• Vermissen

    June 8 in Germany ⋅ ☁️ 22 °C

    Liebes Tagebuch. Es war ein schwerer Tag. Nicht wegen einer besonders langen Etappe, fordernden Wegen, Wetter oder Höhenmeter. Es war emotional schwer.
    Heute morgen hieß es schweren Herzens Abschied nehmen von Phoenix. Die letzten Tage waren wunderbar gewesen. Nicht alleine zu sein, Quatsch zu reden und zusammen die Natur genießen. Davor war das schöne Happening am HWP mit tollen Menschen. Von unserer Unterkunft konnte ich quasi direkt starten. Ein Kuss und dann los. Und nun war ich wieder allein. Als sich Phoenix und meine Wege trennten nahm sie die Sonne mit und ich wusste, dass der heutige Tag dem Vermissen gewidmet sein würde..
    Es ging entlang von Wiesen und Wald nach Blankenberg und zu meiner Überraschung war dieser historische Ort ganz lieblich anzusehen. Ich ging am einzigen lokal vorbei, welches an einem Montag hier geöffnet hat. Menschen aßen deftige Speisen und es roch verlockend. Gestern waren wir genau nach einer solchen Örtlichkeit auf der Suche gewesen. Jetzt war nur ich hier. Vermissen. Ich wollte mich nicht allein dort hinsetzen. Der Weg machte eine Runde um den Ort runter zur Burg. Hier wollte ich auf der Toilette mein Wasser auffüllen. Geschlossen. Also wieder hoch in den Ort zum Friedhof. Und wieder runter. Runter zur Siegaue und über eine Eisenbahnbrücke. Auf breiten Wegen konnte ich mein Vermissen voll ausleben. 🥹 Etwas Ablenkung brachte der steile, steinige Aufstieg zum Stachelberg. Völlig nassgeschwitzt machte ich es mir oben gemütlich. Zeit für eine Pause. Ich löffelte die Reste Miracoli von gestern aus einer Plastiktüte. Vermissen. Neben mir starteten ein paar Gleitschirmflieger. Wagemutig liefen sie über die "Klippe" und wurden vom Wind in die Höhe gezogen. Wahnsinnig. Kein Vermissen.
    Der Abstieg war nicht ganz so steil, aber völlig überwuchert. An meinen Beinen versuchte eine Armee von achtbeinigen Höllensaugern sich Zugang zu meiner Haut zu verschaffen. Es war anstrengend. Alle 20 Meter musste ich anhalten und meine Beine von Zecken befreien. Ach wo sind nur die schön breiten Forstwege. Vermissen. Mir kam ein Wanderpaar auf dem schmalen Pfad entgegen. Sie waren kreidebleich und erwiderten nicht mein "Moin". Stattdessen starrten sie mich mit kalten Augen an und taten alles daran mich nirgendwo zu berühren, als sie sich an mir vorbeiquetschten. Ich hatte sie nicht vermisst, diese spooky Begegnungen. 😅
    In Honscheid stand ein Automat mit kühlen Getränken. Immerhin musste ich solche auch nicht missen. Dann ging der Weg meist auf Forsttrassen hoch und runter durch den Wald. Zeit zu Vermissen. Ich vermisste jetzt nicht nur Phoenix, sondern auch meine Familie, Menschen aus meinem Umfeld und meine Bandkollegen. Ich überlegte die Kopfhörer in die Ohren zu stecken, traurige Musik anzumachen und mich vollends meinem seelischen Leiden hinzugeben. Bei dem Gedanken musste ich laut selber über mich lachen und ich verwarf ihn schnell. 😅 Mach das Beste draus. Es war Zeit für "Embrace the suck". Diese Floskel wird meist mit Widrigkeiten beim Wandern benutzt. Mieses Wetter, Naturgewalten, Zecken, Hitze, Kälte blablabla... Diesen Dingen konnte ich hier leicht entfliehen. Überall gibt es hier Schutz. All das kann man hinter einer Zimmertür draussen lassen. Aber die Gefühle eben nicht. Ich akzeptierte die Situation zähneknirschend. Genau wie den nächsten Abschnitt. Es ging mal wieder durchs Kraut und als ich endlich wieder raus war suchte ich alles ab. Da stand ich also fast halbnackt auf einem Schotterweg, als eine Frau mit Hund um die Kurve kam. Ich rief ihr ein "Sorry. Ich suche nur nach Zecken. Auch wenn es vielleicht anders erscheint." entgegen. Sie musste lachen. Sie kenne das Problem. Wir gingen ein Stück und unterhielten uns über die Gegend und das Wandern. Dies das. Es tat ganz gut. Es linderte mein Vermissen etwas.
    Ich musste abbiegen und verabschiedete mich. Mein nächstes Ziel war ein Friedhof. Ich brauchte dringend Wasser. Es war den ganzen Tag sehr drückend, Schweiss lief. Immerhin war die Sonne jetzt ab und an zu sehen. An einer Kreuzung kam ein Hund, so ein fetter Boxer oder so, auf mich zu. Ich hörte den Halter um die Ecke rufen, aber der Hund reagierte nicht und kam auf mich zu. Vom Halter nichts zu sehen. Ich bat ihn doch seinen Hund mal bitte von mir fern zu halten. Er rief den Hund. Keine Reaktion. Er kam auf mich zu. Der Mann lieg nun um die Ecke und griff ihn am Halsband. "Das tut mir leid!" Gut. "Keine Angst der macht nichts." Vermissen. Ich vermisste es, dass sich Leute einfach diesen dummen Satz in so einer Situation sparen. Genau das hatte der falsche Förster a.D. auch gesagt, bevor sein Jagdhund mir in den Oberschenkel gebissen hatte.
    Eine Joggerin kam von hinten und hatte die Situation wohl miterlebt. Sie versicherte sich, ob bei mir alles in Ordnung sei. Danke für den Support. Ich ging zum Friedhof. Mit vollen Wasserreserven und einem Liter im Leib ging es nun Richtung Hütte 230. Phoenix meldete sich, dass sie gut angekommen war. Vermissen. Es war nicht mehr weit. Eigentlich ein schöner Platz. Schön in der Schneise vom Flughafen. 😅 Ok, dann keine Stille des Waldes. Vermissen.
    Ich lies den Tag Revue passieren. Er war schwer. So viel Vermissen. Solche Tage gehören dazu. Ein gutes Zeichen, dass man lebendig ist. Wie öde wäre es doch ohne diese Tage. Embrace the suck. Come back another day. ☺️
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