Seefeld -Hechendorf nach Grafrath
June 1, 2025 in Germany ⋅ ☁️ 25 °C
Pilgern bringt mich weiter in meinen inneren Prozessen. Das Unterwegssein mit beiden Beinen mal ein Schritt mit dem rechten Fuß und dann mit dem linken Fuß aktiviert die gegenteilige Gehirnhälfte. Ohne großes Trallala passiert das wie im Autopilot. Der Weg heute führt zum Grab des Heiligen Rasso in der Wallfahrtskirche St.Rasso in Grafrath. Läppische 16 km durch Wald und Wiesen.
Treffpunkt ist der S-Bahnhof in Seefeld-Hechendorf, wir sind eine kleine Pilgergruppe mit zwei Pilgerbegleiter und 5 Pilger. Ich scheine neben den Pilgerbegleiterinnen Caroline und Anette die Jüngste zu sein. Zweimal Ursula, Arne, Helga und vielleicht Erika.
Himmlische Perspektiv
Kurz nach Himmelfahrt, machen wir uns auf dem Weg. Auf den Spuren des Heiligen Rasso von Seefeld nach Grafrath bewegen wir mit unserer ganz individuellen, vielleicht auch gemeinsamen Himmlischen Perspektive .Haben wir Vertrauen in den Himmel? Genug inneren Abstand zu Situationen, die uns bewegen?
Dieser Pilgertag lädt ein, den Alltag hinter sich zu lassen und neue Blickwinkel zu gewinnen. Spirituelle Impulse und Momente der Stille begleiten den Weg und unterstützen dabei, Schritt für Schritt dem inneren Kompass zu folgen. Kann ich das Gute und auch das Schwere an den Himmel abgeben?
Trotz der Kleingruppe bin ich diesmal ganz alleine unterwegs. Die überwiegende Zeit pilgere ich bei Regen alleine ohne mit jemand zu sprechen. Dankbar bin ich für die Regenjacke meiner Schwester, sie wird heute von mir Premiere getragen. Ich pilgere vorbei an einem Garten mit herrlichen Margeriten, meine Lieblingsblumen von Kind an. Ich denke an die wilde Blumenwiese hinter dem Haus meiner Kindheit mit Kuckusblumen, Gänseblümchen, Butterblumen und Löwenzahn ( Pusteblume) .
Weiter geht es im Schweigen bis zum Wörthsee, vorbei an Getreidefelder Weizen und Gerste.Beim Zurückschauen haben wir einen Panorama-Blick Richtung Kloster Andechs und Zugspitze.
Am Wörthsee ist es am Sonntagmorgen sehr ruhig, ein paar Windsurfer sind auf dem Wasser und der Regen hat sich verabschiedet. Wer im Schirm des Höchsten sitzt wird bleiben im Schatten des Allmächtigen. Die nächste Station ist die katholische Kirche Heiliges Abendmahl in Steinefeld. Wir betreten die Kirche Caro liest das Gedicht von Rainer Maria Rilke vor:
Nachthimmel und Sternenfall
Der Himmel, groß, voll herrlicher Verhaltung,
ein Vorrat Raum, ein Übermaß von Welt.
Und wir, zu ferne für die Angestaltung,
zu nahe für die Abkehr hingestellt.
Da fällt ein Stern! Und unser Wunsch an ihn,
bestürzten Aufblicks, dringend angeschlossen:
Was ist begonnen, und was ist verflossen?
Was ist verschuldet? Und was ist verziehn?
Insbesondere die Passage: Was ist begonnen, und was ist verflossen? spricht mich an. Ich spiele mit meinen Gedanken in die Vergangenheit und gleichzeitig in die Zukunft. Die ersten Pilgerwegweiser des Rassoweges tauchen auf, die Hitze drückt durch und wir Pilgern weiter bis zu einem kühlen Wald. Dort verweilen wir für eine längere Mittagspause.
Beim Weiterpilgern laufe ich mit Caro weiter, wir tauschen uns aus über alte Kindheitsverletzungen und wenn wir im Jetzt und Hier getriggerte werden. Es geht immer darum stellen wir fest, wir sind heute in Sicherheit und dürfen den alten Gefühlen keine Macht über uns geben. Raus aus dem Opfer und sich davon verabschieden, dankbar zu sein für das was Gutes früher geschehen ist. Ich erzähle ihr einen nächtlichen Traum den ich kürzlich hatte. In dem Traum rettete ich mich selbst durch eine Reanimation und ich konnte wieder Atmen. Atmen steht für Leben und der Freitod meines Vaters war sein Weg nicht mehr zu Atmen. Heute habe ich mich mit meiner Tochter in Augsburg getroffen, dort sah ich eine Frau mit einem T-Shirt „Just Breathe“ Sofort entschied ich so ein T-Shirt mit so einem Aufdruck zu kaufen. Atme einfach Karola.
Es ist nicht mehr weit und wir sind in Grafrath an der katholischen Kirche Sankt Rasso angekommen. Dort war ein Gottesdienst und nur deswegen konnten wir zu unserem Ziel an das Grab des Heiligen Rasso gelangen. Wenn dort kein Gottesdienst ist ist der Kirchenraum mit einem Gitter verschlossen.
Das Grab des Heiligen wurde schon im Mittelalter von zahlreichen Pilgern aus Bayern, Schwaben und Tirol besucht. So ist überliefert, dass unzählige Wunder an dem Wallfahrtsort geschehen sein sollen. Besonders bei Leiden und Krankheiten des Unterleibs erhofften sich die Pilger durch die Wallfahrt nach Grafrath Gesundung.
Zum erstenmal zünde ich für meinen verstorbenen Vater (den ich mit dem 6.Lebensjahr verloren habe) eine Opferkerze an in dieser Kirche. Ein besonderer Moment der mich berührt. Eine Mitpilgerin schließt sich mir an.
Wir pilgern noch bis zur S-Bahn in Grafrath und dann trennen sich unsere Wege. Nach dem Weg ist vor dem Weg.Read more



















TravelerEin Schritt nach dem anderen gehen, einatmen und ausatmen, bei sich sein, in deinem Leben. Das zu spüren ist ein kostbares Geschenk und das Gefühl was folgt, ist Dankbarkeit für das eigene wunderbare Leben. Mit allen Sinnen Gottes wunderbare Welt zu erleben, das fühlt sich sehr lebendig an.
Traveler🫶