Begegnungen
June 9, 2016 in the United States ⋅ ☀️ 37 °C
Über das Lockhart Basin und den Kokopelli Trail erreichen wir Fruita in Colorado. Dort erwartet uns Penny, ein Warmshower Host. Hier in den USA machen wir zum ersten Mal häufiger von der Internetplattform Gebrauch, die Veloreisende und velobegeisterte Gastgeber miteinander verbindet. Nicht nur, weil unser Reisebudget das hiesige Preisniveau nur schwer verkraftet, sondern auch weil uns die kulturelle Herausforderung immer mehr fehlt. Das Leben in den USA ist unserem eigenen in Europa so ähnlich, dass wir uns manchmal schon etwas zu langweilen beginnen - obwohl wir immer wieder über die Offenheit und Hilfsbereitschaft der Amerikaner staunen. Sitzen wir irgendwo am Strassenrand und machen Pause, dauert es nie lange, bis jemand anhält und fragt, ob wir Hilfe brauchen. Vor dem Supermarkt sprechen uns immer wieder Wildfremde an und reagieren mit Begeisterung auf unsere Geschichte. Neigen sich unsere Wasservorräte langsam dem Ende entgegen, finden wir bestimmt jemanden, der uns die Flaschen wieder auffüllt. Fragen wir auf einem Zeltplatz, ob wir unser Zelt zu einem Wohnmobil stellen dürfen, um die Zeltplatzgebühr zu sparen, werden wir kaum je abgewiesen. Wildfremde fahren uns hundert Kilometer im Jeep, als wir auf einem Trail mit einer Lebensmittelvergiftung zu kämpfen haben und abbrechen müssen, auch, wenn ihr Weg in die andere Richtung gegangen wäre. In einem Motel übernachten wir zum halben Preis. Für uns stehen diese Begegnungen in krassem Widerspruch zu all den "no trespassing - keep out" Schildern, die wir tagtäglich zu Gesicht bekommen und auch zu der ansonsten sehr kapitalistischen und geregelten Gesellschaft.
Penny ist ein Glückstreffer. Während eines Jahres ist sie gemeinsam mit ihrem Mann in Südostasien vom Arbeitsleben in den Ruhestand geradelt und versucht nun hier in Fruita heimisch zu werden. Sie kennt die Hochs und Tiefs des Reiselebens, sie ist interessiert und aktiv. Wir verbringen die Tage mit spannenden Gesprächen zu den unterschiedlichsten Themen und am Abend gucken wir Kinofilme auf Grossbildschirm. Wir geniessen es, nach langer Zeit wieder einmal ein Bett und ein Dach über dem Kopf zu haben und Gespräche zu führen, die über die alltägliche Oberflächlichkeit hinausgehen. Der Abschied fällt uns nicht leicht, als wir uns auf dem Tabougache Trail weiter Richtung Osten aufmachen.
Utah war für uns ein landschaftliches Highlight. Als wir die Grenze zu Colorado überqueren, enden jedoch die bizarren Wüstenlandschaften. Wiesen im Bergfrühling - es könnte auch im Berner Oberland sein, dichte Wälder mit Eichhörnchen und Waldameisen - ein Kurztrip im Graubünden. Schotterpisten, die auch durch die heimischen Alpen führen könnten. Wir hinterfragen unsere weiteren Pläne. Wollen wir wirklich die nächsten drei Monate die Great Divide Mountain Bike Route fahren, die sicher schön ist, aber halt auch sehr an zu Hause erinnert? Wir haben bei der Einreise ein Jahresvisum erhalten, doch wollen wir wirklich so lange in Nordamerika bleiben? Gibt es nicht noch Ecken auf der Welt, die uns mehr reizen und uns auch kulturell herausfordern?
Wir beschliessen eine Schlaufe über New Mexico zu fahren und danach der Great Divide eine Chance zu geben - zumindest so lange bis wir den ersten Bären sehen. Was danach kommt, steht in den SternenRead more




