• Freetown Christiania & Reffen Foodcourt

    24. mai 2024, Danmark ⋅ ☁️ 17 °C

    Der nächste Morgen. Ich schlafe aus. Am Strand habe ich eine öffentliche Toilette ausgemacht, die kostenlos, recht sauber und rund-um-die-Uhr geöffnet ist. Ideal.
    Ich habe vor, in einem Café zu frühstücken, welches Julia bei ihrem letzten Kopenhagenbesuch gespeichert hat. Es liegt auf dem Weg ins Stadtzentrum. Heute scheint wieder die Sonne und in mir keimt der Gedanke, einen Tag Kopenhagen einzuplanen und dann morgen direkt bis Hamburg zu fahren. Der Morgen ist eh bereits fortgeschritten und besser als hier am Wasser werde ich woanders auch nicht stehen. Ich telefoniere mit Julia und berichte ihr von meiner Planänderung. Sie sagt, Johanna hätte heute wohl auch Zeit für ein Treffen. Ich kenne sie nicht - freue mich aber irgendwie, sie kennenzulernen. Julia stellt den Kontakt her.
    Ich gehe zum Café und starte mit einem typisch-dänischen Vollkorngebäck, an dessen Namen ich mich nicht erinnere und einem Kaffee in den Tag. Anschließend möchte mir Freetown Christiania anschauen und ein wenig die Lockerheit und Freiheit dieser autonomen Gemeinschaft genießen. Ich war vor ein paar Jahren schon einmal hier und erinnere mich an die spezielle Atmosphäre.
    Ich laufe Richtung Stadtzentrum und laut Google-Maps sollte ich hierbei durch Christiania kommen. Ich laufe durch das Viertel, in dem Johanna wohnt, und es erscheint mir sehr lebenswert - vier- oder fünfgeschossige Mehrfamilienhäuser und viel Grün.
    Ich betrete Christiania nicht durch den "Haupteingang", sondern komme etwas sneaky über eine Brücke. Hier verläuft ein Fluss oder Kanal und ich beschließe, diesen entlang zu gehen. Laut Google führt mich der Weg irgendwann über eine zweite Brücke und am anderen Ufer zurück ins "Zentrum" von Christiania.
    Hier stehen vereinzelt Häuser. Viele sehen nicht aus, als hätte hier eine ordentliche Bauabnahme stattgefunden. Sowohl Art und Stil als auch die verwendeten Baumaterialien sind sehr verschieden. Eines haben jedoch alle gemein - sie sind liebevoll und wohnlich gestaltet und strahlen eine friedliche Ruhe aus.
    Vor einem Haus bietet die Besitzerin handbemalte Steine und Tonscherben zum Verkauf. Auf den Stücken finden sich Weisheiten, die man auch auf Instagram finden kann, wenn man die entsprechenden Accounts abonniert. Manche sind auch nur mit Blumen oder Insekten bemalt. Ich entscheide mich, zwei Steine mitzunehmen. Einen kleinen (Liebes-)Käfer für Julia und ein mit Blumen bemalter Stein mit dem Wort "Inspire". Beide Dinge sprechen mich auf besondere Weise an. Von der Verkäuferin ist nichts zu sehen, da entdecke ich einen Zettel mit ihren PayPal-Daten. Die Preise stehen auf der Rückseite der Steine.
    Ich überweise den Betrag an Charlotte und just in dem Moment, wo die Transaktion beendet ist, öffnet sich die Tür des Hauses. Eine Frau tritt heraus und hat Müllbeutel in der Hand. Vermutlich ist das Charlotte.
    Sie kommt auf mich zu und wir grüßen uns. Ich sage, dass ich ihr gerade etwas überwiesen habe und sie sagt, dass sie deshalb hier sei. Sie möchte gern wissen, wer ihre Dinge kauft und fragt mich, wofür ich mich entschieden habe. Die Steine sind bereits in meinem Rucksack und ich beschreibe die Steine. Sie kennt ihr Werke und freut sich, dass mir ihre Kunst gefällt. Fotos sind in Christiania eigentlich nicht gern gesehen. Hier herrschen eigene Regeln. Charlotte willigt auf ein Erinnerungsfoto ein.
    Wir schnacken noch kurz und dann ziehe ich weiter.
    Ich verstehe, dass man hier keinen Fototourismus möchte. Dennoch möchte ich besonders schöne Dinge oder Momente gern festhalten. Ich spüre einen kleinen Kampf in mir. Letztendlich mache ich doch ein paar Bilder von besonders schönen oder bedeutungsvollen Motiven. Meist schaue ich mich um, ob niemand da ist: Wo kein Kläger - da kein Richter!
    Mir gefällt auch ein wenig der Gedanke, dass ein Polizist aus der "realen Welt" gegen die Regeln in Christiania verstößt - Hehe!
    Am Uferweg entdecke ich einen Baum, der über den Weg gewachsen ist. Statt ihn abzuschlagen, haben die Bewohner eine kleine Stütze gebaut. Nun kann man bequem unter dem Baum hindurchgehen und der Baum erfreut sich seines Seins. Mir kommen ein paar Lebensanalogien in den Sinn und ich zücke mein Handy für ein Erinnerungsfoto.
    Im Zentrum von Christiania angekommen, kaufe ich noch ein paar Andenken in einer Kunstgalerie und gönne mir einen Kaffee. Mich umgibt der Cannabisgeruch vom Nachbartisch. Ich erinnere mich an das letzte Mal, als ich hier war und wie besonders eine solche Situation damals für mich war. Nach 15 Jahren Berlin weckt die Situation eher Heimatgefühle und ich denke bei mir - irgendwie ist Berlin Christiana in groß. Allerdings mit all den Problemen, die Größe mit sich bringt. Hier scheint alles sehr entspannt und friedlich. Der Friede-Freude-Eierkuchen-Eindruck scheint aber auch hier zu trügen. Der Eingang zur bekannten Pusher-Street ist mit einem Schild versperrt. Darauf wird von gewaltbereiten Gangs berichtet und dass sich die Community darauf verständigt hat, die Pusher-Street umzugestalten. Es geht um Kulturräume, Spielplätze für Kinder und Sitzgelegenheiten für Erwachsene. Schöne Vorstellung, denke ich bei mir.

    Ich verlasse Christiania und ziehe weiter zu Nyhavn - dem Postkarten-Motiv von Kopenhagen. Johanna hat sich zwischenzeitlich gemeldet und gesagt, dass sie ab 18 Uhr Zeit hätte. Sie hat als Treffpunkt einen Foodcourt vorgeschlagen. Diesen kann man auch mit dem Boot von Nyhavn aus erreichen. Hier lassen sich einige Stunden in der Sonne aushalten. Ich habe mich auch noch mit Julia zu einem Telefonat am Nachmittag verabredet.
    Ich schlendere den Kanal entlang und lasse mich auf der Kaimauer nieder. Das dunkle Holz der "Mauer" ist von der Sonne angenehm vorgewärmt und zudem bequem. Nach ein paar Minuten des Sitzens spüre ich den Wunsch, mich hinzulegen. Schuhe aus, lang gemacht und Augen geschlossen. Das Leben kann so schön sein. Um mich herum nehme ich die Kulisse der Restaurants, vorbeispazierender Menschen und eines Strassenmusikers wahr.
    Ich weiß nicht, wie lang ich hier liege. Dann ist es Zeit für das Telefonat mit Julia. Ich werfe dem Strassenmusiker ein kleines Dankeschön in seine Dose und schlendere den Kanal entlang. Die Umgebung nehme ich während unseres Gespräches nur sehr eingeschränkt wahr. Unser Thema beansprucht meine gesamte Aufmerksamkeit.
    Es ist ein schönes Gespräch und ich fühle mich anschließend erfüllt und verbunden.
    Langsam wird es Zeit, die Abfahrtstelle für mein Boot auszukundschaften. Die Sache scheint nicht sehr kompliziert und das Boot ist pünktlich. Johanna ist es nicht ganz. Das ist aber kein Problem. Sie schreibt mir, dass sie etwas später kommt. Am Treffpunkt suche ich mir eine Bar und werde dort von zwei Spanierinnen interessiert gemustert.
    Ich denke über ein Wartebier nach und bestelle gleich zwei - Johanna hat sicher auch Durst, wenn sie ankommt. 16€! Dafür bekäme ich in Deutschland einen ganzen Kasten - inklusive Pfand.
    Johanna trifft ein und wir erkennen uns. Ich sehe sie zum ersten Mal in meinem Leben und doch fühle ich keinerlei Scheu beim ersten Kontakt. Sie freut sich über das Bier. Wir schlendern los Richtung Foodcourt.
    Dort gibt es einen Security-Check - der ist neu, wie Johanna feststellt. Mit unseren Bieren kommen wir dort nicht rein. Ich habe auch noch ein weiteres in meinem Rucksack. Also lassen wir uns kurz am Wasser nieder. Wir reden über unsere Verbindung zu Julia, über ChatGPT und künstliche Intelligenz. Nachdem dem mittlerweile dritten Bier an diesem Nachmittag merke ich eine gewisse Wirkung.
    Wir betreten den Foodcourt. Das Areal st voller junger Menschen und jeder Menge Fressbuden mit den unterschiedlichsten Gerichten aus aller Welt. Alles sieht köstlich aus. Johanna schwärmt von einem argentinischen Steak-Baguette und meine Entscheidung ist gefallen.
    Wir lassen uns auf einer Art Beach in der Mitte des Court und am Wasser nieder. Dieses gesamte Areal war wohl mal ein Industriehafen und ist nun ein Platz mit Foodcourt, Kletterhalle und kulturellen Einrichtungen. Ich freue mich über das Kennenlernen dieses besonderen Fleckchens Kopenhagen, welches ich ohne Johanna nicht entdeckt hätte.
    Johanna reist am nächsten Morgen nach Deutschland und muss noch packen. Ich bin dankbar, dass sie sich überhaupt so spontan Zeit genommen hat und wir radeln gemeinsam in ihre Hood. An dem Café, bei welchem ich heute Morgen gestartet bin, geben wir mein Mietrad ab. Johanna verabschiedet sich und ich gehe das kurze Stück zu meiner Sunny.
    Ich beschließe morgen früh zum Sonnenaufgang aufzustehen und den vermutlich letzten Sonnenaufgang dieser Reise zu genießen.
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