• Wilder Westen

    May 2, 2016 in the United States ⋅ ☀️ 26 °C

    Die USA - Kaum ein anderes Land scheinen wir so gut zu kennen, ohne es je vorher selbst bereist zu haben. Die gelben Schulbusse - "Forest Gump" -, die Zeitungsbriefkästen - wir grinsen beide, als wir uns an die Szene in "Während du schliefst" erinnern, wo der Zeitungsjunge das Glatteis mit dem Vorderrad seines Velos erwischt und mit einer gekonnten Bruchlandung über den Lenker fliegt -, die Lichter und Leuchtreklamen von Las Vegas - Schauplatz für den grossen Coup der Gangster von "Ocean's Eleven". Wir kennen das Land aus unzähligen Hollywood Filmen, aus der täglichen Berichterstattung in den Medien, von Marken und Ladenketten, die es um die Welt geschafft haben. Doch was davon ist Klischee, was Realität?

    Wir sitzen im McDonald. Auf dem kleinen Plastiktisch liegen zwei Bigmac Menus und der Kassenzettel. 6.99$ hat uns das Mittagessen gekostet, dazu können wir unsere Becher so oft auffüllen, wie wir wollen. A good deal - und dazu noch free wifi. Wenn wir durchs Fenster blicken, sehen wir die blinkenden Lichter und die Touristenmassen, die sich durch die Freemont Street pressen. Fast ein bisschen Kulturschock nach dem einsamen und wilden Alaska - und irgendwie nicht ganz so bombastisch und abgefahren, wie wir uns Las Vegas nach den Filmbildern vorgestellt hatten. Aber immerhin besser als Alaska, denn dort würde es nun regnen, die Schneeschmelze die Strassen in kleine Schlammbäche verwandeln, alles wäre nass, dreckig und unfreundlich - Mud season. Nichts, was uns gereizt hätte und darum sitzen wir nun hier in der Wüste von Nevada. So schnell kann man dem Klima ein Schnippchen schlagen.

    Wie eine Klapperschlange ihre zu enge Haut haben wir die dicken Handschuhe, die doppelte Thermounterwäsche, die Winterstiefel und die dicken Schlafsäcke abgestreift. Alles heimgeschickt, in einem zwölf Kilogramm schweren Paket. Erst jetzt beginnt unsere Bikepacking-Ära richtig. Wir sind leicht unterwegs, mit je unter fünfzehn Kilo Gepäck scheinen wir auf dem Highway, der uns aus Las Vegas hinausführt, über den Asphalt zu fliegen. Und trotzdem haben wir immer noch alles dabei, was es zum Unterwegssein braucht. Ein Zelt, Campingmatten, Schlafsack, Benzinkocher mit Pfanne, eine lange und eine kurze Kleidergarnitur, Thermowäsche, Fleecepulli, Daunenjäckchen, Regenausrüstung. Dazu Velowerkzeug, einen Ersatzschlauch, diverse Kabel- und Ladegeräte für Kameras und Tablet, Kulturbeutel und eine Miniapotheke. Und nicht zu vergessen: Die Rahmentasche gefüllt mit Proviant für vier Tage.

    Nachdem wir die berühmten Nationalparks Zion und Bryce während der Jubiläumswoche gratis besuchen konnten, besinnen wir uns auf unsere Überzeugungen zurück: Lieber selber Highlights entdecken, als hundertmal gesehene Sehenswürdigkeiten knipsen, abseits der Touristenströme reisen, kein Geld für Landschaften und Natur zu bezahlen. Das Staircase-Escalante National Monument in Utah wird für uns zum Beweis, dass wir mit dieser Einstellung auch in den Staaten auf dem richtigen Weg sind. Tiefe Schluchten, farbenfrohe Canyons, ockerrote Tafelberge, eine ruppige Erdpiste, die mitten hindurch führt - und wir ganz allein. Es könnte die Kulisse eines Westerns sein.

    Wir campieren auf dem Alstrom Point. Von einer steilen Klippe herab blicken wir über die unzähligen Buchten des Lake Powell und weiter bis ins Monument Valley. Die letzten Sonnenstrahlen färben die Felsen und Tafelberge noch röter, die Seeoberfläche noch dunkelblauer. Ein paar Fische springen nach Mücken. Wassertropfen zerplatzen golden im Abendlicht, kleine Kreise verlieren sich im Wasser, als der Wind auffrischt. Am nächsten Tag geht es über die steile Smokey Mountain Road hinauf auf ein Hochplateau. Sogar mit unseren leichten Bikes kommen wir nicht darum herum, die steilsten Stücke zu schieben. Oben angekommen wechselt die Vegetation. Es ist kühler und duftet intensiv nach dem Harz der Wachholderbäume. Knorrig und verwachsen, die Rinde aufgerissen und spröde, behaupten sie sich gegen das wüstenhafte Klima und den immerwährenden Wind. Sie kommen uns vor wie Baumpioniere, gezeichnet von der unbarmherzigen Natur und dem harschen Klima. Trotzig harren sie aus, lassen sich durch alle Widrigkeiten nicht vertreiben. Sie erinnern uns an die ersten Siedler, die dieses Land für sich entdeckt haben.

    Mit einer ruppigen Abfahrt durch den Collet Canyon erreichen wir die Hole-in-the-Rock Road, den historischen Weg, den die Mormonen mit ihren Planwagen genommen haben. Erstaunlich, wie ihre Scouts einen Weg durch dieses unwirtliche und labyrinthische Land finden konnten. Erstaunlich auch, dass dies kaum mehr als hundert Jahre her ist. Vorher war dies Indianerland, keine Strassen, keine Siedlungen, nur weite grandiose Wildnis. Harte Arbeit, Durchhaltewillen und manchmal auch eine gehörige Portion Brutalität haben das Land verändert und es urbar gemacht. Wir verstehen, dass die Amerikaner stolz darauf sind, es wäre, wie wenn unsere Grosseltern Bern gegründet hätten.

    In einer grossen Wasserröhre verstecken wir unsere Bikes, laden ein Picknick und zwei Liter Wasser in den Rucksack und machen uns zu Fuss auf zum Zebra Slot Canyon. Die ersten fünfzig Meter steht uns das schlammigbraune Wasser bis zur Brust, doch danach steigt der Boden an und wir klettern über den porösen Sandstein in den engen Gang und in eine zauberhafte Welt hinein. Die Wände stehen so eng, dass wir kaum hindurchpassen. Weit oben sehen wir als blaues Band den Himmel und ein paar weisse Federwolken. Im dämmerigen Licht leuchtet der gestreifte Felsen in warmem Braun, Orange, Rot und Beige. Das durchfliessende Wasser hat den weichen Stein in Jahrhunderten zu eleganten Kurven und sanften Formen geschliffen. Nach dem Mittag wird es kälter im Canyon und wir machen uns auf den Weg zurück ins Sonnenlicht. Auf dem Plateau über dem engen Kamin lassen wir uns von der Sonne trocknen und bestaunen fasziniert, die zu Hunderten herumliegenden Moqui Marbels. Perfekt runde Kugeln aus Sandstein und Eisen in allen Grössen.
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