• Einmal Hölle und zurück

    September 22, 2024 in Spain ⋅ ☁️ 21 °C

    Eigentlich ist sie ein respektables Naturschutzgebiet - der im Spanischen maskuline "Barranco del Infierno" - die Höllenschlucht. In dieser Schlucht haben über 80 endemische Arten ihre Heimat, die es teils selbst auf Teneriffa sonst nirgends mehr gibt. Gleichzeitig ist sie eine der "Standard-Wanderungen" auf der Insel - nur wenige Minuten Autofahrt von den Hotelburgen im Süden entfernt, lädt sie einfach alle gelangweilten Insassen zu einem Tagesausflug ein. Und obwohl man mandatorisch einen Helm für die Wanderung erhält und tragen muss, ist sie wirklich nicht schwer.

    Der Zulass ist aus Schutzgründen für die Natur beschränkt, laut Reiseführer muss man am besten Wochen im Voraus seinen Platz buchen. Naja, das ist uns ja eigentlich noch nie wirklich passiert, und so konnten wir auch gestern Abend problemlos für heute um halb Neun morgens buchen. Es wird gewarnt ohne Ende, richtiges Schuhwerk, richtiger Sonnenschutz, der Helm, viel zu trinken und so weiter und so fort. Da lasse ich mich fast schon einschüchtern. Im Nachhinein würde ich sagen, entweder übertreiben die maßlos, oder die Wanderungen, die ich mit Max schon gemacht habe, waren viel gefährtlicher, als ich vermutete... ich tendiere zu ersterem. 😎

    Die Wanderung führt vom Eingang aus gemütlich mit wenigen An- und Abstiegen ins Innere einer Schlucht direkt am Ortsrand von Adeje(, der Gemeinde, zu der auch ein Großteil der Hotelanlagen an der Küste gehören. Man hat Geld, und das sieht man im alten Ortskern.) An den Hängen der Schlucht wächst auf beiden Seiten reichlich trockenheitsverträgliches Grün, insbesondere wieder die hübschen Kakteen. Nach dem Abstieg zum Schluchtgrund treffen wir tatsächlich auf ein kleines Rinnsal, und durch die Feuchtigkeit ist die Vegetation dichter und grüner. Wieso die Schlucht auf Deutsch "Höllenschlucht" heißt, erschließt sich erst ganz am Ende.

    Dann nämlich, nach der letzten Biegung, trifft man auf den kleinen Wasserfall, den Rest des Wassers, das die Schlucht dereinst geformt hat. Und dieser Einschnitt schaut schon aus, als könnte sich das Tor zur Hölle dahinter verbergen. Zumindest trostlos genug ist es. Und wer wacht davor? Nein, nicht Zerberus. Ein Nordfriese! 😂 Der Parkaufseher spricht uns nach unseren Grußworten an, ob unser Akzent nicht Deutsch sei, um nach unserer Bejahung fließend Deutsch mit erkennbarem Akzent weiterzuplaudern. Man könnte meinen, er hat schon lang nicht mehr deutsch sprechen dürfen, es entwickelt sich ein längeres Gespräch, bei dem wir manches Interessantes über die Schlucht und die Kanaren erfahren.

    Irgendwann seile ich mich für Fotos vom Wasserfall vom Gespräch ab, und als der Ausgewanderte und Max beim amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf angekommen sind, muss ich unterbrechen. Politik, und das noch im Urlaub - keine Chance! 🙄 Dafür kriegen wir noch einen Tipp für einen kleinen Hafen (El Puertito - das Häflein), der sich für eine Erfrischung im Meer anbietet. Den sollten wir nutzen, bevor das jüngst genehmigte 5-Sterne-Hotel dort gebaut wird. Tja, ist nicht aufzuhalten ... zumindest bis im Norden die Steilküste ein Ende bereitet. Ach, und eine Kröte zeigt er uns auch noch, die in der Schlucht ausgesetzt wurde nach der spanischen Eroberung - sehr unscheinbares Ding. 😉

    Nun gut, wenn wir diese Empfehlung schon bekommen haben, schauen wir doch auch mal, was sie wert ist, und fahren direkt nach El Puertito. Wenn's passt, wäre ein Eintauchen ins Meer schon recht, um den Schweiß und vor allem Staub der Wanderung abzuwaschen. Ist ein hübsches kleines Fleckchen, ein Lokal gibt es, und ein paar Party-Boote liegen im Wasser. Das schreckt a weng ab. Vielleicht gibt es sich, also erst einmal Frühstück. Das Lokal begeistert uns nicht, auch wenn Calamaris als Belag für ein Brötchen für mich eine neue Erfahrung sind, und eine sehr trockene.

    Gebadet wird nicht. Wir fahren weiter die Küste entlang nach Norden. Einige Orte werden im Reiseführer als wenig touristisch, teils noch urtümlich geschildert. Dem können wir nicht immer zustimmen, aber es ist wirklich unterschiedlich. Gut gefällt uns Alcalá, hat einen winzigen Strand aber Bademöglichkeiten im Meer, einen schönen Dorfplatz, keine Hotelanlage und eine ruhige Atmosphäre. Direkt vor der Steilküste liegt das namensgebende "Los Gigantes". Im dortigen Sporthaben, wir können es erst nicht recht fassen, ist ein Parkplatz rund ums Hafenbecken. Bei Begegnungsverkehr kann man auf der Wasserseite schon etwas nervös werden. Ansonsten eine arge Touristenfalle, und noch nicht einmal mit schönem Blick auf die Felsen. Da wir schon mal dort glücklich parken, gibt's einen Rundgang und ein Eis, dann gehts weiter.

    Jetzt müssen wir die Küste natürlich verlassen und uns dem Teno-Gebirge zuwenden. Und da der Nachmittag noch nicht weit fortgeschritten ist, visieren wir das Bergdorf Masca an, das im Reiseführer als schönstes Dorf Teneriffas genannt wird. Und wen wundert's, das haben auch ein paar andere Leute gelesen! 🙈 Die Zufahrt ist eine nicht sehr breite, aber neue, Serpentinenstraße. Mit viel Verkehr. Naja, Max fährt, aber schön ist es nicht. Das Dorf ist wie ein Freilandmuseum, Einheimische sieht man nicht, die meisten Häuser beherbergen Restaurants (überwiegend geschlossen), Touristen aller Herren Länder lassen sich vernehmen. Also, ja, die Lage ist spektakulär, die Häuser sind hübsch, authentisch ist kaum mehr etwas. Gut, wir haben's gesehen, und fürs Weiterfahren ist es mittlerweile zu spät, es geht zurück.

    Max muss nicht mehr die Strandorte ansteuern, die wir herwärts übersprungen haben, so gnädig kann ich sein... 😇 Und weil uns Alcalá so gefallen hat, halten wir dort und suchen uns ein Lokal aus. Dafür müssen wir ganz schön suchen, landen letztlich mehr aus Not als Überzeugung in einem Restaurant am Rande der Plaza. Und haben dort einen richtig netten Abend beim Essen. Die Bedienungen sind unheimlich freundlich, sprechen Deutsch und Englisch, und Spaß machen sie auch. Die Kellnerin stellt sich als Irene vor und meint, mein Barraquito sei mit viel Liebe gemacht. 😍 Schmeckt auch super, mit Likör als Draufgabe zu den zwei Gläsern Weißwein beim Essen. Naja, war auch viel Essen. 🤷🏼‍♂️

    Daheim planen wir dann morgen eine ordentliche Wanderung nördlich von Masca, da kann ich Essen und Weiß- und anschließenden Rotwein (wir hatten uns gestern schon eingedeckt 😎) wieder gut ausschwitzen.
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