• Ankommen, Erinnern.

    May 21 in Germany ⋅ ☁️ 15 °C

    Liebes Tagebuch.
    Heute bin ich endlich angekommen. Also nicht in Hamburg oder einem anderen Ziel. Sondern auf dem Trail. Ein schönes Gefühl.
    Los ging es ganz routinemäßig. Aufstehen, einpacken, essen, gehen. Sorry an meine Nachbarn, dass sie evtl wegen mir aufgewacht sind. Nur ausgleichende Gerechtigkeit, denn wegen ihnen konnte ich nicht richtig einschlafen. Den ganzen Abend waren sie damit beschäftigt jegliche Reißverschlüsse an ihrer Ausrüstung zu checken. Ritsch, ratsch, ritsch ratsch... Die Nacht war eh etwas unruhig, denn der "Zelt Balkon" war der reinste Acker. Morgens lag ich halb verdreht und quer auf der Matte in meinen Quilt verwickelt... wie auch immer.
    Es ging auf schmalen Pfaden am Ratzeburger See entlang, als plötzlich mächtig Radau im Gebüsch war. Wildschweine. Frischlinge. Grunzend rumpelten sie im Sumpf am Ufer entlang. Ein tolles Erlebnis. Ein paar Meter weiter stand ich auch schon in Ratzeburg. Schnell wie jeden Tag nur das nötigste besorgt und weiter. Mal am See, dann im Wald. Nur die besten Wege und keine Menschen. Alles war wie ausgestorben. Genau so sollte es sein. Ich verlor mich in Gedanken und wandelte vor mich hin. Ich dachte nicht an das "normale" Leben sondern war einfach im hier und jetzt. Im Trailalltag. Im Bein zog es mal, das Shirt wurde langsam speckig und siffig, Mückenstiche juckten, Dreck in den Schuhen und so langsam merkte ich wie der Hiker Hunger anfing sich zu manifestieren. Ich wollte essen. Viel essen. Ein toller Zustand.
    Ich wurde kurz aus meinen Gedanken gerissen. Ein Wanderer kam auf mich zu. Spannend. Sirrius war sein Name. Er geht auch häppchenweise den NST. Gerade Richtung Norden. Wir schwatzen ein wenig und wir stellten fest, dass wir uns später möglicherweise nochmal wiedersehen werden. Nach dem E1 will er auf den Natursteig Sieg und dann auf den Rheinsteig. Also ungefähr das was ich auch vorhabe. Nur mit dem Westerwaldsteig noch dabei. Zukunftspläne.
    Jetzt war ich erstmal hier und bald erreichte bald Mölln. Auch hier kamen Erinnerungen hoch. Zum einen waren mein Vaddi und ich hier auch auf unserer Radtour nach Lübeck durchgekommen. Aber die Stadt war aus der Zeit auch noch anders in Erinnerung geblieben. Keine schöne, denn ich musste an den rassistischen Brandanschlag von 1992 denken, bei dem drei Menschen getötet wurden. Das hatte sich irgendwie bei mir eingebrannt und mich geprägt. Auch in unserem Dorf, in meiner Schule wurde das dumme Geschwätz über "Asylanten" verbreitet und weitergegeben, genauso wie es heute wieder salonfähig gemacht wird von der blaubraunen Brut.
    Mölln an sich wirkte ziemlich runtergekommen. Überall Baustellen und leicht ranzig. Vorm Edeka ein paar halbstarke Berufsjugendliche am saufen. Ab dafür. Schnell war ich wieder aus der Stadt und an den schönsten Seen bis jetzt. Umsäumt von alten Buchen und Eichen. Ein paar von ihnen ins Wasser gestürzt. Schwäne, Enten, ein wunderbarer Trail und wieder keine Menschenseele. Ich tauchte wieder in meine Gedanken ab. Hamburg war nicht mehr weit und ich dachte über die Dinge nach die ich erlebt hatte, was glatt gelaufen war und was nicht. Was hatte ich gelernt. Welcher Ausrüstung hat getaugt und und und... dabei merkte ich, dass vieles schon so weit weg erschien. Da war wieder dieses Gefühl auf dem Trail angekommen zu sein. Zeit ist relativ. Tage egal (bis die Arbeit wieder losgeht, haha). Was passiert das passiert und was nicht das halt nicht. Ich war absolut dankbar und gab einer uralten Kiefer eine Umarmung. Da war es, dieses Gefühl.
    Es ging durch das wunderschöne Hellbachtal und ich entschied mich für eine kleine Side Quest. Ein Abstecher zum Krebssee. Hier war ich schon mehrmals mit Phoenix. Wieder kamen Erinnerungen hoch. Ich setzte mich an die menschenleere winzige Badestelle und machte eine Pause. Zeit das Zelt zu trocknen. Routine.
    Ich ging ans Ufer, denn der See trägt seinen Namen zu recht. In ihm leben Krebse. Und wenn man ganz aufmerksam ist und Glück hat dann sieht man sie im klaren Wasser, wie sie ihrem Tageswerk nachgehen. Heute hatte ich leider kein Glück. Aber ich war zufrieden genug. Noch ein paar Kilometer und ich sollte mein Ziel erreichen. Und da wieder das Gefühl... Die "last two miles", die sich ziehen wie Kaugummi, wenn die Füße vom Tag schwer sind. Immerhin konnte ich an der 500km Marke einen kleinen Purzelbaum schlagen.
    Bevor der Tag zu Ende ging durfte natürlich etwas nicht fehlen: ein zeckenverseuchter grasiger Weg und ein schönes Stück Landstraße.
    Auch das war irgendwann gegangen und dann stand ich auf einem fast leeren Campingplatz im Grünen. Nur ein paar Leute waren zu sehen und ich hatte die ganze Zeltwiese für mich alleine. Simsalabim und das Lager stand, Essen war vorbereitet, Handy an der Steckdose und ich war mehr als zufrieden. Da war es wieder, dieses Gefühl angekommen zu sein.
    Read more