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Lange Reise Teil 2

Bikepacking Weltreise: Südamerika - Nordamerika Læs mere
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    31. juli 2015

    Pura Vida: Pläne

    4. august 2015, Argentina

    Die Welt ist gross. Das Kartenmaterial von Afrika liegt aussortiert auf dem Boden, die Fahrräder sind bereits in die Kartons verpackt und auch die Packtaschen warten nur noch auf die letzte Schutzhülle aus Abfallsäcken und Paketband. Bereit für die Weiterreise, doch wohin?

    Auf einem Fetzen Papier zeichnen wir eine Jahreszeitentabelle, kritzeln die verschiedenen Ideen und Varianten auf. September bis März... Neuseeland? Wann ist eigentlich die geeignete Jahresezeit um die Great Divide Mountain Bike Route in den USA zu fahren? Oder Ende Februar ganz oben in Kanada am arktischem Ozean auf ein paar Eisstrassen südwärts starten? Es wäre die letzte Gelegenheit, denn bis im 2016 soll die Allwetterstrasse bis ans McKenzie-River-Delta fertig gestellt sein. Doch was machen wir bis dann? Am Ende treffen wir die Entscheidung spontan. Ein billiger Flug nach Südamerika – endlich unsere Andenhauptkamm Route realisieren, die uns seit unserer Südamerikareise vor zehn Jahren im Kopf rumspukt. Und ein Abstecher in den patagonischen Winter wäre doch auch was.
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  • Pura Vida: Landschaften

    20. august 2015, Chile

    Wir verbringen einen sonnigen Tag beim Perito Moreno und holen nach, was wir vor zehn Jahren verpasst haben: Stahlblauer Himmel und fast alleine auf den Laufstegen, die an der Flanke des riesigen Gletschers entlangführen. Während wir auf das Knirschen des Eises lauschen, sein tiefes Blau bewundern und uns ein eisiger Wind um die Ohren pfeift, werden wir uns rasch einig: Wir haben die richtige Entscheidung getroffen.

    Von El Calafate aus geht es hinaus in die Pampa. Vor zehn Jahren und nach 1500km topfebener Landschaft unser Radlerschreck, empfinden wir sie nach den langen geraden Strecken in Afrika als gar nicht mal so übel. Wusch – und schon stehen wir am Fuss der hier noch jungen Anden. Wir fahren durch eine frisch verschneite Bergwelt. Die Strecke ist einsam, kaum jemand verirrt sich in das wilde Grenzland am Paso Raballos. Winterstille, eine überzuckerte Märchenwelt, Narnia. Wir lieben es.
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  • Pura Vida: Menschen

    30. august 2015, Argentina

    zten Küche von José, der hier seine vierwöchige Schicht ableistet. Während wir die Zwiebel kleinschneiden, saugt er an seinem silbrigen Röhrchen aus dem Matebecher. Er will wissen, wie es uns in Argentinien gefällt. Wir haben nicht nur Positives zu berichten und auch José meint: „Ja, Argentinien hat eigentlich alles, Gas, Petrol, Lebensmittel, um das ganze Land zu versorgen, Wasser, Tourismus – solo falta el cerebro – nur das Hirn fehlt uns.“ Dabei spielt er auf die schiefe Wirtschaftslage an, die Korruption, die das Land in den Abgrund treibt. „Ich verdiene 1500 Dollar im Monat, damit muss ich meine Frau und drei Kinder durchbringen“, fährt er empört fort, „das reicht kaum zum Leben!“ Später sprechen wir über unsere Reise, das Leben in Asien und Afrika. Wir erzählen von den vielen Leuten, dass wir in Zentralafrika manchmal die Einsamkeit vermisst haben und José lacht: „Ja, damit habt ihr in Patagonien kein Problem, aqui falta gente!“

    José hat recht. Wir begegnen kaum Menschen. Wer wagt es schon, diesem unwirtlichen Klima zu trotzen, hat die Fähigkeit, dem kargen Land genug zum Überleben abzuringen? Nur hin und wieder stehen einfache Holzschilder am Strassenrand mit aufgepinselten Aufschriften: „Estancia La Soledad – 5km“, „Estancia El peligro lugar – 8km“, „Estancia El ultimo rincón – 15km“. Zwei Reiter mit einer Meute Hunden in der Ferne, ein klappriger Ford, der im Schneegestöber anhält: „Lindo dia para andar en bici...“ Schalk blitzt aus den Augen des Fahrers, ein wettergegerbtes Gesicht, ein kariertes Halstuch. Schräg sitzt das schwarze Beret auf dem Kopf. Gauchos wie aus dem Bilderbuch.

    Zwischen Argentinien und Chile herrscht Abneigung und Konkurrenz. Argwöhnisch hat uns José gefragt, ob wir denn auch nach Chile gehen würden. „Klar“, haben wir geantwortet und prompt einen Vortrag darüber eingefangen, wie klitzeklein und unscheinbar Chile (der Fensterrahmen) im Vergleich zum grossen, überlegenen Argentinien (die ganze Fensterscheibe) sei. Und dennoch scheint der Fensterrahmen solider dazustehen als die Glasscheibe. Während wir in Argentinien das Gefühl haben, dass alles langsam verlottert, dass die Preise in keinem Verhältnis zur Leistung stehen, dass die Menschen vor zehn Jahren lebensfreudiger und freundlicher waren, sehen wir in Chile Veränderung. „Chile mejor – Chile ist besser“, verkünden die Staatsplakate an jeder Ecke. Und obwohl auch in diesem Land vieles schief läuft, müssen wir der Propaganda insgeheim recht geben.
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  • Pura Vida: Strassen

    25. september 2015, Argentina ⋅ ⛅ 9 °C

    Wir sind sie gerne noch einmal gefahren, die Carretera Austral. Traumstrasse im patagonischen Süden, Vorzeigeprojekt der Chilenen. Mittlerweilen ist sie fast durchgehend geteert, ist schneller und befahrener geworden, hat ihren Charakter an vielen Orten eingebüsst. Doch dem Lago General Carrera entlang gibt es sie noch, die schmale ruppige Schotterpiste, die steilen Steigungen, die atemberaubenden Ausblicke. Wie lange noch?

    Im Parque Nacional Los Alerces folgen wir einer weiteren Erinnerung an die Carretera. Ein kurvenreicher Weg, an klaren Seen und gefrorenen Wasserfällen vorbei, durch dichte Lärchenwälder. Baumriesen, knorrig und alt. Der Wind schüttelt die frische Schneeladung von den Wipfeln. Es rauscht in den Ästen.

    Dem Rio Aluminé entlang steigt eine schmale Erdstrasse zum Pino Hachado Pass hoch, gesäumt von Araukarien, dem Lebensbaum der Mapuche. Stachelige Blätter, geschwungene Äste, raue schuppige Stämme. Die Abendsonne wirft ihre Schatten vor unsere Räder. Kein Auto weit und breit. Wir zelten in einer Kurve und als wir zum Zähne putzen in den sternenklaren Nachthimmel schauen, erinnern uns die schwarzen Baumsilhouetten an einen einsamen Palmenstrand.

    Ruta 40, wir hassen dich. Zu gut wissen wir, wie langweilig deine oft schnurgeraden Kilometer von Bolivien bis Feuerland führen. Doch dieses Mal täuschen wir uns in dir. Statt öde die Provinz Neuquen zu durchqueren, suchst du dir deinen Weg durch schwarze Lavafelder, um schneebedeckte Vulkane und über smaragdgrüne Flüsse. Eine Urwelt aus Basaltfelsen, Sand und Stein, rostrot, silbriggrau, schwefelgelb, gekrönt von den letzten Schneeresten. Ruta 40, so gefällst du uns.
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  • Pura Vida: Dinge und Radfahrer

    12. oktober 2015, Chile

    Wir haben unsere Ausrüstung während den zwei Jahren immer mehr abgespeckt. Doch es gibt Dinge, die das Radlerleben erheblich vereinfachen und auf die wir nicht verzichten können. Ein stabiles Zelt, ein guter Schlafsack, unser Kocher. Doch dann gibt es auch unscheinbare Gegenstände, die jahraus- jahrein ganz unspektakulär, aber zuverlässig ihren Dienst tun. Zum Beispiel unser Topfgriff. Er stammt noch aus dem Reisegepäck von Ivo's Eltern, ist schon fast vierzig Jahre im Einsatz und trotzdem hat er noch nie schlapp gemacht. Auf der Innenseite des Griffs steht der Markenname Marco. Darum heisst er für uns auch so. Tatsächlich passiert es, dass wir Marco an einem Morgen, nachdem wir wild gezeltet haben, vergessen einzupacken. Wir merken es erst am Abend, hundert Kilometer später. Der Wertverlust würde bloss fünf Franken betragen, doch Marco ist das einzige Reiseutensil, welches ohne Ersatz während insgesamt sechs Reisejahren und über 80'000 km unserer bisherigen Reisegeschichte immer dabei war. Sicher liegt er jetzt todtraurig und verlassen am Fluss. Wir sind uns einig: Wir müssen ihn holen. In drei Stunden trampen wir zurück – und er ist wirklich noch da. Welch ein Glück, Marco wird seine Reise mit uns fortsetzen!

    Über den Paso Los Libertadores geht es von Mendoza zurück nach Chile. Um diese Jahreszeit sind die weiter nördlich und südlich liegenden Pässe noch geschlossen und auch diese Hauptverbindung wird oft willkürlich gesperrt, je nach Wetter oder politischer Laune. Wir hängen zwei Tage auf der Anfahrt fest und langsam staut sich ein beachtliches Radfahrergrüppchen. Als wir im Massenlager bei Puente del Inca übernachten, sind wir zu fünft. Ein französisches Pärchen, das von Kolumbien bis Ushuaia radelt, mit gesponserter Ausrüstung und aufgedruckten Reiselogos auf den Klamotten, das von seiner „Expedition“ spricht und nach strengem Zeitplan fährt. Und Klaus, ein österreichischer Lebenskünstler, der zu Hause die Behörden auf die Palme bringt, indem er sich als freier Vagabund mit Wohnsitz Wald anmeldet, der vor vierzehn Monaten mit einem einfachen, selbst bemalten, von seinem ehemaligen Chef geschenkten Fahrrad in den USA losgeradelt ist und dessen Reise bald in Santiago zu Ende geht. Noch nie sind wir auf so unterschiedliche Radfahrer getroffen.

    Am nächsten Morgen schnappen sich die beiden Franzosen einen 4x4 Pick Up um nicht wieder vor geschlossenem Pass sitzenzubleiben, während Klaus und wir uns entscheiden, auch noch die restlichen Kilometer bis zum Tunnel hochzuradeln. Bald stürmt und schneit es, Lastwagen stehen quer und die letzten drei Kilometer stemmen wir uns gegen ein Whiteout, das uns vom Rad fegt. Nach zwei Stunden finden wir einen Transport, der uns durch den internationalen Tunnel bringt und wir rollen die Serpentinen hinunter in den Frühling.
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  • El Niño: Trotzphase

    30. oktober 2015, Chile ⋅ ⛅ 18 °C

    El Niño wenigstens war kalkulierbar. Alle paar Jahre um die Weihnachtszeit erwärmte sich der ansonsten kalte Humboldtstrom infolge ausbleibender Passatwinde und verarmte an Nährstoffen, und Makrelen, Bonitos und Sardellen ließen sich nicht blicken, weil sie nichts zu fressen fanden. Darum hatten Ucañans Vorfahren dem Phänomen den Namen El Niño gegeben, frei übersetzt ›das Christkind‹. Manchmal beließ es das Christkind dabei, einfach ein wenig die Natur durcheinander zu bringen, aber alle vier bis fünf Jahre schickte es die Strafe des Himmels über die Menschen, als wolle es sie vom Angesicht der Erde tilgen. Wirbelstürme, verdreißigfachte Regengüsse und tödliche Schlammlawinen – jedesmal verloren Hunderte ihr Leben. El Niño kam und ging, so war es immer gewesen. Man konnte sich nicht unbedingt mit ihm anfreunden, aber irgendwie arrangieren. (Aus „der Schwarm“ von Frank Schätzing)

    Seit geraumer Zeit hatte El Niño seine Aufgabe nicht mehr ernst genommen und die wirklich grossen Klimageschenke blieben in Südamerika aus. Doch just in diesem Jahr ist ›das Christkind‹ aufgewacht, um die Pazifikküste mit einer Heftigkeit heimzusuchen, wie sie es seit fünfzehn Jahren nicht mehr erlebt hat. Zuerst haben wir Freude daran. Ein paar aussergewöhnliche Regentage haben die Atacamawüste zum Leben erweckt. Von einem Tag auf den anderen platzen die Kakteenblüten auf und wir radeln durch ein pinkfarbenes Meer aus Blumen. „El desierto florido“ wird das Phänomen genannt. Verschwunden ist die heisse, staubige und öde Landschaft, die wir in Erinnerung haben. Danke für die Überraschung. Warum sollte man sich nicht mit El Niño anfreunden können?

    Doch El Niño bringt eben nicht nur freudige Überraschungen. Als wir in La Serena ankommen, twittern die Grenzbeamten: Alle Andenpässe geschlossen. Der warme Wüstenregen ist in den Hochanden als meterhoher Schnee gefallen. Und weiter nördlich hat ein Vulkan zu spucken begonnen. Uns bleibt nichts anderes übrig. Wir stellen die Velos in eine Ecke, mieten uns ein gemütliches Zimmer und verbringen die nächste Zeit mit Schlafen, Filmeschauen und Essen. „Andentraining“ nennen wir die Woche, tun so, als wäre das sowieso alles geplant gewesen und hoffen schon bald nach jedem neuen Supermarktbesuch, dass ›das Christkind‹ noch etwas länger in der Trotzphase bleibt.

    Doch nach einer Woche ist unser „Trainingsabo“ abgelaufen. Wir schwingen uns wieder auf die Räder und fahren Richtung Norden. Der Paso San Francisco, über welchen wir erneut nach Argentinien hinüberfahren wollen, ist zwar noch geschlossen, aber immerhin steht beim Strassenzustandsbericht schon „obras en ejecucion“. Bis wir dort sind, wird eine weitere Woche vergangen sein. Das sollte doch sowohl für Chilenen, wie Argentinier reichen, um einmal mit dem Schneepflug durchzufahren. Der Plan geht auf. Als wir in Copiapo ankommen, ist der Pass offen. ›Das Christkind‹ hat seinen Spass am Schnee verloren und sich ein neues Spielzeug gesucht. Als wir langsam auf 4000 Meter hochkurbeln, schickt es uns den Wind. Schön in West-Ost Richtung. Wir segeln regelrecht über den ersten Pass. Hoch und immer höher. Beim Salar de Maricunga gibts den Stempel in den Pass und dann fliegen wir hinaus in die Weite der argentinischen Puna. Hätte El Niño eine Fanpage auf Facebook, wir würden sie liken.

    Doch auch das schönste Geschenk hält nicht ewig. Nach dem Paso San Francisco gehts von Tinogasta Richtung Norden. Spätestens nachdem wir beim Googeln gesehen haben, dass sich unser ›Christkind‹ nur den Namen ausgeliehen und sich im Gegensatz zum Original (je nach Quelle und Sprache zwischen 36'951 und 1'058'097 likes) nicht im geringsten um soziale Kontakte schert, hätten wir wissen müssen, dass es nichts bringt, unsere Geschenkliste einzureichen. El Niño ist der Trotzphase entwachsen und weiss nun schon recht gut, was ihm gefällt. Ein bisschen mehr Nord ins Ost-West und definitiv noch einen Zacken Puste drauf. In Zukunft heisst's für uns Gegenwind. Freundschaftsgefühle für El Niño? Wie konnten wir nur...
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  • El Niño: Pubertät

    14. november 2015, Argentina

    Sie schaute in die Ferne. Überfallartig bestürmten sie Eindrücke. Grosse Teile der Umgebung liessen sich von hier oben überblicken. Ein Hochland. Hügel und Grate, der Scherenschnitt langer Schatten. Krater wie Becken voll schwarzer Tinte […] kulissenartig stach die Landschaft gegen den Weltraum ab. Alles erschien ungeachtet seiner tatsächlichen Entfernung zum Greifen nahe, scharf konturiert. […] jetzt verspürte sie keinen anderen Wunsch mehr, als diese fremdartige, unberührte Landschaft zu bestaunen, das brutal Archaische ihrer Steilwände und Höhenrücken, die samtige Verschwiegenheit ihrer staubgefüllten Täler und Ebenen, die völlige Abwesenheit von Farben. Kalt erstrahlte die Sonne auf den Rändern der Einschlaglöcher, in ihrer Glut zerrann die Zeit. (aus „Limit“ von Frank Schätzing)

    Zehn Jahre hat die Puna Strecke hoch nach Antofagasta de la Sierra und über den fast vergessenen Paso Socompa in unseren Köpfen rumgespukt. Und nun stehen wir mittendrin. Eine unermessliche Hochgebirgswüste aus Stein, Sand und Staub. Licht und Schatten, Einsamkeit. Ist das noch die Erde? Oder ist es der Mond?

    In Antofagasta de la Sierra treffen wir Anibal Vasquez, um Routeninfos einzuholen. Er ist Lehrer, Bergführer, Fahrradfahrer und Extremsportler. Wohl kaum ein Vulkan oder Gipfel, den er in der Umgebung nicht bestiegen hat oder eine Ecke der Puna, die er nicht kennt. Sein nächstes Projekt: Ein Höhenrekord mit seiner siebenjährigen Tochter auf dem Ojos del Salado. Sie ist hier auf 3300 Metern aufgewachsen, 6893 Meter ist für sie wie für uns eine Wanderung auf den Wildstrubel... Doch Anibal kann nicht los. El Niño beschert in der nächsten Woche auf dieser Höhe Tag- und Nachtwinde von 160km/h. Klar, es ist Advent. Dem ›Christkind‹ käme nicht im Traum in den Sinn, jetzt abzuhauen. Dem Kindesalter entwachsen, freut es sich nun vielmehr auf seine pubertäre Phase.

    HInaus aus Antofagasta auf der direkten Piste nach Antofalla sind wir zum Glück noch recht gut windgeschützt. Wir fahren durch eine Vega hoch, ein Tal mit Wasser, eine Lebensinsel in der Puna. Lamas grasen, Vicunas stillen ihren Durst und es hat auch einige Puestos, aus Stein gebaute Schäferhütten. Dann geht es steil hinunter auf den Salar de Antofalla. Die Brauntöne werden vom salzdurchtränkten Boden aufgesogen, der Wind hat wieder freie Bahn. Der Anstieg zum nächsten Pass wird zur Kraftprobe. Es stürmt mit 100km/h. Drei Stunden brauchen wir für zehn Kilometer. Weder Wasser- noch Proviantvorrat reichen für ein solches Tempo. Wenn der Wind nicht nachlässt, müssen wir morgen umkehren.

    Um 4.00 Uhr klingelt der Wecker. Mit der ersten Morgendämmerung fahren wir los. Der Wind hat letzte Nacht zu lange gezecht und schafft das Frühaufsteherprogramm nicht. Als er um 11.00 Uhr erwacht, haben wir das Tagesprogramm schon durch und die Mina Mansfield am Rand des Salars de Arizora erreicht, des grössten Salzsees Argentiniens. Nun haben wir den Dreh raus, wie wir mit dem Teenager El Niño fertig werden.
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  • Socompa

    7. december 2015, Chile

    Geschmeidig wand sich der Lunar Express ins Mare Imbrium hinein, die angrenzende Wüstenebene. Am Horizont türmten sich neue Berge auf, die Mondalpen, grell bestrahlt, von Schatten geädert. Kühn schwangen sich die Gleise in die Berglandschaft, krallten sich die Pfeiler der Magnetbahn in abschüssigen Fels. Je höher sie gelangten, desto atemberaubender gestaltete sich das Panorama, schroffe Zweitausender, kubistisch geformte Überhänge, scharf gezackte Grate. Ein letzter Blick auf den Staubteppich des Mare Imbrium, dann ging es kurvig ins Hinterland, zwischen Gipfeln und Hochebenen hindurch zum Rand eines lunaren Grand Canyon. (aus „Limit“ von Frank Schätzing)

    1921 erhielt der US-amerikanischen Ingenieur Ricardo Fontaine Maury den Auftrag eine Zuglinie von Salta durch die Anden an die chilenische Küste zu bauen. Siebenundzwanzig Jahre lang wurden die Schwellen und Schienen bis auf Höhen von 4000 Metern durch die unwirtliche Landschaft verlegt. Als das Meisterwerk fertig war, umfasste es einunddreissig Brücken, einundzwanzig Tunnel, dreizehn Viadukte, zwei Kehrschleifen, zwei Spitzkehren und einundzwanzig Stationen auf neunhundert Bahnkilometern. Hätten Chile und Argentinien nicht gepennt, würde heute vielleicht auch ein Touristenhighlight à la Frank Schätzings Lunar Express durch die Mondlandschaft der Puna rattern. Doch dieser Zug ist wohl definitiv abgefahren. Zweihundert Kilometer sind heute noch in ein paar ausrangierten Wagen der Schweizer Zentralbahn als „Tren a las nubes“ befahrbar und die Presse berichtet aktuell von einer Wiedereröffnung der gesamten Cargo Linie. Doch irgendwie sieht es da oben nicht danach aus.

    Fünf Tage lang folgen wir der Piste von Tolar Grande hoch zum Socompa Pass und hinüber nach San Pedro de Atacama. Der Grenzübertritt ist nur für Fussgänger und Velofahrer offen. Immer wieder kreuzen wir die Bahnlinie, legen ein paar Kilometer auf der Trasse zurück, um steile Anstiege zu umgehen oder Höhenmeter zu sparen.

    Die verlassenen Zugstationen Chuculaqui und Monturaqui versorgen uns zusammen mit der Grenzstation mit Wasser. Ansonsten sind wir in der weiten, kompromisslosen Landschaft auf uns selbst gestellt. OK, nicht ganz. Denn das ›Christkind‹ hat uns nicht verlassen. Es ist immer noch zickig und ob es sich Freunde macht oder nicht, ist ihm wurscht. Es kommt und geht, wie es immer gewesen ist. Man kann sich nicht unbedingt mit ihm anfreunden. Aber man kann sich irgendwie mit ihm arrangieren. Und mit der Zeit wird es sogar etwas kalkulierbar. Der Nordwestwind wird in der Puna zweifellos sein Lieblingsgeschenk bleiben. Darum fahren wir nach einer langen Pause in San Pedro nun wieder nach Süden. Mit Rückenwind.
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  • Puna

    29. december 2015, Argentina

    „Ah, mucha arena, mucha caminata, mucho viento!“ klagt einer der beiden argentinischen bici-expedicionistas im youtube Video. Ja, es sieht sehr sandig aus, mehr als die Hälfte des Weges von Fiambala hoch über den Paso de Buenaventura und weiter am Vulkan Galan vorbei bis zum Salar del Hombre Muerto scheinen die beiden ihre Bikes zu schieben. Und der Wind... nun, es ist halt Puna... und wir hätten ihn von Norden her kommend ja mehrheitlich im Rücken... Drei Tage wälzen wir das Projekt im Kopf, bevor wir uns ernsthaft auf die Suche nach Informationen machen. Schwierig, denn eigentlich gibt es abgesehen vom youtube Video keine. Nicht einmal die Bildersuche über google zeigt viel an. Per Zufall stossen wir schliesslich auf die Viajeros mapa, eine Digitalkarte von und für 4x4 Fahrer, die den weissen Fleck auf unserer Landkarte ziemlich genau kartografiert. Wir sehen, dass es zumindest wassermässig kein grosses Problem wäre. Alle 40-60km kämen wir an einer Vega mit Süsswasser vorbei. Mit einem GPS-Track und einem Höhenprofil ausgerüstet, fällt die Entscheidung zu Gunsten der Strecke. Die restlichen Tage unserer Pause widmen wir dem Carboloading und schliesslich dem grossen Einkauf. Jedes Kilo zählt in der Höhe doppelt bis dreifach. Vorsichtig versuchen wir den schmalen Grat zwischen „so leicht wie möglich und trotzdem genug Kalorien“ zu treffen. Vorbereitungen abgeschlossen.

    Ein gewaltiger Rückenwind bläst uns über den Paso Sico nach Argentinien. Im trostlosen Pocitos füllen wir im kleinen Laden bereits entstandene Proviantlücken und versuchen noch ein paar Infos aus erster Hand zu bekommen. „Es gibt dort einen Weg?“ wundert sich die Senora im Laden, während der Senor auf dem Sanitätsposten unumwunden zugibt, dass er noch nie von dieser Strecke gehört habe. Willkommen zurück im Niemandsland der Puna. Die nächsten fünf Tage sehen wir keine Menschenseele.

    Im Osten wird es langsam hell. Pastellfarben erwacht der Morgen. Die ersten Sonnenstrahlen werfen ein Muster aus Licht und Schatten an den Himmel, tasten zaghaft über die Berghänge, streichen vorwitzig über die struppigen Büschel des Punagrases. Von einem Augenblick zum nächsten explodieren die Farben. Das Gras in intensivem Gelb, in einem warmen Ocker der Lavaboden. Die dünne Eisschicht auf dem Rinnsal vor unserem Zelt schmilzt.

    Marmorierte Berghänge. Ein Spiel mit Aquarellfarbe im Wasserglas. Rot, Orange, Gelb, Braun. Eine leichte Bewegung des Pinsels schafft neue Zwischentöne. Schlieren aus Farbmischungen, für die wir keine Namen kennen. Schwefelgelb? Oxidgrün? Kupferrot? Bodenschätze, die offen daliegen. Darüber spannt sich der indigoblaue Himmel der Hochanden.

    Er spiegelt sich in den Ojos de agua, „Wasseraugen“, in denen Grundwasser hochsteigt. Das bisschen Nass bringt eine neue Farbe ins Spiel: Dunkelgrün - und damit zugleich Leben in die Einöde der Puna. Vicunas knabbern am zähen Gras. Aufmerksam zucken ihre Ohren, witternd heben sie die Nüstern in die Luft und schon stieben sie in wilder Flucht davon. Zurück bleibt eine Staubwolke und kleine Wellenkreise, die sich in den Ojos ausbreiten.

    Türkisgrün leuchtet es weiter vorne im sandigen Grau des Kraters: Die Laguna El Diamante, in der riesigen Caldera des Vulkans Galan gelegen. Am Nachmittag drücken Gewitterstöcke aus dem Tiefland über den Kraterrand, die Farben verblassen und wir fahren durch eine entsättigte, monochrone Landschaft. Wolkenschatten hetzen über die Ebene wie ein hungriger Puma seine Beute. In der Ferne grollt dumpf der Donner.
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  • Buenaventura

    21. januar 2016, Argentina

    Pink, eine ungewohnte Farbe in der Puna, doch da ist sie, sprenkelt das seichte Wasser der Laguna Grande mit kleinen Punkten. Um die 19'000 Andenflamingos haben sich diesen Ort als Brutplatz gewählt. Ihr leises Geschnatter erfüllt die Luft. Emsig staksen sie im Schlamm umher, bilden Gruppen, teilen sich und ziehen in Schwärmen übers Wasser. Der See scheint in ständiger Bewegung zu sein. Spiegelungen scharf wie Scherenschnitte. Ein heftiger Windstoss, zerzauste Federn. Die Konturen auf der Wasserfläche zerreissen und versinken im aufgewirbelten Schlamm.

    Im Westen geht die Sonne unter. Der schwarze Kegel des Carachipampa wird von Schatten verschlungen. Zurück bleibt eine konturlose Leere, die sich bis zum Horizont ausdehnt. Seit einigen Stunden hat sich der feste Boden verabschiedet und wir schieben durch Sand. Der Wind dreht auf, bläst uns Vulkanasche und Steinchen um die Ohren. Es knirscht auf den Zähnen.

    Seit Jahrmillionen fegt er über die Ebene hoch zum Paso de Buenaventura, winzige Basalt- und Quarzpartikel schmirgeln am weichen Tufstein, der wie ein verschüttetes Glas Milch vom Pass hinunterfliesst. Das Campo de Piedra Pomez: Blass liegt es in der Abenddämmerung zu unserer Linken. Der weisse Tuf reflektiert das letzte Tageslicht. Spalten und Abbrüche, Flächen und Linien. Ein versteinerter Gletscher, geboren aus Feuer, geformt von der Zeit. Wir suchen Schutz bei einem Felsen, verankern das Zelt mit Lavabrocken, warten, bis auch uns die Nacht einholt. Der Wind schläft ein. Stille. Über uns funkeln die Sterne.

    Die letzte grosse Andenquerung, den Paso Pircas Negras nutzen wir um Abschied zu nehmen. Abschied von der Puna, den Sechstausendern, dem Wind. Abschied von den Anden und von Südamerika. Aber auch Abschied von dieser Art des Tourenfahrens. Die letzten beiden Monate in der Puna haben uns einmal mehr gezeigt, was uns Spass macht. Es sind nicht die Asphaltstrassen dieser Welt, sondern die Pisten und Trails. Deshalb werden wir ab Chile unsere schweren Tourenräder und die klassischen Taschen gegen eine leichtere Bikepackingausrüstung tauschen.
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  • „Wheelmen“ auf der Iditarod

    6. april 2016, Forenede Stater ⋅ ⛅ 8 °C

    Es war einmal, als die Flüsse in Alaska noch Goldnuggets in Faustgrösse anschwemmten, als Tausende von Glücksrittern in den äussersten Norden Amerikas aufbrachen, sich an den Ufern des Yukons niederliessen und einem gemeinsamen Traum folgten: Eldorado zu finden. Alaska blühte auf, schnell wie eine Wildblume nach der Schneeschmelze. Hektisch wurden Siedlungen gebaut und Dampfer begannen den Yukon hinaufzuziehen, brachten Waren, noch mehr Menschen und Post in die Wildnis, die ab sofort keine mehr war. Alaskas Blütezeit überdauerte die der Wildblumen, hielt an, als der erste Schnee fiel, hielt an, als die Siedler in ihren Hütten zu schlottern begannen, hielt an, als die Dampfer in den Winterschlaf fielen. Pferde- und Hundegespanne versorgten nun die Goldsucher, bahnten sich ihren Weg über gefrorene Flüsse und durch verlassene Wälder. Damals entstand der Iditarod National Trail: Ein eintausend Meilen Winterpfad durch Alaskas Outback, von Seward am Alaska Golf bis Nome an der Beringsee.

    Mehr als hundert Jahre sind seither vergangen. Die Goldgräber haben ausgeträumt, doch wenn im November die Sümpfe erstarren, wenn tagelang Schnee fällt und das Seeeis zu krachen beginnt, dann starten die Trailbreaker von Alaska ihre Snowmachines und machen sich auf den einsamen Weg hoch in den Norden. Sie legen die Spur, welche alle Träume und die Zeit überdauert hat und auf welcher Anfangs März die Musher zum "Last Great Race on Earth" aufbrechen, dem härtesten Schlittenhundrennen unserer Zeit.

    Zwei Tage nach dem Startschuss des Hundeschlittenrennens stehen auch wir am Alaska Golf. Unser neues Veloabenteuer heisst: Iditarod unsupported. Ob und wie weit wir es schaffen, wissen die Nordlichter. Wir denken in kurzen Etappen, setzen uns nicht unter Druck. Anders als die Musher, denn diese haben in den vergangenen 48 Stunden bereits rund fünfhundert Kilometer zurückgelegt. Neue Hunderassen, Carbonschlitten und eine Schar aus freiwilligen Helfern, welche die Teams aus der Luft und am Boden unterstützen, haben das Tempo des Rennens seit den siebziger Jahren mehr als verdoppelt. Auf solche Unterstützung können wir nicht zählen. Das Iditarod Invitational Rennen für Fatbiker und Runner, welches eine Woche vor dem Hundeschlittenrennen stattfindet, bleibt einer ausgewählten Gruppe von Athleten vorbehalten. Und so stehen wir nun am Trailhead, mit normalen 2.2" Spikesreifen, einer minimalen Bikepackingausrüstung, ansonsten auf uns alleine gestellt. Wir wissen von einer Handvoll Radlern, welche sich in den letzten Jahren so auf den Trail gewagt haben. Die Gewissheit, dass diese durchgekommen sind und das Know-How, welches wir uns auf früheren Wintertouren angeeignet haben, machen uns Mut.

    "Where are you heading to?" Eine Gruppe Schneemobilfahrer hält neben uns. Wohin wir fahren? Nun, eigentlich steht nur eine Möglichkeit zur Auswahl. "To McGrath" antworten wir deshalb. "With this bikes?! - No way!" Klar, wir haben schmale Reifen, doch auch die Goldsucher, denen im 19. Jahrhundert das Fahrrad als Wundermaschine zum Erreichen der Goldfelder verkauft wurde, hatten ganz sicher keine Faties. "Faster than the dogs - schneller als die Hunde", lautete der Werbeslogan und so mancher Goldsucher hat wohl die 85$ in die "Wheels" investiert. Und tatsächlich finden wir - in dem leider vergriffenen - Magazin "Wheels on ice", ein Nachdruck von Tagebuchsammlungen um 1900, Belege, dass einige verrückte "Wheelmen" den Weg mit dem Fahrrad geschafft haben. Max Hirschberg war einer von ihnen.

    Als Besitzer eines Roadhouses in Dawson sah er täglich die Goldsucher Richtung Nome vorbeiziehen und eines Tages beschloss er, "to see what he could do" und ihnen zu folgen. Er verkaufte sein Roadhouse und seine Goldclaims in Dawson und bereitete sich auf seine Fahrt mit dem Hundeschlitten nach Nome vor. Doch das Schicksal wollte es anders. Die Nacht vor seiner Abreise brannte das örtliche Hotel ab und während des Feuerlöschens trat Max in einen rostigen Nagel und fand sich wenig später mit einer ernsthaften Blutvergiftung im Spital wieder. Als er entlassen wurde, war es bereits Anfang März und Tauwetter stand vor der Tür. So beschloss er, statt mit dem langsamen Schlittengespann mit dem Fahrrad zu starten, um Nome noch vor dem grossen "break up" zu erreichen. "Der 2. März 1900, der Tag als ich Dawson verliess, war klar und kalt, 30 Grad unter null. Ich hatte ein Flanellhemd übergezogen, dicke gefleeste Overalls, einen schweren Mackinaw Mantel, einen Regenparka, zwei Paar gute Wollsocken, Filzstiefel, eine Pelzmütze mit heruntergelassenen Ohrenklappen, eine fellgefütterte Maske und Handschuhe. Am Lenker hatte ich zudem einen weiten Fellmantel angebunden. An den Sattelfedern befestigte ich einen Planenbeutel mit einem weiteren dicken Hemd, Ersatzsocken, Unterwäsche, ein wasserdicht verpacktes Tagebuch, Schreibstifte, einige Bücher und ein paar Briefchen Schwefelhölzchen. In meinen Taschen hatte ich ein Messer und eine Uhr. In meiner Satteltasche hatte ich 1500$ Goldstaub, und meine Geldbörse enthielt Silber- und Goldmünzen. Direkt auf dem Körper hatte ich mir einen Gürtel umgeschnallt, in den meine Tante aus Youngstown, Ohio, 20$ Goldmünzen eingenäht hatte, bevor ich Richtung Klondike aufgebrochen war." Unsere Ausrüstungsliste liest sich beinahe so lang, ist aber um einiges handlicher, da wir mit Hightechmaterialien auf einige Errungenschaften des 20. Jahrhunderts zurückgreifen können. Je zwei Garnituren Thermounterwäsche, eine Trekkinghose, ein Fleecepullover, zwei Paar dicke Socken, Fäustlinge und Fingerhandschuhe, Mütze, Schal und Kältemaske, Goretexgarnitur plus Daunenjacke. Doch anders als Max, dem damals alle dreissig Meilen ein Roadhouse als Restaurant und Übernachtungsplatz zur Verfügung stand, tragen wir auch noch Zelt, Campingmatten, Schlafsäcke, Kocher und Proviant für sechs Tage mit uns, was unser Bike schlussendlich wohl doch schwerer macht, als Max' seinerzeit.

    In den ersten Tagen ist der Trail perfekt. Gespurt von den Schneemobilen und den rund dreitausend Hundepfoten ist der Pfad hartgepresst, teilweise vereist und schnell zu fahren. Doch wir wissen, dass es um den Rainy Pass herum einen Haufen Neuschnee gegeben hat und dort auch die Fatbiker eine Woche zuvor stundenlang schieben mussten. Aber die Alaska Range ist noch weit. Vorerst folgen wir den grossen Flüssen dieser Region, dem Yentna und dem Skwentna. In weiten Schlaufen suchen sie sich ihren Weg westwärts und führen uns immer tiefer in die Wälder Alaskas.

    Nachdem wir zweimal Glück hatten und drinnen schlafen konnten, machen wir unser erstes Biwak am Shirley Lake. Wir haben einen warmen Winter erwischt, doch mit dem Wind und dem klaren Wetter wird es diese Nacht richtig kalt werden. Zeit für ein Feuer. Die abgestorbenen Lärchen mit ihren schwarzen Flechten brennen wie Zunder. Funken stieben hinaus in den blauschwarzen Nachthimmel. Ein Satellit zieht seine Bahn unter Myriaden von Sternen. Nach zwei Stunden ist der Schnee für unsere Thermosflaschen geschmolzen, das Nachtessen gegessen, Matten, Dampfbremse, Schlaf- und Biwaksäcke liegen bereit. Wir stellen kein Zelt auf. Das Aufstehen in einem, von der Atemluft vereisten Zelt, gehört zum Unangenehmsten beim Wintercampieren. Rot glüht die Glut, als wir zu Bett gehen. Und dann umschliesst uns die Kälte von allen Seiten. Sie steigt aus dem Boden und strahlt aus dem All. Das Feuer fällt ihr zum Opfer, keine Wolke hält sie auf. Wie ein tollwütiges Tier beisst sie sich in allem fest, was sie findet. Räder, Gepäck und Schuhe frieren ein. Das Aufstehen wird eisig werden, doch bis dahin schützt uns eine dicke Luft- und Federschicht.

    Wir sind todmüde, aber lange schlafen wir nicht. Nur einige Stunden später weckt uns ein Lichtschimmer über den Bergen. Zuerst ein feiner milchiger Schein, nimmt er rasch an Leuchtkraft zu. Mit intensiven grünen Schleiern legt sich die Aurora Borealis pulsierend und flackernd über den Himmel, schrumpft zusammen, dehnt sich aus und jagt als Blitzgewitter über unsere Köpfe hinweg. Ein Geisterwesen, ausseriridisch, filigran, scheinbar lebendig und wunderschön. Wir könnten stundenlang zusehen. Als Erinnerung versuchen wir auch ein paar Fotos zu machen, doch wir müssen aufpassen, dass wir sitzend bei den minus 25 Grad nicht zu sehr auskühlen. Zudem brauchen wir den Schlaf, um morgen die Rainy Pass Lodge und damit unser erstes Proviantpaket erreichen zu können.

    Am nächsten Tag gegen Mittag stehen wir unter dem Torbogen der Rainy Pass Lodge, der ältesten Jagdlodge Alaskas. Die Familie Perrin betreibt sie seit mehreren Generationen und Robin bittet uns sofort in den warmen Aufenthaltsraum, als wir unsere Bikes vor der Tür parken. "Are you the Swiss cyclists?" fragt sie, als sie uns einen Becher warmen Kaffee in die Hand drückt, "we have here a parcel for you." Super, es hat also geklappt. Die Trailvorbereitung hatte sich nämlich in Anchorage komplizierter als erwartet herausgestellt. Während wir unsere anderen Fooddrops durch General Delivery an die offiziellen Poststellen in McGrath und Ruby schicken konnten, mussten wir hier den privaten Versorgungsflieger der Lodge nutzen, um unsere nächsten sechs Tage Proviant zu sichern. Obwohl es erst knapp eine Woche her ist, dass wir die Dinge verpackt haben, freuen wir uns beim Auspacken wie Kinder unter dem Christbaum. Nebst der Pasta, dem Müesli, dem Trailmix, Beefjerky und der Erdnussbutter finden wir nämlich auch zwei Pakete Gummibärchen in der Kiste. Ein Motivationsbooster, um unsere gute Laune bei Stange zu halten.

    Vom Puntilla Lake steigt der Trail auf den 1000 Meter hohen Rainy Pass an, die Schlüsselstelle auf der 350 Meilen Strecke bis McGrath. Zunehmende Höhe heisst aber auch mehr Schnee. Für uns bedeutet das Schieben. Dafür trübt kein Wölckchen den Himmel und um uns türmen sich eindrücklich die Gipfel der Alaska Range. Eine unberührte Bergwelt, niemand hat die Hänge zerspurt. Ein paar Schneehühner flattern verstört aus den Haselstauden, ihre schwarzen Schwanzfedern kontrastieren zum Weiss. Und dann erreichen wir den Happy River. Er ist nicht zugefroren. Offenes Wasser im Winter, keine "happy" Überraschung für Velofahrer. "Die Tage waren wärmer, der Trail begann zu tauen und wurde mit der Zeit immer unsicherer. Wasser floss in den Bächen und Flüssen. Als ich den Shaktoolik Fluss querte, brach ich durchs Eis. Wasser floss unter dem Oberflächeneis durch, aber es hatte immer noch Eis auf dem Grund des Flusses. Ich schaffte es, die oberste Schicht zu durchbrechen, klammerte mich an mein Fahrrad und konnte so das andere Ufer erreichen..." Dabei verlor Max seine Uhr und seine Tasche mit dem Goldstaub im Wert von 1,500$, aber zumindest konnte er sein Fahrrad retten - und sich selbst. Unsere Flussquerung gestaltet sich zum Glück weit weniger dramatisch. Das Wasser ist nur etwa knöcheltief. Wir ziehen stabile Abfallsäcke über die Schuhe und befestigen sie mit Ducttape um die Knie herum. Dann schieben wir die Bikes möglichst schnell ans andere Ufer. Nasse Füsse zu bekommen wäre verheerend.

    Vom Pass runter wartet eine tolle Abfahrt auf uns. Jetzt können wir uns sogar vorstellen, dass Bikes schneller als Hunde sein können. Der flowige Downhill bringt uns aus dem schattigen Dalzell Gorge hinaus ins Licht. Jeder Ast, jedes Zweiglein ist mit dichten Eiskristallen überzogen, die jetzt in der Morgensonne glitzern und funkeln; ein magisches Winter Wunderland.

    In den nächsten Tagen öffnet sich die Landschaft. Die Gipfel und Grate der Berge werden durch sanft geschwungene bewaldete Hügelzüge, weite Moore und Seen abgelöst. Taigalandschaft. Auch das stabile Hochdruckgebiet haben wir mit Erreichen von Interior Alaska verlassen. Das Wetter wird unvorhersehbar. Am gleichen Tag kann es Nebel, Schnee und Sonnenschein geben, dazu wird es windiger und markant kälter. Der Trail ist abgeblasen, oft rollen wir über steinhart gefrorenen Schlamm oder braunes Sumpfeis. Zumindest stehen wir mit unserer Reifenwahl wieder auf der richtigen Seite. "Das Eis war schneefrei und die nächsten 20 Meilen schlitterte ich auf dem Eis und fiel immer wieder um. Ungefähr fünf Meilen nach Tanana drehte mein Fahrrad auf dem Eis durch und ich stürzte erneut. Als ich mich wieder aufrappelte, musste ich feststellen, dass ein Pedal abgebrochen war. Ich kehrte um und der Krämer in Tanana sägte mir Holzpedale, bohrte ein Loch durch die Mitte und schraubte sie an die Pedalkurbeln. (...) Die Pedale leierten so alle 75 Meilen aus."

    In McGrath machen wir eine wohlverdiente Pause. Für die meisten Fatbiker und Läufer des Trail Invitational ist damit die Ziellinie erreicht. Nur wenige muten sich den Weg bis Nome zu und auch wir sind uns nicht ganz sicher, ob wir weiterwollen. Die nächsten dreihundert Kilometer führen durch menschenleeres Gebiet, keine täglichen Schneemobile mehr, nur zwei Safety Shelter Cabins und ein hoffentlich immer noch gut markierter Trail. Nachdem wir unser Essenspaket auf der Post abgeholt haben und den ganzen Proviant sortieren, beschliessen wir doch wie geplant Ruby und damit den Yukon als nächstes Etappenziel anzusteuern. Wäre ja schade um die neuen Gummibärchen. "Eagle City war mein nächstes Ziel. Calico Bluff lag 10 Meilen weiter und an der Mündung des Seventymile Rivers lagen die Hütten von Star City, die in kurzer Zeit wie Pilze aus dem Boden gewachsen waren. Es gab dort mittlerweile nicht nur zahlreiche Blockhäuser, sondern auch Saloons, ein Spital und eine Episkopalkirche. Danach passierte ich Rampart City und ein weiteres Native Dorf. In Rampart City gab es Läden, Blockhäuser und weitere Saloons. Die Stadt war Versorgungspunkt für die Goldwaschminen an den nahegelegenen Flüssen."

    Während einige der "Citys" am Yukon, welche Max auf seiner Reise ansteuerte, heute wenigstens noch als kleine Orte existieren, gibt es viele der ehemaligen Goldschürfersiedlungen an der Iditarod nicht mehr. Und so sind auch die drei nächsten Dörfer, welche auf unserer Karte eingezeichnet sind, blosse Ghost Towns. In Ophir zeugen noch ein paar zerfallene Hütten von alten Zeiten, Buick Automobile und ein alter VW Käfer stehen bis zur Haube im Schnee, eine verrostete Fördermaschine hängt in einem Graben. Kaum vorstellbar, dass hier einmal über hundert Leute gelebt haben und in den siebziger Jahren noch Gold abgebaut wurde.

    Am Abend, nachdem wir Ophir passiert haben, gelingt es uns eine Public Safety Cabine zu erreichen. Wir sind immer froh, wenn wir einen warmen Platz zum Übernachten finden, auch wenn es heisst, dass wir nach einem langen und anstrengenden Velotag noch Holz suchen und spalten müssen. In dieser Nacht heulen Wölfe um die Hütte. Schaurig schön, aber auch ein bisschen gruselig, wenn wir daran denken, dass wir am morgigen Abend Zelten müssen. Und als wir am nächsten Morgen handtellergrossen Pfotenabdrücken auf dem Trail folgen, finden wir es plötzlich mehrheitlich schaurig denn schön. Doch auch am nächsten Abend haben wir Glück. Am Rand der alten Minenstrasse, der wir seit Poorman, einer weiteren Geisterstadt folgen, hatte vor Jahren ein Chevrolet eine Panne. Und da steht er nun, am vorderen rechten Rad ein Plattfuss, mit dem gelben "Alaska - The last frontier" - Nummernschild und einem unverschlossenen Gepäckraum. Da lassen wir uns nicht zwei Mal bitten. Voilà, Hotel Chevrolet. Es hält uns warm und trocken in einer Nacht, in der ein weiteres Tief übers Land zieht.

    Wir erwachen vom Trommeln der Regentropfen aufs Autodach. Nicht gut! In den letzten Tagen sind die Temperaturen drastisch angestiegen. Viel zu früh für die Jahreszeit. Besorgt packen wir zusammen, doch erstaunlicherweise lässt sich der Trail trotz Plusgraden bis Ruby fahren. Und am späten Nachmittag stehen wir schliesslich am Ufer des Yukons. Ein weiteres Etappenziel ist erreicht

    Im Native Community Council fragen wir nach einem Schlafplatz, denn die Preise für die regulären Unterkünfte in den kleinen Wildnisdörfern sprengen unser Budget bei weitem. Ed und Evelyn, die beiden Community Manager laden uns spontan in ihre Blockhütte ein. Es sind zwei gestrandete Goldsucher aus New Mexico und wie sich wenig später herausstellt, zwei alte Hippies. Als sie uns unser Bett im Keller des Hauses zeigen, staunen wir nicht schlecht: Eine richtige Hanfplantage wuchert da unter der Wärmelampe und schon bald zieht der Duft von Gras durchs ganze Haus. Ed erklärt uns voller Begeisterung seine Methode, die Nativs für Gartenbau zu begeistern. "First I learn them how to grow Marijuana, and if they've got it they are motivated to grow tomatoes, you know." Auch zu so vielen anderen Themen hat Ed seine ganz eigenen Vorstellungen und Theorien, denen wir aber ohne der fantasiefördernden Wirkung von Hanf nicht immer ganz folgen können. But take it easy, Hauptsache wir können an der Wärme warten, bis am Montag die Post öffnet und wir unser drittes Proviantpaket abholen können.

    Pünktlich am Montagmorgen um zehn Uhr betreten wir das Postgebäude. Das Thermometer zeigt wieder -15 Grad und in der Nacht sind zwanzig Zentimeter Neuschnee gefallen. "You should quit here, you know, there's no trail to Galena", meint der Postbeamte und ein weiterer Mann fügt hinzu: "Letzte Woche war noch alles blankes Eis, doch mit dem Neuschnee von diesem Wochenende werdet ihr nicht mehr weit kommen. Es wird noch mehr Schnee geben, und danach kommt wieder Regen." Das hören wir nicht gerne, aber da wir schon viel weiter gekommen sind, als wir selber und viele andere gedacht haben, wollen wir nicht einfach so das Handtuch werfen. Wir laden unseren neuen Proviant und fahren hinunter zum Yukon. Der Trail ist komplett zugeblasen und nur noch anhand der Iditarod Markierungen zu erkennen. Sie sind unsere Lebensversicherung, denn der Yukon hat immer wieder offene Löcher, und wer den Fluss nicht kennt, tut gut daran, strikt den Markern zu folgen. Wir können kaum fahren, mehrheitlich spuren wir uns unseren Trail selber. Ein einziges Schneemobil begegnet uns, ein alter Trapper und Goldsucher, der dreissig Kilometer flussabwärts wohnt.

    Die Nacht verbringen wir zeltend auf einer Sandbank. Die Einheimischen hatten recht und wieder schneit es. Dazu kommt der Wind, der tiefe Schneeverwehungen anhäuft. Am nächsten Tag scheint zwar die Sonne, aber wir können keinen Meter mehr fahren. Als wir am Abend endlich Galena erreichen, werden wir als erstes ins Altersheim zu einer warmen Suppe eingeladen. Der rechte Platz für uns, denn nach den achzig Kilometern, die wir in den zwei letzten Tagen geschoben haben, sehen wir wirklich alt aus.

    Im Hintergrund läuft das lokale Radio mit den Wetterprognosen. Heftiger Schneefall für die nächsten drei Tage, dann setzt Tauwetter mit Regen ein. Das endgültige Aus für uns. Unter solchen Bedingungen ist an eine Weiterfahrt nicht mehr zu denken. Knapp 1000 Kilometer sind wir auf dem Trail voran gekommen. Doch hier endet unsere Geschichte. Mit einer kleinen Beechraft fliegen wir am nächsten Tag während einer kurzen Aufhellung raus nach Fairbanks. Mit solchen Klimakapriolen hatte Max vor hundert Jahren definitiv noch nicht zu kämpfen. Er war noch Mitte Mai auf dem Eis unterwegs und erreichte Nome fast and furious: "Ich rutschte auf dem blanken Eis ab. Als ich mein Fahrrad wieder aufstellte, entdeckte ich, dass die Kette abgesprungen und zerrissen war. Zum Glück wehte ein strammer Wind gegen Norden. Ich fand einen Ast, steckte ihn am Rücken unter meinen Mackinaw Mantel und begann Richtung Nome zu segeln. Ich flog dahin, und manchmal, wenn der Wind zu stark blies, musste ich in den weichen Schnee hinaus steuern, um meine wilde Fahrt zu bremsen. Ohne meine Kette konnte ich das Tempo meines Fahrrades kaum mehr kontrollieren..." Trotz allem erreichte Max Nome am 19. Mai 1900. Unterwegs feierte er seinen zwanzigsten Geburtstag. Was danach mit ihm geschah, wissen wir nicht. Doch wir hoffen, er fand sein Gold und lebte glücklich bis ans Ende seiner Tage.

    (Verwendete Tagebuchauszüge von Max Hirschberg aus "Wheels on Ice", Northern History Library, Alaska Northwest Publishing Company, freie Übersetzung)
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  • Wilder Westen

    2. maj 2016, Forenede Stater ⋅ ☀️ 26 °C

    Die USA - Kaum ein anderes Land scheinen wir so gut zu kennen, ohne es je vorher selbst bereist zu haben. Die gelben Schulbusse - "Forest Gump" -, die Zeitungsbriefkästen - wir grinsen beide, als wir uns an die Szene in "Während du schliefst" erinnern, wo der Zeitungsjunge das Glatteis mit dem Vorderrad seines Velos erwischt und mit einer gekonnten Bruchlandung über den Lenker fliegt -, die Lichter und Leuchtreklamen von Las Vegas - Schauplatz für den grossen Coup der Gangster von "Ocean's Eleven". Wir kennen das Land aus unzähligen Hollywood Filmen, aus der täglichen Berichterstattung in den Medien, von Marken und Ladenketten, die es um die Welt geschafft haben. Doch was davon ist Klischee, was Realität?

    Wir sitzen im McDonald. Auf dem kleinen Plastiktisch liegen zwei Bigmac Menus und der Kassenzettel. 6.99$ hat uns das Mittagessen gekostet, dazu können wir unsere Becher so oft auffüllen, wie wir wollen. A good deal - und dazu noch free wifi. Wenn wir durchs Fenster blicken, sehen wir die blinkenden Lichter und die Touristenmassen, die sich durch die Freemont Street pressen. Fast ein bisschen Kulturschock nach dem einsamen und wilden Alaska - und irgendwie nicht ganz so bombastisch und abgefahren, wie wir uns Las Vegas nach den Filmbildern vorgestellt hatten. Aber immerhin besser als Alaska, denn dort würde es nun regnen, die Schneeschmelze die Strassen in kleine Schlammbäche verwandeln, alles wäre nass, dreckig und unfreundlich - Mud season. Nichts, was uns gereizt hätte und darum sitzen wir nun hier in der Wüste von Nevada. So schnell kann man dem Klima ein Schnippchen schlagen.

    Wie eine Klapperschlange ihre zu enge Haut haben wir die dicken Handschuhe, die doppelte Thermounterwäsche, die Winterstiefel und die dicken Schlafsäcke abgestreift. Alles heimgeschickt, in einem zwölf Kilogramm schweren Paket. Erst jetzt beginnt unsere Bikepacking-Ära richtig. Wir sind leicht unterwegs, mit je unter fünfzehn Kilo Gepäck scheinen wir auf dem Highway, der uns aus Las Vegas hinausführt, über den Asphalt zu fliegen. Und trotzdem haben wir immer noch alles dabei, was es zum Unterwegssein braucht. Ein Zelt, Campingmatten, Schlafsack, Benzinkocher mit Pfanne, eine lange und eine kurze Kleidergarnitur, Thermowäsche, Fleecepulli, Daunenjäckchen, Regenausrüstung. Dazu Velowerkzeug, einen Ersatzschlauch, diverse Kabel- und Ladegeräte für Kameras und Tablet, Kulturbeutel und eine Miniapotheke. Und nicht zu vergessen: Die Rahmentasche gefüllt mit Proviant für vier Tage.

    Nachdem wir die berühmten Nationalparks Zion und Bryce während der Jubiläumswoche gratis besuchen konnten, besinnen wir uns auf unsere Überzeugungen zurück: Lieber selber Highlights entdecken, als hundertmal gesehene Sehenswürdigkeiten knipsen, abseits der Touristenströme reisen, kein Geld für Landschaften und Natur zu bezahlen. Das Staircase-Escalante National Monument in Utah wird für uns zum Beweis, dass wir mit dieser Einstellung auch in den Staaten auf dem richtigen Weg sind. Tiefe Schluchten, farbenfrohe Canyons, ockerrote Tafelberge, eine ruppige Erdpiste, die mitten hindurch führt - und wir ganz allein. Es könnte die Kulisse eines Westerns sein.

    Wir campieren auf dem Alstrom Point. Von einer steilen Klippe herab blicken wir über die unzähligen Buchten des Lake Powell und weiter bis ins Monument Valley. Die letzten Sonnenstrahlen färben die Felsen und Tafelberge noch röter, die Seeoberfläche noch dunkelblauer. Ein paar Fische springen nach Mücken. Wassertropfen zerplatzen golden im Abendlicht, kleine Kreise verlieren sich im Wasser, als der Wind auffrischt. Am nächsten Tag geht es über die steile Smokey Mountain Road hinauf auf ein Hochplateau. Sogar mit unseren leichten Bikes kommen wir nicht darum herum, die steilsten Stücke zu schieben. Oben angekommen wechselt die Vegetation. Es ist kühler und duftet intensiv nach dem Harz der Wachholderbäume. Knorrig und verwachsen, die Rinde aufgerissen und spröde, behaupten sie sich gegen das wüstenhafte Klima und den immerwährenden Wind. Sie kommen uns vor wie Baumpioniere, gezeichnet von der unbarmherzigen Natur und dem harschen Klima. Trotzig harren sie aus, lassen sich durch alle Widrigkeiten nicht vertreiben. Sie erinnern uns an die ersten Siedler, die dieses Land für sich entdeckt haben.

    Mit einer ruppigen Abfahrt durch den Collet Canyon erreichen wir die Hole-in-the-Rock Road, den historischen Weg, den die Mormonen mit ihren Planwagen genommen haben. Erstaunlich, wie ihre Scouts einen Weg durch dieses unwirtliche und labyrinthische Land finden konnten. Erstaunlich auch, dass dies kaum mehr als hundert Jahre her ist. Vorher war dies Indianerland, keine Strassen, keine Siedlungen, nur weite grandiose Wildnis. Harte Arbeit, Durchhaltewillen und manchmal auch eine gehörige Portion Brutalität haben das Land verändert und es urbar gemacht. Wir verstehen, dass die Amerikaner stolz darauf sind, es wäre, wie wenn unsere Grosseltern Bern gegründet hätten.

    In einer grossen Wasserröhre verstecken wir unsere Bikes, laden ein Picknick und zwei Liter Wasser in den Rucksack und machen uns zu Fuss auf zum Zebra Slot Canyon. Die ersten fünfzig Meter steht uns das schlammigbraune Wasser bis zur Brust, doch danach steigt der Boden an und wir klettern über den porösen Sandstein in den engen Gang und in eine zauberhafte Welt hinein. Die Wände stehen so eng, dass wir kaum hindurchpassen. Weit oben sehen wir als blaues Band den Himmel und ein paar weisse Federwolken. Im dämmerigen Licht leuchtet der gestreifte Felsen in warmem Braun, Orange, Rot und Beige. Das durchfliessende Wasser hat den weichen Stein in Jahrhunderten zu eleganten Kurven und sanften Formen geschliffen. Nach dem Mittag wird es kälter im Canyon und wir machen uns auf den Weg zurück ins Sonnenlicht. Auf dem Plateau über dem engen Kamin lassen wir uns von der Sonne trocknen und bestaunen fasziniert, die zu Hunderten herumliegenden Moqui Marbels. Perfekt runde Kugeln aus Sandstein und Eisen in allen Grössen.
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  • Begegnungen

    9. juni 2016, Forenede Stater ⋅ ☀️ 37 °C

    Über das Lockhart Basin und den Kokopelli Trail erreichen wir Fruita in Colorado. Dort erwartet uns Penny, ein Warmshower Host. Hier in den USA machen wir zum ersten Mal häufiger von der Internetplattform Gebrauch, die Veloreisende und velobegeisterte Gastgeber miteinander verbindet. Nicht nur, weil unser Reisebudget das hiesige Preisniveau nur schwer verkraftet, sondern auch weil uns die kulturelle Herausforderung immer mehr fehlt. Das Leben in den USA ist unserem eigenen in Europa so ähnlich, dass wir uns manchmal schon etwas zu langweilen beginnen - obwohl wir immer wieder über die Offenheit und Hilfsbereitschaft der Amerikaner staunen. Sitzen wir irgendwo am Strassenrand und machen Pause, dauert es nie lange, bis jemand anhält und fragt, ob wir Hilfe brauchen. Vor dem Supermarkt sprechen uns immer wieder Wildfremde an und reagieren mit Begeisterung auf unsere Geschichte. Neigen sich unsere Wasservorräte langsam dem Ende entgegen, finden wir bestimmt jemanden, der uns die Flaschen wieder auffüllt. Fragen wir auf einem Zeltplatz, ob wir unser Zelt zu einem Wohnmobil stellen dürfen, um die Zeltplatzgebühr zu sparen, werden wir kaum je abgewiesen. Wildfremde fahren uns hundert Kilometer im Jeep, als wir auf einem Trail mit einer Lebensmittelvergiftung zu kämpfen haben und abbrechen müssen, auch, wenn ihr Weg in die andere Richtung gegangen wäre. In einem Motel übernachten wir zum halben Preis. Für uns stehen diese Begegnungen in krassem Widerspruch zu all den "no trespassing - keep out" Schildern, die wir tagtäglich zu Gesicht bekommen und auch zu der ansonsten sehr kapitalistischen und geregelten Gesellschaft.

    Penny ist ein Glückstreffer. Während eines Jahres ist sie gemeinsam mit ihrem Mann in Südostasien vom Arbeitsleben in den Ruhestand geradelt und versucht nun hier in Fruita heimisch zu werden. Sie kennt die Hochs und Tiefs des Reiselebens, sie ist interessiert und aktiv. Wir verbringen die Tage mit spannenden Gesprächen zu den unterschiedlichsten Themen und am Abend gucken wir Kinofilme auf Grossbildschirm. Wir geniessen es, nach langer Zeit wieder einmal ein Bett und ein Dach über dem Kopf zu haben und Gespräche zu führen, die über die alltägliche Oberflächlichkeit hinausgehen. Der Abschied fällt uns nicht leicht, als wir uns auf dem Tabougache Trail weiter Richtung Osten aufmachen.

    Utah war für uns ein landschaftliches Highlight. Als wir die Grenze zu Colorado überqueren, enden jedoch die bizarren Wüstenlandschaften. Wiesen im Bergfrühling - es könnte auch im Berner Oberland sein, dichte Wälder mit Eichhörnchen und Waldameisen - ein Kurztrip im Graubünden. Schotterpisten, die auch durch die heimischen Alpen führen könnten. Wir hinterfragen unsere weiteren Pläne. Wollen wir wirklich die nächsten drei Monate die Great Divide Mountain Bike Route fahren, die sicher schön ist, aber halt auch sehr an zu Hause erinnert? Wir haben bei der Einreise ein Jahresvisum erhalten, doch wollen wir wirklich so lange in Nordamerika bleiben? Gibt es nicht noch Ecken auf der Welt, die uns mehr reizen und uns auch kulturell herausfordern?

    Wir beschliessen eine Schlaufe über New Mexico zu fahren und danach der Great Divide eine Chance zu geben - zumindest so lange bis wir den ersten Bären sehen. Was danach kommt, steht in den Sternen
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  • Great Divide

    15. juni 2016, Forenede Stater ⋅ ☀️ 29 °C

    Heiss. Die angeblich schweissfeste Sonnencreme zerfliesst zu weissen Inselchen auf unseren Armen. Die Haut fühlt sich an wie Sandpapier. Salzkristalle mustern T-Shirt und Gesicht. Die Gummibärchen sind zu einer kompakten farbigen Masse geschmolzen. Und die Wasserflaschen sind schon wieder alle leer. Doch die steile Piste windet sich unbeeindruckt von unserem Gejammer weiter aufwärts. Haben wir nicht mal irgendwo gelesen, dass hundert Höhenmeter einen Temperaturunterschied von einem Grad ausmachen? Also weiter hinauf, es kann nur besser werden.

    Und das wird es. Bei der Znünipause haben wir noch Löwenzahnsamen in die Luft gepustet, nun sind die Bergmatten mit gelben Tupfern übersäht. Ein kleines Bächlein gurgelt übermütig über glattgeschliffene Kieselsteine. Das Wasser ist eiskalt. Schmelzwasser. Genau richtig, um die Salzkruste von Gesicht und Armen zu waschen, bevor es wieder hinunter geht ins nächste Tal. Die ersten Tage auf der Great Divide Mountainbike Route, welche von New Mexico auf Waldwegen und Trails hoch bis nach Kanada führt, sind ein ständiges Auf und Ab. Wenn wir uns am Abend das Höhenprofil angucken, gleicht es einem zusammengestauchten EKG. Steile Anstiege, steile Abfahrten, die Tagesetappen summieren sich locker auf 2000 Höhenmeter. Es sind einsame Forststrassen, oft staubig und trocken, dann wieder steinige ATV Tracks, die durch Matsch und letzte Schneereste führen. Und immer wieder Wald, Wald soweit das Auge reicht. Irgendwie hatten wir uns die Rocky Mountains anders vorgestellt - felsiger, mächtiger, imposanter. Wir stehen zwar auf über 3000m und doch umgeben uns nur Hügel. Steile Hügel zwar, aber eben doch nur Hügel. Es fehlt das schneebedeckte Hochgebirgspanorama im Hintergrund.

    Nach dem Indiana Pass begegnen uns die ersten Racer. Hundertachtzig von ihnen sind knapp zehn Tage vorher in Banff gestartet und versuchen die Strecke von über 4000km in Rekordzeiten von unter vierzehn Tagen hinter sich zu bringen. Einige sind viel zu gestresst, um wegen uns zu stoppen, andere scheinen froh um eine Ausrede zu sein, um mal kurz vom Bike zu steigen. Kurzes Geplauder, woher, wohin, wie gefällt es euch und immer wieder: Wie weit fährt ihr heute noch? Darauf zucken wir bloss mit den Schultern. Wenn es eindunkelt, werden wir irgendwo an einem Waldrand oder einem kleinen Bach das Zelt aufstellen, uns über die Moskitos ärgern, kochen, essen, schlafen. Uns ist es egal, wo das sein wird und Tagesetappenpläne machen wir schon lange keine mehr. Wieder einmal wird uns bewusst, wie weit wir uns von der Gesellschaft entfernt haben, die in Minuten und Stunden denkt, die Zeit hortet wie die Grauen Herren im Kinderbuchklassiker "Momo" und einen Wettbewerb daraus macht, in möglichst wenig Zeit möglichst weit zu kommen.

    Genau dieses Schulterzucken verhilft uns ein paar Tage später zu einem wunderschönen Übernachtungsplatz. Seit zehn Tagen sind wir nun ohne Pause unterwegs. Schlafen im Zelt irgendwo in der Wildnis, Waschen unserer Kleider in Bächen und Baden in kalten Bergseen. Wir sehnen uns nach einem Bett, nach einer heissen Dusche, einer Waschmaschine, ein bisschen Zivilisationsluxus. Und da treffen wir auf dem Seitenstreifen Richtung Steamboat Springs auf Anita und Jack. Sie drehen ihre morgendliche Runde mit ihren Rennvelos, stoppen bei uns, stellen Fragen zu unserer Ausrüstung, dann zu unserer Reise. "Und wie lange habt ihr vor noch unterwegs zu sein?" Ein Schulterzucken, ein Lachen: "No idea, we make no plans, you know." Und so haben wir wenige Kilometer später genau das, was wir uns gewünscht haben. Ein Bett, eine heisse Dusche, eine Waschmaschine und dazu noch einen Haufen interessanter Gespräche.

    Anitas Eltern sind in den Fünfziger Jahren nach Amerika ausgewandert, den Kopf voller Träume, die Herzen voller Sehnsucht nach einem besseren Leben, das ihnen das Europa der Nachkriegszeit nicht bieten konnte. Mit beiden Händen haben sie die Chance gepackt, die ihnen Amerika geboten hat. Anita erzählt uns, wie sie auf ein Inserat hin den teuren Cadillac von Rod Serling, einem berühmten Regisseur, von New York nach Hollywood fahren durften, natürlich ohne einen Schimmer zu haben, wem sie da einen Dienst erwiesen. Für sie einfach eine einmalige und günstige Gelegenheit, das Land zu sehen, während der "feine Mister" das Flugzeug nahm. Wie sie darum gebeten hatten, die Reise um einen Tag verlängern zu dürfen, um einen Flitterwochenstopp beim Grand Canyon einlegen zu können. Wie sie das Auto nach der Reise so blitzsauber dem Besitzer übergeben hatten, dass dieser ihnen, beeindruckt von dem jungen Paar, das Geld fürs Benzin in die Hände drückte, obwohl das nicht Teil des Deals war. Es ist eine dieser "Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten" Geschichten und sie berührt uns auf besondere Weise. Denn längst nicht alle Einwanderergeschichten sind so erfolgreich verlaufen. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind gross, gerade für einen so modernen Staat, einen Staat, der für viele Entwicklungsländer ein Vorbild ist. Keine Sozialversicherung, keine Arbeitslosenunterstützung, keine richtige Altersvorsorge, keine Krankenversicherung, keine staatlich finanzierte Hochschulausbildung, ein Mindestlohn von 15$ pro Stunde, der noch längst nicht überall eingehalten wird. Alles Dinge, die für uns eine Selbstverständlichkeit sind. Aus der Sicht vieler Amerikaner ist man noch immer seines eigenen Glückes Schmied. Wer es nicht vom Tellerwäscher zum Millionär geschafft hat, ist selber schuld. Eine Einstellung, die uns egoistisch erscheint.

    Und doch sitzen wir nun hier an einem reich gedeckten Tisch, geniessen den Lachs, während wir vom fettigen Schaffleich erzählen, das wir in der Mongolei gegessen haben; vom Biwakieren bei minus vierzig Grad, wenn einem die Wimpern in der Nacht zusammenfrieren; wie das Reisen, das für uns vor achtzehn Jahren mit Kurzferien in Europa begonnen hatte, immer mehr zu unserem Leben geworden ist. Die Begegnung mit Anita und Jack war einer dieser besonderen Momente des Reiselebens und sie hat in uns etwas angestossen. Wir sind erstaunt und dankbar, welche Gastfreundschaft wir in einem westlichen Land wie Amerika erleben dürfen. Ein Schwatz hier, ein Gespräch dort, auch wenn man sich nicht kennt. Wir wünschen uns eine ähnliche Offenheit und Neugier in Europa. Wir fragen uns, ob und wie wir den Sprung zurück in die Alltagswelt und die Konsumgesellschaft wieder schaffen werden, wenn es einmal soweit sein wird. Der Aufbruch von zu Hause hat Mut gebraucht. Es ist uns vor drei Jahren nicht leicht gefallen, einen tollen Arbeitsplatz, unser Zuhause, Familie und Freunde zu verlassen. Doch manchmal denken wir, dass eine Rückkehr und die Wiedereingliederung ins alte Leben fast noch mehr Mut brauchen wird.
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  • Keine Pläne

    17. juli 2016, Forenede Stater

    In Wyoming liegt das Great Basin. Fast jeder Biker, den wir kreuzen, klagt darüber. Hitze, Wassermangel, Wind. Wird es endlich etwas abenteuerlicher? Immerhin sind es Radler, die uns warnen, und auf das Urteil von Radlern ist meistens Verlass. Doch alles nur halb so schlimm. Sanfte, rollende Hügel, silbrig glänzende Salbeisträucher, dazwischen lila blühende Lupinen, schliesslich gelbes Präriegras bis an den Horizont. Eine schöne Abwechslung zum ewigen Wald. Wir starten noch in der Dunkelheit, schliesslich haben wir vom Punawind gelernt. In einem sanften Rosa verfärbt sich der Himmel, ein paar Antilopen ergreifen die Flucht, als wir losradeln. Doch anders als der Punawind erwacht der Basinwind mit den ersten Sonnenstrahlen. Und wir haben ihn voll von vorne. Treten, Windschattenfahren, Fluchen - und dazwischen Träumen von der Mongolei.

    Nach dem Great Basin kreuzt der Trail den Teton Nationalpark. Endlich richtige Berge. Wir wissen, dass von Norden kommende Radler gratis durchfahren können, es von Süden herkommend aber anders aussieht. Der Versuch, frech am Kassenhäuschen vorbeizuradeln, misslingt. Wir werden zurückgepfiffen. Auch unser Argument, dass wir den Park ja nicht besuchen, sondern bloss dreissig Kilometer auf der Hauptstrasse duchfahren würden, greift nicht. Hinter uns staut sich der Verkehr. "You have to pay, it's final", meint die genervte Parkrangerin. Dann verladen wir halt auf ein Auto, entgegnen wir schulterzuckend, denn als Fahrradfahrer müssten wir beide ein Einzelticket lösen, das Doppelte, was ein Autofahrer mit vier Passagieren zahlt. "Hitchhiking through a National Park is forbidden", so der knappe Bescheid der Rangerin. Nun sind auch wir genervt, denn für uns bedeuten dreissig Dollar schon fast ein Tagesbudget, oder etwas Luxus wie eine Motelnacht beim Inder, oder viermal Essen im McDonald, oder acht Kübel Eiscreme. Wortlos drehen wir um und essen gefrustet ein Snickers an der Strassenkreuzung. Und da tauchen doch tatsächlich zwei Radler aus Norden auf, die ein Ticket besitzen, das noch weitere drei Tage gültig ist und auch gleich noch den Yellowstone Nationalpark einschliesst. "Es gibt immer eine Lösung", das haben wir in den letzten Reisejahren gelernt. Manchmal muss man bloss ein bisschen länger Geduld haben.

    Im Yellowstone fühlen wir uns wie in China, Korea, Indien, Frankreich und Amerika gleichzeitig. Tausende von Leuten besuchen den Park am Wochenende des 4. Juli, dem Nationalfeiertag. Sie treten sich auf den Laufstegen vor den Geysiren gegenseitig auf die Zehen und kämpfen mit ihren Selfiesticks um den Luftraum über ihren Köpfen. Und die meisten von ihnen sind in einem überdimensionierten Wohnmobil unterwegs - mit Anhänger für das ATV und wenns hochkommt auch noch für das Boot. Die Strassen sind verstopft wie an Ostern vor dem Gotthard. Als wir am Abend im Zelt liegen, fühlen wir uns wie damals in Sizilien, als wir mitten auf einer Verkehrsinsel campiert hatten, das konstante Brummen des Verkehrs als Schlaflied im Ohr. Schon komisch, dass ganze Landstriche mit Fracking zerstört werden, um das Benzin zu produzieren, mit dem dann anderswo die unter Schutz stehende Natur angeschaut wird, sinnieren wir. Schon komisch, dass diejenigen, die intakte Natur sehen wollen bezahlen müssen, und nicht die, welche sie kaputt machen.

    Zurück auf dem Trail geniessen wir die Einsamkeit und Stille umso mehr. Inzwischen stehen wir kurz vor der Kanadischen Grenze. Und danach? Noch immer wissen wir nicht, wie es weitergeht. Aber wir haben ja immer noch alle Zeit der Welt. Ein Schulterzucken, ein Lachen. "No idea, we make no plans, you know." Vielleicht öffnet sich auch diesmal unterwartet eine Tür für uns.
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  • Ein Griff ins Bücherregal

    24. august 2016, Canada ⋅ ☀️ 26 °C

    Seit einiger Zeit schon fühlen wir uns in der immer gleichen Geschichte gefangen. Aufstehen, frühstücken, Zelt zusammenpacken, losradeln. Dicht steht der Wald zu beiden Seiten des Trails, wir fahren durch einen dunkelgrünen Schlauch. Eine Handvoll Trockenfrüchte und einen Riegel Schokolade nach zwei Stunden Fahrzeit. Weitere zwei Stunden später ist Lunchtime. Endlich Zeit für den MP3. Also Stöpsel in die Ohren, während wir den heutigen Pass erklimmen. Einen kurzen Moment fahren wir über der Baumgrenze, sehen weit in die Ferne, bevor wir wieder ins Nadelmeer eintauchen. Laut singend diesmal, damit uns nicht plötzlich ein Grizzly unter die Räder kommt. Zvieripause. Wie findest du das Hörbuch? Mmh, etwa so spannend wie den heutigen Velotag. Wir erreichen eine kleine Stadt. Einkaufen im Supermarkt, als Belohnung für die heutige Etappe gibts einen Eisbecher, bevor wir noch ein paar Kilometer in den nächsten Wald fahren und dort erneut das Camp aufschlagen. Wieder laut lärmend, schliesslich wollen wir keinen nächtlichen Bärenbesuch im Zelt. Kochen, essen, Zähne putzen, schlafen. Das Radeln ist einfach, es warten keine Überraschungen hinter der nächsten Kurve oder dem nächsten Hügel, alles ist vorhersehbar geworden.

    In Cranebrook machen wir drei Tage Pause in der Jugendherberge. "We make no plans you now"..., aber wir haben keine Lust mehr darauf zu warten, dass sich von selbst eine Tür öffnet. Manchmal muss man seine Türen auch selbst aufstossen. Und so machen wir in diesen drei Tagen Nägel mit Köpfen. Ganz ungewohnt für uns, die wir doch immer Ewigkeiten brauchen, um eine Entscheidung zu treffen. Doch wir spüren, es ist an der Zeit, ein neues Buch aus dem Regal zu ziehen. Eines, das wir noch nicht kennen, das uns wieder auf jeder Seite mit einer unerwarteten Wendung überrascht. Das Buch ist dick und schwer, ein richtiger Schmöker. In kunstvoll verschlungenen Buchstaben steht darauf: INDIEN & SÜDOSTASIEN

    Von nun an sind die Tage gefüllt. Entscheidungen folgen auf Entscheidungen, das Radeln wir zur Nebensache. Wir gehen unser Material durch, ersetzen kaputte Sachen, verbessern, was noch nicht optimal ist. Den Kopf voller neuer Gedanken und Pläne fahren wir den Trans Canada Trail Richtung Vancouver - und sind positiv übberrascht. Oft folgt er alten Zugtrassen. Die Steigungen sind sanft, die Abfahrten ruhig. Wir überqueren Flüsse auf hölzernen Bahnviadukten und überwinden im Wege stehende Berge für einmal nicht an der höchsten Stelle, sondern nach einem kaum merkbaren Anstieg durch alte Tunnels. Und je weiter wir nach Westen kommen, je mehr verändert sich auch der Wald. Wir fahren an mächtigen Zedernbäumen vorbei, Farne und Moos bedecken den Boden, lange Flechten hängen von den Ästen. Es riecht nach Erde, die Luft ist sauber und frisch. Ein Fangorn wie aus dem "Herr der Ringe" - alt, sehr alt - fehlen nur noch die Baumhirten, die ihres Weges ziehen. Doch vielleicht gibt es sie ja sogar, irgendwo gut verborgen, in dieser endlosen Wildnis.

    Eine Woche noch bis zu unserem Flug. Langsam macht sich ein Gefühl breit, als würden Ferien zu Ende gehen, als würde unsere Reise erneut starten. Wir verbringen die letzten Tage auf dem Amerikanischen Kontinent auf der San Juan Insel. Nachdem wir uns vom Touristenschock erholt haben, finden wir doch noch ein ruhiges Fleckchen und zelten ungestört auf einem Kiesstrand in einer kleinen Bucht. Schwemmholzberge türmen sich chaotisch um unser Zelt, gerade so als hätten Riesenkinder ihr Spiel mit Bauklötzen mittendrin unterbrochen. Wir lauschen dem gleichmässigen Atem des Pazifiks, während der Vollmond sein Silber über das dunkle Wasser giesst. Ein schwarzer Fuchs linst neugierig in unser Zelt und draussen vor der Küste hört man die Orcas blasen. Ein Traumplatz. Hier nehmen wir Abschied von Amerika und versuchen uns mental auf den krassen Kulturwechsel vorzubereiten, der uns bevorsteht.

    Das Kreischen der Möwen weckt uns am Morgen. Es ist Ebbe. Nebel verwischt die Konturen, taucht Felsen und Strand in ein monochromes Stilleben. Das Meer ist weit zurückgewichen und hat einen reich gedeckten Tisch hinterlassen. Seetang, Krebse, Muscheln. Wir laufen den Strand entlang und lassen die letzten Monate an uns vorbeiziehen.

    Es war interessant, die USA und ein Stück Kanadas zu erleben. Die Amerikaner waren herzlich und unkompliziert. Ihre Offenheit und Gastfreundschaft hat uns erstaunt und wir sind dankbar für die vielen wunderbaren Begegnungen. Doch hat uns im Buch NORDAMERIKA auch etwas die Spannung gefehlt, das Abenteuer und die kulturelle Herausforderung. Und so stellen wir diesen Band unserer Reise nach sechs Monaten und siebeneinhalbtausend Kilometern zurück ins Regal und heben mit einem Kribbeln im Bauch den Deckel unseres neuen Wälzers. 1. Kapitel: Ladakh und Zanskar. Bunte Gebetsfähnchen, die im Wind flattern, vergletscherte Bergketten, wilde Fünf- und Sechstausender; Himalaya, mystisches Dach der Welt.
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    Slut på rejsen
    31. august 2016