• Tag Siebenundfünfzig

    Jun 14–15 in Germany ⋅ 🌬 17 °C

    (English Version Below)

    PILGERREISE INS LEBEN
    Tag 3.638
    14/06/2026
    Berenbrock

    Vorne rechts stehen drei Pferde auf der Weide, hinter uns auf dem gemähten Feld sind zwei Störche unterwegs, und vor mir sitzt die kleine Hilde, die heute ihren elften Geburtstag hat. Ein Wunder seit anderthalb Jahren, dass sie lebt.

    Ich weiß noch, als sie neun Jahre alt war und ihren ersten Schub hatte, dass ich dachte, Herr, lass sie nicht so früh sterben. Da war ich ganz verzweifelt. Meine Hündin Tossi war ihr Leben lang auf Medikamente angewiesen und ist fünfzehn Jahre alt geworden. Blacky ist mit zwölf in meinen Armen gestorben, als der Leberkrebs innerhalb von zwei Wochen das Ende bedeutete.

    Und jetzt Hilde. Mit neun Jahren. Damals war ich ganz verzweifelt. Dann hat sie sich wieder gefangen, und einige Monate später brach der Krebs aus. Und heute wird sie elf Jahre alt. Ein Wunder, das ich jeden Tag erlebe. Oder besser gesagt, ich erlebe jeden Tag, an dem sie lebt, ein neues Wunder.

    Sie strotzt vor Vitalität auf der einen Seite, wie sie vom Spaziergang mit meiner Tochter quer über das Feld zu mir zurückjagt. Aber dann auch wieder in einen so tiefen Schlaf fällt, dass ich schauen muss, ob sie atmet.

    So war sie schon immer, voller Elan und tiefer Erschöpfung. Ein Wunder an Energie und an Friedfertigkeit. Was sich nicht unbedingt positiv auf andere Hunde auswirkt, die sie schnell mal anknurrt, weil sie weniger Lust auf tierische Gesellschaft hat.

    Während nachts der Wind abgeflacht ist, wird er im Laufe des Morgens wieder stärker. Böen bis 55 km/h sind den Tag über angesagt, dazu heftige Regenschauer. Und kalt ist es geworden, der Wind aus dem Westen bringt das Kühle mit sich. Obwohl die Temperatur durchaus bei dreizehn Grad liegt.

    Die Pferde stört es nicht, sie sind mit ihrem leckeren Gras beschäftigt. Ich habe mir einen Kalender voll mit Arbeit mitgebracht. Manche Sachen kann ich nur hier machen, wo mir der Schwiegersohn das Anschreiben fürs Finanzamt ausdrucken kann.

    Gestern hat meine Tochter die neue Premiumkarte vom ADAC im Wallet abgelegt. Was vielen Menschen nicht mal ein Lächeln abfordert, führt bei mir zu einem mittleren Ausbruch von Begeisterung. Toll, was es alles gibt.

    Regen, Sonne, Wind. Ich habe fast alles erledigt, was übers Wochenende dran war. Gestern habe ich drei Baguettes gekauft für Hilde, die ich jetzt geschnitten habe und zum Trocknen am Fenster aufgereiht habe.

    Deutsche Baguettes enthalten mehr Flüssigkeit, was den Trocknungsprozess verlangsamt. Der Teig ist knuffiger, was dem Käufer besser bekommt, aber eben zum Trocknen sich nachteilig auswirkt.

    Im Moment kann man sich überhaupt nicht auf das Wetter einstellen. Den ganzen Tag heftiger Wind, die Haare kann ich nur mit der Mütze festhalten. Und immer wieder die schnell heranfliegenden, heftigen Schauern. Einer entkommen wir gerade im letzten Moment, in den wir beide in den Bus hinein springen

    Zum Abendspaziergang nimmt uns der Schwiegersohn mit. Heute bin ich nicht sehr viel gelaufen, da tut mir die Abendrunde gut. Erst mit dem Wind muss ich den Rollator festhalten, da der auch alleine ziemlich flott unterwegs ist.

    Und zurück gegen den Wind fliegen mir die Haare wenigstens nicht mehr in den Mund, denn wir haben eine gute Unterhaltung miteinander.

    Natürlich guck ich Fußball auf dem Handy. Hilde ist müde und schläft schon auf ihrem Fahrersitz .
    ---
    PILGRIMAGE INTO LIFE
    Day 3,638
    June 14, 2026
    Berenbrock

    Up ahead to the right, three horses stand in the pasture; behind us, two storks are roaming the mowed field; and sitting right in front of me is little Hilde, who is celebrating her eleventh birthday today. The fact that she is alive has been a miracle for the past year and a half.

    I remember when she was nine and had her first flare-up; I thought, "Lord, please don't let her die so soon." I was utterly distraught. My dog Tossi relied on medication her whole life and lived to be fifteen. Blacky died in my arms at twelve, when liver cancer brought the end within just two weeks.

    And now Hilde. At nine years old. Back then, I was in despair. Then she rallied, only for the cancer to strike a few months later. And today, she turns eleven. A miracle I witness every day. Or rather, I experience a new miracle with every day she stays alive.

    On one hand, she is bursting with vitality—like when she races back to me across the field after a walk with my daughter. Yet, at other times, she falls into such a deep sleep that I have to check to see if she is breathing.

    That’s just how she’s always been—full of zest yet deeply exhausted. A marvel of energy and peacefulness. That doesn’t necessarily sit well with other dogs, though; she’s quick to growl at them, as she isn’t particularly keen on canine company.

    While the wind died down overnight, it is picking up again this morning. Gusts of up to 55 km/h are forecast for the day, accompanied by heavy rain showers. It has turned cold, too; the westerly wind is bringing a chill with it—even though the temperature is actually around thirteen degrees.

    The horses don’t mind; they are busy munching on the delicious grass. I’ve brought along a schedule packed with work. There are some things I can only get done here, where my son-in-law can print out the letter I need to send to the tax office.

    Yesterday, my daughter added my new ADAC premium card to my digital wallet. Something that wouldn’t even elicit a smile from most people sparks a genuine burst of excitement in me. It’s amazing what’s available these days.

    Rain, sun, wind. I’ve finished almost everything that needed doing over the weekend. Yesterday, I bought three baguettes for Hilde; I’ve sliced them now and lined them up by the window to dry.

    German baguettes contain more moisture, which slows down the drying process. The dough is softer—which is nicer for the consumer—but works against the drying process.

    Right now, it’s impossible to know what to expect from the weather. Strong winds all day long; I have to keep my hat on just to keep my hair in check. And there are frequent, fierce showers sweeping in fast. We manage to escape one at the very last moment by jumping onto the bus together.

    My son-in-law takes us along for an evening walk. I haven’t walked much today, so the evening stroll does me good. At first, I have to hold tight to my walker because of the wind—it tends to pick up speed on its own.

    On the way back, heading into the wind, at least my hair doesn't blow into my mouth anymore—and we’re having a good conversation.

    Of course, I’m watching the football match on my phone. Hilde is tired and has already fallen asleep in her driver’s seat.
    Read more