• Das Belohnungssystem 🍰🍺🍷⛰️🪲

    June 16 in Germany ⋅ ☁️ 25 °C

    Liebes Tagebuch. Was soll ich sagen. Ein weiterer brillanter Tag auf dem Rheinsteig. Ich hab hier meinen Spaß.
    Mein Schlaf war super tief und ohne Wecker bin ich erst um halb sieben aufgewacht. Beim Zusammenpacken kam ein plötzlicher Schauer runter. Es war bewölkt und bereits sehr stickig. Auf halb Acht setzte ich mich in Gang. Erst ging es in eine tiefe Schlucht und dann natürlich wieder aus ihr hinaus. Diesmal auf breiten Waldwegen, welche schonmal den Belag für den Großteil des Tages vorgaben. Nicht schlimm, denn heute schmückten wieder so einige Zecken den Wegesrand, als es durch ein paar zugewachsene Abschnitte ging. Zumindest in den kühlen und feuchten Teilen. Über ein paar Felder ging es über Dörscheid nach Kalb. Aus dem Tal kamen mir einige Wandersleut entgegen. Der nächste Regenguss kam herunter. Eine Gruppe von Wandernden fingen panisch an ihre Regenkleidung anzulegen und die Rucksäcke zu verpacken. Regenjacke war keine Option, denn es war viel zu warm. Also genoss ich die kühlen Tropfen, welche nach 5 Minuten auch wieder nachließen. Der Abstieg nach Kalb war knackig mit ein paar steilen ausgesetzten Stellen. Ich konzentrierte mich einfach auf den Weg und tat was ich den ganzen Tag machte. Gehen.
    Im Dorf angekommen gönnte ich mir ein Plunderteilchen. Die letzten Tage waren anstrengend und seit 16 Tagen bin ich eigentlich immer gelaufen. Das sollte heute belohnt werden. Natürlich musste ich auch das öffentliche WC testen. Eine 2/10. 50cent, ein Metallloch und kein Klopapier. Immerhin sauber und auch hier passten die Flaschen unter den Wasserhahn. Sowas ist wichtig.
    Aus Kalb hinaus führte der Weg steil über Asphalt und dann durch die Weinberge immer den Hang hinauf, wo er dann in einen Wald mündete. Auch mal nett so zwischen großen Bäumen zu verschwinden. Aber dieser Wald brachte einen neuen Gegner in den Ring. Die Hirschlausfliege. Quasi die Zecke der Lüfte. Widerspenstig und mit ihren Beinchen klammert sie sich überall fest. Sie waren im Nacken, am Ohr und sonstwo. Aber anders als Zecken spürt man sie krabbeln. Ein sehr prägnantes Gefühl, wenn man schon öfters mit ihnen zu tun hatte. An einer Schutzhütte machte ich meine Mittagspause und säuberte mich von den Viechern. Ab jetzt Kapuze auf. Es ging wieder hinab, steil, und zwei schwer bepackte Wanderer kamen mir entgegen. Ihre Gesichter von Anstrengung verzerrt und nass vom Schweiss. Sie waren auf jedenfall auf einer Mission und versuchten sich nichts anmerken zu lassen. Der Hang war aber auch wirklich kriminell steil. Die Armen. An der Baumstamm Weinbar machte eine weitere Pause und versorgte meinen Körperhaushalt mit Mineralien und so per Weizenbier. Ein uriger Spot. Einfach im Wald eine kleine Bar. Eine kleine Belohnung. Die Steigungen waren jetzt eher moderat. Alles gut gehbar. Bis vor Lorch. Da gab es wieder eine "Kletterpassage" und tatsächlich bis jetzt die anspruchsvollste. Auf den Weg konzentrieren und das machen was ich eh den ganzen Tag mache: gehen oder auch mal kraxeln. Eine weitere Belohnung war fällig. In Lorch sah ich eine Schale Tiramisu in der Auslage eines Cafes. Ja bitte. Ganz wunderbar. Es ging nun durch Weinberge und die Sonne drückte mächtig auf den Helm. Was war das? Eine SB Weinkiosk am Wegesrand. Ach, alkoholfreie Rieslingschorle, gut gekühlt? Ja bitte. Sehr erfrischend. Belohnung muss sein. Von den Weinbergen aus gab es wieder Weitsichten satt. Es wurde brennend heiss und ich war froh, als der Weg wieder in den Wald überging und vor mir mein Nachtlager sich auftat. Der Campingplatz Suleika. Zwischen zwei Wohnwagen graste ein Reh. Mitten in den grünen Hang gesetzt war dies eine wahre Oase. Schön schattig. Eine Quelle aus dem Wald direkt am Zeltplatz. Das Gelände war so steil, dass ich zum Duschhaus ordentlich Höhenmeter absolvieren musste, aber das kühle Nass war es wert. Eine tote Hirschlausfliege verschwand in der Abflussrinne.
    Dann die übliche Routine. Zelt aufbauen essen und noch ein Helles einer kleiner lokalen Brauerei verdrückt. So als Belohnung.
    Ich ging vom Platz noch einmal hinauf in die Weinberge, um die verschwindende Sonne zu beobachten. Auf dem Weg dorthin hörte ich ein lautes Brummen. Ich dachte erst an eine Hornisse, aber es war viel größer. Es war ein Hirschkäfer. Schwerfällig schwebte er durch die Luft. Und ein zweiter kam hinzu. Es ganz toller Moment, denn seid Jahren wartete ich darauf mal so ein Tier Live und in Farbe zu sehen. Die zwei dicken Brummer verschwanden im Unterholz. Die schönste Belohnung. Kannste nicht bestellen und nicht kaufen.
    Ich ging entlang der Weinreben und folgte den schwindenden Sonnenstrahlen. Ich fand eine Bank. Der perfekte Ort, um dich liebes Tagebuch mit Erinnerungen zu füttern.
    Mit Einbruch der Dunkelheit machte auch ich mich wieder auf den Weg zum Zelt. Dort angekommen wartet die nächste Belohnung auf mich. Die Glühwürmchen schwebten über die kleine Rasenfläche um mein Zelt herum. Wirklich magisch.
    Ich wurde etwas wehmütig, denn dies war meine letzte Nacht auf der Sektion Rheinsteig. Was für ein wilder Ritt die letzten Tage waren. Den zeitweisen Lärm hatte ich akzeptiert und somit gab es eigentlich nichts was ich nicht genießen konnte. Ich bin gespannt was der Rheinsteig auf den letzten Kilometern bis Rüdesheim noch zu bieten hat. Vermutlich ein auf und ab. Aber eins ist schonmal klar: Der Rheinsteig ist wirklich belohnend.
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