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Lange Reise Teil 3

Bikepacking Weltreise: Asien - naher Osten Læs mere
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    31. august 2016

    Ein breites Grinsen

    15. september 2016, Indien

    Wie zerknittertes Packpapier liegen unter uns die trockenen Berge von Ladakh und Zanskar. Warmes Morgenlicht leckt die kalten Schatten aus den Tälern und projeziert bläuliche Umrisse auf die Schneefelder und Gletscher der höchsten Gipfel. Langsam senkt sich der Flieger über die grünen Oasen im Industal, fliegt eine letzte Kurve und setzt auf. Hierher haben wir uns in den letzten Wochen in Kanada geträumt. Und jetzt, nach einem langen Flug von Vancouver über Delhi sind wir endlich da. Und noch etwas anderes ist endlich wieder da. Das Kribbeln, die Spannung, die Entdeckungslust - unsere Reisefreude ist zurück. Wir spüren sie in unserem Kopf, im Herzen, im Bauch. Ein breites Grinsen, und dann ab aufs Velo!

    "Your first visit to Ladakh?", fragt uns der Flugplatz Officer beim Zusammenbauen unserer Bikes. Nein, im Sommer 2012 sind wir den Manali-Leh Highway gefahren und dann mit Pferd und Velo vom Tso Moriri See über den 5570 Meter hohen Parang La ins Spitital getrekkt. Doch diesmal konzentrieren wir uns allein aufs Zanskartal. In Kanada war es nur möglich gewesen, ein knapp bemessenes 30 Tage E-Visa für Indien zu bekommen. Doch wir sind entschlossen, das Beste aus diesen dreissig Tagen herauszuholen.

    Die Strecke nach Kargil nutzen wir zum Einfahren. Ein schmales Teerband zieht sich dem Indusfluss entlang und erklettert dabei auch ein paar 4000er Pässe, wenn ihm die Talsohle gelegentlich doch zu eng wird. Die Wolken hängen tief, verhüllen die höchsten Gipfel mit einem Trauerschleier. Der Monsoon bringt Regen. Grosse, kalte Tropfen klatschen auf unsere Brillengläser, die Gebetsfahnen hängen nass und schlaff auf der Passhöhe des Futu La. Doch da reisst unerwartet die dicke Wolkenschicht auf. Warmes Sonnenlicht kämpft gegen die dunkle, graue, verwaschene Welt und malt einzelne Lichtinseln in das monotone Grau. Ein Regenbogen am Himmel, helle Dampfwölkchen über dem Asphalt - dramatisch, genau so muss der Himalaya sein. Wir grinsen uns an: "Blauer Himmel wäre doch einfach nur langweilig."

    Kargil ist letzter Versorgungspunkt für die nächsten dreihundert Kilometer. Die kleine Stadt liegt im Kashmir, der nach wie vor von Pakistan beanspruchten Region und ist stark muslimisch geprägt. Wir fühlen uns nach Zentralasien versetzt und als wir auf dem Bazar Datteln aus dem Iran finden, verstärkt sich das Déjà Vue Gefühl noch. Auch die nächsten Tage durchs Surutal könnten irgendwo in Tajikistan sein. Die gleichen viereckigen Lehmhäuser, kleine Moscheen, die Frauen mit ihren bunten Kopftüchern und den weiten Pluderhosen, die Männer mit den kleinen Gebetskappen auf dem Kopf. Doch dann beginnt die Piste anzusteigen. Zuerst sanft durch ein weites Hochtal, am Schluss in engen Serpentinen, erklettern wir den 4300m hohen Penji La, das Tor zum alten Königreich Zanskar. Eine weisse Stupa steht auf der Passhöhe, farbige Gebetsfahnen knattern im Wind, die Sonne strahlt vom Himmel. Wir sind zurück in der tibetischen Welt und stehen auf einem wilden, hohen Pass. Ein Grinsen allein reicht jetzt nicht mehr. Das Echo wirft unser Jauchzen zurück.

    Padum, der Hauptort des Zanskartals ist ein grosses Dorf. Die meiste Zeit des Jahres von der Aussenwelt abgeschnitten, hoffen die Menschen auf die Fertigstellung der neuen Strasse dem Zanskarfluss entlang nach Leh und der Verbindungsstrasse über den Shingo La an den Manali-Leh Highway. "In five years the road work will be finished", meint die Guesthousebesitzerin überzeugt, "dann wird das Leben hier viel einfacher werden." Wir zweifeln, denn bereits bei unserem ersten Besuch vor vier Jahren waren die Bauarbeiten in vollem Gange und schon damals hörten wir das "...in fünf Jahren..." Immerhin kann man jetzt von der Manaliseite bis zum Shingo La hochfahren und auch hier hat sich die Strasse weitere vierzig Kilometer ins Flusstal gefressen. So können wir bis Tsetang noch fahren. Doch dort endet die Piste vor einer massiven Felswand und führt als schmaler Trekkingpfad weiter in die Höhe. Wir verladen unser Gepäck auf ein Pferd und machen uns daran die nächsten Tage unsere Bikes über ausgesetzte Wege, schwankende Hängebrücken, grosse Felsbrocken und die ein oder andere Felsstufe zu wuchten.

    Doch die Anstrengungen lohnen sich. Im oberen Zanskartal scheint die Zeit still gestanden zu sein. Kleine Dörfer, terassierte Felder, Bergleute mit verwitterten Gesichtern. Die tibetischen Häuser erinnern an kleine Trutzburgen: Gedrungen, massiv, weiss gestrichen. Auf den Flachdächern liegen die Wintervorräte aufgeschichtet. Getrocknete und flachgepresste Yakfladen als Heizmaterial, trockenes Gras und die ausgedroschenen Ähren der Gerste als Futtervorrat für das Vieh. Und über allem flattern die Gebetsfähnchen und sorgen so für das nötige Glück, um die kalte, harte Jahreszeit gesund überstehen zu können.

    Vier Tage später stehen wir nach einem harten Anstieg auf dem Shingo La, 5100m. Hier verabschieden wir uns von unserem Pferdeführer und laden das Gepäck wieder auf die Bikes, denn hier beginnt die Piste an den Manali-Leh Highway. Ein 2000 Meter Downhill hinunter nach Jispa direkt unter die heisse Dusche. Wir brauchen nicht in den Spiegel zu schauen, wir spüren es auch so. Da ist es wieder, dieses breite Grinsen, und nun kriegen wir es kaum mehr vom Gesicht.
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  • Spiti

    25. september 2016, Indien

    Riesige Granitfelsen, ein reissender Strom, Gletscherzungen, die fast am Strassenrand lecken. Und irgendwo mitten durch das archaische Tal windet sich eine aus groben Steinen bestehende Piste hinauf zum Kuzum La. Es ist unser letzter Himalayapass in Indien und immer noch einer der schönsten, auch wennn wir ihn nun schon zum zweiten Mal fahren. Mit ihm erreichen wir das Spitital.

    Langsam wird die Zeit knapp. In vier Tagen müssen wir aus Indien ausreisen, noch rund achthundert Kilometer bis an Nepals Grenze liegen vor uns. Zu weit, um in dieser Zeit zu schaffen, vor allem mit diesen Strassenverhältnissen. Mit einem Laster trampen wir die letzten hundert Kilometer aus dem Spiti Tal bis nach Shimla. Riki, der junge indische Fahrer meint: "I know Switzerland", in den Filmen würde der Polizist jeweils fragen "where is your money?" und der Gangster würde dann sagen: "At a Swiss bank!" Auch sonst ist Riki ein pfiffiger Geselle. Als wir ihm anhand der Teepreise zu erklären versuchen, wie teuer das Leben in der Schweiz sei (in Indien zahlt man 10 Rupies für einen Tee, in der Schweiz 300!) meint er nach kurzem Überlegen: "Then I go to Switzerland and sell only tea!". Ja, wenn es bloss so einfach wäre.

    Von Shimla chartern wir ein Taxi. Zu knapp ist die Zeit für einen der klapprigen Busse. Auch so dauert die erste Etappe unserer Monsterfahrt immer noch zehn Stunden. Haridwar ist unser Tagesziel, die heilige Stadt am Ganges. Zuerst geht es kurvenreich raus aus den Bergen. Unser Fahrer meint: "Vor zwanzig Jahren, als es hier noch keine Strasse und Autos gab, war diese Region extrem gefährlich!", sagts, schmeisst den Pannenblinker rein und drückt aufs Gaspedal. Ein schelmisches Grinsen Richtung Innenspiegel. Doch leider ist da keiner...
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  • Just relax

    2. oktober 2016, Indien ⋅ 🌫 33 °C

    Haridwar. Hier erreicht der Ganges das indische Tiefland. Tausende Pilger versammeln sich an den Ufern des breiten Stroms. Eine farbige Menschenmenge, badend, betend und ihr Heil im Wasser suchend. Blumenschiffchen werden auf die Reise geschickt, orange gekleidete Sadhus mit verfilzten Bärten segnen die Menschen, brennende Fackeln in der feuchten, heissen Abendluft. Klischeeindien: Bunt, laut, dreckig, fremd - und doch faszinierend.

    Am nächsten Tag steht uns erneut eine wahnwitzige zehnstündige Autofahrt bevor, auf zu überfüllten Strassen und "Autobahnen" auf denen Geisterfahrer zum Regelverkehr gehören. Die Hupe scheint irgendwie zu klemmen, gebremst wird nur für Kühe, die Müllberge und Abwasserlachen stinken zum Himmel und trotz Fahrtwind hängen wir im Sitzpolster wie zwei ausgedrückte Schwämme. Das Grinsen? Es ist irgendwo an der eingedrückten Seitentür zerquetscht worden, die unser Fahrer mit einem indischen Kopfwippen abgetan hat. Doch ungeachtet dessen überqueren wir pünktlich am letzten Tag unseres Indienvisas den Grenzfluss nach Nepal. Ab sofort haben wir wieder eine neunzig Tage Frist. Ein breites Grinsen - just relax...
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  • Dolpa

    11. november 2016, Nepal ⋅ 🌙 9 °C

    Der Vollmond steigt über die Bergspitzen, eine Kristallkugel auf einem dunkelblauen Samttuch. Der Wind weht in heftigen Böen vom Pass her, wirbelt grobkörnigen Sand auf und fährt unter den Zeltstoff. Die Temperatur liegt weit unter Null. Wir frieren, obwohl wir mit Thermounterwäsche, Daunenjacke und Goretexkleidern im Schlafsack liegen. Zwischen den Windböen ist es still, so still wie es nur im Hochgebirge sein kann. Unser Zelt steht auf 5500 Metern. Eigentlich viel zu hoch, um zu übernachten. Die Luft ist zu dünn, um ruhig schlafen zu können. Aber die sorgfältigen Pläne, die wir in Pokhara geschmiedet haben, hätten uns gar nicht erst an diesen Ort führen sollen.

    Wie waren wir froh, nach dem schwül-heissen Terai die ersten Ausläufer der Berge zu erreichen. Und ganz ehrlich: Wir haben uns wahnsinnig über die Touristenhochburg Pokhara gefreut. Nettes Hotelzimmer, saubere Bettwäsche, heisses Duschwasser, gutes Essen. Manchmal tut so ein Ort einfach gut. Doch Pokhara frustriert uns auch. Uns war nicht bewusst, wie unglaublich reglementiert Nepal ist. Kaum noch eine Trekkingroute, die alleine begangen werden darf. Überall braucht es teure Sonderbewilligungen und die Mitnahme eines Führers ist oftmals vorgeschrieben. Überhaupt nicht nach unserem Geschmack. Doch wir sind hier, um den Himalaya zu erleben und so versuchen wir uns zu arrangieren. Wir brüten ein paar Tage über Karten und stellen uns eine Route zusammen, die so noch in keinem Reiseführer steht. Dhaulagiri - Hidden Valley - Lower Dolpa - Lower Mustang. 18 Tage, ein reiner Campingtrek, Versorgungsmöglichkeiten unterwegs: Keine. "That's an expedition, not a trek", meint der Herr in der Tourenagentur, bevor er sich an die Strippe hängt und versucht einen Führer zu finden, der die Region kennt. Wir zucken die Schultern. Wenn wir schon einen Guide mitnehmen müssen, dann soll er uns auch was nützen.

    Zwei Tage später stehen wir in Marpha, dem Ausgangspunkt unseres Trekkings, zusammen mit Chham, unserem Guide sowie seinem "pleasure friend", einer zierlich gebauten Frau mit pinken Fingernägeln und brandneuen hellblauen Turnschuhen, die die Aufgabe des Trägers übernehmen soll. "She is very strong", versucht Chham uns zu beruhigen, "she can do it". Na gut, wir wurden ja von unserem Äusseren auch schon unterschätzt. Doch bereits nach fünf Minuten ist klar, dass uns unser Gefühl nicht getrogen hat: She can't do it - jedenfalls nicht so. Wir nehmen ihr die Hälfte unseres Proviants wieder ab und schnallen zwei Packsäcke auf unsere eh schon überfüllten 30l Rucksäcke. Nach zwei Tagen sieht dann auch Chham ein, dass seine Freundin sicher ihre Qualitäten hat, aber nicht unbedingt als Trägerin. Wir packen um und schicken die Lady zurück. Und obwohl wir von nun an jeden Felsen nutzen, um die schweren Rucksäcke abzustellen, kommen wir doch um einiges schneller voran als zuvor.

    Mit dem Dhampus Pass erreichen wir das "Versteckte Tal", und hier zweigen wir von der Hauptroute der Dhaulagiri Runde ab. Der sonnenbeschienene Talboden verengt sich immer mehr zu einer schattigen Schlucht. Glasklare Eiszapfen hängen an den Steinen und wir müssen bereits zum dritten Mal den reissenden Gletscherbach queren. Der Monsoon hat den Wasserstand ansteigen lassen und den Trail zum Verschwinden gebracht. Die Felswände rücken noch näher zusammen, das Wasser steigt auf Hüfthöhe. Zu gefährlich, um zu furten, die Strömung ist zu stark, das Wasser zu kalt. "Wir müssen über den Muli Pass, der bringt uns aus dem Tal", meint Chham und zähneklappernd drehen wir um.

    Der Pass hat zwar einen Namen, aber keinen Pfad. Weglos klettern wir eine verblockte und mit Geröll gefüllte Ravine hoch. Immer wieder lösen wir kleine Schuttlawinen aus, wenn wir im losen Schiefergestein nach Tritt suchen. Ob Chham weiss, wo er uns da hinführt? Längst sind wir alle drei völlig erschöpft von der steilen Kletterei, längst hat die Sonne lange Schatten geweckt, die mit kalten Fingern nach uns greifen, doch hier können wir nirgendwo zelten. Mit dem letzten Abendlicht erreichen wir einen flachen Boden auf 5500m, kurz bevor der "Pass" über einige Felsstufen zum Grande Finale ansteigt. Trotz sorgfältiger Planung in Pokhara sind wir nun hier.

    Am nächsten Morgen erklimmen wir die restlichen 400 Höhenmeter, oft auf allen Vieren und nach Atem ringend. Muli La - du bist ein richtiger Sauhund... Da geht es am nächsten Tag um einiges einfacher über seinen Bruder im Nachbartal, den Mula La. Der Aufstieg führt durch ein weites Hochtal hinauf zum Pass. In unserem Rücken liegt eine Berglandschaft in allen Braunschattierungen, die sich in der Ferne auf einem Hochplateau verliert - Tibet. Vor uns erhebt sich majestätisch die gewaltige Dhaulagiri Range. Steile Felswände, stürzende Gletscherzungen, aufgewirbelte Schneefahnen auf den scharfgezeichneten Bergrücken: Ein Hammerpass. Für uns ist er das Tor zur Dolpa Region, für die Händler und ihre Karawanen eine wichtige Versorgungsroute. Jetzt Ende Herbst bringen sie mit schwer beladenen Maultieren und Yaks Reis, Oel und Salz in die abgelegenen Dörfer. Für fast ein halbes Jahr werden die Menschen von der Aussenwelt abgeschnitten sein.

    Am siebten Tag erreichen wir die erste kleine Siedlung, Mukotgoan. Die Steinhäuser ducken sich nah beieinander an die Talseite. Gelb leuchten darunter die abgeernteten Felder im weichen Herbstlicht. Das rhythmische Klopfen der Dreschflegel erfüllt das Tal. Der Eingang des Dorfes wird von drei uralten Chörten markiert. Kurz danach treffen wir auf eine Frau, die uns neugierig mustert. "Tashi Delek!" erwidert sie unsere Begrüssung, "Möge es dir wohlergehen!" Die Begrüssungsformel, die überall im tibetischen Raum verwendet wird und die uns immer an unsere Zeit in Osttibet erinnert. Wir scheinen eine ziemliche Attraktion zu sein, denn bald gerät das Klopfen der Drescher aus dem Rhythmus und von den Dächern folgen uns die Blicke, als uns die Frau in ihr Haus führt.

    Über eine steile Holztreppe steigen wir vom Stall hinauf in den Wohnraum und man weist uns die Ehrenplätze an der Wand hinter dem Ofen zu. Ein paar Fladen Yakdung werden ins Feuer geschoben, Buttertee gereicht. Wir fühlen uns, als wären wir mit jeder Leitersprosse, die wir soeben hochgeklettert sind, mindestens zehn Jahre in der Zeit zurück gereist. Schwarze Wände, Rauch, der die Augen tränen lässt - ein verschwommener Blick in die Vergangenheit. Ein Regal voller Messingkannen, eine Zahnbürste, Rüstabfälle in einer Ecke, ein Butterfass an der Wand. Lichtflecken, die vom Dachloch zum Boden fallen. Starke Kontraste schneiden die Gesichter der Menschen um uns aus dem Dunkeln.

    Die Frau kniet nieder, bläst in die Glut und setzt einen Topf auf den Herd. Wir werden zum Mittagessen eingeladen. Die Kartoffeln sind nicht grösser als Wachteleier. Das erste Mal haben wir das Gefühl, dass die Menschen so wenig haben, dass es nicht richtig ist, ihnen das wenige wegzuessen, darum greifen wir nur zurückhaltend zu. Gegen Abend stellen wir unser Zelt auf einem der Flachdächer auf. Langsam verstummt das Klatschen der Dreschflegel. Ein Schwarm Dohlen fliegt hinaus in die Abenddämmerung, während eine Gruppe rotznäsiger Kinder uns mit grossen Augen beim Kochen zuschaut.

    Die nächsten Tage führen uns über einen spektakulär gebauten Pfad durch ein enges Tal Richtung Charka Bhot, das an der Grenze zu Upper Dolpa liegt. Wir begegnen Karawanen auf ihrer Wintermigration hinunter ins Tal, queren weitere mittelalterlich anmutende Dörfer, laufen entlang langer Manimauern aus gemeisselten Gebetssteinen und begegnen immer wieder Menschen, die direkt einem Filmset entstiegen zu sein scheinen. Und obwohl es faszinierend ist, dass im einundzwanzigsten Jahrhundert noch Orte wie dieser existieren, wissen wir, dass das Leben hier nichts mit Nostalgie, sondern vor allem mit Überleben zu tun hat.

    "Botte People" werden die Dolpa Bewohner von den übrigen Nepalesen gerne abschätzig genannt. Jeder weiss: Sie sind zu faul zum Duschen, leben gerne im Dreck und sind steinreich! Das Gerücht hält sich sogar bei unserem Führer hartnäckig. "Im Frühling ziehen sie hinaus auf die Alpweiden, um den Yartsa Gunbu, den chinesischen Raupenpilz zu ernten. Die Chinesen sind ganz verrückt nach diesem Aphrodisiakum und bezahlen Millionen!" Der Pilz wächst nur im tibetischen Hochland und hat seinen Ursprung aus einer Raupe, die hier im Boden überwintert. Und tatsächlich kostet er in China mittlerweile ein Vermögen. Für die Dolpa Bewohner ist er ein wichtiges Handelsgut, um Salz, Zucker und Kleider von China zu erstehen. Bezahlt wird von den chinesischen Händlern meist in Naturalien. Doch reich wird damit wohl kaum jemand. Und das Duschen? Nun, das ist so eine Sache hier, wie auch unser Führer eingestehen muss, als er am frühen Morgen des sechzehnten Trekkingtages verfroren aus seinem Zelt kriecht.

    Mit dem Herbst sind die Tage in Nepal kurz geworden. Im Taschenlampenlicht haben wir zusammengepackt. Der Weg ist steil, der Jungben La hoch. Er ist der letzte grosse Pass auf unserem Trekking, bevor es wieder runter geht ins untere Mustangtal. Ein letztes Mal stehen wir auf über 5500m. Der Wind fährt in den verwitterten Stoff der Gebetsfahnen und lässt sie knattern. Unser Blick schweift weit über Bergketten und Täler. Ein einsamer Stern verblasst, ein Diamant, zum Schlafen gelegt in einem rosa Samttuch. Dann geht die Sonne auf.
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  • Orte und Gesichter

    18. december 2016, Nepal

    Kerzen in den Strassen von Pokhara - warmes Licht, das die Hauseingänge füllt. Farbenfrohe Mandalas aus Sand auf den Gehsteigen, orange zieht sich eine Spur in die Läden und Cafés, meist direkt zur Kasse. Es ist Tihar, das Lichterfest in Nepal. Die Kerzen und Muster sollen Glück und Wohlstand bringen. Und in Pokhara liegt für viele das Glück in den klingelnden Kassen. Während unserem Dolpa Trekking hat sich die Stadt mit Touristen gefüllt. Es ist Hauptsaison, die Strassen vollgestopft mit ziellos schlendernden Kulturhungrigen. Alle sind sie hier, um ihr ganz persönliches Stück Himalaya abzuschneiden, Scheibe für Scheibe, bis diese so dünn werden, dass nichts mehr übrigbleibt als ein paar Krumen, ein schneller Biss, ein rasches Kauen. Herunterschlucken.

    Pokhara könnte irgendwo auf der Welt sein, dieselben Cafés, welche mit double Espresso, hot chocolate, Kuchen, Burger und Pizza aufwarten, welche man auch in Quito, el Calefate, Goa oder Samarkand findet. Und trotzdem ist es heute anders, mit all dem Kerzenlicht und den Tänzern in den Strassen. Ein bisschen wie Disneyland, Weihnachten und Karneval zusammen.Zehn Tage sind schon wieder verflossen, seit wir dreckig, aber glücklich aus den Bergen zurückgekehrt sind. Wir haben mindestens zweimal am Tag heiss geduscht, Filme geschaut und gegessen. Und dann, irgendwann an einem Morgen wie jedem anderen, haben wir unsere Sachen gepackt, uns in die Sättel geschwungen und sind rausgefahren, weg vom ganzen Tumult, zurück ins alltägliche Nepal.

    Hoch hinaus schwingt die Schaukel. Vier Bambusstangen halten das Seil, das Kind darauf jauchzt, während es dem Himmel entgegen fliegt. Die Festzeit in Nepal bringt nicht nur Licht und Wärme, sondern auch Freude und Erneuerung. Schlechte Gefühle werden ganz einfach weggeschaukelt. Und es scheint zu funktionieren. Niemand hat dabei einen Miesepeter aufgesetzt. Vielleicht sollten auch wir in der Westlichen Welt ab und zu mal schaukeln.

    Für unseren Weg von Pokhara nach Kathmandu haben wir uns Nebenstrassen ausgesucht. Auf der geteerten Hauptstrasse, auf der all die verrückten Busse hupend und rasend durchs Tal krachen, haben Radfahrer nichts verloren. Steil geht es hoch und runter, oft mehr als 1500 Höhenmeter pro Tag. Vom Monsoon ist nichts mehr geblieben. Die Pisten sind staubtrocken, ein feines, knöcheltiefes Pulver, das bei jedem vorbei holpernden Bus oder Moped aufgewirbelt wird und sich dann als feiner Schleier über alles legt.

    Tag für Tag scheint die Sonne und die Reisfelder werden abgeerntet. Eine harte, zeitraubende Arbeit. Es wird gesichelt, getrocknet und geschlagen von morgens früh bis abends spät. Reis ist das Hauptnahrungsmittel in Nepal. Wir hätten nichts dagegen, doch der Reis landet ausnahmslos im standardmässigen Dal Bhat. Reis mit Linsensuppe. Einmal fragen wir in einer Strassenküche nach "Fried Rice". Der Besitzer starrt uns überfordert an: "I have no idea how to make that." Und so bleibt dann auch unser Speiseplan täglich der gleiche. Frühstück: Gebratene Nudeln von unterschiedlicher Qualität, meist gut abgelagert...Mittagessen, schnell und überall verfügbar: Instant Nudeln. Nachtessen: Dal Bhat. Schon bald sehnen wir uns zurück zu den reichhaltigen Menus in Pokhara. Doch wenigstens billig ist es, Tagesbudget zu zweit: Zehn Franken. Davon je zwei Franken für eine Mahlzeit, und vier Franken für die Unterkunft.

    In Kathmandu machen wir eine weitere lange Pause. Zwar hassen wir die Stadt mit dem Verkehrschaos, dem Smog und Dreck. Doch an Kathmandu kommt niemand vorbei. Eine Woche warten wir auf das Indienvisa, eine zweite auf das von Myanmar. Dazwischen lösen wir uns die nötigen Bewilligungen für ein weiteres Trekking, diesmal in der Everest Region.

    Nepal hat zwei Gesichter. Zum einen sind da die Superlative: Die höchsten Berge der Welt, Hängebrücken, welche sich über tiefe Schluchten spannen, das Land der Bergsteiger und Helden. Gemütliche Teehäuser, lächelnde Sherpas, einsame Trekkingpfade. Doch der grösste Teil von Nepal zeigt ein anderes Gesicht. Grüne Hügel, Reisfelder, einfache Häuser. Hier wird ganz unspektakulär gelebt und gearbeitet. Weit weg sind alle Touristen, die netten Gästehäuser, die warmen Duschen, frischen Apfelkuchen und frittierten Snickers. Durch dieses Hinterland führt uns unser weiterer Weg, zuerst noch auf einer nagelneuen, japanischen Teerstrasse, dann wieder auf staubigen, ausgefahrenen Pisten. Tausend Meter hinunter, tausend Meter hinauf, und hinauf und hinauf. So weit, bis die Strasse endet. In Taksindo, am Rand des Khumbu Tals stellen wir unsere Bikes bei einem Guesthouse ein und von nun an geht es zu Fuss weiter. Wir wollen den Three Passes Trek im Sagharmata Nationalpark laufen. Und als hätte man Nepal eine Maske aufgesetzt, sind wir plötzlich wieder mitten drin, im Rummel um die höchsten Gipfel.

    Kleine Propellerflugzeuge laufen im Halbstundentakt das Rollfeld in Lukla an. Hier spucken sie die Everesthungrigen aus, gefolgt von Führern und Trägern. Wir wundern uns, was da alles hochgeschleppt wird, gibt es doch jeden Abend geheizte Gästehäuser und Essen. Es sind Leute unterwegs, die zu Hause nicht einen Schritt vor die eigene Haustüre setzen würden. Aber hier ist alles ganz einfach. Träger sind billig, Sherpas freundlich und hilfsbereit. Eine Gruppe Träger überholt uns. Auf ihren mannsgrossen 100 Liter Säcken steht "responsible trekking. One trekker = one porter". Als wir am Abend in unsere Unterkunft einchecken, fragt uns der Besitzer: "Where is your backpack?" Wir schauen uns erstaunt an. Nein nein, das sind nicht nur unsere Tagesrucksäcke... 80 bis 100kg schleppen die Träger, welche Namche Bazar, das Hauptdorf in der Everest Region mit Waren versorgen. Mindestens 50% von allem, was dort hochgetragen wird, sind Luxusgüter. Hauptsächlich Bier.

    Wir laufen zügiger, machen lange Tagesetappen und schnelle Anstiege, um den Leuten zu entkommen, um zurückzufinden in eine ruhigere Bergwelt. Zwei Alpinisti aus dem Tessin mit Pickel, Steigeisen und Schalenschuhen, die ebenfalls den Three Passes Trek wandern, prophezeien uns, dass wir ein Hirnödem erleiden und mit unseren "Halbschuhen" auf dem Cho La Pass Gletscher sterben würden. Wir verkneifen uns eine Antwort, verabschieden uns höflich und machen, dass wir weiterkommen. Nach fünf Tagen wird es ruhiger, die Nächte kälter, die Luft klarer. Tibetische Gebetsfahnen flattern an den Häusern, Yakkarawanen kreuzen uns in einem wilden Bergtal.

    Am Mittag erreichen wir den Renjo Pass auf 5390 Meter. Als wir den scharfen Grat zur Ostseite hin überschreiten, trifft es uns wie ein Donnerschlag. Da stehen sie, die Bergriesen unserer Welt, majestätisch, kalt, schroff und wunderschön. Als wir vom Pass herunter steigen, ist es, als würden wir durch ein IMax Kino laufen, mit einer Leinwand, die den ganzen Horizont umspannt. Und obwohl wir vom 1000 Meter Auf- und dem darauffolgenden Abstieg müde sind, können wir es nicht lassen, gleich nochmal 600 Meter auf den Gokyo Ri hinaufzusteigen, um den Sonnenuntergang zu bewundern. Wir fühlen uns fit, sind hellwach und ein bisschen berauscht von der dünnen Höhenluft. Als die Sonne langsam dem Horizont zusinkt, der Nebel durch das Tal hochsteigt und das Panorama in weiches Abendlicht hüllt, wissen wir, dass es trotz all den touristischen Nebeneffekten der Everest Region kein Fehler war, hierher zu kommen. Wir staunen in die Stille. Und dann schläft der höchste Berg der Welt ein.

    Die nächsten Tage wandern wir über zwei weitere hohe Pässe, wie zwei Schlafwandler in einem süssen Traum. Einmal abgesehen vom Haupttrail zum Everest Base Camp begegnen wir jetzt in der Nebensaison so hoch oben kaum mehr anderen Trekkern. Zwar vermissen wir die kulturellen Begegnungen und die totale Abgeschiedenheit, welche wir in der Dolpa Region erleben durften, aber am gigantischen Panorama, den archaischen Gletschern und türkisfarbenen Seen können wir uns kaum sattsehen.

    Nach zwölf Wandertagen sind wir zurück in Taksindo bei unseren Velos. Von hier aus geht es für uns auf dem "Midhill Highway", einer rauen und staubigen Bergpiste weiter an die Ostgrenze. Nepals Maske fällt, was darunter erscheint, ist dieses wettergegerbte, offene Gesicht, welches wir nun schon so gut kennen: Faltig, ungewaschen und abgehärmt. Doch wenn man ihm ein freundliches "Namaste" zuwirft, dann findet man ein Lachen in seinen Augen. Manchmal ein bisschen zu übereiferig, zu schrill oder in seinem Ansatz erstarrt, weil es nicht begreift, wie ihm geschieht, wenn es die beiden Radler erblickt.

    Mittlerweile haben wir uns auf wenige Tage an Nepals Ostgrenze herangearbeitet. Der tägliche Rhythmus aus aufstehen, radeln, schieben, schwitzen, Staub und Dal Bhat schlucken, ist uns zur Gewohnheit geworden. Doch schon bald verabschieden wir uns von Nepal. Nach drei Monaten erwartet uns erneut Indien. Zeit, einem alten Bekannten ins Gesicht zu blicken.
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  • Verliebt

    22. januar 2017, Indien

    "Wir leben in der Gegenwart, die Vergangenheit und die Zukunft kümmern uns nicht." Paplav überreicht uns gewürzten Milchtee. Er ist Lehrer in Seppa und hat uns zu sich eingeladen. "Ich gehöre zu den Nyishi, der grössten kulturellen Gruppe Arunachal Pradeshs. Unsere Leute leben nur in der Gegenwart, im Moment. Darum bin ich so glücklich, dass ihr nun mit mir zusammen Tee trinkt. Dass ihr den Weg in mein Haus gefunden habt, ihr, die ihr von so weit hergereist seid."

    Es scheint, als lägen in Arunachal Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht hinter-, sondern nebeneinander. Wie auf einer mehrspurigen Strasse kann ein Besucher zwischen den Zeiten wechseln und so gleichzeitig in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft unterwegs sein. Wer hier wohnt, hat sich an diese Mehrspurigkeit gewöhnt. Wie ein Vielfahrer merkt er kaum noch, wenn er die Spuren wechselt, ja sind die Spuren selbst aufgehoben, verschmolzen zu einer einzigen Strasse, die ihn weiter führt. Für ihn gibt es keine Vergangenheit und keine Zukunft mehr. Alle Zeiten sind eins. Alles ist jetzt.

    Durch Arunachal wird ein Highway gebaut. Er ist breit, viel zu breit für die steilen Hänge und engen Schluchten. Zehn Bagger fressen sich durch die Berge, hinterlassen eine aufgerissene Wunde in der Landschaft, die bis zum nächsten Monsun nicht heilen wird. Der Regen wird einsetzen und die Hänge werden bluten. Schon jetzt müssen wir Erdrutsche umfahren und das Wasser in den Flüssen ist braun von der Erosion. Ein Schild steht am Strassenrand, schwarze Schrift auf gelbem Grund: "Wir verbinden Menschen mit dem Mainstream". Die Strasse wird schneller sein, gerader, moderner. Sie bringt die Zukunft. Und dann, als hätte jemand ein Bild in Photoshop falsch zusammengesetzt, endet die Baustelle, rückt das Dickicht um uns näher, holpern wir mit unseren Fahrrädern auf einer sich windenden, schmalen und löchrigen kleinen Dschungelstrasse weiter durch das Tal. Wir haben die Spur gewechselt. Wir radeln in der Vergangenheit.

    Dunkelblau senkt sich der Abend über die tiefen Täler und grün bewaldeten Hügel. Letztes Licht bricht durch das Geäst um uns, aufgewirbelter Staub eines vorbeifahrenden Autos zeichnet Sonnenstrahlen in die Schatten. Nur noch wenige Minuten, dann wird die Umgebung ihre Konturen an die Nacht verlieren. Eine kurze Dämmerung, typisch für dieses Breitengrad. Höchste Zeit einen Schlafplatz zu finden. Und wie immer kommt er, wenn wir ihn brauchen. Ein paar Bambushütten auf Stelzen und ein längliches Betongebäude mit einer Horde Kinder und ein paar Erwachsenen auf dem trockenen Vorplatz. Eine Schule? Das wäre ideal. Wir rollen auf die Erwachsenen zu, die uns überrascht begrüssen.

    Touristen sind immer noch ein seltener Anblick im nordöstlichsten Bundesstaat Indiens. Und dann noch solche auf dem Fahrrad! Der Aufwand eines Spezialpermits, fast keine Infrastruktur und wenig Informationen machen Arunachal Pradesh zu einem weissen Fleck auf der touristischen Landkarte. Hier erleben wir, wie sich das Reisen vor fünfzig Jahren angefühlt haben muss. Wir machen den Schulvorsteher aus und erhalten rasch die Erlaubnis, in dem kleinen Klassenzimmer zu zelten. Die Schule ist eine Boarding school, eine Art Internat, wo die Kinder zwischen vier und zehn Jahren, Mädchen und Jungen getrennt, in einem Langhaus am Boden schlafen und nur einmal im Monat übers Wochenende mit einem mehrstündigen Fussmarsch in die kleinen Bergdörfer und zu ihren Familien zurückkehren. Hunderte von Augen folgen uns beim Aufstellen des Zeltes. Die Gesichter haben so gar nichts mehr mit den Indischen gemeinsam. Hohe Wangenknochen, Mandelaugen, dunkle, glatte Haare, olivebraune Haut. Dschungelgesichter. Gesichter des Nyishi Stammes.

    In Arunachal leben sechsundzwanzig verschiedene Volksgruppen. Ihre Sprachen, ihre Traditionen, ja selbst ihre Bambushäuser unterscheiden sich von Stamm zu Stamm grundsätzlich. Sie sind eindrücklich, diese Menschen, die seit Jahrhunderten im und von diesem Dschungel gelebt haben. Doch die Begegnungen mit älteren Leuten, die noch die traditionellen Trachten und den ursprünglichen Kopfschmuck tragen, oder wie die Atapani Frauen Zeichen ihrer Stammeszugehörigkeit ins Gesicht tätowiert haben, sind selten. Im Alltag gleicht sich eine junge Generation Arunachal Pradeshs immer mehr dem "Mainstream" an, versucht dazu zu gehören und hineinzupassen ins Bild des modernen Menschen. Und so kommt es auch hier, dass sich die Zeiten vermischen, dass sich Jugendliche am Republic Day in Militärleggins stürzen und gleichzeitig den Schmuck ihrer Grossmutter umhängen. Dass sie mit Eyeliner die alten Tätowierungen ihrer Vorfahren auf Nase und Kinn zeichnen, aber anstelle von traditionellen Schritten neue Kreationen zu Bollywood Musik tanzen. So ist Arunachals Gegenwart. Gefangen zwischen Tradition und Moderne. Was überwiegt, wenn die Zeit weiter fliesst? Was wird neu geschaffen und was geht verloren?

    In Sagalee fragen wir in der Don Bosco Mission nach einem Schlafplatz. Eine Gruppe Jungs spielt Fussball vor dem Schultrakt. Als sie uns erspähen, lassen sie ihren Ball links liegen und rennen zum Tor. Wenige Meter vor uns verlangsamen sie jedoch ihr Tempo und begrüssen uns höflich und gut erzogen. Einer der Jungen holt den Priester. Ein dunkelhäutiger Mann mit unübersehbar südindischem Einschlag. Er bietet uns eines der Gästezimmer an. Es ist blitzsauber, hat zwei Betten und ein eigenes Bad mit heissem Wasser. Wir geniessen es. Beim Nachtessen erzählen uns die Glaubensbrüder stolz die Erfolgsgeschichte der katholischen Mission. Steigende Schülerzahlen, neue Kirchen in abgelegenen Dschungeldörfern, neue Schuleröffnungen in den Hauptorten.

    In den nächsten Tagen erleben wir mehrmals, wie neu bekehrte Christen die Nase über die alten Vorstellungen rümpfen und sich wegen der Traditionen ihrer Vorväter schämen. "Wir gehören jetzt zur hellen Seite der Welt und haben die Dunkelheit hinter uns gelassen", meint ein junger Mann auf der Strasse zu uns. Missionsarbeit ist für uns schwierig zu beurteilen. Wir verstehen, dass sich die Menschen nach mehr Bildung, besserer Krankenversorgung, einer faireren Chance in der Welt sehnen und dass die Kirche und vor allem ihre modernen (zumindest im Vergleich zu den öffentlichen) Schulen einen Weg dahin bieten. Doch muss diese Entwicklung wirklich auf Kosten uralter Traditionen und Lebensweisen geschehen? Muss dabei wirklich die Völkeridentität ausgelöscht und durch westlich interpretierte Bibelgeschichten und Kirchenlieder ersetzt werden? Schön, hängen Sterne an den Giebeln der Häuser und nicht Kreuze. Sie passen zu den Sonnenflaggen des alten Glaubens, welche zum Teil noch an den Häusern flattern. Die Sonne, der Ursprung allen Lebens. Und die Sterne, das abgewandelte Symbol des Christentums. Auch das ein Versuch, Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart zu vereinen?

    Das Feuer prasselt, weckt Geister aus Licht und Schatten an den geflochtenen Wänden der Bambusküche, in der wir sitzen. Wir sind bei der Familie von John Taniang zum Nachtessen eingeladen. Es gibt Reis mit scharfem Bambus Chutney, gekochte Bananenblüten, Wasserspinat und Paneer Curry - ein Festmahl. Diesen Abend, das Lachen um uns, die tanzenden Flammen und das gemütliche Zusammensein an einem so fremden Ort möchten wir festhalten. Sobald wir die Kameras hervorholen, werden auch auf der Gegenseite Handys gezückt. Natürlich, trotz allem, wir sind ja immer noch in Indien. Wir sind Teil einer modernen Welt, Teil des "Mainstreams". Doch noch im selben Atemzug, in dem sich die Zeugen der Gegenwart unter uns gemischt haben, wollen unsere Gastgeber, dass wir ihnen ein typisches Lied von unserem Land vorsingen. Ein traditionelles Lied. Wir brauchen Bedenkzeit. Und in diese Stille hinein beginnt John's Vater selbst zu singen. Eine alte Melodie seines Volkes. Zuerst etwas wackelig und unsicher, begleitet von den befremdeten Blicken seiner Söhne. Dann voller und klarer: Eine Geschichte von einem Schmetterling, der eine duftende Blume findet, sich darauf niederlässt und von der Süsse und der Schönheit dieser Blume in den Bann gezogen wird. Er vergisst dabei, was um ihn geschieht, kümmert sich nicht mehr darum, was vor dem Landen auf der Blüte war und was vielleicht danach sein wird, gibt sich nur noch dem Augenblick hin, der Gegenwart.

    Wir fühlen uns den Nyishi verbunden, denn wir hängen momentan weder unserer Vergangenheit nach, noch kümmern wir uns um unsere Zukunft. Vor nicht allzu langer Zeit hat uns jemand gefragt, wann wir denn zurück in die Schweiz kommen würden, und ob wir mit dem ruhelosen Unterwegssein nicht unsere Lebensperspektive verlieren würden. Wir glauben das nicht. Jeder Tag unserer Reise ist eine Bereicherung, öffnet uns neue Sichtweisen auf unsere Welt. Wir haben gelernt im Moment, in der Gegenwart zu leben und wir lieben es. Denn die Gegenwart ist das Leben selbst.
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  • Märchenstunde

    18. marts 2017, Myanmar

    Mingalaba! Es tönt wie ein Zauberspruch, das burmesische Hallo. Mingalaba - Simsalabim! Und als bezauberndes, märchenhaftes Land wird Myanmar seit kurzer Zeit auch weltweit vermarktet. Als Top Destination 2017 gekürt, als Land des goldenen Lächelns gepriesen, als Exklusivität gehandelt: Jetzt musst du gehen, jetzt kurz nach der Öffnung, bevor das Land seine einmalige Authentizität verliert und "modern" wird. Für uns wirken solche Aussagen oft abschreckend. Schon zu oft haben wir ein "Must-see" besucht und sind danach mit einem "na ja, ganz nett" weitergezogen. Für uns macht der Reiz des Reisens nicht das Abklappern von Sehenswürdigkeiten aus, sondern das, was dazwischen liegt. Und so weckt die Aussicht auf Myanmar gemischte Gefühle in uns. Mingalaba - Simsalabim! Vorsichtig heben wir das magische Tuch.

    Doch die Tür nach Myanmar öffnet sich nicht wie bei Ali Baba mit einem einfachen "Sesam öffne dich". Über eine dubiose Reiseagentur organisieren wir uns zusätzlich zum Touristenvisa das teure Spezialpermit, ohne das wir offiziell nicht auf dem Landweg von Indien her einreisen dürfen. Die ganze Prozedur ist undurchsichtig und wir fühlen uns nach der Einreise ein bisschen, als wären wir gerade von den vierzig Räubern ausgenommen worden. Nur dass die vierzig Räuber in unserem Falle Grenzbeamte in Uniform und ein Jüngling mit vom Betelnusskauen rot verfärbten Zähnen war, der als Kontaktperson vor Ort mit unseren Dollars wohl an den richtigen Stellen geschmiert hat. Mingalaba - Simsalabim! Der Schlagbaum hebt sich und wir sind drin.

    Achtundzwanzig Tage haben wir Zeit, etwas über zweitausend Kilometer liegen vor uns. Siebenmeilenstiefel sind gefragt. Bei der Routenplanung stellt sich rasch heraus, dass Myanmar nicht gerade mit ausserordentlicher landschaftlicher Schönheit gesegnet ist. Eine weite Ebene, durchzogen vom breiten Himalayaabfluss Irrawaddy, beidseits ein endloser Flickenteppich aus Reisfeldern. Im Westen eine bewaldete Bergkette und dann die Küste am Golf von Bengal. Im Osten das Shan Gebirge, zurzeit noch Sperrgebiet. Trotzdem versuchen wir eine möglichst abwechslungsreiche Route zusammenzustellen und auch immer wieder auf kleine Erdpisten durchs Hinterland auszuweichen. Und genau diese Abschnitte werden dann auch die Interessantesten für uns.

    "He-he-he-he-he", tönt es durch die Abenddämmerung, als wir einen kleinen Flusslauf auf einer Bambusbrücke überqueren. "He-he-he-he-he", in einer leicht aufsteigenden Tonfolge. Erstaunt schauen wir uns um. Auf der gegenüberliegenden Kanalseite wandert ein junger Mann in unsere Richtung und ihm folgen Hunderte von Enten im Gänsemarsch. Eine hinter der anderen, emsig watschelnd, wie Hänsel und Gretel einer für uns unsichtbaren Brotkrümelspur folgend. "He-he-he-he-he", der Zug nimmt an Tempo zu, plantscht ins Wasser und schwimmt unter der kleinen Brücke durch und hält zielstrebig auf ein Gehege auf der anderen Seite eines kleinen Teichs zu. Der junge Mann hebt einen Eimer Reis auf den Kopf und watet durchs brusttiefe Wasser. Begeistert schnatternd heisst die Entenschar ihn willkommen. Zeit fürs Abendessen.

    Wenn sich doch für uns das Tischlein auch so einfach decken würde, doch Myanmar ist essensmässig ein hartes Pflaster. In silbrigen Alutöpfen stehen die verschiedenen Reisbeilagen in Glasvitrinen, bei 35 Grad im Schatten. Was da im Laufe des Tages mit den gedämpften Bambussprossen und dem Hühnchen mikrobiologisch passiert, wollen wir uns gar nicht ausmalen. Als wir das erste Mal einen Blick in die Töpfe werfen, vertreibt uns der Geruch jeglichen Appetit. Uaah... - dabei sieht die Frau, die die Deckel hebt, gar nicht wie eine richtige Hexe aus. Und so wird die Essenssuche dann auch jeden Tag zu einer neuen Herausforderung. "Komm, wir gehen jagen", witzeln wir jeweils, wenn wir uns auf die Suche nach einem Restaurant machen. Bewaffnet mit einem Bild von gebratenem Reis mit Gemüse und Ei auf dem Smartphone streunen wir durch die Gassen. Wir fragen hier, wir fragen dort. Vom einen Ende des Dorfs werden wir ans andere geschickt, von der linken Seite der Strasse auf die rechte, bis sich schliesslich ein Einheimischer erbarmt und uns den Weg in eine kleine Garküche weist. Die sieben Prüfungen hätten wir damit nun eigentlich bestanden und wenn alles nach Märchenlogik ginge, sollten wir jetzt mit einem grossen Festmahl belohnt werden.

    Doch dass Myanmar nicht viel mit Märchen am Hut hat, wissen wir inzwischen. Und so halten wir dem Koch unsere Bildchen App "Icoon for Refugees" (App für Flüchtlinge) unter die Nase, zeigen auf das Bild für Reis, Zwiebeln, Tomaten und Ei und setzen zusätzlich einer unserer drei Wünsche ein: "Bitte liebe Fee, mach, dass es essbar ist." Ein Teller gebratener Reis landet vor uns auf dem Tisch. Vorsichtig schnuppern wir daran. Es riecht weder sauer noch vergoren. Danke gute Fee! Heute müssen wir nicht hungrig ins Bett.

    Es ist Ende Februar, doch die Hitze erschlägt uns wie ein Knüppel aus dem Sack. Nur in den frühen Morgenstunden sind die Temperaturen einigermassen erträglich und so sind wir oft bereits im ersten Licht der Dämmerung unterwegs. So wie die Mönche, die barfuss und in dunkelroten Roben mit ihren schwarzen Schalen am Strassenrand entlang wandern und nach Almosen betteln. Wir schauen zu, wie Frauen ihnen Reis in die Schüsseln schöpfen, während die ersten Sonnenstrahlen die Türme der goldenen Pagoda im Dorf aufleuchten lässt. Mehr Pagoden und Stupas als Menschen soll es in Myanmar geben und viele von ihnen sehen aus wie der Kindertraum eines goldenen Märchenschlosses.

    Doch für uns sind sie zu protzig, die Buddhastatuen mit ihren blinkenden Neonlämpchen zu grell, die Belehrungen der Lamas, die durch grosse Megaphon Lautsprecher blechern über die Dörfer schallen zu aufdringlich. Es ist eine andere Art Buddhismus, als der, den wir aus dem Himalaya kennen. Wir vermissen die tiefe, jede Handlung des Alltags bestimmende Spiritualität, die wir in Osttibet erlebt haben. Wir können auch nicht vergessen, dass in Myanmar führende Vertreter der Friedensreligion immer wieder zu Gewalt gegen Andersgläubige aufrufen. Diese gipfelt darin, dass Moscheen niedergebrannt werden und die muslimische Minderheit der Rohingya brutal vertrieben wird, so dass die UNO inzwischen von einem Genozid spricht. Und was haben die Plastikgewehre auf dem Heiligenmarkt zwischen Goldbuddhas und Räucherstäbchen verloren?

    Über einen Hügelzug strampeln wir Bäche schwitzend ans Meer. Hier gönnen wir uns zwei Strandtage, schwimmen im badewannenwarmen Wasser und lassen es uns gut gehen. Das Kippling's Bay Guesthouse ist ruhig und gemütlich mit einem Garten wie aus 1001 Nacht. Der Traum geht viel zu schnell vorüber, die Visa Uhr tickt und schon sitzen wir wieder im Sattel. Die Hauptstadt Yangon umfahren wir, folgen erneut kleinen Erdpisten, nur in Gesellschaft von hölzernen Ochsenkarren, grasenden Wasserbüffeln und freundlich winkenden Menschen. Wir erreichen Hpa An, berühmt für seine Buddha Höhlen und die Karstberge in der Umgebung. Wie alle anderen mieten wir einen Scooter und machen einen aktiven Pausentag. Für uns so ungewohnt wie Rapunzel mit Kurzhaarfrisur. Und dann packt uns der vierspurige Highway Drache und fliegt mit uns zur thailändischen Grenze. Dem Happy End entgegen.

    Mingalaba - Simsalabim! Haben wir den Zauber Myanmars gefunden? Wir sind uns nicht sicher. Wir haben das Lachen der Leute geliebt, die Begegnungen. Aber wir haben auch ein Land erlebt, das grösstenteils bitterarm ist und die Goldesel der Touristen zu oft an den drei gleichen Orten angepflockt werden. Ein Land, in dem sich das Militär offiziell zurückzieht, aber im Alltag immer noch sehr präsent ist und das Wort "Demokratie" für die meisten Menschen ein verschwommener Begriff bleibt. Als wir eine Touristin in Bagan gefragt haben, warum ihr Myanmar gefällt, meinte sie: "Weil es noch so ursprünglich ist. Die Leute hier laufen in ihren traditionellen Lunghis und den lustigen Hüten herum, weil das für sie zum Alltag gehört, nicht weil es ihnen jemand gesagt hat." Wie die Frau des Fischers kommen die Märchenhungrigen also hierher, um zu bekommen, was sie nicht (mehr) haben. Und wer entschlossen genug ist, schliesst beim Froschküssen einfach die Augen. Dann wird der Zauber Myanmars sicher wirken. Doch zum Velofahren muss man die Augen offen halten. Und so bleibt Myanmar für uns eher Frosch als Prinz.
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  • Sieben Jahre in Osttibet

    11. maj 2017, Kina

    Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell die Jahre vergehen. Erlebnisse, gerade noch frisch, beginnen zu verblassen, gleichen immer mehr den verwaschenen Gebetsfahnen, die vor sieben Jahren über uns im Jinsha Tal geflattert haben. Überzeugt waren wir, dass diese durchscheinenden Gewebe vom Wind verschont bleiben, dass sie allen Wettern standhalten würden. So wie unsere Erinnerungen. Doch die Gebetsfahnen gibt es nicht mehr. Die Chinesen haben sie ersetzt durch neue, knallige Stoffschnüre. Die Strasse wurde ausgebaut und asphaltiert. Nichts hält im Regen der Zeit. Nichts bleibt, wie es ist. Nichts?

    Ein druckfrisches Visa klebt in unserem Pass: China - zum vierten Mal. Mehr als sechs Monate haben wir im Lauf der letzten sieben Jahre bereits im Reich der Mitte verbracht. Und fast jedes Mal sind wir am Ende unseres Aufenthalts völlig genervt ausgereist und haben uns geschworen; "Das wars jetzt, nie wieder, wir sind fertig mit China." Ja, das Reisen in China ohne Sprachkenntnisse ist fordernd. Und doch halten wir jetzt erneut ein Visa in den Händen und die Vorfreude ist riesig.

    Ein fünftes Mal China also, zum zweiten Mal Osttibet. Langweilig? Nein, denn die Vorzeichen stehen dieses Mal ganz anders. Wie die Chinesen haben wir dazugelernt, ist die Zeit bei uns nicht stillgestanden. Anstelle eines schwerbepackten Tourenrads haben wir ein leichtes Mountainbike und statt veralteter und ungenauer Papierkarten Zugriff auf Satellitenbilder und moderne GPS Technologie. Wir spulen durch Thailand, Laos und Yunnan im Schnelldurchlauf. Hitze, dampfender Dschungel, grün in grün. Doch gedanklich sind wir bereits ganz woanders. Wir sehen verschneite Himalayariesen, bunte Gebetsfahnen und winkende Motorradfahrer vor unseren Augen. Innert weniger Tage wechselt das thailändische "Sawadee kha" zum laotischen "Sabaidii" und schliesslich zum chinesischen "Nihao". Wir lieben diese Kulturwechsel, wir lieben es mitzuerleben, wie ein Land dem anderen Platz macht. Aus diesem Grund nehmen wir auch mal landschaftliche Durststrecken in Kauf, radeln wir auf Highways Kilometer ab. Und wahrscheinlich ist dies auch der Grund, warum wir nun erneut auf dem Weg nach Osttibet sind. Wir wollen erleben, wie sich die Welt um uns verändert. Wollen sehen, was aus den alten Gebetsfahnen geworden ist. Aus den Orten, den Menschen.

    Wir starten früh, um mit dem Tagesprogramm spätestens um zwei Uhr fertig zu sein und die Nachmittage dann für die Routenplanung nutzen zu können. Wir wissen, die Chinesen leben schnell. Schotterpisten werden von Teerstrassen abgelöst sein. Wo früher Dörfer waren, wird es Städte geben. Wir ziehen alle Register unsere Trickkiste, legen unser Know How in die Planung einer Bikepacking Strecke, welche uns durch das Herz Osttibets führen soll. Quer durch die Chola Mountains. Und so erblickt der "Yak Track" das Licht der Welt.

    Obwohl das heutige "Shangri La", eine Stadt, welche die Chinesen zu Marketingzwecken vor einigen Jahren umbenannt haben, nicht viel mit dem paradiesischen Ort aus Hiltons Geschichten zu tun hat, küren wir es zum Startpunkt unseres Bikepacking Abenteuers. Nachdem auch Jerry aus Colorado wieder zu uns gestossen ist, fällt der Startschuss und bereits auf den ersten Kilometern wechselt das Hallo erneut: "Tashi Delek!" Endlich sind wir dort, wo wir seit Wochen sein wollen. Am Rand des Dachs der Welt. Sozusagen in seiner Dachtrauffe. Und dementsprechend begrüsst uns auch das Wetter.

    Regen und Schnee ziehen über die Berge, obwohl eigentlich Frühling auf dem Programm stehen sollte. Wind und Wetter, Kälte - Sonnenschein. Ein erster Pass, Gebetsfahnen knattern. Sieben Jahre Osttibet. Sieben Jahre Erinnerungen. Eigentlich sollte alles anders sein. Doch als wir da hoch oben auf der Bergkuppe stehen, hinunterschauen in die Schlucht, sehen, wie sich die tibetischen Holzhäuser in die Talsohle schmiegen, wie die Wolkenschatten über die Felder jagen, kommt es uns vor, als sei es gestern gewesen. Als sei keine Zeit vergangen. Doch das Gefühl trügt. Die Pässe in Osttibet sind zwar hoch, doch der chinesische Beton beginnt darüber hinwegzukriechen. Erdpisten werden zu schmalen Betonbändern. Und die Häuser bekommen ein "modernes" Fundament. Chinesische Fahnen wehen auf den Giebeln. Sind wir zu spät gekommen?

    Der YakTrack führt uns tief hinein in die Berge Osttibets. Dorthin, wo kein Beton mehr fliesst, wo keine chinesischen Fahnen mehr flattern. Hinauf auf Hochebenen, wo es keine Strassen mehr gibt. Zu Menschen, die weder Monate noch Jahre zählen, und an denen höchstens das Wetter Spuren hinterlässt. Gesichter, vom Leben gezeichnet, wie damals die verwitterten Gebetsfahnen im Jinsha Tal. Die Gebetsfahnen im Jinsha Tal - hier wehen sie noch.

    Wir erreichen Yachen Gar. Einer der grössten Pilgerorte der Welt. Vor sieben Jahren habe wir ihn per Zufall für uns entdeckt. Einer der wenigen Orte, an denen Mönche und Nonnen, Pilgerinnen und Pilger gemeinsam den Buddhismus praktizieren können. Doch nichts bleibt, wie es ist. Der Fluss, welcher früher die slumartigen Hütten in der Hochebene eingefasst hat, ist nun kanalisiert. Eine strikte Trennlinie zwischen Nonnen- und Mönchswohngebiet. Bürgersteig, Strassenlampen, neue Gebäude. Die Kora wurde ausbetoniert. Doch nichts desto trotz wandern die Menschen weiter ihre Runden. Für sie spielt es keine Rolle, ob unter ihren Füssen Beton oder Kieselsteine liegen. Sie sind es, welche diesen Ort lebendig halten, ihn zu einem Ort machen, an dem Vergangenheit und Gegenwart erneut kollidieren, verschmelzen, aufleben.

    Nach Yachen folgen wir weiter aufgegebenen Strassen, Motorradspuren und Fusspfaden. Wir sind die Yaks auf dem Yak Track. Schiebepassagen wechseln ab mit flowigen Singletrails, Pässe mit Tälern, Schneestürme mit warmen Frühlingstagen. Motorradfahrer, die wir nach dem Weg fragen, weisen uns hartnäckig in Richtung Jinsha Tal, zum neuen Highway. Doch da wollen wir nicht hin. Wir können nicht loslassen von diesen wilden Landschaften, den Gebetsfahnen, welche von Wind und Wetter in Stücke gerissen wurden. Langsam nähen wir unsere Erinnerungsfetzen wieder mit neuen Geschichten zusammen.

    In Dege lassen wir die Chola Mountains hinter uns und radeln hinaus auf das tibetische Plateau. Der Wind weht uns Richtung Norden. Es ist erstaunlich. Je länger wir unterwegs sind, desto mehr zieht es uns an Orte, die wir schon kennen. An Orte, die wir lieben und die wir erneut erfahren wollen. Wir wollen verblasste Farben nicht durch neue, knallige ersetzen, aber wir möchten sie auffrischen. Ein Lachen in der Sonne. Ein Gruss in der Einsamkeit. Ein gelebtes Abenteuer. Erlebnisse, wasserfest für die Zeit.
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  • Mit dem Kopf in den Wolken

    17. juni 2017, Kina

    Unser Kopf steckt in den Wolken. Nicht real, virtuell. Das Satellitenbild zeigt nichts als eine grosse, weisse Fläche. Zoom nach Links, das Layer wird neu geladen, jetzt sind die Wolken weg. Braune Konturen, und kaum sichtbar, irgendwo zwischen den Schattierungen ein dünnes helleres Band - unser Track. Er schlängelt sich den Hügeln entlang, um einen See. Hinauf auf einen Pass. Das sieht wild aus. Ob wir da durchkommen? Der Track bricht ab, verliert sich in kleinen Tümpeln. Ein Sumpf? Auszoomen, Übersicht gewinnen. Zack, und da ist sie wieder. Die grosse weisse Wolke. Routenplanen ist wie im Nebel zu wandeln. Zuerst sieht man nichts, hat keine Idee wo’s durchgeht, tappt in den Wolken. Dann einzelne Spuren, mögliche Trailverbindungen. Langsam setzt sich ein Weg zusammen. Die Fortsetzung unseres Yak Tracks gegen Norden. Aus vagen Vorstellungen entsteht langsam ein Bild, ein neues Abenteuer. Die Wolken lichten sich.

    Unser Kopf steckt in den Wolken. 4000 Meter - und das ist nicht die Passhöhe. Nein, vielmehr ist es die tiefste Stelle zwischen zwei Pässen. Vorne rechts im Tal nähert sich die nächste Regenwand in Zeitraffer. Ein grauer Vorhang aus Regenschnüren. Ausgefranst an den Rändern, mit einem schmalen Riss in der Mitte, durch den wir einen letzten Blick auf ein Stück blauen Himmels erhaschen können. Dann verlaufen die Farben ineinander wie auf einem Aquarell. Das Schwarz breitet sich aus, verschlingt - und gewinnt. Wenige Sekunden noch, dann bläst der Wind uns die ersten nadelscharfen Eisregentropfen ins Gesicht. Der Himmel ist zum Greifen nah.

    Die ehemalige tibetische Provinz Amdo ist die Heimat der Goloknomaden. Früher gefürchtete Räuber der Seidenstrasse, haben sie sich lange Zeit erfolgreich gegen die chinesische Übermacht aufgelehnt. Wer sich tagtäglich gegen solch harsche Umweltbedingungen behaupten muss, lässt sich nicht so schnell in ein System pressen. Doch ihren Trotz haben sie teuer bezahlen müssen. In China ist kein Platz für Freiheit und Unabhängigkeit. Wenn wir ein kleines Dorf erreichen, fahren wir oft durch trostlose, elend wirkende Barackenreihen. Zwangsansiedlungsprojekte der Regierung. Nomadentum passt nicht in ein politisches System, das auf Kontrolle aufbaut. Doch oft stehen die Reihenhäuschen leer, die Fensterscheiben sind eingeschlagen, der kleine Vorplatz mit Unkraut überwuchert. Ein Hauch Widerstand weht durch die leeren Gassen, trotz massiver Polizeipräsenz. Auf den Hochebenen stehen sie noch immer, die schwarzen Yakhaarzelte. Die Golok lassen sich nicht einsperren oder mit billigem Wohnraum ködern. Sie wirken stolz und wild mit ihren schwarzen Haarmähnen, den schweren Schaffellmänteln mit den überlangen Ärmeln und den dunklen Augen. Sie brauchen den Himmel als Dach, kein schepperndes Wellblech. Sie leben mit dem Kopf in den Wolken.

    Nach Bayju erreichen wir das Grantimassiv von Nyempo Jurtse. Auf Satellitenbildern und den russischen Generalstabskarten, die wir zur Routenplanung nutzen, haben wir eine Spur gefunden, die uns mitten hindurch führen soll. Der Wetterbericht meldet ein dreitägiges Schönwetterfenster und nach der Hügellandschaft in den letzten Wochen sehnen wir uns nach dramatischeren Bergen. Eine schmale Betonstrasse wird zur Schotterpiste und wenig später zu einem perfekten Singletrail entlang eines Bergsees. Granitzacken reissen die vorbei jagenden Wolken in Fetzen. Am Abend stellen wir unser Zelt am Ende des Talbodens auf. Ein kurzer Schneeschauer, dann wird es sternenklar.

    Nach dem Singletrail folgt der Bergpfad. 300 Höhenmeter geht es von unserem Basislager hoch auf 4500 Meter. Wir lösen den Rucksack aus unserem Frontharness und laden unser Gepäck auf den Rücken. Auch mit unbeladenem Bike wird der hike-a-bike hoch zum Pass anstrengend. Doch wir möchten nirgendwo anders sein. Der Bergsee unter uns schrumpft, die Felswände und Gipfel rücken näher. Genau für solche Strecken schlägt unser Herz. Wir lieben es, den Kopf in die Wolken zu stecken. Auch wenn wir uns dabei manchmal eine blaue Nase holen. Wir wissen, dass es sich fast immer lohnt, auch dann weiterzugehen, wenn der Weg endet.

    In Aba zwingt uns ein weiteres Tief zu einer längeren Pause. Wir geniessen es, ein geheiztes Zimmer zu haben und dem unwirtlichen Wetter für einmal aus dem warmen Bett beim Austoben zuschauen zu können. Wind, Schnee, Regen, Kälte - der Wetterbericht zeigt graue Wolken für die nächsten acht Tage. Dann zwei Tage Sonnenschein. Wir beschliessen, den Bus bis in die Nähe des Amnye Machens zu nehmen, Osttibets heiligstem Berg. Wir wollen bereit sein, um nachzuholen, was wir vor sieben Jahren ausgelassen haben. Wir wollen bereit sein, um diesen Berg mit unseren Bikes zu umrunden, sobald sich die ersten Sonnenstrahlen zeigen. Doch der dort hausende Berggott Machen Pomra macht seinem Ruf nach Unberechenbarkeit alle Ehre. Vielleicht ärgert er sich über die neugebaute vierspurige Autobahn, die sich zu Füssen seiner Heimstatt wie ein chinesischer Lindwurm um den Berg frisst. Vielleicht macht er sich auch einfach über Wettervorhersagen lustig. Auf jeden Fall schickt er statt Sonne erneut Schnee, Regen und Kälte. Er packt sein Kristallschloss in graue Wolken und vertreibt uns damit endgültig aus Osttibet. Die Wetter App zeigt Regen für weitere zehn Tage.

    Unser Kopf fühlt sich schwer an. Grau und vollbepackt mit all den Wolken. Grau und schwer vom Warten, vom Grübeln und Planen. Der Yak Track hat uns zwei Monate bestes Osttibet beschert. Nun geht er zu Ende. Wir brauchen etwas Fahrtwind, etwas Wärme, etwas Sonne. Irgendwann werden wir nach Osttibet zurückkehren. Zu den hohen Pässen, den herzlichen Menschen, der Wildheit des Plateaus. Ist es nicht so, dass man einen Ort immer dann verlassen soll, wenn man eigentlich noch nicht gehen will? Weiter mit dem Kopf in den Wolken zu leben? Es ist Zeit. Wir steigen in den Zug zum Land des blauen Himmels.
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  • Mongolische Weisheiten

    23. juli 2017, Mongoliet

    „Solange dein Pferd stark ist, reise und lerne Orte kennen.“

    Uliastay. In keinem Reiseführer explizit erwähnt, auf der Landkarte bloss ein kleiner Punkt. Aimag Hauptstadt der Zavkhan Provinz, doch eigentlich ist es nur ein kleines nichtssagendes mongolisches Dorf. Kein Ort, den man gesehen haben muss. Und ganz sicher kein Ort, an den man zurückkehrt. Und doch hat uns unser Weg ziemlich genau an unserem Vierjahres Jubiläum dahin zurück geführt. Warum? Weil sich auf einer Langzeitreise Kontinente, Länder und Orte zu überschneiden beginnen. Weil sich im Laufe der Zeit die Reiseroute ändert, weil wir selten länger als zwei Monate zum Voraus planen und so nie genau wissen, wo wir als nächstes landen. Weil die Welt unendlich weit ist und Unmengen an Möglichkeiten und Überraschungen bereit hält. Weil wir uns mehr und mehr von unserer Laune und dem Wind leiten lassen.

    „Einmal gesehen ist besser als tausendmal gehört.“

    Seit wir vor sieben Jahren eher unvorbereitet in den Mongolischen Winter gestolpert sind, nimmt die Mongolei einen besonderen Platz in unserem Herzen ein. Es ist dieses typische Phänomen, dass Erlebnisse, die einem an die persönlichen Grenzen bringen, besonders leuchtend in der Erinnerung bleiben. Und die bitterkalte Zeit in der Mongolei hat uns damals mehr als einmal an unsere Grenzen gebracht, psychisch und physisch. Wir haben die Querung des zur Stille erstarrten Landes nur dank der Gastfreundlichkeit der mongolischen Nomaden geschafft. Und wie so oft hat der Kopf im Anschluss seine Sortierarbeit hervorragend erledigt. Die schlimmen Momente, die Zeiten, wo wir an uns und unserer Vernunft gezweifelt haben, hat er fein säuberlich gelöscht oder weit in die verstaubten Winkel des Hirns geschoben. Lebendig geblieben sind dafür die Bilder der warm geheizten Jurten, des schäumenden Milchtees, des sanften Winterlichts, des krachenden Seeeises. Es sind Erinnerungen und Erfahrungen, die uns geprägt und uns gezeigt haben, dass sich persönliche Grenzen weiter schieben oder sogar überwinden lassen.

    Es ist immer gefährlich, an einen Ort zurückzukehren, mit dem man solch starke Emotionen verbindet. Das Risiko enttäuscht zu werden, ist viel grösser, als wenn man sich in unbekannte Regionen vorwagt. Es sind die eigenen Erwartungen und nicht Beschreibungen anderer Reisenden, die auf den Prüfstand gestellt werden. Und wir wissen nur zu gut, die Zeit bleibt nirgendwo stehen, schon gar nicht bei uns. Und deshalb schauen wir nun etwas ängstlich aus dem Zugfenster und fragen uns: Hat sich auch die Mongolei verändert?

    „Ein Mann mag kein Herz haben, aber bestimmt hat er einen Magen.“

    Der Platzkart Waggon der Transsib von der südlichen Grenze nach Ulan Batar ist gut gefüllt. Viele Familien, Paare und Händler sind auf der Rückreise von China. Schwere Koffer, Kartons mit Elektronikgeräten und in Plastik verpackte Ballen werden auf die obere Ablage gewuchtet und unter den Sitzen verstaut. Ein Mongole in unserem Alter, der in Beijing Chinesisch studiert und auch etwas Englisch spricht, setzt sich zu uns. Dank seiner Hilfe reisen unsere Fahrräder im selben Zug und fahren wir zum Preis der Einheimischen. Sechs Dollar für 14 Stunden. Das reicht in Bern gerade für die innerstädtische Tramlinie. Bahadur freut sich auf seine Ferien in der Heimat. „The meat in China is shitty“, vertraut er uns an. Keinen Geschmack habe es und wenn er jeweils zurück nach Beijing gehe, dann sei einer seiner Koffer immer mit gutem mongolischem Fleisch gefüllt. Die Zugbegleiterin, bei jedem Holpern auf den rostigen Weichen gefährlich in ihren High Heels schwankend, schiebt den Essenswagen an uns vorbei. Wir wählen uns das Nationalgericht „Tsüivan“ aus, Nudeln mit kleinen Karrottenstückchen und natürlich erstklassigem mongolischem Schaffleisch. Ja, und da ist er, der Geschmack aus unserer Erinnerung. Im Winter war dieses fettige Schafffleisch unser Brennstoff, überlebenswichtig um in der Kälte bestehen zu können, doch jetzt im Sommer… „very good“ nicken wir tapfer. Na ja, zumindest beim Essen ist alles beim Alten geblieben.

    „Wer dem Lauf der Sonne folgt, wird niemals frieren.“

    Nach der Registrierung und Visaverlängerung in Ulan Batar steigen wir endlich wieder aufs Fahrrad. Die höchsten Bergketten haben wir uns dieses Mal auf der Karte eingezeichnet. Die Khoridol Saridag Mountains im Norden, die Kanghai Mountains im Zentrum, der Altai im Osten. Und dazwischen weite Steppe, Flusstäler, Seen, Wälder. Land der Nomaden. Es wird eine fantastische Strecke auf kleinen Erdpisten, alten zu Singeltrails zerfallenen Fahrspuren und kurzen Hike-a-Bike Abschnitten über die höchsten Pässe. Es ist weit, einsam und wild. Wölfe heulen um unser Zelt, singen uns mit dem Lied des hohen Nordens in den Schlaf. Die Wiesen leuchten in einem bunten Potpurri aus Alpenblumen. Die Bergbäche sind kristallklar und eiskalt. Perfekt um mit einem abendlichen Bad den Tagesschweiss darin abzuwaschen. Wir folgen der Sonne.

    „Schnellen Hasen klebt oft Scheisse an den Waden.“

    Viele der Hochtäler sind verlassen. Zwar kommen wir hin und wieder an ein paar alten Stallungen aus groben Baumstämmen vorbei, doch die Nomaden sind nicht mehr da. Wir werden Zeugen der Abwanderung, werden Zeugen, wie eine uralte Lebensweise im Schnellzugtempo der Modernität weicht. Auch wenn die Mongolei als Land ihrer Bevölkerung in den Städten kaum Perspektiven bieten kann, wie uns Bahadur im Zug erzählt hat. Die verlassenen Täler machen uns traurig, und wenn wir in eine der kleinen Ansiedlungen kommen, verstärkt sich das Gefühl noch. Die Menschen wirken unzufrieden, unglücklich. Kaum jemand lächelt, auf unser freundliches „Sainbaino“ kommt oft ein mürrisches zurück. Die kleinen Tante Emma Läden sind mit Schnaps gefüllt. Was ist los? So haben wir die Mongolen nicht in Erinnerung. Erleben wir wirklich mit, wie die alte Gastfreundschaft im Kommerz aufgeht? Wie sich die Stille im Land ausbreitet...

    „Unterwegs sein heisst frei sein.“

    Am 18. Juli erreichen wir Uliastay. Mit Preiselbeerkompott von EDEKA - Gut & Günstig feiern wir 60’000km und den Beginn unseres fünften Reisejahres. Ob wir manchmal ans Zurückkehren denken? Ja, manchmal. Manchmal ertappen wir uns dabei, wir wir von zu Hause sprechen, wie wir eine leichte Sehnsucht in uns spüren, wieder einmal länger an einem Platz verweilen zu dürfen. Nicht bloss ein Fremder auf der Durchreise zu sein, sondern jemand, der sich zu Hause fühlt. Doch dann blicken wir hinauf in den funkelnden Sternenhimmel, fahren hinein in den Sonnenaufgang und denken: „Nein, jetzt noch nicht.“ Und so fahren wir weiter Richtung Westen, Richtung Altai. Und hoffen darauf, dass wir nebst der landschaftlichen Schönheit der Mongolei auch wieder ihre wahre Seele finden werden. Denn das ist, was uns am Stärksten in der Erinnerung brennt: Das Lachen, die Herzlichkeit und die Wärme ihrer Bewohner.
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  • Abenteuer ohne Hashtag

    12. august 2017, Mongoliet

    Ein Hashtag ist ein mit Doppelkreuz [„#“] versehenes Schlagwort, das dazu dient, Nachrichten in sozialen Netzwerken auffindbar zu machen. (Wikipedia)

    Mit der Stadt Hovd erreichen wir die Wüste. Rote Felsen, sandiger Boden, ein paar einsame Kamele. Wellblech, das Zähne und Knochen zum Klappern bringt. Doch vor uns liegt erneut eine spannende Route durch den Tsambagarav Nationalpark. Auf 3000 Meter hoffen wir zu finden, was wir bisher in der Mongolei vermisst haben: Intaktes Nomadenland. Die zehn Höhenlinien auf der russischen Generalstabskarte berühren sich beinahe - und den Russen kann man trauen. Zumindest ihren Karten. Etwas geschlampt hat der Kartograph aber dennoch, denn es ist ganz klar zu wenig Wasser eingezeichnet. Auf einer kaum sichtbaren Spur kreuzen wir jeden verdammten Fluss, der vom Gletscher herunter kommt. Steil hinauf, steil hinunter. Kein Wunder, wird die Piste kaum mehr gebraucht. Da kommen nur leichte russische Jeeps durch, keine neuen schweren Toyotas. Und wir, das Gepäck am Rücken. Doch es lohnt sich: Endlich finden wir unsere Mongolei wieder. Gers in den Hochtälern, abendlicher Besuch beim Zelt, Teeeinladungen und lustige Gespräche mit viel Pantomime. Und zum Schluss eine Tausendmeter Abfahrt nach Olgii auf einer seidenfeinen Piste - wusch, zurück in die Wüste. Als wir in Ölgii ankommen, spüren wir es trotzdem in den Knochen. Nicht das Wetter, obwohl dieses auch auf Sturm steht. Sondern die drei Tage Tsambagarav. Tsambagarav - das tönt nun wie ein leises Fluchen auf unseren Lippen. Und dennoch: Tsambagarav ist auch das magische „Sesam öffne dich“ zu einer der schönsten Regionen der Mongolei.

    Nach ein paar Tagen Pause nehmen wir einen weiteren Nationalpark in Angriff. Wir wollen über den Kharkhira Pass, sozusagen quer zwischen den hochgezogenen Schultern des gleichnamigen 4000 Meter hohen Gebirges hindurch. Durch das dramatische Hovd Flusstal, entlang des mückenverseuchten Archit Nuur Sees und über einen ersten „kleinen“ Pass erreichen wir einen riesigen Sandkasten. War das so geplant? Nein. Hat der russische Kartograph geschlampt? Ja. Wir schieben, über uns türmen sich schwarze Gewitterwolken und in uns nagen erste Zweifel. Umkehren? Das ist uns noch nie leicht gefallen. Lieber uns in die Pfanne hauen, als in die Sandpfanne des Archit Nuur’s zurück kehren - oder wie Ivo’s Oma immer gesagt hat: „Gscheiter ich bin hin, als des isch hin“. Und so schieben wir weiter. Bald darauf kreuzen uns ein paar einheimische Motorradfahrer. Wir nehmen das als gutes Zeichen. Der Sand bleibt hinter uns, der Boden wird fester, erste Jurten kleben in den Hängen. Schieben, verschnaufen, Höhe gewinnen. Unser amerikanischer Freund Jerry postet etwa zur gleichen Zeit auf Instagram: „When in doubt, go higher.“ Es wird Abend, der Wind bläst uns über den Bergkamm und plötzlich haben wir sie vor uns: Die vergletscherten Gipfel des Türgen.

    Am nächsten Morgen weckt uns strahlendes Wetter. Rasch packen wir zusammen und fahren euphorisch Richtung Berge. Sechzehn Kilometer geht der Track. Dann erreichen wir ein völlig fehl am Platz wirkendes Parkplatzschild in einem Sumpf. Es existiert nicht auf der russischen Karte, aber alles andere darauf ist sonnenklar: Zehn Kilometer und dreihundert Höhenmeter bis zum Pass. Die nächsten Stunden kommen uns vor, als würden wir unser Fahrrad in Schweden durch den Sarek Nationalpark schieben, oder über die weglose Greina Hochebene in den Bünder Alpen. Nur wegen der Kamelherde, die zusammen mit zwei Nomadenjungs an uns vorbeizieht, hinkt der Vergleich. Um vier Uhr erreichen wir den 2900 Meter hohen Pass. Es ist still, die Bergwelt um uns wild und mächtig, die Gletscher zum Greifen nah. Wie kann man einen solchen Moment beschreiben? Wie kann man verständlich machen, dass sich eine solche Anstrengung lohnt? In unserer Erinnerung flackert ein Zitat aus Kyle Dempster’s Film „the road from Karakol“ auf. Er würde uns verstehen.

    „Echte Abenteuer sind nicht auf Hochglanz poliert. Sie sind nicht das Resultat eines Marketing Budgets. Es gibt keine Hashtags dafür. Sie brennen am hellsten am Ende einer Karte, aber sie sind in allen von uns. Sie warten an der Wegkreuzung deiner Vorstellung, am Rand der Vernunft. Du musst daran glauben. Sie werden dich finden.“

    Ja, das Abenteuer hat auf uns gewartet, hier, weit draussen im Nordwesten der Mongolei. Und es trifft uns in den nächsten 48 Stunden wie ein ungebremster Sonnensturm den Polarhimmel im Winter. Die pantomimischen „Kopf oben Kopf unten Gesten“ der Mongolen, welche wir nach dem Pass treffen sind unmissverständlich. Und das mongolische Wort „Oz“ - Wasser kennen wir. Das Herz rutscht uns in die Hose. Auf unserem weiteren Weg Richtung Ulangom müssten wir nun vier Mal den angeschwollenen Fluss queren. Ja, es hat viel geregnet in den letzten Tagen. „Tsambagarav“ fluchen wir zerknirrscht. Müssen wir jetzt echt zurück?

    Mit viel Gestik stellt sich heraus, dass es einen anderen Ausweg aus dem Tal gibt. Ein weiterer wegloser Pass, ein Umweg von siebzig Kilometern, aber bloss eine einzige Flussquerung ganz am Anfang, bevor all die Zuflüsse tiefer unten im Tal auf den Hauptfluss treffen. Wir lehnen die Einladung fürs Übernachten ab und machen, dass wir weiterkommen. Natürlich wissen wir, dass Gletscherflüsse am frühen Morgen gequert werden sollten, doch wir wissen auch, dass es die nächste Nacht wieder eine Menge Niederschlag geben wird. Es ist also etwas Abendunterhaltung angesagt. Wir finden eine geeignete Stelle zum Queren und als die Wolken in feurigem Abendrot über den Pass wallen, als der erste Blitz über dem Kharkhira Uul niedergeht, sitzen wir sicher im Zelt, auf der richtigen Seite des Flusses und essen unsere letzte Pasta. Langsam wird der Proviant knapp.

    Ausgehungert, müde und erschöpft erreichen wir am folgenden Nachmittag Ulangom. Unser Visa läuft in 24 Stunden aus und wir sind noch 300 Kilometer von der Grenze entfernt. Wir brauchen ein Taxi. Den jungen Fahrer, welchen wir nach drei Stunden herumfragen und herumirren als einzigen in der Stadt finden, ist nicht ideal. Er ist kaum dem Teenageralter entwachsen, hat aber einen starken 4x4 Pick Up. Mit hundert Sachen düsen wir hinaus aus der Stadt und surfen über den ersten unbefestigten Pass. Und dann kommt eine Jurte. „Cha, cha“ (Tee), meint unser Chauffeur. Wir sind zwar nicht begeistert, aber die Mongolen sind soziale Menschen. Und das Ger gehört immerhin seiner Schwester. Der Tee ist gut. Der Schnaps auch. Wir hätten es besser wissen sollen. Die abgefüllte Petflasche beschlagnahmen wir umgehend, doch die nächsten Stunden werden nicht lustig. Nach ein paar Dakhar Rally Einlagen, gewürzt mit mongolischen Schlagern in Pavarroti Stärke, verlangt Altynger resolut nach seiner Schnapsflasche. Wütende Mongolen sind wie junge Hengste, kraftstrotzend und nicht zum Knuddeln aufgelegt. Altynger hält an und will mit uns raufen. Zum Glück hat’s dazu keinen Platz im Auto und er steigt aus.

    Wir haben immer geglaubt, Autoklauen sei schwierig, doch eigentlich ist es ganz einfach und es braucht auch nicht viel kriminelle Energie dazu. Ein auslaufendes Visa und ein angesäuselter Mongole reichen völlig. Blitzschnell drücken wir die Zentralverriegelung und fahren die Scheiben hoch. Brigitte steigt hinters Steuer und ab gehts. Altynger verschwindet verblüfft im Rückspiegel. Es ist uns klar - was wir da machen ist Diebstahl. Und darum halten wir sobald uns das nächste Auto entgegenkommt auch an. Zusammen mit vier starken Mongolen - einer davon spricht etwas Englisch - gelingt es uns den daherschnaufenden Altynger abzukühlen. Von nun an sind wir Freunde (von einem ausgeschütteten Bier im nächsten Kaff und einer Preisdiskussion um zwei Uhr morgens einmal abgesehen). Am Nachthimmel zieht der Erdschatten über den Mond, wie ein verspätetes Omen. Und mit der Morgendämmerung erreichen wir Tsaganuur.

    Natürlich hätten wir langsam genug. Ein kalorienreiches Essen, eine Dusche, schlafen…aber natürlich herrscht stürmischer Gegenwind auf den letzten 35 Kilometern zur Grenze. Natürlich durchsuchen die russischen Grenzbeamten unser gesamtes Gepäck und finden tatsächlich ein Briefchen abgelaufene Tramal Tabletten. Vor vier Jahren von einer Schweizer Tropen- und Reiseärztin als Notfall Schmerzmittel empfohlen und in unsere Reiseapotheke gepackt. Rezept? Nicht dabei. Problem? Tramal hat dieselbe Wirkung wie Opium. Die Russen sind entspannt - und wir auch. Beiden ist klar, dass der Fehler bei der Ärztin liegt. Die nächsten vier Stunden, die wir mit dem Ausfüllen von Formularen verbringen, erscheinen uns ein angemessener Abschluss der vergangenen Tage. Draussen entlädt sich ein weiteres Gewitter, wie eine Parodie zu unserem Abenteuer Sturm, der sich nun langsam legt, zur Ruhe kommt und sich dann im weiten mongolischen Grenzland verliert.
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  • Schatzsuche

    14. september 2017, Rusland

    „Habt ihr eigentlich nicht schon alles gesehen?“ Werden wir manchmal gefragt, wenn bei einer Begegnung unser Nomadenleben zur Sprache kommt. Wir antworten dann jeweils mit „die Welt ist so gross, da reicht ein ganzes Leben nicht“, doch ehrlicherweise müssen wir zugeben, dass es für uns immer schwieriger wird, noch Orte zu finden, an denen unser Reisefieber steigt. Nicht, weil wir bereits alles gesehen hätten, nein, bei weitem nicht, sondern weil wir wählerisch geworden sind. Wir geben uns nicht mehr gerne mit Kupfermünzen ab, es müssen Goldstücke sein. Und Goldstücke sind für uns Orte, die uns körperlich und mental herausfordern, Regionen, in denen wir zu Entdeckern werden können. Daher zieht es uns dorthin, wo Informationen spärlich sind und Mister Google uns nicht weiterhelfen kann. Genau dort steigt unser Puls, wie bei einem Schatzsucher, dessen Schaufel über einen Truhendeckel kratzt. Genau dann fühlen wir wieder dieses Kribbeln im Bauch, und es ist, als würden wir zu unserem ersten Reisetag aufbrechen.

    Der Russische Altai ist so ein Ort. Wir haben Fährte aufgenommen und obwohl uns das Internet weismachen will, dass individuell Reisende die nötigen Bewilligungen für die Grenzregion nicht erhalten, dass das Russische Militär Ausländer ohne Führer nicht passieren lässt, können wir nicht davon lassen. Wir haben uns in die Idee verbissen, wie ein räudiger Köter in einen alten Knochen. Ein Schatz wartet dort auf uns, wir können das Gold bereits riechen.

    Um einen Schatz zu finden, braucht es nicht nur eine gute Karte, sondern auch eine Portion Glück. Und das stellt sich schon am nächsten Tag ein, als wir eine Reiseagentur im Altai anschreiben und um die Organisation eines Grenzpermits bitten. Wir erhalten nicht nur ein perfekt verfasstes Antwortmail auf Englisch, sondern auch die Bestätigung, dass wir die Bewilligung in zwei Monaten in der Militärkaserne von Kosh Agach abholen können. Ohne zusätzliche Einschränkungen. Ha! Nun brauchen wir noch ein russisches Visa, und da dies nur im Heimatland ausgestellt wird, müssen wir etwas tiefer in die Reisetrickkiste greifen. DHL fliegt unsere Pässe nach Hause, ein Schweizer Visaservice kümmert sich um die Papiere. Und genau zwei Monate später reisen wir von der Mongolei nach Russland ein. Die Schatzsuche kann beginnen.

    Schätze zu finden ist bekanntlich knifflig. Doch hier ist es ein Kinderspiel. Auf unserem Weg über das Ukok Plateau liegt das Gold nämlich am Strassenrand. Wir brauchen es bloss aufzusammeln. Das Steppengras leuchtet, Wollgras raschelt im Wind und am Horizont thront ein Kristallpalast: Die Viereinhalbtausender des vergletscherten Tavan Bogd Massivs. Das Ukok Plateau ist ein Kraftort, seit ewiger Zeit ein heiliger Platz für die hier lebenden Tuwa und Kasachen. Spätestens mit dem Fund der Altai Prinzessin und ihrer Entourage aus Kriegern und Pferden in einem Hügelgrab, konserviert vom Permafrost, ist das Ukok Plateau auch international ein Begriff geworden. Die Prinzessin ist ausgegraben und liegt gegen den Willen der lokalen Bevölkerung im naturhistorischen Museum in Novosibirsk, doch das Geheimnis des von hohen Bergen umgebenen Plateaus bleibt. Es ist ein magischer Ort, durchzogen von unzähligen mäandernden Wasserläufen, einsam, wild, verwunschen. Manche reden von einem riesigen natürlichen Parabolspiegel, der Strahlungen aus dem Kosmos auffängt.

    Am dritten Tag holt uns eine Regenfront ein. Das goldene Leuchten erlischt, weicht einem stumpfen, bleiernen Grau. Die Regenkleidung lässt im Nu durch und kalte Rinnsale sickern in unsere Begeisterung. Wir brauchen einen Unterschlupf, so macht das keinen Sinn. Weiter vorne im Tal können wir gerade noch ein paar Gebäude durch die Wolken erkennen, dann klatscht uns der Wind den Regen fast waagrecht ins Gesicht. Als wir das verlassene kasachische Winterlager erreichen, könnten wir mit dem Wasser in unserer Unterwäsche glatt eine Tasse Tee kochen. Wir retten uns in die Sauna, ein kleines, mit Moos isoliertes und komplett verrusstes Blockhaus. Eigentlich sollten wir uns ja jetzt mit dieser Kupfermünze zufrieden geben, aber da steht ein rostiger Fassofen und damit das Potential unser Refugio erneut in ein Goldstück zu verwandeln.

    Draussen aufgeschichtet liegen wie übergrosse Bienenstöcke getrocknete Dungfladen. Heizmaterial in einer baumlosen Ebene. Durch den Regen schleppen wir ein paar Stücke in die Sauna und füllen den Ofen damit. Bald wird es warm und gemütlich - halt! Filmriss. Bald husten wir uns die Lunge aus dem Leib und flüchten hinaus in den strömenden Regen. Unser Refugio, ein schwarzes Rauchloch. So ein Mist! Bibbernd stehen wir in der Kälte, ärgern uns über uns selbst und die Situation im Allgemeinen. In einem der Ställe finden wir eine Flasche Benzin und gehen zum Angriff über. So leicht lassen wir uns nicht aus unserer Bleibe vertreiben. Vermummt wie echte Banditen stellen wir uns dem Gegner. Ein grosszügiger Schuss Benzin direkt in den Ofen, eine hohe Stichflamme und dann - Sieg! Die Scheisse brennt, der Rauch zieht langsam ab und wir gewinnen unseren verloren geglaubten Boden zurück. Bald trocknen unsere Kleider an einer Leine über uns.

    Am nächsten Morgen liegt dichter Nebel über dem Plateau. Wir fühlen die Nähe des Herbsts. Doch dann bricht die Sonne durch, giesst erneut flüssiges Gold über die Hochebene. Der Wind jagt Gespenster aus Nebelschwaden übers Moor, die bald wie Spinnweben zwischen den Gräsern hängen bleiben und zu schillernden Glasperlen kondensieren. Als wir startklar sind, hat sich das Wetter zu einem dieser Herbsttage gemausert, an denen die Welt strahlt.

    Wer einmal vom Goldwahn erfasst wird, kann nicht mehr davon lassen. Er rafft zusammen, was er kann und bekommt doch nie genug. Und so hören auch wir nicht die Stimmen der Einheimischen, welche meinen, dass der Weg durchs Arguttal und über drei Trekkingpässe, welchen wir geplant haben, nicht möglich sei mit dem Bike. Wir sehen nur diesen türkisgrünen Fluss, diese archaische Bergwelt, diese Piste, welche den Argut in schwindelerregender Höhe und steilem Auf und Ab durchs Tal begleitet und wir wissen: Da gibt es noch mehr zu holen.

    Nach knapp fünfzig Kilometern erreichen wir einen kleinen Weiler und das Ende der Strasse. Auf unserer Karte ist er als Komuna Argut eingetragen und wir scheinen mit dem Überqueren der alten Holzbrücke wirklich mit einem Fuss in der Sowjetzeit gelandet zu sein. Kleine, von der Sonne dunkelbraun gebrannte Blockhäuser mit blaubemalten Fensterrahmen und weissen Fensterstreben. Die Dorfbewohner mit asiatischen Gesichtszügen, in tarnfarbenen Überkleidern und mit Pferd und Traktor in Gemeinschaftsarbeit am Heuen. Was in aller Welt hält diese Menschen hier fest? An diesem Ort, vergessen, aus der Zeit gefallen… Doch dann schauen wir um uns, sehen es, das Glänzen in den Augen. „Krassiva?“, fragt uns ein Mann, auf seine Heugabel gestützt. Ja, schön, dieser Flecken Erde ist wunderschön. Wir fragen, ob jemand Lust hat, uns mit Pferden über die nächsten vierzig Kilometer Trekkingweg und die Pässe zu helfen. Wir ernten ein freundliches, aber bestimmtes „Njet!“. Die Arbeitskräfte und Pferde werden zum Heuen gebraucht. Die Spitzen der Berggipfel sind schon verschneit. Und warum sollte jemand Geld verdienen wollen, wenn er schon Gold hat?

    Als hätte uns die Strömung des Argut erfasst, als wäre jeder Gedanke zur Umkehr gegen das Gesetz der Natur, so fühlen wir uns, inmitten dieser mächtigen Landschaft. Wetten, dass es bei der nächsten Flussbiegung noch schöner ist, wetten, dass am Fuss des Mount Belucha nicht nur Goldstücke, sondern auch Edelsteine liegen? Und so gehen wir weiter. Trotz der fehlenden Hilfe, trotz der quälenden Stimme der Vernunft können wir nicht umkehren. Wir wollen weitersuchen, weiter entdecken, Eldorado finden.

    Leider gibt es im Arguttal nicht nur Gold, sondern auch Fels. Nach zwölf Kilometern auf einem völlig verblockten und rutschigen Pferdepfad sind wir erschöpft und spüren: Falls wir nicht sofort den Jungbrunnen finden, ist unsere Schatzsuche hier zu Ende. Sollten wir nicht zufrieden sein? Haben wir nicht genug bekommen? Doch! Und so rollen wir unsere Karte ein, kehren um, das Herz voll mit Schätzen. Irgendwann werden wir zurückkehren, ohne Bikes, aber mit guten Wanderschuhen und einem Rucksack. Denn als richtige Schatzsucher wissen wir: Solange es noch unerforschte Kreuze auf dem Schatzplan hat, liegt da noch etwas vergraben.
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  • Jordan Bike Trail

    3. november 2017, Jordan ⋅ ☀️ 31 °C

    Wüste und Bike, das sind zwei Dinge, die sich normalerweise schlecht vertragen. Schade, denn wir lieben Wüste. Unterwegssein in absoluter Stille, nur den Wind und den eigenen Atem im Ohr, monochrone Farben in Ocker- und Brauntönen, in denen ein Pflänzchen wie ein Wunder wirkt, Nächte ohne Lichtverschmutzung, sondern Schlafen unter der hellen Milchstrasse und unzähligen Sternschnuppen. Doch der Untergrund ist weich, stundenlanges Schieben unter der heissen Sonne verwandelt den Spassfaktor in einen stachligen Dornenzweig und aus einem Wüstenabstecher kann rasch eine handfeste Bike-Beziehungskrise werden. Wie also können wir unseren Wüstenhunger stillen, ohne die ganze Zeit innerlich zu fluchen?

    „Google mal, was es für Wüsten auf der Welt gibt“, schlage ich vor. Und da haben wir sie plötzlich, die siebenundzwanzig wichtigsten Wüsten der Erde. Von der 9 400 000km2 grossen Sahara bis zur 12 000km2 kleinen Negev sind alle in der Liste vertreten. Raum genug für ein Bikepacking Abenteuer, nur eben - das Fluchen. Doch mit ein bisschen mehr Recherche kommen wir dem Jordan und dem Israel Bike Trail auf die Spur. Dort scheint die Partnerschaft zwischen Wüste und Bike zu funktionieren und auch mit unserem Plan, Weihnachten wieder einmal zu Hause zu verbringen, harmoniert das Reiseziel. Ein kurzer Stop-over im Nahen Osten, zur Zeit sowieso eine Sackgasse, vor dem Weiterflug in die Schweiz. Vierundzwanzig Stunden später sitzen wir im Flugzeug nach Amman.

    Aber Jordanien - ist das nicht gefährlich? Eingeklemmt zwischen den Bürgerkriegsländern Syrien und Irak im Nordosten, eingegrenzt von den Sorgenkindern Saudi-Arabien, Palästina und Israel im Südwesten? Auffanglager von mehr als einer Million Flüchtlinge? Nein, Jordanien ist sicher. Dem Land ist es trotz den Herausforderungen der Gegenwart und der schwierigen Lage im Nahen Osten gelungen, seine Strukturen aufrecht zu erhalten. Leider wissen das nur wenige und so leidet Jordanien unter einem massiven Rückgang an Touristen. Die Schlange am Schalter für ein Touristenvisum im Queen Alia Airport ist kurz. Nur ein paar junge Rucksackreisende und wir selbst stehen da.

    Amman gleicht nicht gerade einer Stadt aus einem arabischen Märchen. Mit abgasgeschwängerter Luft, Abfallbergen in den Abwasserrinnen und einem riesigen Verkehrschaos auf den Strassen, befindet sich Amman eindeutig im 21. Jahrhundert. Und doch finden wir wenig später beim Herumschlendern in Downtown ein paar Überbleibsel aus vergangenen Tagen: Duftmischer, die ein ganz persönliches Parfüm aus Hunderten von durchsichtigen Glasflakons zusammen mischen, um dann den Kunden und andere vorbeieilende Passanten grosszügig damit einzunebeln. Saftverkäufer, die Granatäpfel und Zitronen, Mangos und Melonen mit ihren vorsintflutlichen Pressen zu leckeren Fruchtsäften mixen, Kuriositätenläden, die nebst Bergen von Gewürzen auch das eine oder andere vertrocknete Mäuseskelett oder heiliges Wasser aus Mekka in der zehn Liter Gallone an den Mann zu bringen versuchen. Und über allem schallt der scheppernde Ruf des Muezzins von der nächstgelegenen Moschee, der die Gläubigen zum Abendgebet ruft. In Amman mischen sich Vergangenheit und moderner Alltag einer arabischen Grossstadt.

    Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Falafel, Hummus, Pitabrot und süssem Schwarztee mit frischen Minzeblättchen sind wir startklar. Mit vollen Wasserflaschen und Proviant für zwei Tage suchen wir uns den Weg hinaus aus der Stadt und in ruhigere Gegenden. Immerhin sind wir ja auf der Suche nach Wüste und Einsamkeit. Die Sonne knallt vom Himmel und der Wind bläst uns mit voller Kraft ins Gesicht. Gerade letzteres wird sich während der nächsten vier Wochen kaum jemals ändern und wir nehmen uns vor, das Thema „vorherrschende Windrichtung“ bei der nächsten Routenplanung nicht zu vergessen. Bald liegen die letzten Aussenquartiere hinter uns und wir biegen auf eine schmale Piste ab, die uns auf den von Norden her kommenden Jordan Bike Trail führt.

    Der Jordan Bike Trail. Er erfüllt unsere Erwartungen nicht ganz. Vielleicht sind wir einfach zu anspruchsvoll geworden, doch wir werden das Gefühl nicht los, dass mehr Potential für eine Bikepackingroute in Jordanien stecken würde als uns dieses GPX file zeigt. Entwickelt wurde er von einer auf geführte Biketouren spezialisierten Reiseagentur, und das merkt man dem Trail an. Langweilige Strecken auf asphaltierten Hauptstrassen, meistens Anstiege, die wohl bei den geführten Touren per Fahrzeug zurückgelegt werden, wechseln sich ab mit tollen Abfahrten auf ruppigen Pisten. Jordanien besteht aus einer Hochebene und einer zerklüfteten Steilwand, die von knapp tausend Meter ins Jordantal und ans Tote Meer auf minus vierhundert Meter hinunter stürzt. Tief eingeschnittene Wadis schneiden ins Hochplateau und obwohl unsere Route auf der Karte in ziemlich direkter Linie nach Süden führt, sieht die Realität anders aus. Auf fünfzig Kilometer langen Tagesetappen kumulieren sich rasch mehr als tausend Höhenmeter. Doch als „ Very Hard“ oder sogar „Extreme“ empfinden wir keine der Strecken, eher ein bisschen mühsam, wenn mir mehrmals täglich in eines der tiefen Wadis hinunter sausen, um uns dann wenig später auf der gegenüberliegenden Seite wieder aufs Plateau hochzuarbeiten. Wir haben halt keinen Begleitbus, der im Tal unten mit einer eisgekühlten Cola auf uns wartet... Erst gegen Süden hin finden wir schliesslich eine Piste, die für längere Zeit als spektakuläre Kammstrasse der Höhenlinie folgt und uns schliesslich ins weltbekannte Wadi Rum führt.
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  • Wadi Rum

    15. november 2017, Jordan

    Das Wadi Rum. Es wäre schön, wenn bloss nicht so viele in diesem „Wadi Rum“ fahren würden... Das Oasendorf selbst ist eine herbe Enttäuschung. Bauruinen, herumwirbelnder Abfall wie überall im Land, Endzeitstimmung. Wieder einmal fragen wir uns, in welcher Tasche das Eintrittsgeld vom UNESCO Naturerbe wohl landet. Ganz sicher nicht bei der lokalen Bevölkerung und im Aufbau von Infrastruktur (abgesehen vom gigantischen Besucherzentrum am Eingang des Tals). Jeder der hier ansässigen Beduinen hat die Ladefläche seines Toyota Pickups mit zwei Holzbänken ausgestattet, irgendwo in der Wüste ein Camp mit Dieselgenerator und LED Beleuchtung aufgestellt und karrt nun wüstenhungrige Touristen durch das Naturdenkmal. Zerstört wird dabei nicht nur eine alte Lebensweise, sondern auch eine empfindliche Vegetation, die sich kaum je wieder vom intensiven Jeepverkehr erholen wird. Als wir am Ende der Teerstrasse und am Rand der Wüste stehen, kommt ein charismatischer junger Beduine auf uns zu. „Ihr könnt nicht mit dem Fahrrad dort rein, das ist viel zu schwierig. Bucht lieber eine Tour, ich kann euch mit dem Auto noch heute Abend in mein Camp bringen“, schlägt er vor und als wir höflich den Kopf schütteln, während wir etwas Luft aus unseren Reifen lassen, um auf dem weichen Untergrund fahren zu können, schiebt er nach: „Am Ende eures Lebens werdet ihr merken: Es zählt nicht das Geld, sondern die gemachten Erfahrungen!“ Jetzt müssen wir lachen. Diese Masche zieht bei uns nicht, oder jedenfalls nicht so, wie sich das der junge Beduine wünscht. Ja, es geht nicht ums Geld, sondern um die Erfahrung. Genau das ist der Grund dafür, dass wir seit mehr als vier Jahren mit dem Velo um die Welt reisen.

    Immer noch grinsend folgen wir den Fahrspuren in die Wüste hinein. Ziemlich schnell knabbern erste Konflikte an der bisher harmonischen Beziehung zwischen Bike und Wüste. Trotz fast platten Reifen kommen wir ins Schleudern und finden uns bald schiebend wieder. Schieben durch weichen Tiefsand, das knabbert auch an unserer eigenen Beziehungsfähigkeit und erste gemurmelte Flüche kommen über die Lippen. Dieser ver... Sand! Je näher wir aber den Bergen kommen, desto mehr verfestigt sich der Untergrund wieder und mit etwas Balance gelingt es uns, uns wieder im Sattel zu halten. Auf einer kleinen Anhöhe mit einem fantastischen Blick über die Sandsteinfelsen im rostroten Sand schlagen wir unser Camp auf. Die Abendsonne verwandelt die Wüste in ein kitschiges Gemälde in Orange und Rosa, bevor die samtschwarzen Schatten der Nacht die Konturen verwischen und die ersten Sterne über uns erstrahlen. Wir fühlen uns, als wären wir alleine auf der Welt.

    Mit der Stadt Aqaba erreichen wir das Rote Meer und queren dort die Grenze zu Israel. Ein kleiner Kulturschock. Wann waren wir das letzte Mal in einem derart modernen und hoch entwickelten Land? Als wir im 24 Stunden Supermarkt einkaufen, kommt ein Preisschock hinzu. Meine Güte, mit dem Betrag, den wir hier für ein einfaches Picknick ausgeben, reisen wir normalerweise zwei Tage! Etwas durchgeschüttelt von der Erkenntnis, dass wir wieder einmal auf die Seite der armen Schlucker gewechselt haben, fahren wir zum Start des Israel Bike Trails.
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  • Israel Bike Trail

    30. november 2017, Israel ⋅ ☀️ 22 °C

    Der Israel Bike Trail: Mit einem gewaltigen Aufwand wurde ein fast dreihundert Kilometer langer Singletrail durch die Negev Wüste angelegt. Uns bleibt vor Staunen und Begeisterung buchstäblich die Spucke weg. Auf einer schmalen Spur fahren wir durchs Niemandsland: Steinige Wadis, steile Felswände, über weite Ebenen, an Sanddünen und Akazienbäumen vorbei. Der Trail ist kunstvoll angelegt, mit kleinen Serpentinen und genau in der richtigen Steilheit, um noch fahrbar zu sein. Da waren Profis mit viel Herzblut am Werk, die zeigen, dass Wüste und Bike mehr als eine Zweckbeziehung eingehen können. Dieser Trail ist absolut genial und die Negev wunderschön!

    Auch neben dem Trail ist es spannend Israel zu erleben. Ein Land, das wir vor allem aus den Nachrichten kennen und trotzdem abseits der Schlagzeilen erstaunlich wenig darüber wissen. Wir erleben, wie die Kibbuze, wo wir uns in den kleinen Läden mit Lebensmitteln versorgen können, durch einen mehrfachen Zaun und ein massives Eingangstor gesichert sind, videoüberwacht, fast wie in einem der Endzeitfilme aus Hollywood: In der Einöde steht ein kleines Dorf, massiv eingezäunt und grün, in dem sich die letzten Überlebenden einer Umweltkatastrophe zusammengefunden haben und sich gegen die feindliche Umwelt zu behaupten versuchen... Natürlich ist das Blödsinn, und doch wirken die Siedlungen so auf uns. Oder die Mauer zu Palästina. Zuerst als vierfacher Stacheldrahtzaun mit Minen-Warnschildern, dann als meterhohe Betonpfeiler durchschneidet sie das ganze Land und bildet damit ein unüberwindbares Hindernis auf dem Weg zu einer Versöhnung und damit einer friedlichen Lösung zwischen Palästinensern und Israeli. Und betroffen denken wir daran, wie in anderen Weltgegenden über den Bau von neuen Mauern diskutiert wird.

    Als wir vom Toten Meer her kommend nach einem langen Aufstieg wieder das Plateau erreichen, liegt der schöne Teil des Israel Bike Trails hinter uns. Auf Feldwegen fahren wir ziemlich unspektakulär durch weites Agrarland, Obstbaumplantagen und Pinienwälder nach Jerusalem. Innerlich haben wir bereits Abschied vom Land genommen, traurig, dass der Trail durch die Negev schon vorbei ist. Doch Jerusalem wollen wir noch sehen vor unserer Abreise. Nirgendwo sonst auf der Welt begegnen sich drei Weltreligionen und ihre Monumente so nahe: Die Klagemauer der Juden, der Felsendom und die Al Aqsa Moschee der Muslime, die Grabeskirche der Christen. Und eine riesige Abzocke rundherum. Nach zwei Tagen in einer miesen Absteige fühlt sich unser Budget an, als wäre es in eine der zahlreichen Fruchtpressen geraten. Ausgequetscht bis auf die Schale und sauer wie ein Zitronen-Minzesaft ohne Zucker. Zeit für den Heimflug.
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  • Zeit zu Hause zu sein

    28. februar 2018, Schweiz ⋅ ⛅ 0 °C

    Als wir vor Weihnachten in Basel gelandet sind, gingen wir von einem Kurzurlaub in der Schweiz aus. Die Feiertage mit der Familie verbringen, ein paar Wochen im gleichen Bett schlafen, sich endlich wieder einmal an einem Ort zu Hause fühlen. Und nach dieser Auszeit voller Tatendrang und Entdeckungsfreude zu neuen Zielen aufbrechen. Den Iditarod Trail in Alaska fertig fahren zum Beispiel, oder zurück nach Afrika, doch dieses Mal auf Erdpisten und Singletrails, oder nochmals in die Anden, nach Peru oder Kolumbien. Soweit der Plan. Und dieser Plan war gar nicht schlecht, denn wir brauchten eine Pause. Das Unterwegssein war zum Alltag geworden. Wir fühlten uns gelangweilt von den meist oberflächlichen Begegnungen mit immer wechselnden Menschen, die die immer gleichen Fragen stellten und die immer gleichen Antworten erwarteten. Wir hatten keine Lust mehr darauf das Zelt zum tausendsten Mal zusammenzupacken, zum tausendsten Mal in ein schäbiges Hostelzimmer einzuchecken, zum tausendsten Mal Abschied zu nehmen, zum tausendsten Mal wieder loszufahren. Wir waren reisemüde geworden, die Neugierde auf einen neuen Tag unterwegs war uns abhanden gekommen. Eine Pause war nötig. Viereinhalb Jahre Reisen ohne Unterbruch ist eine lange Zeit.

    Kaum zu Hause hatten wir ein Jobangebot in der Tasche. Die Schweiz ist teuer, ein bisschen Geld verdienen, schadet unserer Reisekasse kaum, zudem schätzen wir die Freiheit des Unterwegsseins nach diesem Kurzexkurs in die Arbeitswelt wieder umso mehr, so haben wir argumentiert. Weshalb die Pause nicht bis in den Sommer verlängern? Und so haben wir zugesagt. Doch mit diesem getroffenen Entscheid ging es erst richtig los. Ja, wir hatten etwas vergessen, wie das Leben in der Schweiz tickt...

    Als nächstes brauchen wir einen Ort zum Wohnen, denn das Gästezimmer bei den Eltern ist als Kurzzeitbleibe zwar perfekt, aber wie unterwegs wollen wir auch zu Hause nicht auf Kosten anderer leben. Entscheiden wir uns für eine eigene Wohnung, heisst das aber auch, dass wir uns auf mindestens ein Jahr verpflichten müssen, denn so steht es im Mietvertrag. Nun reden wir plötzlich schon von einem einjährigen Reiseunterbruch und spätestens jetzt merken wir, es wird ernst. Wollen wir das wirklich? Ist uns eigentlich klar, was wir damit aufgeben? Die letzten Jahre haben wir von einem Tag zum anderen gelebt, unsere Pläne auf maximal vier Wochen ausgelegt und wenn sich unsere Stimmung geändert hatte, auch spontan wieder über den Haufen geworfen. Nun sollen wir plötzlich Entscheidungen treffen, die mindestens ein Jahr umfassen und die sich nicht mehr so ohne weiteres umkrempeln lassen. Wir gehen Verpflichtungen ein, die uns zwar ein Stück Heimat zurück geben, uns aber gleichzeitig ein grosses Stück Freiheit nehmen.

    In den ersten Wochen bewegen wir uns wie auf Glatteis. Unsicher, in den richtigen Bus einzusteigen, unsicher, uns auf vermeintlich bekannten Wegen nicht zu verlaufen. Manchmal suchen wir Geschäfte, und merken dann, dass es sie nicht mehr gibt, oder stehen plötzlich vor erwachsenen ehemaligen Schülern. Sich zu Hause zu bewegen, ist für uns so fremd geworden, wie für einen ungeübten Reisenden, der zu seiner ersten Weltreise aufbricht und das erste Mal seinen bekannten Kulturkreis verlässt. Und doch gibt es immer wieder Momente, in denen wir das Gefühl haben, gar nie weg gewesen zu sein.

    An unserem ersten Arbeitstag stehen wir fünfzehn Minuten zu früh an der Bushaltestelle vor lauter Stress, dass wir zu spät kommen könnten. Als wir Richtung Schulhaus laufen und die weissverschneite Jungfrau in unser Blickfeld gerät, wird uns ganz komisch zu Mute. Die früheren Arbeitskollegen haben sich zumindest äusserlich kaum verändert und im Lehrerzimmer dreht sich das Gespräch um die selben Themen wie früher. Und plötzlich sind viereinhalb Jahre doch keine lange Zeit. Wir schlüpfen zurück ins alte Leben wie in einen gut eingetragenen Schuh. Und trotzdem: Da sind die Erinnerungen. Durchlebte Momente mit starken Gefühlen, die ein Prickeln und Reissen auslösen, das sich noch verstärkt, wenn wir auf Instagram die Reisen von Bikepacking Freunden weiter verfolgen, Bilder sehen von Orten, an denen wir selbst erst vor kurzem noch gewesen sind. Und dann möchten wir gleich wieder los. Wir haben uns ans Barfusslaufen gewohnt, der gut eingetragene Schuh drückt.

    Inzwischen haben wir nicht nur zur Arbeit, sondern auch zur Wohnung Ja gesagt. Langsam fassen wir wieder Fuss an einem Ort, der sich zwar wie Heimat anfühlt, aber uns doch in vielen Bereichen fremder ist als die weite Welt. Wir spüren, dass es uns gut tut, wieder einmal etwas anderes zu machen als nur Velo zu fahren. Dass wir es schätzen, ein eigenes Heim zu haben und uns mit Themen auseinanderzusetzen, die nicht nur uns selbst betreffen. Wir merken aber auch, dass wir nicht einfach nahtlos ans alte Leben anknüpfen können. Die zahlreichen Begegnungen haben unseren Blickwinkel auf die Welt, aber auch auf uns selbst verändert. Wir sind dankbar für die erlebten Momente, die uns manchmal glücklich und manchmal traurig gemacht haben. Es waren viereinhalb intensive Jahre. Genau so unspektakulär wie wir im Sommer 2013 aufgebrochen sind, sind wir nun zurückgekehrt. Das passt zu uns und unserem Leben. Keine fixen Pläne, sondern gebotene Möglichkeiten ergreifen und sich vom Gefühl leiten lassen. Mit dem Wissen, dass Entscheidungen nie in Stein gemeisselt sind und wir auch weiterhin die Freiheit haben, unser Leben so zu leben, wie es für uns stimmt. Und es bedeutet auch, dass wir es wieder tun werden. Einfach losfahren, mit Neugierde und offenem Herzen. Wann wissen wir noch nicht, denn jetzt ist es Zeit, zu Hause zu sein.
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  • Epilog

    20. april 2018, Marokko ⋅ 🌙 12 °C

    An Ostern schneit es uns ein. Wir schauen zur Tür hinaus und sehen zu, wie dicke weisse Flocken das Frühlingsgrün zudecken. Seit acht Wochen arbeiten wir wieder. Langsam finden wir uns zurecht im alten Leben, auch wenn wir uns manchmal fragen, wie es bloss geschehen konnte, dass wir wieder mitten drin stecken. Eine besonders grosse Schneeflocke schwebt an unserer Nase vorbei. Verdammt, es ist Frühling! In einer Woche beginnen die Frühlingsferien und hier sieht es aus wie im tiefsten Winter. Und da kippt plötzlich ein Schalter in uns. Wir müssen gar nichts sagen. Ein Blick genügt und wenige Minuten später haben wir ihn gebucht. Den Flug nach Marokko. Das Scheisswetter in der Schweiz kann uns mal.

    Gepackt haben wir ruckzuck. Es fühlt sich an wie ein ganz gewöhnliches Aufbrechen nach einer längeren Pause. Nur dass es dieses Mal kein Aufbrechen aus einem fremden Hotelzimmer ist, sondern aus den eigenen vier Wänden. Am Bike klebt noch der rote Staub von Israels Wüste. Nur die Bremsklötze wechseln wir rasch, für alles andere bleibt keine Zeit. Und schon sind wir unterwegs. Ein zweiter Schalter kippt: In den Modus, in dem es egal ist, welcher Wochentag gerade ist, in dem wir am Morgen noch nicht wissen, wo wir am Abend schlafen werden, in dem wir wieder jede Minute des Tages gemeinsam verbringen und sich unser Gespräch um Höhenmeter, die Versorgungslage und die nächste Wasserstelle dreht. Der Reisemodus. Er hat uns bereits gefehlt.

    Wir sind nicht zum ersten Mal in Marokko. Wir mögen das Land mit seiner landschaftlichen Vielfalt und dem orientalischen Flair. Wir mögen den Klang des Arabischen und des mit dem typischen Akzent des Magreb eingefärbten Französischs. Wir mögen es, dass sich nur dreieinhalb Flugstunden von Zuhause entfernt eine völlig fremde Welt auftut. Und wir freuen uns an der warmen Frühlingssonne und den für unser Empfinden bereits sommerlichen Temperaturen. Doch als wir nach unserer Ankunft in Marrakech das Meteo checken, wartet eine unerfreuliche Überraschung auf uns: Die nächsten drei Tage soll es bei Temperaturen um den Gefrierpunkt regnen - UND SCHNEIEN! So haben wir aber nicht gewettet, damals an diesem Ostersonntag.

    Während wir das schlechte Wetter auf einer Langzeitreise einfach aussitzen würden, liegt das diesmal bei kurzen zwei Wochen Ferien nicht drin. Ein Plan B muss her. Auf der Südseite des Atlasgebirges soll es schön sein und schon sitzen wir im Bus in die Oasenstadt Ouarzazate. Fahren wir die geplante Route halt in umgekehrter Richtung. Auf einer kleinen Stein- und Erdpiste arbeiten wir uns auf 2200m hoch. Die Beine fühlen sich schwer an. Wo ist nur unsere Fitness hin? Fünfzehn Wochen Pause ohne viel Bewegung und noch weniger Velo fordern ihren Tribut. Zum Glück ist der Kopf noch so stur wie eh und je und so erreichen wir die Passhöhe zwar mit brennenden Muskeln, aber einem glücklichen Lachen im Gesicht. Wir sind zurück. Zurück in den hohen Bergen - mit dem Bike unter dem Hintern und dem Geschmack von rotem Staub und einer gut gewürzten Tajine im Mund. Let‘s Fetz.

    Unsere über Satellitenbilder zusammengestellte Route führt uns die nächsten Tage mitten durchs Atlasgebirge. Pass reiht sich an Pass, oft auf schmalen, viel zu steilen Erdpisten oder auf kaum sichtbaren Maultierpfaden durchqueren wir tief eingeschnittene Bergtäler und weite Hochebenen. Es ist wie ein Zeitsprung, von der hektischen modernen arabischen Grossstadt, die Marrakech ist, in die ruhige, mittelalterlich wirkende Heimat der Berber im Hohen Atlas. Wir begegnen Ziegenhirten, die uns kopfschüttelnd vor dem Weitergehen warnen und uns am Ende trotzdem viel Glück wünschen. Wir passieren kleine Siedlungen aus lehmgestampften Häusern, die wie Bienenwaben an den steilen Talflanken kleben und sich meist um eine orangefarbene Moschee gruppieren. Die terrassierten Felder ziehen sich weit die Hänge hinauf und schaffen mit ihrem hellen Grün starke Kontraste zu der ariden braunen Umgebung.

    Auf den Gipfeln liegt Schnee, die Sommerlager sind noch unbewohnt und so mancher Singletrail stellt sich als eine ziemlich matschige Sauerei heraus. Wir schaffen selten mehr als dreissig Kilometer am Tag, aber das spielt keine Rolle. Oft tragen wir das Gepäck am Rücken, schrauben sogar die Pedale ab, um auf den schmalen und ausgesetzten Wegen unser Bike besser vorwärts schieben zu können. Es ist eine Tour, bei der wir uns manchmal verstohlen fragen, ob wir das Velo nicht besser zu Hause gelassen hätten. Doch dann folgt eine rasante Abfahrt und die ketzerischen Gedanken verschwinden sofort wieder. Bei einem richtigen Bikepacking Abenteuer wiegt die Vernunft zu schwer und man lässt sie am besten von Vornherein zu Hause. „I really like the hike-a-bike“ äffen wir lachend einen Radler nach, den wir damals im tiefen Sand der Hochanden getroffen haben.

    Im Tal von Ourika erreichen wir für ein paar Kilometer Asphalt. Die Rohloff Schaltung an einem der Bikes hat sich in den letzten Tagen langsam auf vier Gänge reduziert. Das sind schlechte Voraussetzungen für den nächsten steilen Pass und wir beschliessen, das Problem rasch zu beheben. Als wir die Schaltbox aufschrauben, ringeln sich uns feine Stahldrähte entgegen. Durch eingedrungenen Dreck haben sich die beiden Schaltkabel durchgescheuert und blockieren so das Gehäuse. Natürlich haben wir ein Ersatzschaltkabel dabei, doch wer rechnet schon damit, dass auf einem Kurztrip gleich zwei den Geist aufgeben? Gut, wir hätten es ahnen sollen. Schliesslich fahren unsere RAW seit beinahe drei Jahren ohne Service.

    Für eine lange halbe Stunde hängt die Fortsetzung unserer Tour an einem Faden. Doch wenn uns das Reiseleben etwas gelernt hat, dann ist das Improvisation. Für jedes Problem gibt es eine Lösung, man muss nur kreativ genug sein, um sie zu sehen und zugegeben - etwas Glück gehört auch dazu. Vorsichtig wickeln wir vom besser erhaltenen Schaltkabel Draht um Draht ab, bis nur noch der unzerrissene Kern übrigbleibt. Das Kabel ist zwar jetzt nur noch halb so dick wie es sein sollte, aber es lässt sich einziehen und scheint stark genug zu sein, um die Gänge zu wechseln, jedenfalls für die zwei verbleibenden Tage.

    Wenig später pedalen wir bereits wieder hoch über dem Talboden. Die Königsetappe liegt vor uns. Der 3150m hohe Tizi n Ouhattar. Vor wenigen Jahren noch eine Trekkingroute, gibt es dort laut Satellitenbild inzwischen eine serpentinenreiche kleine Passstrasse, der wir nicht widerstehen können - auch wenn wir nur zwei Tage vorher auf 2400m durch knöcheltiefen Schnee gestampft sind. Irgendwie wird das schon gehen, zumal die Hänge hier viel trockener aussehen. In Timichi, dem letzten Dorf vor dem Pass, stellt sich uns eine alte Berberfrau in den Weg und versucht uns mit resoluten Armbewegungen und einem Wortschwall zur Umkehr zu bewegen. Jetzt fühlen wir uns doch etwas verunsichert, denn marokkanische Frauen zeichnen sich sonst eher durch Zurückhaltung aus. Allerdings sind wir nun schon so weit, dass wir uns von der alten Dame nicht aufhalten lassen wollen. Zurück sind wir ja dann schnell wieder, kommentieren wir mit einem Blick auf den steilen achthundert Höhenmeter Anstieg.

    Auf der Passhöhe wartet eine grosse Schneewehe auf uns, die wir jedoch umgehen können. Doch auf der anderen Seite liegt noch mehr Schnee, typische Nordhänge. Hätten wir die Vernunft eingepackt, würden wir jetzt umkehren, aber zum Glück haben wir die ja zu Hause gelassen. Und so packen wir wieder einmal um, schultern den Rucksack und beginnen unsere Bikes durch den Schnee zu schieben.

    Wir kommen gar nicht schlecht vorwärts, bis wir zu einer riesigen Schneewehe kommen, die längs über den steilen Hang verläuft. Das sieht nun auch für unsere Augen heftig aus. Eine Schneeschaufel haben wir nicht dabei und so zweckentfremden wir halt unsere Sattelstütze mit dem massiven Brooks Sattel daran als Eisaxt. Das klappt besser als erwartet und nach ein paar bangen Minuten stehen wir auf der anderen Seite, wo wir bald darauf die schneefreie Piste erreichen. Nun haben wir uns ein paar Datteln und Erdnüsse verdient. Und den wolkenfreien Blick auf den höchsten Berg Nordafrikas, den 4167m hohen Jebel Toubkal sowieso - „I really like the hike-a-bike!“

    Inzwischen liegen die Schiebepassagen hinter uns. Die Abfahrt aus dem hohen Atlas nach Marrakech hatte so gar nichts mehr mit einem hike-a-bike zu tun. Auf einem flowigen Trail, dann auf seidenweichem Asphalt sind wir hinaus in die Ebene gesaust. Eine 2500 Höhenmeter Abfahrt, die fast so süchtig macht, wie der süsse Minztee aus dem Silberkännchen. Ein Prosit auf ein tolles Mini Abenteuer. À la prochaine, Maroc!
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  • Revival: Aller guter Dinge sind drei

    2. august 2018, Kirgisistan

    „Pervyy raz?“ fragt der Taxifahrer, als wir Richtung Zentrum von Bishkek fahren. „Nein, wir sind bereits zum dritten Mal in Kirgistan.“ „Akouda?“ kommt die nächste Frage. „Schweizaria“ führen wir das Frage- und Antwortspiel geduldig weiter, bereits in dem Wissen, was als nächstes kommen wird. Et voilà: „Kirgistan kak Schweizaria“ stellt der Taxifahrer fest. Kirgistan ist wie die Schweiz, weshalb also kommt ihr bereits zum dritten Mal hierher? Nun, das ist eine längere Geschichte und übersteigt unsere Russischkenntnisse nun doch. Während wir das Gespräch den Erwartungen entsprechend zu Ende führen - Kirgistan ist schön, hat weniger Städte und Menschen, ist weiter, einsamer, abenteuerlicher - überlegen wir für uns, was uns eigentlich in diesen Sommerferien nach Kirgistan verschlagen hat.

    Zum einen ist das sicher Jerry, unser Freund aus Colorado. Nachdem wir uns vor einem Jahr nach über vier Monaten gemeinsamem Unterwegssein kurz vor der mongolischen Grenze voneinander verabschiedet und seither nur sporadisch über whatsapp Kontakt hatten, freuen wir uns auf gemeinsame Sommerferien. Während es uns eher in die Cordillera von Peru gezogen hätte, wünschte sich Jerry etwas kulturell Neues und so landeten wir nach dem Abwägen von Flugverbindungen und -preisen schliesslich in Kirgistan. Zum anderen haben wir Kirgistan auf den zwei vorher gehenden Reisen mit einem vollbepackten Tourenrad und schwerem Trekkingrucksack bereist und damit das Potential des Landes als Bikepacking Destination bei weitem noch nicht ausgeschöpft.

    Während wir das Tourenrad manchmal verwünscht hatten, weil es uns daran hinderte in die abgelegenen Täler hineinzufahren, verfluchten wir regelmässig den Rucksack, wenn wir mehrere Stunden zu Fuss auf einer alten sowjetischen Piste unterwegs waren, die geradezu nach ein paar Stollenreifen rief. Diesen Fehler wollten wir nicht noch einmal machen. Und am Schluss spielte wohl auch einfach ein bisschen Bequemlichkeit mit. Wir kennen die zentralasiatische Kultur fast schon in- und auswendig, können uns sprachlich durchschlagen, wissen, dass Zelten in Kirgistan einfach, der Flug über Istanbul direkt und günstig ist und in der „Schweiz Zentralasiens“ ein paar Routen auf uns warten, die wir schon länger auf dem Radar haben. Und wenn man einen Tag nach Schulschluss noch völlig gestresst und übermüdet von der Hektik des Schuljahrendes am Check-in Schalter steht, ist man gerade über diesen letzten Punkt nicht unglücklich.

    Am fast surreal blauen Issyk Köl See starten wir zur ersten Überquerung des Tien Shan Massivs. Untrainiert wie wir sind, erleben wir auf dem halbzerfallenen Viehtrail über den 3800m hohen Dzhukhu Pass unser blaues Wunder. Steil, verblockt und mit viel zu dünner Luft in den Lungen wird es ein heftiges „Back to the road“. Blitzschnell über uns hinwegziehende Schneestürme mit Blitz und Donner und täglichem Neuschnee, dazu sich beängstigend schnell leerende Provianttaschen: Wir merken, dass wir uns schon wieder viel zu stark an die bequeme und voraussehbare Schweizermentalität gewöhnt haben.

    Kirgistan ist eben doch nicht „kak Schweizaria“. Hier hat alles eine wildere und abenteuerlichere Note, auch wenn wir uns von der uns umgebenden Bergwelt hin und wieder in den Alpen wähnen. Aber schon bald stecken wir wieder mitten drin im Reiseflow und als wir in der Kleinstadt Naryn ankommen, ist bereits klar, dass wir trotz unbeständigem Wetter noch einen zweiten hohen Pass anhängen und uns mit einer speziellen Grenzlandbewilligung im Sack Richtung China aufmachen - allerdings erst nach einer dreitägigen Erholungspause und einer grossen Einkaufstour über den Basar. So knapp mit Proviant wie auf der ersten Etappe, wollen wir nicht noch einmal unterwegs sein. Denn mit rationierten Erdnüssen macht das Ganze irgendwie nicht mehr ganz so viel Spass.

    Eine kurze Zeit fahren wir auf der Transitstrecke zum berühmten Torugart Pass, einem der wichtigsten Grenzpässe auf der alten Seidenstrasse vom Reich der Mitte nach Zentralasien und weiter nach Europa. Die Karawanen aus alter Zeit sind längst durch die allgegenwärtigen blauen Schwertransporter der Chinesen abgelöst worden. China überschwemmt den zentralasiatischen Markt mit seinem Billigschrott und vieles davon findet seinen Weg wie zu alter Zeit über den Torugart. Gut gelaunt biegen wir nach rund vierzig Kilometern vom Highway auf eine holprige Wellblechpiste ab, die uns Richtung Keel Su Lake führt.

    Nachdem wir den ersten Checkpoint der kirgisischen Grenzpolizei mit unserem Permit zufrieden gestellt haben, biegen wir erneut ab und schon bald finden wir uns wieder keuchend und schiebend wieder. „Old 4x4 road to Keel Su, no longer in use“ steht in kleinen Buchstaben entlang der gepunkteten Linie auf unserer digitalen Landkarte. Fast senkrecht führt die mit hohem Gras überwachsene Spur himmelwärts und wieder einmal sehen wir uns in unseren Erfahrungen bestätigt: Nur russische UAZ Jeeps können eine solche Route legen, ein moderner Toyota oder Landcruiser hätte hier keine Chance. Und zugegeben: Auch wir kommen hin und wieder fast ans Limit. Verfluchte Sowjets!

    Doch nach jedem neuen erklommenen Kamm rücken die schroffen Berge näher und das Panorama wird dramatischer. Wie eine scheinbar unüberwindbare Mauer trennt der Tien Shan hier die chinesische Provinz Xinjiang von Kirgistan. Einzig der Keel Su See, der „lange See“ hat sich über Jahrtausende einen mehr als vierzehn Kilometer langen Weg durch die Felsen gefressen. Doch als wir endlich an seinem Ufer stehen, blicken wir nicht auf das erwartete türkisgrüne Wasser. Ausgetrocknet liegt er vor uns, der Boden erinnert uns mit seinen tiefen Rissen im angetrockneten Schlamm eher an einen braunen Salzsee. Ein Zeichen der Klimaerwärmung?

    Nach der ersten Enttäuschung finden wir Gefallen am Unerwarteten. Mit dem Bike fahren wir mehrere Kilometer hinein in den engen Canyon, schauen zu wie die ersten Sonnenstrahlen langsam an den steilen Felsklippen herunter lecken und uns endlich erreichen. Damit steigt die Temperatur langsam wieder über den Gefrierpunkt und wir können es uns erlauben, stehen zu bleiben. Der Weg nach China wäre also offen... doch wir führen im Herbst eine kleine Reisegruppe nach Osttibet und können uns keine Scherereien mit der chinesischen Grenzpolizei leisten. Und so kehren wir um, packen unser inzwischen wieder aufgetautes Zelt zusammen und machen uns - diesmal auf der Hauptroute - auf den Weg zurück in die Zivilisation.

    Über ein paar kleinere namenlose Pässe und den bekannten Song Köl See erreichen wir schliesslich das Grande Finale - denn: Aller guten Dinge sind drei und der Kegeti Pass beweist, dass man auf alte Sprichwörter hören soll. Auch er eine alte sowjetische Piste, auf der Südseite im oberen Teil verschüttet und nur noch als Trekking- oder Hike-a-bike Strecke zu machen, doch auf der Südseite mit einer scheinbar nie enden wollenden Abfahrt hinunter ins Flachland. Auf knapp dreissig Kilometern vernichten wir mehr als dreitausend Höhenmeter und wechseln so innerhalb von Stunden vom kalten, unwirtlichen Hochgebirge ins trockene und schwüle Agrarland rund um Bishkek. Aller guten Dinge sind drei: Es war wohl unsere letzte Tour durch Kirgistan - aber hoffentlich nicht unsere letzte Tour mit Jerry.
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    Slut på rejsen
    3. august 2018