Great Divide
June 15, 2016 in the United States ⋅ ☀️ 29 °C
Heiss. Die angeblich schweissfeste Sonnencreme zerfliesst zu weissen Inselchen auf unseren Armen. Die Haut fühlt sich an wie Sandpapier. Salzkristalle mustern T-Shirt und Gesicht. Die Gummibärchen sind zu einer kompakten farbigen Masse geschmolzen. Und die Wasserflaschen sind schon wieder alle leer. Doch die steile Piste windet sich unbeeindruckt von unserem Gejammer weiter aufwärts. Haben wir nicht mal irgendwo gelesen, dass hundert Höhenmeter einen Temperaturunterschied von einem Grad ausmachen? Also weiter hinauf, es kann nur besser werden.
Und das wird es. Bei der Znünipause haben wir noch Löwenzahnsamen in die Luft gepustet, nun sind die Bergmatten mit gelben Tupfern übersäht. Ein kleines Bächlein gurgelt übermütig über glattgeschliffene Kieselsteine. Das Wasser ist eiskalt. Schmelzwasser. Genau richtig, um die Salzkruste von Gesicht und Armen zu waschen, bevor es wieder hinunter geht ins nächste Tal. Die ersten Tage auf der Great Divide Mountainbike Route, welche von New Mexico auf Waldwegen und Trails hoch bis nach Kanada führt, sind ein ständiges Auf und Ab. Wenn wir uns am Abend das Höhenprofil angucken, gleicht es einem zusammengestauchten EKG. Steile Anstiege, steile Abfahrten, die Tagesetappen summieren sich locker auf 2000 Höhenmeter. Es sind einsame Forststrassen, oft staubig und trocken, dann wieder steinige ATV Tracks, die durch Matsch und letzte Schneereste führen. Und immer wieder Wald, Wald soweit das Auge reicht. Irgendwie hatten wir uns die Rocky Mountains anders vorgestellt - felsiger, mächtiger, imposanter. Wir stehen zwar auf über 3000m und doch umgeben uns nur Hügel. Steile Hügel zwar, aber eben doch nur Hügel. Es fehlt das schneebedeckte Hochgebirgspanorama im Hintergrund.
Nach dem Indiana Pass begegnen uns die ersten Racer. Hundertachtzig von ihnen sind knapp zehn Tage vorher in Banff gestartet und versuchen die Strecke von über 4000km in Rekordzeiten von unter vierzehn Tagen hinter sich zu bringen. Einige sind viel zu gestresst, um wegen uns zu stoppen, andere scheinen froh um eine Ausrede zu sein, um mal kurz vom Bike zu steigen. Kurzes Geplauder, woher, wohin, wie gefällt es euch und immer wieder: Wie weit fährt ihr heute noch? Darauf zucken wir bloss mit den Schultern. Wenn es eindunkelt, werden wir irgendwo an einem Waldrand oder einem kleinen Bach das Zelt aufstellen, uns über die Moskitos ärgern, kochen, essen, schlafen. Uns ist es egal, wo das sein wird und Tagesetappenpläne machen wir schon lange keine mehr. Wieder einmal wird uns bewusst, wie weit wir uns von der Gesellschaft entfernt haben, die in Minuten und Stunden denkt, die Zeit hortet wie die Grauen Herren im Kinderbuchklassiker "Momo" und einen Wettbewerb daraus macht, in möglichst wenig Zeit möglichst weit zu kommen.
Genau dieses Schulterzucken verhilft uns ein paar Tage später zu einem wunderschönen Übernachtungsplatz. Seit zehn Tagen sind wir nun ohne Pause unterwegs. Schlafen im Zelt irgendwo in der Wildnis, Waschen unserer Kleider in Bächen und Baden in kalten Bergseen. Wir sehnen uns nach einem Bett, nach einer heissen Dusche, einer Waschmaschine, ein bisschen Zivilisationsluxus. Und da treffen wir auf dem Seitenstreifen Richtung Steamboat Springs auf Anita und Jack. Sie drehen ihre morgendliche Runde mit ihren Rennvelos, stoppen bei uns, stellen Fragen zu unserer Ausrüstung, dann zu unserer Reise. "Und wie lange habt ihr vor noch unterwegs zu sein?" Ein Schulterzucken, ein Lachen: "No idea, we make no plans, you know." Und so haben wir wenige Kilometer später genau das, was wir uns gewünscht haben. Ein Bett, eine heisse Dusche, eine Waschmaschine und dazu noch einen Haufen interessanter Gespräche.
Anitas Eltern sind in den Fünfziger Jahren nach Amerika ausgewandert, den Kopf voller Träume, die Herzen voller Sehnsucht nach einem besseren Leben, das ihnen das Europa der Nachkriegszeit nicht bieten konnte. Mit beiden Händen haben sie die Chance gepackt, die ihnen Amerika geboten hat. Anita erzählt uns, wie sie auf ein Inserat hin den teuren Cadillac von Rod Serling, einem berühmten Regisseur, von New York nach Hollywood fahren durften, natürlich ohne einen Schimmer zu haben, wem sie da einen Dienst erwiesen. Für sie einfach eine einmalige und günstige Gelegenheit, das Land zu sehen, während der "feine Mister" das Flugzeug nahm. Wie sie darum gebeten hatten, die Reise um einen Tag verlängern zu dürfen, um einen Flitterwochenstopp beim Grand Canyon einlegen zu können. Wie sie das Auto nach der Reise so blitzsauber dem Besitzer übergeben hatten, dass dieser ihnen, beeindruckt von dem jungen Paar, das Geld fürs Benzin in die Hände drückte, obwohl das nicht Teil des Deals war. Es ist eine dieser "Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten" Geschichten und sie berührt uns auf besondere Weise. Denn längst nicht alle Einwanderergeschichten sind so erfolgreich verlaufen. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind gross, gerade für einen so modernen Staat, einen Staat, der für viele Entwicklungsländer ein Vorbild ist. Keine Sozialversicherung, keine Arbeitslosenunterstützung, keine richtige Altersvorsorge, keine Krankenversicherung, keine staatlich finanzierte Hochschulausbildung, ein Mindestlohn von 15$ pro Stunde, der noch längst nicht überall eingehalten wird. Alles Dinge, die für uns eine Selbstverständlichkeit sind. Aus der Sicht vieler Amerikaner ist man noch immer seines eigenen Glückes Schmied. Wer es nicht vom Tellerwäscher zum Millionär geschafft hat, ist selber schuld. Eine Einstellung, die uns egoistisch erscheint.
Und doch sitzen wir nun hier an einem reich gedeckten Tisch, geniessen den Lachs, während wir vom fettigen Schaffleich erzählen, das wir in der Mongolei gegessen haben; vom Biwakieren bei minus vierzig Grad, wenn einem die Wimpern in der Nacht zusammenfrieren; wie das Reisen, das für uns vor achtzehn Jahren mit Kurzferien in Europa begonnen hatte, immer mehr zu unserem Leben geworden ist. Die Begegnung mit Anita und Jack war einer dieser besonderen Momente des Reiselebens und sie hat in uns etwas angestossen. Wir sind erstaunt und dankbar, welche Gastfreundschaft wir in einem westlichen Land wie Amerika erleben dürfen. Ein Schwatz hier, ein Gespräch dort, auch wenn man sich nicht kennt. Wir wünschen uns eine ähnliche Offenheit und Neugier in Europa. Wir fragen uns, ob und wie wir den Sprung zurück in die Alltagswelt und die Konsumgesellschaft wieder schaffen werden, wenn es einmal soweit sein wird. Der Aufbruch von zu Hause hat Mut gebraucht. Es ist uns vor drei Jahren nicht leicht gefallen, einen tollen Arbeitsplatz, unser Zuhause, Familie und Freunde zu verlassen. Doch manchmal denken wir, dass eine Rückkehr und die Wiedereingliederung ins alte Leben fast noch mehr Mut brauchen wird.Read more






