• Karamojong

    February 20, 2015 in Uganda

    Klimawechsel in Stunden: Tausend Meter geht es hinab nach Uganda, es wird grün und tropisch. Hohe Luftfeuchtigkeit, Hitze, Schweiss, Sonnencreme und Strassendreck – nur bloss nicht zelten am Abend, sondern irgendwo eine kalte Dusche suchen. In Kampala entscheiden wir uns für eine Velopause, leisten uns einen Jeep mit Fahrer und gehen auf Safari. Zuerst hoch in den Nordosten des Landes, nochmals raus aus den Tropen ins Dreiländereck Kenya, Südsudan und Uganda. Es wird wieder staubtrocken, eine von der Sonne verbrannte Landschaft, die jetzt vor der Regenzeit nach Wasser lechzt. Der Kidepo Valley Nationalpark war bis vor wenigen Jahren nur per Charter Flug erreichbar, das Land drumherum Kriegsgebiet. Zwanzig Jahre lang dauerte der Bürgerkrieg, in dem die Lord's Resistance Army den Norden Ugandas terrorisiert hat. Nun ist es wieder möglich, auf dem Landweg dorthin zu reisen. Der Park wird trotzdem weiterhin wenig besucht. Gut für uns, denn so haben wir, was wir suchen. Keine Minivans oder Safari Jeeps, kein Kamera-Geklicke; nur wir und die Tierwelt Afrikas.

    Riesige Büffelherden ziehen mit den ersten Sonnenstrahlen über die Hügel ans Wasserloch herunter, massige, schlammverkrustete Tiere, mit ihren schwungvoll gebogenen Hörnern, herabhängenden Ohren und feuchten Nasen. Lange schauen wir einer Herde Giraffen zu, Elefantenfamilien ziehen an unserem Camp vorbei. Löwen liegen am Mittag unter einem Baum, hecheln erschöpft in der Hitze, daneben ein frisch gerissener Wasserbock. Wir staunen, hingerissen von unseren ersten Begegnungen mit den „Grossen“ dieses Kontinents, in einer Bilderbuchlandschaft aus wogendem Steppengras und blassblauen Gebirgszügen am Horizont.

    Dieses Grenzland ist auch Heimat der Karamojong. Ein altes Hirtenvolk aus Äthiopien, verbrüdert mit den Massai Kriegern in Kenia und den Stämmen am Turkana See. Überbevölkerung hat die Halbnomaden vor Generationen aus dem abbessinischen Hochland in den Süden getrieben.

    Auf der Suche nach genügend Wasser und Weideplätzen zersplitterten sie sich in unzählige Volksgruppen. Familien wuchsen, passten ihr Leben den veränderten Umständen an, bildeten neue Stämme. Doch eines blieb ihnen gemeinsam: Sie lebten und starben für ihr Vieh. Freunde wurden zu Feinden im Kampf um die spärlichen Ressourcen. Der Bürgerkrieg brachte Waffen in die Region, brutale und blutige Kämpfe um Wasser- und Weiderechte entbrannten. Ebenso brutal und blutig wurde dann die Region nach Ende des Bürgerkrieges durch die ugandische Regierung entwaffnet. Heute stehen die Karamojong an einem Wendepunkt ihrer Geschichte. Die modernen Krieger in Karamoja kämpfen nicht mehr mit der Waffe in der Hand gegen ihre Nachbarn, sondern gegen die gesichts- und grenzenlosen Feinde der heutigen Zeit, die sie nach jahrelanger Instabilität und Isolation nun einzuholen und zu überrollen scheinen: Klimawandel, Hunger, mangelnde medizinische Versorgung und Bildung. Junge Karamojongs beginnen sich in Hilfsorganisationen zu engagieren, helfen Brunnen und Schulen zu bauen, versuchen aufzuklären und zu vermitteln. Einem solchen Karamojong begegnen auch wir. Elijah ist in einem Dorf in der Umgebung von Kotido aufgewachsen, in der „gun time“ hat er selber eine Kalaschnikov getragen. Hohe Wangenknochen, breite abgeflachte Nase, ebenholz-schwarzer Teint, offener Blick. Gut können wir ihn uns als Hirten und furchtlosen Krieger vorstellen. Doch das ist er nicht mehr. Nun ist er freiwilliger Rotkreuz Mitarbeiter und engagiert sich unter dessen Patronat als Kulturvermittler. Den offenen Blick hat er behalten. Auch den festen Händedruck zur Begrüssung, eine Geste, die den Karamojong wichtig ist, ein Zeichen von Respekt und Vertrauen.

    Das Konzept des Roten Kreuzes ist simpel und nachhaltig. Für eine Spende von 100 Dollar ans Regionalbüro in Kotido begleitet Elijah uns zwei Tage. Bargeld zwischen den Karamojong und uns als Besuchern fliesst so keines. Das Rote Kreuz ist mit seinen Gesundheitsprojekten seit Jahren gut verankert, Elijah wird von den Dorfältesten respektiert.

    Er bringt uns in sein „Manyatta“, eine mit meterdickem Astgeflecht ummauerte Siedlung aus runden Lehmhütten. Das Herz des Dorfes, erneut von breiten Schutzzäunen umgeben, bildet das Viehgehege. Still und leer ist es, als wir nun darin stehen. Viele der Männer sind mit den Herden in wasserreichere Regionen gezogen. Sie werden mit der Regenzeit hier zurück in ihr Manyatta kommen. Der Dorfälteste begrüsst uns, stellt seine Familie vor. Gesichter von Frauen, Männern und Kindern, oft geschmückt mit Ohrringen, Ziernarben und Halsketten. Früher Zeichen des gesellschaftlichen Rangs, Auszeichnungen für Mut, Kraft und Tapferkeit, Beweise, dass das Clanmitglied ins Erwachsenenleben eingetreten ist. Heute, wie uns Elijah erklärt, immer weniger mit Initationsriten oder speziellen Taten verbunden. Heute könnten Jugendliche oft selber entscheiden, ob sie sich die feinen Schnitttätowierungen noch machen lassen wollen, und welchen Schmuck sie tragen. Es wird Abend. Eine Gruppe Jugendlicher tanzt. Sie üben mehrmals pro Woche zusammen, träumen davon ausserhalb von Karamoja bekannt zu werden. Auch sie auf dem Weg, die Vergangenheit als Krieger hinter sich zu lassen, sich neu zu orientieren und trotzdem nicht ihre kulturelle Identität aufzugeben. Schellenkränze an den Füssen, farbige Ketten um die Taillen. Rhythmisches Stampfen, hohe Sprünge, dumpfe Hornstösse, Lieder, die vom Frieden erzählen. Ein Aufbruch? Elijah übersetzt unsere Dankesworte. Er ist es auch, der uns am nächsten Morgen zum Viehmarkt etwas ausserhalb von Kotido begleitet. Er ist das Bindeglied zwischen den Leuten, die hier wöchentlich zusammenkommen und uns, die wir ohne ihn fehl am Platz und fremd wären. Denn kein touristisches Ereignis ist es, dem wir hier beiwohnen.

    Unsere Anwesenheit bedarf der Erklärung, damit sie verstanden und akzeptiert wird. Elijah schüttelt Hände, wechselt Worte. Der Respekt zwischen ihm und seinen Leuten überträgt sich auf uns. Kräftiger Händedruck, freundliches Lachen. Da wird gefeilscht, geprüft und verhandelt, geschwatzt und Neuigkeiten ausgetauscht. Bald ist die Situation so entspannt, dass wir auch mit Fotografieren beginnen können. Elijah übersetzt unsere Bitten und nie ist da auch nur die Andeutung einer Frage nach Geld. So wird der Markttag bei Kotido zu der Begegnung mit ursprünglicher afrikanischer Kultur, die wir seit der Durchquerung des Omo Tals gesucht haben.
    Read more