Herrhausen
Mar 19–20 in Germany ⋅ ☁️ 7 °C
(English Version Below)
Zuerst sind wir eine Stunde lang mit meinem Sohn unterwegs, und haben viel miteinander erzählt. Es ist schön, mit ihm eine so lange, gemeinsame Vergangenheit zu haben.
Dann ist er angeln gegangen, und ich habe die Fenster vom Bus geschlossen, und beim Licht der kleinen Lampen ein weiteres Kapitel über Cohen gelesen, obwohl es draußen noch taghell war. Hilde hat geschlafen, den Kopf in der Reisetasche, müde vom Abendessen und der langen Fahrt, den vielen Begegnungen, der heißen Sonne.
Mit Cohen bin ich sozusagen erwachsen geworden, über die Musik zu seinen Büchern gekommen, wobei seine eigene Reihenfolge andersherum war. Irgendwann in jenen Tagen, bevor ich zu meiner ersten großen Reise 1979 aufgebrochen bin, habe ich ein Gedicht über Cohen geschrieben, das ich auf YouTube gelesen habe.
https://youtu.be/5nfJJdCGM8s?is=n10cPTZWusiSEqNG
Vielleicht ein wenig kryptisch aus meiner heutigen Sicht, wobei ich es immer noch für eins meiner besten Gedichte halte. Aber Cohen war ja nie leichte Kost. So lese ich ein Kapitel, dann gehe ich nochmal mit Hilde ins Halbdunkle, und fange eine Geschichte an.
Sankt Johannes Evangelist. So heißt die kleine Kapelle im Wald bei Hörste, neben der wir parken, weil mir grade nicht nach fahren zumute ist. Wir sind in Rheda aufgebrochen, haben bei Mona Lisa gefrühstückt. Das heißt, Hilde hat schon im Flora Westfalia Park in Rheda ihr Essen bekommen, nachdem wir dort spazieren gegangen sind. Ein unglaublich schönes Gelände mit weitläufigen Wiesen und Wegen, einem großen Spielplatz, vielfältiger Blütenpracht. Und es sind kaum Menschen hier, obwohl die Glocke schon ein achtes Mal geläutet hat.
Neben uns parkt ein alter Mann seinen silbernen Golf, faltet die Tageszeitung auseinander und begibt sich auf eine Reise. Mein Vater, denke ich, er hat auch immer irgendwo sein kleines Auto geparkt, als er alt war, um die Zeit alleine zu haben, während seine Frau zuhause war. Ich habe ihn nie gefragt, ich konnte ihn verstehen, und heute noch mehr als damals. Mit der Vergangenheit muss man alleine kämpfen, um seinen Frieden zu finden.
Als wir abfahren, hebt der Mann die Hand zum Gruß, als seien wir gute Freunde. Wer weiß, vielleicht hat er ja Recht. Neben der Kirche ist ein Friedhof, in dem ein besonders schönes Mauseleum steht. Das Café in einem der Häuser ist geschlossen, aber der Wald ist voller Wege, und hin und wieder kreuzt ein bunter Radfahrer den Platz.
Falls du mehr Hintergrundwissen zu dem Ort haben möchtest, füge ich einen Link bei.
https://share.google/QPkNP9zNqfpyXuzOK
Wir sind den Tag alleine, was uns gut tut. Und abends in Rolfshagen auf dem Stellplatz begrüßen uns die Nachbarn winkend. Dann schließen sich die Vorhänge und morgens fahren wir still weiter.
Mittags in Schellerten treffen wir eine alte Seele auf unserem Lebensweg. Würden wir tatsächlich uns die Zeit nehmen, um darüber nachzudenken, wo und wann wir uns schon überall getroffen haben, dann säßen wir vermutlich noch unterm Sternenhimmel zusammen.
Aber so fassen wir uns kurz, freuen uns am Gegenwärtigen, und fügen dem Ort einen kleinen Haken an. Manchmal wird man halt grau im Laufe eines sich Kennens, aber sofern die Erinnerung noch aufgeweckt werden kann, sind solche Begegnungen das Salz in der Suppe des Lebens.
Das Angeln läuft gut, die Fische sind willig, Hilde und ich schlafen ein bisschen vor, denn nie weiß ich, ob wir nicht mitten in der Nacht zurückfahren. Denn wenn die Fische schlafen gehen, die Kälte von den Füßen hochkrabbelt, macht das Warten keinen Spaß mehr.
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First, we spent an hour out with my son and talked a lot. It's wonderful to have such a long history together with him.
Then he went fishing, and I closed the bus windows and read another chapter about Cohen by the light of the small lamps, even though it was still broad daylight outside. Hilde was asleep, her head in her travel bag, tired from dinner and the long drive, the many encounters, and the hot sun.
I grew up with Cohen, so to speak, coming to his books through his music, though his own order was the other way around. Sometime in those days, before I embarked on my first big trip in 1979, I wrote a poem about Cohen, which I read on YouTube.
https://youtu.be/5nfJJdCGM8s?is=n10cPTZWusiSEqNG
Perhaps a little cryptic from my current perspective, though I still consider it one of my best poems. But Cohen was never easy reading. So I read a chapter, then I go back into the semi-darkness with Hilde, and I start a story.
St. John the Evangelist. That's the name of the small chapel in the woods near Hörste, next to which we're parked because I don't feel like driving right now. We set off from Rheda and had breakfast at Mona Lisa's. Actually, Hilde already had her meal at Flora Westfalia Park in Rheda after we went for a walk there. It's an incredibly beautiful area with expansive meadows and paths, a large playground, and a profusion of wildflowers. And there are hardly any people here, even though the bell has already rung eight times.
An old man parks his silver Golf next to us, unfolds the newspaper, and sets off on a journey. My father, I think, always used to park his little car somewhere when he was old, to have some time alone while his wife was at home. I never asked him about it; I could understand him, and even more so now than back then. You have to fight the past alone to find peace.
As we drive off, the man raises his hand in greeting, as if we were good friends. Who knows, maybe he's right. Next to the church is a cemetery with a particularly beautiful mausoleum. The café in one of the houses is closed, but the woods are full of paths, and every now and then a colorful cyclist crosses the area.
If you'd like more background information about the place, I've included a link.
https://share.google/QPkNP9zNqfpyXuzOK
We're alone for the day, which is good for us. And in the evening at the campsite in Rolfshagen, our neighbors greet us with a wave. Then the curtains close, and in the morning we drive on in silence.
At midday in Schellerten, we meet an old friend on our life's journey. If we were to actually take the time to reflect on all the places and times we've met, we'd probably still be sitting together under the stars.
But let's keep it brief, enjoy the present moment, and add a little something extra to this. Sometimes you just get a little gray over time, but as long as the memory can still be rekindled, such encounters are the spice of life.
The fishing is going well, the fish are biting, Hilde and I are getting some sleep beforehand, because I never know if we might have to drive back in the middle of the night. Because when the fish go to sleep and the cold creeps up your feet, waiting isn't fun anymore.Read more





















TravelerWar eine gute Idee von dir, über Schellerten zu fahren, sodass wir uns sehen und ein gutes Stündchen miteinander erzählen konnten! 👍
TravelerIch mag Leonard Cohen auch sehr gerne! Er ist wirklich toll! Seine Musik, seine Texte und seine Ausstrahlung… 😍