Cañón del Atuel: Verirrte Wanderer
Dec 4–8, 2025 in Argentina ⋅ ⛅ 32 °C
Open Street Maps zu verwenden ist als Wanderer ein Garant für echte Abenteuer. Echte Abenteuer zeichnen sich dadurch aus, dass man weder weiß, wie sie verlaufen, noch wie sie enden. Schräg, da Kartenmaterial ja eigentlich dazu dient, beides zu einzufangen.
Open Street Maps hat mich im Elbsandsteingebirge schon durch engste Felsspalten geführt, in denen Bienenschwärme hausten. Umkehr nicht möglich. Im Unwetter auf dem Hajla im Kosovo bin ich einer Abkürzung gefolgt, die zwar direkt zu meiner Unterkunft führte, aber ebenso direkt in große Schwierigkeiten.
Jetzt sind wir im Cañón del Atuel nahe San Rafael und ich hab mir die Open Street Maps Karte für die Region runtergeladen. Hergekommen sind wir mit dem Bus. Zuverlässige Informationen, wann und wo die fahren gibt es quasi nur in der Touristeninfo. Da waren wir gestern, außerdem haben wir noch die älteste Weinkellerei des Ortes und "Borges Labyrinth" (beides sehenswert) besucht.
Gegen 9 ging's quf jeden Fall los in San Rafael. Die Bushaltestelle: 2 Bänke, die am Rand einer wahllosen Straße stehen. Und so ist der öffentliche Tourismus hier allgemein organisiert. Wir treiben uns in den ersten Stunden am Stausee und an den Straßen im Canyon herum. 2 Angler stehen auf dem Staudamm und ziehen dicke Beute aus dem See. Fanta trinken am Fluss, kleine Abstecher links und rechts der Hauptstraße.
Und dann geht's auf unsere Expedition. Ich weiß nicht, was uns erwartet, aber entlang der Straße gibt es eigentlich nur Rafting- und Spaßangebote. Es kann also nur besser werden.
Ein Rundweg überschaubarer Länge ist angegeben. Hinter einem Parkplatz versteckt sich ein Trampelpfad, der in ein Flussbett führt. Es ist wunderschön, eine der schönsten Wanderungen, die ich je gemacht hab. Wahrhaft unberührt. Der Weg hat keine Markierung, aber es geht im Großen und Ganzen sowieso nur in eine Richtung, links und rechts steile Wände, Vulkangestein. Wir klettern um Wasserbecken herum, kraxeln den Flusslauf hoch, er führt aktuell kaum Wasser. Einmal mehr macht sich das Bouldern bezahlt.
Mit unseren Bildern können wir das atemberaubende Szenario nicht einfangen. Rot, lila, weiß, schwarz - garniert mit blühenden Kakteen, Schilf, Sträuchern in immer neuen Formen. Kleine Wasserfälle sprudeln und wir klettern immer weiter den Canyon empor.
Irgendwann landen wir in einem Kessel. Wo geht's jetzt weiter? Lieber umkehren? Ich schau mir ein bisschen die möglichen Wege an und finde einen guten, der entlang der rechten Wand herausführt. Hier wieder reinklettern könnte schwierig werden, naja. Dana haut sich ein paar abgestorbene Kakteenstachel in die Hand, die auf dem Boden liegen. "Was ich an Eleganz nicht habe, gleiche ich durch Mut aus." meint Dana, ich muss grinsen. Immer weiter geht's hoch, inzwischen sind wir auch nicht mehr in einem Flussbett, sondern balancieren auf schiefen Steinplatten durch den Korridor. Gefährlich ist das hier nicht. In den Alpen wäre das wahrscheinlich eine rote Route. Und irgendwann sind wir nicht mehr im Canyon, sondern in einer hohen Steppe mit einem einzigartigen Blick in die Landschaft, der wir gerade entkraxelt sind. Wahnsinn. Dana freut sich, das erste Mal so ein Abenteuer mitzumachen. Genau das haben wir uns Iguazu gewünscht. Den Ausblick mit unseren 3 verbliebenen Bananen genießen und einen Nikolausgruß in die Familiengruppe schicken. Aber lange sollten wir nicht ausharren, der Aufstieg hat ganz schön gedauert und unser Bus zurück fährt in 3 Stunden.
Der weitere Weg sieht vielversprechend aus. Erst Trampelpfad, dann über einen Zaun auf eine Schotterstraße klettern. Führt uns die Straße gemütlich zurück in den Canyon? Leider nicht, nur zu einem Funkturm. Der Weg von Open Street Maps ist nicht identifizierbar. Wir versuchens mit verschiedenen Flussläufen und querfeldein entlang der angeblichen Route. Keine Chance, an einem Abgrund seh ich nicht mehr, wie das hier als gute Idee durchgehen könnte. Ein Kaktusstachel durchbohrt meinen Wanderschuh. Wir schlagen uns zurück zum Funkturm durch Dornenbüsche, Dana bekommt Panik. Tja, die Kehrseite von Abenteuern. Müssen wir durch. Wir unternehmen vom Funkturm aus noch einen Versuch, ein Trampelpfad führt in eine ähnliche Richtung wie von Open Street Maps angegeben - aber auch der verläuft sich irgendwann.
Also wieder zurück zum Turm. Abwägen:
- weiter nach "unserem" Weg suchen
- den Weg, den wir gekommen sind, zurück
- der Straße, die vom Funkturm wegführt, folgen
Angesichts zweier fehlgeschlagener Versuche, den Weg zu finden, der fortgeschrittenen Zeit und der Tränen in Danas Gesicht, folgen wir der Straße. Laut Satellitenbildern müssten wir so zurück in den Canyon kommen. Allerdings ist da ein Zaun im Weg und ich will Dana keine großen Unsicherheiten mehr zumuten. Irgendwann wird endgültig klar - zurück in den Canyon geht's nicht ohne Experimentierfreude. Die Alternative ist, geschätzte 12km auf unserer Schotterpiste durch die Steppe zu laufen. Am Ende wartet eine richtige Straße. Ab da finden wir einen Weg. Der Vorteil an der Option ist, dass man im schlimmsten Fall relativ unkompliziert Hilfe holen kann. Fast 3 Stunden marschieren wir durch die Steppe. Irgendwann ist Danas Motivation wieder da und die ganz großen Ängste weichen der Angst vor Rückenschmerzen am nächsten Tag. Wir besprechen, wie gut das Bier später schmecken wird und was es zum Abendessen geben wird, dass es eine Zeit geben wird, in der wir nicht mehr gehen müssen.
21 Uhr kommen wir an. Die letzte Abendröte ist noch zu sehen. Zum Glück hab ich meine Taschenlampe dabei. Kein Empfang, ansonsten hätten wir ein Taxi gerufen. Es ist keine ideale Zeit zum trampen mehr. Ich hab das noch nie gemacht, aber wir sind hier nicht mehr in Kolumbien, sondern in einer wohlhabenden, ungefährlichen Gegend Argentiniens. Ich leuchte mit der Taschenlampe, Dana winkt. Frauen werden eher mitgenommen. Dutzende Autos brettern an uns vorbei. Fuck, das hab ich mir einfacher vorgestellt. Also neben der Straße Richtung San Rafael gehen, das ist aber noch 20-25km entfernt. Hoffentlich haben wir bald Netz. Immer wenn Autos kommen, wird die winkende Tramperin Dana mit der Stirnlampe angeleuchtet. Auto um Auto fährt vorbei. Insekten belagern uns. Und dann - endlich - ein roter Jeep bleibt stehen. Wir rennen voller Dankbarkeit an der Straße entlang, dem Auto entgegen. Eine kleine Familie nimmt uns mit, vielen, vielen, VIELEN, Dank! So lange mussten wir glaube ich gar nicht auf diese Gelegenheit warten, 20-30 Minuten zuvor sind wir über das Gatter des riesigen Grundstücks geklettert, das wir durchwandert sind.
"Trekking y confusion" sage ich auf die vermutete Frage der Mutter hin, was uns an diese Straße verschlagen hat. Und dann platzt auch noch der Reifen des Jeeps. Crazy, uns bleibt heute nichts erspart. Für den Vater scheint das Routine zu sein. Weitere 20 Minuten am Straßenrand, das Ersatzrad ist im Kofferraum. Die Familie fährt uns bis ins Zentrum von San Rafael. So, so lieb. Die scheinen von hier zu kommen, auf jeden Fall ist ihnen unsere Straße nicht unbekannt.
Im Hotel duschen, um 11 sitzen wir in einem Restaurant, fressen uns durch eine Brotzeitplatte und trinken eines der besten Biere unseres Lebens.
Krasser Tag, morgen gönnen wir uns eine Pause.Read more




























TravelerWas für ein Abenteuer 🥴
TravelerOSM ist einfach klasse:)