Spuren
June 17 in Germany ⋅ ⛅ 26 °C
Liebes Tagebuch. Heute morgen bin ich aufgewacht und irgendwas war komisch. Ich hatte dollen Druck auf den Ohren, in den Nebenhöhlen und Rotz lief aus der Nase. Dazu fühlte ich mich ziemlich platt. Oh bitte nicht krank werden. Ich hatte mich und meinen Körper doch gestern so gut belohnt. Offenbar wollte er mehr Belohnungen. Na gut. Er hatte bis jetzt ja auch alles gegeben. Ich entschied meinen Plan für heute zu verwerfen. Anstatt schnell nach Bingen zu kommen, einzukaufen und dann auf den Soonwaldsteig zu spazieren buchte ich mir ein Zimmer und ließ es ganz sachte angehen. Bis dahin waren es immer noch 16km...
Schlapp fing ich an meine Sachen zu packen und wurde durch ein Regenschauer dabei unterbrochen. Na dann ist das Zelt wenigstens noch nass geworden. 😅 Erst gegen halb neun setzte ich mich in Bewegung. Alles war schwerfällig und ich fühlte mich nicht ganz anwesend. Natürlich ging es erstmal steil den Hang hoch. Schweiss lief in Strömen. Pause. Trinken. Weiter. Nach einer Stunde oder so kam eine Hütte. Ich braute mir einen brisanten Mix aus Koffein und Elektrolyten zusammen und schüttete ihn in meinen Leib. Er wirkte etwas. Der Weg bestand immerhin aus viel breiten Forststrassen, so dass ich wenigstens nicht viel aufpassen musste. Eine Wanderin kam mir entgegen und versuchte ein Gespräch anzufangen. Aber irgendwie fiel es mir auch schwer zu reden. Ihre Stimme hämmerte in meinen Gehörgängen. Aua. Ich brütete wohl wirklich etwas aus. Ich ging weiter. Es war mittlerweile schon drückend heiss. Jeder Schritt eine Aufgabe für sich. Es ging nach Assmanshausen hinunter. Ich füllte nur schnell meine Flaschen auf und machte mich an den Aufstieg aus dem Dorf heraus. Dieser war eine Qual. Die erste Silbe des Dorfnamens stammt wohl von jemanden, der diesen Aufstieg geplant hatte. Er war total Arsch! 😅Eigentlich nichts wildes, aber mir fehlte einfach die Power. Es dauerte lange bis ich oben war. Ich erreichte den Niederwald. Überall waren Menschen und Schulklassen. Im Wald gab es viel zu entdecken. So Kunst und so. Das Kindergeschrei setzte mir zusätzlich zu. Heute war einfach nicht der Tag dafür. Am Wildgehege holte ich etwas Futter für die Tiere und ließ das Wild gierig aus meiner Hand fressen. Immerhin das konnte mir Freude bereiten. Weiter ging es durch Weinberge zum Niederwalddenkmal. Imposant, aber aufgrund der nationalistischen Inschriften doch ziemlich fragwürdig. Es war die Hölle los. Touristen aus aller Welt wuselten um mich herum. Das war zu viel. Ich hätte nun locker die Seilbahn ins Tal nehmen können, aber ich hatte keine Lust durch die klapprigen Gondeln auch noch meine Höhenangst zu triggern. Ich kam an die Kreuzung wo sich NST und Rheinsteig trennen und ich wurde wehmütig und fröhlich zugleich. Freude über den Abschluss dieser Sektion, Wehmut, dass dieser tolle Weg nun zu Ende war. Der Rheinsteig hatte seine Spuren bei mir hinterlassen. Ich hatte ihn unterschätzt. Nicht wegen der Höhenmeter oder Anstrengungen, sondern weil ich nicht gedacht hatte, dass er mir so viel Spass bereiten würde und trotz der Zivilisation überall doch so "wild" war. Natürlich, jede Aussicht, jede Burg, jeder Hang musste hart erarbeitet werden, aber es gab immer eine Belohnung. Wie schnöde und öde wirkte der Westerwaldsteig im Vergleich. Ich hatte mich im Rheinsteig getäuscht und er hatte mir das jeden Tag vor Augen geführt. Eine kleine Träne der Freude und Dankbarkeit lief meine Wange hinunter und vermischte sich mit dem Schweiss und der Sonnencreme. Ich hinterließ nur unscheinbare Fußspuren, aber der Rheinsteig bleibende Erinnerungen.
Ich gab dem Wegweiser einen kleinen Klaps und ging Richtung Rüdesheim. In den Hängen tat sich eine Weinstube auf. Passend für eine Pause. Ich bestellte mir ein alkoholfreies Weizen und Grüne Sauce. Die Portion war zwar lecker, aber für den Preis und meinen Hiker Hunger eine glatte Beleidigung. Ich wusste noch nicht genau wo ich mich befand. Das wurde mir erst klar, als ich die Altstadt von Rüdesheim betrat. Menschen pressten sich durch die schmalen Gassen und machten wild Fotos davon wie sich Menschenmassen durch schmale Gassem pressten. Hier war alles auf Touris ausgelegt. Also genau mein Ding... nicht! Ich war heilfroh, dass ich mir hier keine Unterkunft gebucht hatte. Was für ein Zirkus. Allerdings war auch klar warum alle hier her wollten. Das Örtchen war schon malerisch, keine Frage.
Ich merkte langsam wie der Druck in meinen Ohren weniger wurde und auch meine Nase hatte aufgehört zu laufen. Schlapp war ich immer noch. Aber es wurde erträglicher. Ich ging zur Fähre, die mich auf die andere Rheinseite bringen sollte. Ein schöner, wenn auch schwerer Abschied vom Rheinsteig. Auf der anderen Seite ging ich über die Promenade zu meinem Hotel und wurde herzlichst empfangen. Auf meinen Zimmer schloss ich die Tür und warf mich aufs Bett. Geschafft. Keine zwei Minuten später, ich war schon am dösen stand plötzlich ein Mann in meinem Zimmer und fragte mich wo er sei. "Falsch!" war meine Antwort. Er stand da und guckte mich an bis ich ihn bat doch die Tür von außen zu schließen. Ich schloss ab. Hinter der Tür war ein Wandspiegel. Ich zog mein T-Shirt aus und suchte mich nach Zecken ab. Ich fand keine. Nur Spuren der letzten Tage und von Rheinsteig. Kratzer an den Beinen. Auf und unter meinen Schultern (wo die Träger des Rucksacks saßen) waren rote Stellen und kleine Pickelchen. Meine Augen sahen müde aus. Es war kein feierlicher Anblick. Aber auch das bringt so eine Wanderung mit sich. Meine spärliche Kleidung war nur noch ein Klumpen aus Dreck, Salz, Sonnencreme, Schweiss und Deet. Es wunderte mich jetzt nicht mehr, dass ich in Rüdesheim von den feinen Herrschaften in den Straußwirtschaften fragend begutachtet worden war. Irgendwie wies nur noch mein Trekkingstock darauf hin, dass ich ein Wanderer war. Die Vollständige Transformation zum Hiker Trash. 😅
Zeit für eine Wäsche und eine ausgiebige Dusche. Diese brachte etwas die Lebensgeister zurück. Ich bekam Hunger und ging in einen kleinen syrischen Imbiss, der von einer Oma geführt wurde. Die Falafel war etwas fragwürdig trocken und leider vorfrittiert. Aber die Grillspieße und das sauer eingelegte Gemüse waren ein Gaumenschmaus. Ja dieses eingelegte Gemüse war einfach genau das richtige für das heisse Wetter. Neben Gurken, Kohl, Karotten und Paprika fanden sich auch frische Mandeln darunter. Also unreife samt der ganzen Schale. Das war mal etwas neues für mich. Klasse. Nebenbei plante ich wie es morgen weitergehen könnte. Der Soonwaldsteig ist ein Kammweg und neben dem spärlichen Wasser, keinen Einkaufsgelegenheiten (ausser einem Burger King an einer Autobahnquerung) würden die hohen Temperaturen mein größtes Problem werden... aber das sehen wir morgen.
Ich war froh über meine Entscheidung heute einen kurzen Tag gemacht zu haben. Ja und Bingen? Bingen war irgendwie das Gegenteil von Rüdesheim. Viel weniger Touristen, weniger schön und irgendwie auch abgeranzt. Hier waren auch ein paar richtige Kernasis unterwegs. Genau richtig für mich. 😅Read more






























Traveler
🤩
Traveler
Speisereste Fremder ? Die will doch keiner....
Traveler
Was für ein tolles Foto....