Pura Vida: Menschen
30. august 2015, Argentina
zten Küche von José, der hier seine vierwöchige Schicht ableistet. Während wir die Zwiebel kleinschneiden, saugt er an seinem silbrigen Röhrchen aus dem Matebecher. Er will wissen, wie es uns in Argentinien gefällt. Wir haben nicht nur Positives zu berichten und auch José meint: „Ja, Argentinien hat eigentlich alles, Gas, Petrol, Lebensmittel, um das ganze Land zu versorgen, Wasser, Tourismus – solo falta el cerebro – nur das Hirn fehlt uns.“ Dabei spielt er auf die schiefe Wirtschaftslage an, die Korruption, die das Land in den Abgrund treibt. „Ich verdiene 1500 Dollar im Monat, damit muss ich meine Frau und drei Kinder durchbringen“, fährt er empört fort, „das reicht kaum zum Leben!“ Später sprechen wir über unsere Reise, das Leben in Asien und Afrika. Wir erzählen von den vielen Leuten, dass wir in Zentralafrika manchmal die Einsamkeit vermisst haben und José lacht: „Ja, damit habt ihr in Patagonien kein Problem, aqui falta gente!“
José hat recht. Wir begegnen kaum Menschen. Wer wagt es schon, diesem unwirtlichen Klima zu trotzen, hat die Fähigkeit, dem kargen Land genug zum Überleben abzuringen? Nur hin und wieder stehen einfache Holzschilder am Strassenrand mit aufgepinselten Aufschriften: „Estancia La Soledad – 5km“, „Estancia El peligro lugar – 8km“, „Estancia El ultimo rincón – 15km“. Zwei Reiter mit einer Meute Hunden in der Ferne, ein klappriger Ford, der im Schneegestöber anhält: „Lindo dia para andar en bici...“ Schalk blitzt aus den Augen des Fahrers, ein wettergegerbtes Gesicht, ein kariertes Halstuch. Schräg sitzt das schwarze Beret auf dem Kopf. Gauchos wie aus dem Bilderbuch.
Zwischen Argentinien und Chile herrscht Abneigung und Konkurrenz. Argwöhnisch hat uns José gefragt, ob wir denn auch nach Chile gehen würden. „Klar“, haben wir geantwortet und prompt einen Vortrag darüber eingefangen, wie klitzeklein und unscheinbar Chile (der Fensterrahmen) im Vergleich zum grossen, überlegenen Argentinien (die ganze Fensterscheibe) sei. Und dennoch scheint der Fensterrahmen solider dazustehen als die Glasscheibe. Während wir in Argentinien das Gefühl haben, dass alles langsam verlottert, dass die Preise in keinem Verhältnis zur Leistung stehen, dass die Menschen vor zehn Jahren lebensfreudiger und freundlicher waren, sehen wir in Chile Veränderung. „Chile mejor – Chile ist besser“, verkünden die Staatsplakate an jeder Ecke. Und obwohl auch in diesem Land vieles schief läuft, müssen wir der Propaganda insgeheim recht geben.Læs mere












