Keine Pläne
July 17, 2016 in the United States
In Wyoming liegt das Great Basin. Fast jeder Biker, den wir kreuzen, klagt darüber. Hitze, Wassermangel, Wind. Wird es endlich etwas abenteuerlicher? Immerhin sind es Radler, die uns warnen, und auf das Urteil von Radlern ist meistens Verlass. Doch alles nur halb so schlimm. Sanfte, rollende Hügel, silbrig glänzende Salbeisträucher, dazwischen lila blühende Lupinen, schliesslich gelbes Präriegras bis an den Horizont. Eine schöne Abwechslung zum ewigen Wald. Wir starten noch in der Dunkelheit, schliesslich haben wir vom Punawind gelernt. In einem sanften Rosa verfärbt sich der Himmel, ein paar Antilopen ergreifen die Flucht, als wir losradeln. Doch anders als der Punawind erwacht der Basinwind mit den ersten Sonnenstrahlen. Und wir haben ihn voll von vorne. Treten, Windschattenfahren, Fluchen - und dazwischen Träumen von der Mongolei.
Nach dem Great Basin kreuzt der Trail den Teton Nationalpark. Endlich richtige Berge. Wir wissen, dass von Norden kommende Radler gratis durchfahren können, es von Süden herkommend aber anders aussieht. Der Versuch, frech am Kassenhäuschen vorbeizuradeln, misslingt. Wir werden zurückgepfiffen. Auch unser Argument, dass wir den Park ja nicht besuchen, sondern bloss dreissig Kilometer auf der Hauptstrasse duchfahren würden, greift nicht. Hinter uns staut sich der Verkehr. "You have to pay, it's final", meint die genervte Parkrangerin. Dann verladen wir halt auf ein Auto, entgegnen wir schulterzuckend, denn als Fahrradfahrer müssten wir beide ein Einzelticket lösen, das Doppelte, was ein Autofahrer mit vier Passagieren zahlt. "Hitchhiking through a National Park is forbidden", so der knappe Bescheid der Rangerin. Nun sind auch wir genervt, denn für uns bedeuten dreissig Dollar schon fast ein Tagesbudget, oder etwas Luxus wie eine Motelnacht beim Inder, oder viermal Essen im McDonald, oder acht Kübel Eiscreme. Wortlos drehen wir um und essen gefrustet ein Snickers an der Strassenkreuzung. Und da tauchen doch tatsächlich zwei Radler aus Norden auf, die ein Ticket besitzen, das noch weitere drei Tage gültig ist und auch gleich noch den Yellowstone Nationalpark einschliesst. "Es gibt immer eine Lösung", das haben wir in den letzten Reisejahren gelernt. Manchmal muss man bloss ein bisschen länger Geduld haben.
Im Yellowstone fühlen wir uns wie in China, Korea, Indien, Frankreich und Amerika gleichzeitig. Tausende von Leuten besuchen den Park am Wochenende des 4. Juli, dem Nationalfeiertag. Sie treten sich auf den Laufstegen vor den Geysiren gegenseitig auf die Zehen und kämpfen mit ihren Selfiesticks um den Luftraum über ihren Köpfen. Und die meisten von ihnen sind in einem überdimensionierten Wohnmobil unterwegs - mit Anhänger für das ATV und wenns hochkommt auch noch für das Boot. Die Strassen sind verstopft wie an Ostern vor dem Gotthard. Als wir am Abend im Zelt liegen, fühlen wir uns wie damals in Sizilien, als wir mitten auf einer Verkehrsinsel campiert hatten, das konstante Brummen des Verkehrs als Schlaflied im Ohr. Schon komisch, dass ganze Landstriche mit Fracking zerstört werden, um das Benzin zu produzieren, mit dem dann anderswo die unter Schutz stehende Natur angeschaut wird, sinnieren wir. Schon komisch, dass diejenigen, die intakte Natur sehen wollen bezahlen müssen, und nicht die, welche sie kaputt machen.
Zurück auf dem Trail geniessen wir die Einsamkeit und Stille umso mehr. Inzwischen stehen wir kurz vor der Kanadischen Grenze. Und danach? Noch immer wissen wir nicht, wie es weitergeht. Aber wir haben ja immer noch alle Zeit der Welt. Ein Schulterzucken, ein Lachen. "No idea, we make no plans, you know." Vielleicht öffnet sich auch diesmal unterwartet eine Tür für uns.Read more









