• Jordan Bike Trail

    November 3, 2017 in Jordan ⋅ ☀️ 31 °C

    Wüste und Bike, das sind zwei Dinge, die sich normalerweise schlecht vertragen. Schade, denn wir lieben Wüste. Unterwegssein in absoluter Stille, nur den Wind und den eigenen Atem im Ohr, monochrone Farben in Ocker- und Brauntönen, in denen ein Pflänzchen wie ein Wunder wirkt, Nächte ohne Lichtverschmutzung, sondern Schlafen unter der hellen Milchstrasse und unzähligen Sternschnuppen. Doch der Untergrund ist weich, stundenlanges Schieben unter der heissen Sonne verwandelt den Spassfaktor in einen stachligen Dornenzweig und aus einem Wüstenabstecher kann rasch eine handfeste Bike-Beziehungskrise werden. Wie also können wir unseren Wüstenhunger stillen, ohne die ganze Zeit innerlich zu fluchen?

    „Google mal, was es für Wüsten auf der Welt gibt“, schlage ich vor. Und da haben wir sie plötzlich, die siebenundzwanzig wichtigsten Wüsten der Erde. Von der 9 400 000km2 grossen Sahara bis zur 12 000km2 kleinen Negev sind alle in der Liste vertreten. Raum genug für ein Bikepacking Abenteuer, nur eben - das Fluchen. Doch mit ein bisschen mehr Recherche kommen wir dem Jordan und dem Israel Bike Trail auf die Spur. Dort scheint die Partnerschaft zwischen Wüste und Bike zu funktionieren und auch mit unserem Plan, Weihnachten wieder einmal zu Hause zu verbringen, harmoniert das Reiseziel. Ein kurzer Stop-over im Nahen Osten, zur Zeit sowieso eine Sackgasse, vor dem Weiterflug in die Schweiz. Vierundzwanzig Stunden später sitzen wir im Flugzeug nach Amman.

    Aber Jordanien - ist das nicht gefährlich? Eingeklemmt zwischen den Bürgerkriegsländern Syrien und Irak im Nordosten, eingegrenzt von den Sorgenkindern Saudi-Arabien, Palästina und Israel im Südwesten? Auffanglager von mehr als einer Million Flüchtlinge? Nein, Jordanien ist sicher. Dem Land ist es trotz den Herausforderungen der Gegenwart und der schwierigen Lage im Nahen Osten gelungen, seine Strukturen aufrecht zu erhalten. Leider wissen das nur wenige und so leidet Jordanien unter einem massiven Rückgang an Touristen. Die Schlange am Schalter für ein Touristenvisum im Queen Alia Airport ist kurz. Nur ein paar junge Rucksackreisende und wir selbst stehen da.

    Amman gleicht nicht gerade einer Stadt aus einem arabischen Märchen. Mit abgasgeschwängerter Luft, Abfallbergen in den Abwasserrinnen und einem riesigen Verkehrschaos auf den Strassen, befindet sich Amman eindeutig im 21. Jahrhundert. Und doch finden wir wenig später beim Herumschlendern in Downtown ein paar Überbleibsel aus vergangenen Tagen: Duftmischer, die ein ganz persönliches Parfüm aus Hunderten von durchsichtigen Glasflakons zusammen mischen, um dann den Kunden und andere vorbeieilende Passanten grosszügig damit einzunebeln. Saftverkäufer, die Granatäpfel und Zitronen, Mangos und Melonen mit ihren vorsintflutlichen Pressen zu leckeren Fruchtsäften mixen, Kuriositätenläden, die nebst Bergen von Gewürzen auch das eine oder andere vertrocknete Mäuseskelett oder heiliges Wasser aus Mekka in der zehn Liter Gallone an den Mann zu bringen versuchen. Und über allem schallt der scheppernde Ruf des Muezzins von der nächstgelegenen Moschee, der die Gläubigen zum Abendgebet ruft. In Amman mischen sich Vergangenheit und moderner Alltag einer arabischen Grossstadt.

    Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Falafel, Hummus, Pitabrot und süssem Schwarztee mit frischen Minzeblättchen sind wir startklar. Mit vollen Wasserflaschen und Proviant für zwei Tage suchen wir uns den Weg hinaus aus der Stadt und in ruhigere Gegenden. Immerhin sind wir ja auf der Suche nach Wüste und Einsamkeit. Die Sonne knallt vom Himmel und der Wind bläst uns mit voller Kraft ins Gesicht. Gerade letzteres wird sich während der nächsten vier Wochen kaum jemals ändern und wir nehmen uns vor, das Thema „vorherrschende Windrichtung“ bei der nächsten Routenplanung nicht zu vergessen. Bald liegen die letzten Aussenquartiere hinter uns und wir biegen auf eine schmale Piste ab, die uns auf den von Norden her kommenden Jordan Bike Trail führt.

    Der Jordan Bike Trail. Er erfüllt unsere Erwartungen nicht ganz. Vielleicht sind wir einfach zu anspruchsvoll geworden, doch wir werden das Gefühl nicht los, dass mehr Potential für eine Bikepackingroute in Jordanien stecken würde als uns dieses GPX file zeigt. Entwickelt wurde er von einer auf geführte Biketouren spezialisierten Reiseagentur, und das merkt man dem Trail an. Langweilige Strecken auf asphaltierten Hauptstrassen, meistens Anstiege, die wohl bei den geführten Touren per Fahrzeug zurückgelegt werden, wechseln sich ab mit tollen Abfahrten auf ruppigen Pisten. Jordanien besteht aus einer Hochebene und einer zerklüfteten Steilwand, die von knapp tausend Meter ins Jordantal und ans Tote Meer auf minus vierhundert Meter hinunter stürzt. Tief eingeschnittene Wadis schneiden ins Hochplateau und obwohl unsere Route auf der Karte in ziemlich direkter Linie nach Süden führt, sieht die Realität anders aus. Auf fünfzig Kilometer langen Tagesetappen kumulieren sich rasch mehr als tausend Höhenmeter. Doch als „ Very Hard“ oder sogar „Extreme“ empfinden wir keine der Strecken, eher ein bisschen mühsam, wenn mir mehrmals täglich in eines der tiefen Wadis hinunter sausen, um uns dann wenig später auf der gegenüberliegenden Seite wieder aufs Plateau hochzuarbeiten. Wir haben halt keinen Begleitbus, der im Tal unten mit einer eisgekühlten Cola auf uns wartet... Erst gegen Süden hin finden wir schliesslich eine Piste, die für längere Zeit als spektakuläre Kammstrasse der Höhenlinie folgt und uns schliesslich ins weltbekannte Wadi Rum führt.
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