Reisende
28. juli 2025, Indien ⋅ ☁️ 16 °C
9 Jahre, ist das eine lange Zeit? Wahrscheinlich kommt es darauf an, wen man fragt. Die Berge um uns würden die Frage nicht einmal verstehen. Die Gletscher im Suru Tal würden ächzen und jammern. Sie sind die grossen Verlierer der Zeit, schmelzen dahin, wie überall auf der Welt. Und wir, gehören wir zu den Gewinnern oder den Verlierern?
Als ein Freund unsere Fotos sieht, von der Fahrt über die ruppige Schotterpiste am Pensi La vor 9 Jahren und jetzt, mit Asphalt und zwei Kindern, die das erste Mal auf 4500m stehen, schreibt er: “So schön, da ist eine neue motivierte Generation an Abenteurern am Start.” Die Nostalgie, welche uns bei der Fahrt durchs Suru Tal begleitet hat, schwindet unter diesem Gedanken. Würden wir daran festhalten, uns weismachen, dass damals alles wilder, ursprünglicher und voller Möglichkeiten war, stünden wir auf der Verliererseite. Gefangen in den eigenen Erinnerungen mit dem Gefühl, dass das Reisen nur noch einfacher und die Möglichkeiten nur noch spärlicher werden. Die entlegensten Winkel sind kartiert, die höchsten Pässe asphaltiert und das Wissen über fremde Länder ist nur einen Klick entfernt. Wie wird das Reisen in nochmal neun Jahren aussehen, wenn unsere Kinder zu Teenagern herangewachsen sind? Gibt es überhaupt noch genug Abenteuer für eine nächste Reisegeneration?
Wenn wir das Reisen nur als das Entdecken unbekannter Kulturen, das Finden neuer Wege, das Ausloten der eigenen Grenzen definieren, mag die Antwort ernüchternd ausfallen. Auch dann hätten wir verloren. Doch wir fühlen uns nicht als Verlierer. Wir begleiten unsere Kinder auf ihrem Weg in die Welt. Versuchen, ihnen Neugier, Offenheit und Freude am Entdecken zu zeigen, auch wenn das Ungewohnte, die Eindrücke und die Ungewissheit, was als nächstes kommt, manchmal auch überfordern. Wir sprechen über das Klima, das sich ändert, über die Armut und den Dreck in den indischen Städten, warum jetzt wieder Gebetsfahnen auf den Pässen flattern oder der Lastwagenfahrer am Strassenrand seinen Gebetsteppich ausrollt. Und wenn dann die Fragen auf uns einprasseln, wenn fremde Kinder zu Spielkameraden werden, auch nur für einen Augenblick im Hinterhof eines Hotels, dann sind wir Gewinner.
Vielleicht ist das grösste Abenteuer heute nicht mehr das Erobern unberührter Flecken, sondern die Fähigkeit, sich nicht nur daheim, sondern überall mit den Orten und Menschen verbunden zu fühlen. Nicht nur touristische Häkchen zu setzen, sondern trotz der globalen Unsicherheit, Brücken zwischen den Kulturen zu schlagen, Vorurteile abzubauen und die Welt als Ganzes zu sehen. Die Reiseabenteuer? Sie warten auch noch in neun oder neunzig Jahren auf alle, die losziehen – sie sehen nur anders aus.Læs mere



















