Iguazu: Ein erlaubnisgebender Gedanke
Nov 29–Dec 3, 2025 in Argentina ⋅ ☀️ 32 °C
Ende 2022 hab ich mich mit albanischen Freunden in Bologna getroffen. Ohne die Deutsche Bahn wäre das wahrscheinlich nicht zustande gekommen, weil die Lufthansa meinen Flug einen Tag vor Start abgesagt hatte.
Ende 2025, einen Tag vor Abflug, diesmal nach Bogota (aber ebenfalls mit der Lufthansa) bekomm ich eine Mail von Flightright.eu. Denen hab ich damals meinen Entschädigungsanspruch verkauft. Immerhin 125€ haben mir EU-Gesetze eingebracht. "Die Mühlen der Justiz mahlen zwar langsam, aber gerecht" schreiben die Kollegen mir. Mit meinen 125 Euro stehe ich jetzt im Iguazu Nationalpark auf argentinischer Seite an der Verkaufsstelle für Speedboattickets. 160ARS (~100€) kosten zwei Tickets, um auf dem Iguazu eine halbe Stunde lang durch die imposantesten Wasserfälle der Welt zu brettern. Lufthansa und EU spendieren den erlaubnisgebenden Gedanken, eine wirklich unvergessliche Fahrt, fast bis zum Rande des Teufelsschlunds zu erleben. Danke dafür!
Es sind echte Gewalten, die sich an den Wasserfällen des Iguazu auftun. Kilometerweit erstreckt sich der Beweis dafür, dass es die Welten, die bei Media Markt über 100 Zoll-Bildschirme flimmern, wirklich gibt. Der Teufelsschlund, das ist die Krönung dieses Naturwunders. Er kommt dem echten Schlund wahrscheinlich näher als seine kleinen Namensvettern, die es in deutschen Mittelgebirgen geben wird. Es stürzen absurde Mengen Wasser kesselartig in die Tiefen. Man kann noch so lange dem Tosen zuhören, den Wasserschwaden zusehen, wie sie im Wind verschwinden und sich wünschen, einer der Vögel zu sein, die sich umgeben von winzigen Tröpfchen durchs Weiß stürzen - es bleibt unbegreiflich.
Im äußersten Nordosten Argentiniens liegt der überwiegende Großteil der Wasserfälle. Der Panoramablick aber ist von brasilianischer Seite zu bewundern. Wirklich jeder sagt einem, dass man beide Seiten machen soll.
Starten wir aber mal von vorn. Fünf Stunden braucht der Bus von Posadas (da hat uns Diego abgesetzt) nach Puerto Iguazu. Das Busunternehmen "Rio Uruguay" scheint das Dreiländereck Brasilien - Paraguay - Argentinien ganz gut im Griff zu haben. Unser 1-Sterne-Hotel (2 Personen, 4 Tage, 80€) liegt 4 Minuten vom Terminal entfernt. Ein Lowlight, würde ich sagen. Es gibt zwar einen Pool, allerdings tritt beim Spülen der Toilette ein bisschen "Wasser" am Boden aus. Die Zimmer haben quasi keine Fenster und es ist so karg und ungemütlich, dagegen sind deutsche Gefängnisse kompfortabel. Also lieber doch nicht in den Pool.
Am ersten Tag geht unser Höllentrip direkt weiter. So oder so, man muss zahlen, um in den Rachen des Teufels zu blicken zu dürfen. Rio Uruguay bringt uns zuverlässig nach Brasilien (*katsching*, neues Land) und setzt uns an einem Areal ab, was dem Parkplatzbereich der Therme Erding ähnelt. 09:45 am Ticketschalter bekommen wir Eintrittskarten für 11:30, aber der Typ am Schalter versichert uns, dass wir uns erst 11:20 anstellen müssen. Dafür gibt's ja die Slots. Also ab in die Cafeteria, eingeschweißte Schinkencroissants für 8€ essen. Wir stehen dann bis 12:30 in der Schlange und der Typ, bei dem ich mich beschwere meint verwundert, dass es unmöglich sei, in 10 Minuten durch die ganze Schlange zu kommen. Na gut, ein bisschen die Stimme heben und wir kommen in die Priority-Schlange, die normalerweise 15€ p.P. zusätzlich kostet. Eine 20-minütige Busfahrt später (man kann für ich-weiß-nicht-wie-viel Euro Fahrrad fahren oder für 800€ pro Nacht im Parkhotel schlafen) werden wir auf einen 1.5 km langen Panoramaweg entlassen, den wir uns mit tausenden anderen Besuchern teilen. Junge. Junge. Die Menschen um uns herum sehen die Wasserfälle nur dutch ihre Smartphonekamera, ganz selten gibt es mal ein Wegstück, auf dem man sich kurz aufs Geländer stützt und so tut, als könnte man das gerade genießen.
Beeindruckend bleibt das Panorama trotz allem und auch der Steg, der fast bis in den Teufelsschlund ragt ist Wahnsinn. Die Massen Wasser protzen in ihr Becken, zerstäuben und legen sich auf die Sonnenbrillen der nicht-mehr-ganz-so-jungen Frauen, die gerade zu ihrem fünfzigsten Selfie ansetzen.
Den nächsten Tag schlafen wir den extrem ungemütlichen Betten zum Trotz mal wieder aus. Der letzte Tag in Carlos Pellegrini ist um 5 Uhr morgens gestartet und um viertel nach 12 geendet. Gestern und vorgestern war es ähnlich anstrengend. Deshalb Kaffee trinken, Blogartikel schreiben, abends in unser Lieblingsrestaurant hier. Der Kellner weiß, wie man Kunden hält. Aus Kunden werden Kumpels.
Puerto Iguazo: Ne Grenzstadt. Am ersten Abend schließen wir uns spontan dem CSD hier an. Wir stechen ein bisschen raus in unseren Wanderklamotten, aber ich bekomme trotzdem einen Luftkuss von einer der Transfrauen.
Außerdem lernen wir noch die Französin Elody (m.E. keine Transfrau) kennen. Eine Frau auf der Suche nach neuer Heimat. Und mit 35 mit zunehmender Eile auch nach einem Partner. Wir unterhalten uns darüber, was wir suchen, was Einsamkeit bedeutet und wie wir Europa aktuell erleben.
Genug von CSDs und Europa. Nächster Versuch: Die argentinische Seite. Während der Park in Brasilien wie eine schlecht gemanagete Mega-Achterbahn aufbereitet ist, erinnert die argentinische Seite eher an eine überdimensionierte Minigolfanlage. Vermooste, gelbe Gittergeländer grenzen den rot markierten, leicht rissigen Steinboden vom umliegenden Wald ab. Es gibt sogar eine Parkbahn. Wir müssen nicht anstehen, sondern nur 20 Minuten auf unsere Bahn warten. Der Park arbeitet mit wagongenauen SITZPLATZRESERVIERUNGEN. Wirklich ulkig. In doppeltem Fußgängertempo bimmeln wir durch den Wald, neben uns ein matschiger Schotterweg. Einen Halt gibts bis zu unserem Ziel, dem Eingang zum Teufelsrachen.
Diesmal betrachten wir ihn von oben und mit deutlich mehr Platz. Was hier alles zusammenkommt. Der über einen Kilometer lange Brückenpfad über Iguazus Wasserlager gibt uns einen ungefähren Eindruck darüber, wie hier jede Sekunde 1,5 Milliarden Liter in die Tiefe gespült werden können. Insgesamt (also nicht nur der Schlund) kommen 7 Milliarden Liter zusammen. Hier funktioniert das Staunen. Man kann sich ihm gar nicht entziehen. Ich bin nicht mal mehr in der Lage, mich zurückzuversetzen. Gewaltig, überall tost es.
Der argentinische Park hat aber noch viel mehr zu bieten. Für deutsche Wanderer wie uns ein Traum. Wir gehen zwei größere Rundwege. Atemberaubende Panoramen, und viele verschiedene Winkel, mittlere und kleinere Wasserfälle. In der Ferne immer mal wieder der Schlund.
Tja, und um 14:45 stehen wir dann beim Ticketstand für die Speedboatfahrten und gehen wieder, als uns der Preis genannt wird. Zu schlecht waren die Erfahrungen rund um Iguazu. Aber nach 200m machen wir Kehrt, fahren kurz darauf einige Kilometer durch den Dschungel, ziehen uns Rettungswesten an und starten mit dem Boot.
Was soll ich sagen? Gigantische Wassermengen prassen auf uns herab, wir fahren durch einen Regenbogen und erleben nochmal unglaublichere Perspektiven auf alles hier. Wir sind komplett nass, als wir aus dem Boot steigen. Ich bin für Brasilien, meinen ausgefallenen Flug 2022 und unser Hostel entschädigt.Read more






























