• Malargüe: Ein Tor in ein Nirgendwo

    Dec 8–12, 2025 in Argentina ⋅ ☀️ 25 °C

    Wenn man Malargüe an einem Wochentag um die Mittagszeit betritt, findet man breite Straßen voller verriegelter Läden und Bungalows vor. Alle paar Minuten kommt ein Auto oder Fahrrad vorbei. Unser Gastgeber scheint noch nicht da zu sein, wir lassen unsere Rucksäcke einfach auf der Straße vor der Tür stehen. Das größte Risiko hier dürfte ein vorbeischnüffelnder Hund sein.

    Das Städtchen liegt irgendwo zwischen Zivilisation und Nirgendwo. Am Busbahnhof, der quasi nur mit zwei anderen Städten der Provinz verbunden ist, werden die gebotenen Attraktionen aufgezählt. La Payunia, Hexenhöhle, Observatorium, Dinosaurier. Es gibt sogar einen Flughafen, der das alles mit Buenos Aires verbindet. Wir machen uns aber erstmal auf zum "Patagonia Drugstore" (Sorgenfalten im Gesicht von Dana - die Rucksäcke!). Der Drugstore ist keine Drogerie, sondern... Naja. Eine Art überdimensionierter Kiosk mit massig Sitzgelegenheiten und großem, guten und günstigen Angebot. Die Jugend sitzt hier, im Zentrum des Städtchens, bis spät in die Nacht. Unser Mittag (ein sagenhafter Burger, 2 riesige Hotdogs, eine Schüssel Pommes und eine Flasche Cola) kostet etwa 12€. Und der Burger ist wirklich der beste, den ich je gegessen hab. Wir essen da 3 oder 4 Mal, unschlagbar. Das Wahrzeichen Malargües, ein geschmacklos beleuchteter Uhrenturm steht direkt davor.

    Unser Gastgeber Pablo hat inzwischen unsere Rucksäcke reingeholt. Er fährt nach knapper Begrüßung weiter mit dem Motorrad die Berge entlang. Am Wochenende hat's geregnet, deswegen holen er und seine Frau das heute nach. Und wir schlendern ein bisschen durch die Stadt, schauen in der Touristeninfo vorbei und versuchen für morgen eine Tour nach La Payunia zu buchen.

    La Payunia? Das ist das Nirgendwo, dessen Eintrittstor Malargüe ist. Es ist zwar eine einzigartige, gigantische Vulkanlandschaft - aber dennoch gut versteckt, wie es sich für ein Nirgendwo gehört. Wenn man eine KI nach einer Liste der interessantesten Gebiete in Argentinien fragt, will es einfach nicht auftauchen. Wenn man aber gezielt nachfragt, warum den La Payunia nicht auf der Liste steht, gerät die KI ins Straucheln und räumt ein, keine echte Feldkenntnis zu haben und eher die aktuell touristisch relevanten zu benennen. Die vulkanreichste Gegend Südamerikas, die "schwarze Wüste", der längste Lavastrom der Welt und dazu noch eine erstaunliche Artenvielfalt bündeln dieses ungastliche Terrain zu einem Erlebnis, das fernab sonstiger irdischer Erfahrungen liegt.

    Aber: Vom Tor zum Nirgendwo muss man auch noch irgendwie ins Nirgendwo kommen. Es gibt 7 Agenturen, die einen fahren. Wir klappern fast alle ab, manche sind nicht besetzt. Alle anderen winken ab. Was. Zum. Teufel. "We have no tour this week" und Versprechen, das man sich meldet, sobald eine Gruppe zusammenkommt. Wir sind hier scheinbar die einzigen Touristen. Selbst Google und die KI waren ja nicht imstande, uns hier hin zu lotsen. Das war mein Kollege Lucas. Er scheint sein Geheimwissen nicht groß in die Breite zu tragen. Aber da wir 3 Tage hier sind: Hoffen wir mal. Eine Privattour kostet insgesamt etwa 600€, diesen erlaubnisgebenden Gedanken muss man erstmal auftreiben. In einer Gruppe würde es ein Viertel des Preises kosten.

    Am nächsten Tag schlafen wir aus und fahren dann um 14 Uhr in den Dinopark. Der einzige öffentliche Bus verkehrt zwei Mal täglich dorthin, Abfahrt ist beim Planetarium. Unsere Bustickets kosten insgesamt etwa 3€, der Eintritt kostet dann nochmal 4€. Wir sind die EINZIGEN Leute in diesem Bus. Der Fahrer und ein eigener Dino-Guide sitzen auch noch dabei. Die sind insgesamt locker 3 Stunden mit uns beschäftigt. Der Guide kann Englisch auf B1/B2-Niveau und gibt alles. Er nimmt uns sogar mit zu den versteinerten Schildkröten-Halswirbeln (nein, ich hab ich wirklich gefreut). Wir stapfen durch den Park, sehen zumindest ein bisschen Nirgendwo und ein paar Vulkane aus der Ferne, wenn auch nicht die Payunias.

    Es ist der Wahnsinn, was mit dieser Stadt geht. Wo hier investiert wird - und wo nicht. Klar sind Dinospuren cool, aber der große Joker ist doch Payunia, oder? Man hat die Wahl zwischen 3-stündiger 1:1-Betreuung im Dinopark für 5€ ODER 300€ nach Payunia, weil 0,0 ins Marketing investiert wird. Ich bequatsch das ein paar Mal mit Pablo (ist in Buenos Aires geboren und hat Tourismus studiert). Der guckt mich nur müde an. Er ist hier seit 25 Jahren, er hat schon so oft versucht, der Stadt zu erklären, wie sie das alles besser machen kann. Aber jetzt ist er bald Mitte 50 und fährt halt lieber Motorrad mit seiner Frau. Es ändert sich hier eh nix mehr. Ich frag nochmal unsere Agenturen ab - kurzzeitig sah es so aus, als käme eine Gruppe zusammen, dann sind 2 Leute wieder abgesprungen. Wir kochen heute im Hostel. Es gibt Ravioli mit Tomatensoße (beste Hostelküche bisher übrigens!).

    Die Tage haben wieder mal eine Gleichförmigkeit, man kann es erahnen. Aber eine angenehme, ich mags hier. Abends trinken wir im CRAFT meist noch ein Craftbier, tagsüber machen wir halt irgendwas, um die Langeweile mit anderer Langeweile zu übertünchen. Wir besuchen zum Beispiel das Observatorium zu Messung kosmischer Strahlung. Es ist das Größte seiner Art, das bedeutet in diesem Fall 3000km². Und das macht es für den gemeinen Touristen schon wieder etwas ernüchternd. Es steht halt einfach hundertfach das selbe Gerät in der Landschaft rund um Malargüe (im Nirgendwo). Interessant ist es trotzdem, ich bekomme ein paar Sätze Schulphysik-Bonusmaterial in der etwa 25m² großen Besucherinformation. Und um 18 Uhr gehen wir dann noch zum PLANETarium, das haben wir nach dem Dinopark gestern nicht gemacht, weil es gerade defekt war. Unser English B1-Guide (nicht der Dino-Guide, ein anderer) gibt wieder alles. Wir schauen uns verschiedene Sonnenuhren auf dem Gelände an und tauchen dann ab ins Highlight des Komplexes - einem etwas in die Jahre gekommenen, unterirdischen Kuppelkino, das oberirdisch mit einer blauen Glaspyramide markiert ist. Wir schauen ein paar Videos und werden dann eine dreiviertel Stunde auf spanisch durch Sternenbilder und Saturns Monde navigiert.

    Ich schreib unseren Agenturen nochmal, immer noch nix. Tja. Dann nochmal überlegen, ob uns La Payunia 600€ wert ist, jetzt wäre die letzte Gelegenheit. Wahrscheinlich eher nicht. Wir klappern nochmal die Agenturen ab, ob wir zumindest zu einem anderen Naturschaupiel (es gibt Höhlen und vereinzelte Vulkane in der Umgebung) kommen. Nope, nope, nope. Und dann - und ich hatte es inzwischen aufgegebem - gibt es doch noch eine Tour, sogar nach La Payunia. Eine der Agenturen, die vor 2 Tagen geschlossen war, fährt. Wir sagen sofort ja, auch wenn die Tour eigentlich am Tag unserer Abreise ist.

    La Payunia! Sie ist eine schwarz-gold getupfte Weite. Sie ist rau, ungastlich, windig. Sie beherbergt eigenartige Kakteenhügel. Gürteltiere huschen gelegentlich durch ihre Goldbüschel und Guanakos (das sind Lamas) springen an der Füßen der vielen Vulkane durch die Landschaft. Man darf hier nur mit Guide rein. Wahnsinnig gerne hätte ich hier eine 5- oder 6-stündige Wanderung gemacht. In unserer immerhin 13 Mann starken Gruppe sind aber in erster Linie Rentner vertreten und der Tag ist ohnehin durchgetaktet. 2-3 Stunden dauert die Fahrt nach La Payunia. Und das muss man auch wieder zurück fahren. Den Großteil der Zeit verbringen wir also im Bus. Wir fahren zu verschiedenen Vulkanen und interessanten Punkten der Gegend. An einer Stelle liegen große Brocken Vulkangestein auf dem schwarzen Kies. Einmal auf dem Erdboden aufgekommen brauchen sie ein Jahr, um abzukühlen. Das ist in La Payunia tausende Jahre her, aktiv ist hier sogut wie nichts.

    Eine kleine Wanderung machen wir doch, etwa 400m an einem Vulkan entlang, um in seinen Krater zu schauen. Der Wind ist derart stark, man muss sich manchmal wegdrehen. "Man will uns hier nicht." , sage ich zu Dana und meine die Naturgewalten und die Ödnis um uns herum. Öde? Farbenfroh? Auf jeden Fall: Beeindruckend. Unwirklich. Und wieder einmal können unsere Kameras die Bilder nicht einfangen.

    Nach dem Tag im Bus steht uns auch noch eine Nacht im Bus bevor, zurück nach Mendoza. Von dort aus startet unsere Reise nach Patagonien. Ich freu mich - Patagonien ist ein Sehnsuchtsort für viele, auch für mich.
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