Lässig durch den Westerwald
June 1 in Germany ⋅ ☁️ 21 °C
Liebes Tagebuch.
Ich würde ja gerne vom Tag erzählen, aber erstmal gilt es die Nacht zu rekapitulieren. Ich lieg da also in meinem Zelt und bin schon im Halbschlaf. Da raschelt was. Bestimmt wieder eine Maus. Ich nicke kurz weg und schrecke auf, als das Zelt wackelt und es sich so anhört als würde jemand an der Plane ziehen. Ein Schlag meinerseits gegen die Zeltwand und etwas läuft weg. Ich brauche kurz um nachzudenken. Mal den Rucksack und Fressbeutel checken. Beide liegen im Vorzelt. Rucksack alles gut. Fressbeutel... äh Fressbeutel wo bist du? Er ist weg. Mit meinen letzten Vorräten. Schuhe an, Kopflampe auf. Ich suche die Zeltwiese ab. Ja und so 20 Meter von mir entfernt liegt er im Gras. Bissspuren sind zu sehen. Der Beutel ist aber noch heile. Was nun? Ins Zelt will ich ihn nicht nehmen. Keine Lust, dass das Vieh sich durch die Zeltwand beisst. Also binde ich den Sack mit meinem Rucksack am Zeltgestänge fest. Alles fixiere ich mit dem Trekkingstock. Hoffentlich ist Ruhe. Aber nein. Das Tier, ich vermute ein Fuchs (Waschbären sind lauter), kommt immer wieder und versucht den Beutel wegzuziehen. Langsam ist es mir egal. Ich will schlafen. Das tue ich auch. Am morgen liegt der Beutel halb unterm Zelt hervorgezogen. Alles bis auf den Kaffeebeutel ist intakt. Der Beutel auch. Egal. Ich fühl mich fit und hab Bock auf wandern. Ratzfatz fertig gemacht, Riegel ins Maul. Los. Und dann ziehe ich ganz lässig meine Bahnen auf dem Westerwaldsteig. Der Weg ist heute super und gnädig. Ich finde auf dem Waldweg zwei so Powergels vom Triathlon gestern. Beide noch zu. Rein in den Schlund. The trail provides. Es geht durch Wiesen, an kleinen Bächen entlang. Am Himmel tolle Wolkenspiele. Am Boden schöne weiche schmale Wege. Lässig gleite ich dahin. Und treffe endlich einen Wanderer. Er kommt mir entgegen. Schwer beladen. In der Hand ein Stativ. Ja und dann quatschen wir bestimmt ne halbe Stunde. Mein Magen meldet sich. Hunger. Ich muss los. Aber super nettes Gespräch. In zwei Kilometern kommt ein Rewe und dann gehts rund. Dicker Salat und Baguette. Am Dorfbrunnen zelebriere ich das Tagedieb Leben.
Es ist zwei. Ist ja noch viel Zeit. Also ganz ganz lässig weiter. Es geht endlich mal wieder bergauf bis zur alten Nistertalbrücke. Mächtiges Gerät. Erst gehts unten durch und dann hoch. Ich wage mich auf die Brücke. Komisch hier oben. Ich traue der Höhe immer noch nicht. Aber der Ausblick ist schon ansehnlich. Weiter gehts. Bis jetzt hat der Westerwaldsteig es gut geschafft Ortschaften zu umgehen, aber jetzt gehts direkt durch Bad Marienberg. Verkehrte Welt? Es ist irre viel los. Der totale Kontrast zu den letzten Tagen. Autos pressen sich durch die Innenstadt, wo normalerweise eine Fußgängerzone sein sollte. Es ist irgendwie hässlich. In der Zeit stehen geblieben. Weg hier. An einem alten Basaltsteinbruch geht es rauf zu einem Aussichtsturm. Es ist immer noch irre viel los. Die leben hier noch den Montag. Aber sobald man zwei Meter auf einem kleinen Pfad geht ist man allein. Meine totale Lässigkeit kommt wieder. Cruisen. Und das auf richtig schönen Wegen. Kann ja doch was der Westerwaldsteig. Am Wolfsstein mache ich nochmal Pause und stille den Hiker Hunger. Lässig geht es weiter. An einem Friedhof fülle ich mein Wasser für die Nacht auf. Etwa 4km noch bis zu meiner auserkorenen Hütte. Es gilt ein Tal zu durchqueren. Also runter. Ja und unten angekommen ist die Lässigkeit erstmal dahin. Die nächsten 6 Kilometer sind gesperrt wegen einer Baustelle der Deutschen Bahn. Danke. Du schaffst es immer einen abzufucken. 😂
Aber es gibt eine Umleitung. Ich muss versuchen von entgegengesetzter Richtung zu meiner Hütte zu kommen. Die nächste ist viel zu weit weg. Priiiima. Die Umleitung geht erstmal auf der anderen Talseite steil nach oben und folgt dann einfach dem Hang. Auf der anderen Seite muss meine Bleibe irgendwo sein. Sie zieht an mir vorbei. Der Weg geht jetzt wieder runter ins Tal und kreuzt die verschissenen Gleise der DB. Es brodelt etwas in mir. Ich hätte ja mal auf der Seite vom Westerwaldsteig mich schlau machen können. Ja und was folgt war der totale Mittelfinger. Der Anstieg des Abschiss. Einfach straight den Hang hoch. Hier und da ein paar Stufen. Leck mich fett. Aber richtig.
Oben angekommen bekam ich als Belohnung die Sonne durch die Blätter ins Gesicht. Wirklich befriedigend. Ich merkte wie sich meine Aufregung über meine erneute Schusseligkeit und die extra Kilometer legte und etwas von der Lässigkeit zurück kam.
Am Rande von Hachenburg ging es nun in entgegengesetzter Richtung zu meinem zu Hause für heut Nacht. Ja und dann kam ich endlich an. Statt 34 waren es jetzt wieder über 40 Kilometer. Schnell aufgebaut, futtern, schreiben, lässig sein.Read more





















Traveler
Futtern, schreiben, lässig sein....Eine ruhige, gute Nacht wünsche ich dir, schlaf schön, Nikolai. Wieder ein toller Bericht mit wunderschönen "Himmelsbildern"
Traveler
....und schon wieder ein Wildschwein!
Traveler
Meinen Glückwunsch 🍀🤩
TravelerDanke 🙏