine, dicke Frau begrüßt uns, im Hintergrund sitzt die Sippe. Wenn wir essen wollen, müssen wir uns gedulden. Machen wir. Nach 15 Minuten wird uns ein Fleischgericht mit Reis serviert. Die Kröten auf dem gefliesten Boden werden alle paar Minuten mit dem Besen auf den Rasen gefegt.
Der Restaurantbesuch ist ähnlich teuer wie fast alles andere in diesem Village. Naja, die nächsten Tage wird gekocht oder es gibt Brot mit wirklich leckerer Salami aus dem Minimarkt. Unterwegs wird endlich mal der Zwieback aus Salento gegessen. Es hat sowieso wahnsinnig genervt mit dem Zwieback. Meine Rucksäcke sind voll von Zwiebackkrümeln.
Die Tage starten im Cafe neben unserer Unterkunft. Ich würde sagen, endlich mal wieder ein Frühstück, was einem Wochenende würdig ist. Fruchtsalat, Kaffee, Brot mit Marmelade und wechselnde Special-Snacks. Leggor. Unsere Unterkunft ist ein langgezogener Bungalow mit hohen Decken, jedes Zimmer hat ein ~eigenes Bad~. Gaston, unser Host, leiht mir seine Schirmmütze. Die Tage hier sind heiß und der Schatten ist knapp. Für die Zeit zwischen 12 und 16 Uhr hat man am besten zwei Liter Wasser dabei. Dazu ist es auf den roten Schotterstrassen auch noch staubig, besonders wenn Autos vorbeifahren. Uff.
Bei unseren Touren erkunden wir trotzdem fast alles, was zu Fuß zu erreichbar ist. Meckernde entenartige Vögel warten auf uns im Schilf, der flauschige Nachswuchs wird eifrig gescholten. Wildschweine schrecken auf und fliehen in den Wald. Eine Schlange verzieht sich zurück in den Busch. Es ist der schiere Wahnsinn, was wir für Tieren begegnen. An unserem ersten Abend schauen wir von einer Plattform aus auf das Ufer des Riesensees. Der Nudelvogel - so taufen wir ihn - ist ein creepy Zeitgenosse. Er schleicht sehr, sehr, sehr langsam durchs Schilf, mit seinem Nudelhals. In meinem einminütigen Video hat er exakt einen Schritt gemacht. Er hat die Langsamkeit perfektioniert. Eine wahnsinnig langweilige Überlebensstrategie, aber man kann lange zugucken.
Eigentlich hatte uns Gaston eine Tour in einem traditionellen Kajak verkauft. Am ersten Tag "war das Boot kaputt" und Maxi Romero, unser Guide, "hatte kein Signal", am zweiten Tag wartet dann ein Motorboot auf uns. Naja, egal. Um eine gewisse ausbeuterische Unprofessionalität kommt man hier nicht ganz herum. Auf unserer Tour fahren wir an wasserpflanzenfressenden Pampashirschen vorbei, gehen auf Tuchfühlung mit Kaimanen (ich glaube, sie akzeptieren die Boote nur grimmig) und schippern durch entfernte Ecken unseres Sees. Riesige Vögel, die wie ein Beobachtungsposten Mordors um ihr Nest herumstehen, es ist wirklich una experiencia differente.
Diego übrigens. Er holt uns vom Flughafen in Posadas ab und bringt uns 4 Tage später wieder zurück. Ein wahnsinnig herzlicher und warmer Mensch. Ich glaube, er ist auch der Gewissenhafteste der Pellegrinos. Geduldig steht er mit einem RITTHALER, CLEMENS-Schild am Flughafen, um 06:32 steht er wahrscheinlich schon ein paar Minuten vor unserem Bungalow. Seine Zeit und sein Toyota kosten zwar 340€, aber er ist immerhin 6-7 Stunden mit uns unterwegs und es kamen mal mindestens 5 Karamellbonbons für uns rum. Ein Wasser hat er uns auch in die Tür gestellt. Wow, Diego. Mein Glück, dass er kein Englisch spricht, ansonsten wäre Dana neben all der Hitze wohl endgültig dahingeschmolzen.
Der Bus braucht nochmal 5 Stunden nach Puerto Iguazu, mal wieder ein Reisetag. Gestern wars schon anstrengend, da sind wir um 5 Uhr aufgestanden (Sonnenaufgang), waren dann den Tag über wandern, abends mit dem Boot unterwegs und danach noch auf einer Nacht-Safari (macht es einfach nicht, wenn ihr mal da seid; man sitzt 1.5 Stunden in einem Stinkebus, während der Fahrer mit einem Suchscheinwerfer Tiere anleuchtet; dann taucht man für 10 Minuten in die Insektenluft ein und macht nochmal ein paar Minuten Licht-Treibjagd auf Nagetiere). Die Nacht danach war kurz. Die Vorfreude auf die Wasserfälle ist aber groß.Read more































