• Zanskar

    August 5, 2025 in India ⋅ 🌙 16 °C

    Bilder im Kopf, Bilder aus dem Bildband “Der zugefrorene Fluss”. Irgendwann ist dieses Buch bei uns Zuhause aufgetaucht. Als ich noch ein Kind war. Ich weiss noch genau, wie es mich fasziniert hat. Es erzählt die Wanderung aus dem abgeschnittenen Zanskartal auf dem gefrorenen Zanskar ins Industal. Früher im Winter die einzige Verbindung von Padum in die Aussenwelt. Fotografien von gefrorenen Wasserfällen, welche sich über die Felswände zum Zanskar ergiessen wie geronnenes Kerzenwachs. Die Feuer in den Eishöhlen, an denen sich wettergezeichnete und blaugefrorene Hände wärmen. Die gefährlichen Kletterpassagen, wenn das Flusseis aufgebrochen und der Weg in den Felsen gesucht werden musste. Licht auf den Bergspitzen und Schatten in der Schlucht, die ewigen Schatten, für Tage. Wie kalt musste dieser Weg für die Ladakhi gewesen sein, wie beschwerlich, wie einsam. Als wir im ersten Winter unserer langen Reise in Dubai standen, den Kopf voller Entscheidungen, wie es weitergehen soll, wären wir fast hier gelandet. Wir wussten, dass das die letzte Möglichkeit gewesen wäre, die Bilder des Chadar Treks für uns zum Leben zu erwecken, ehe sich die Sprengbohrer und Bagger begannen, ihren Weg durch die Schlucht zu bahnen. Hungrig nach Stein und der Aussicht, eine der verrücktesten Strassen Ladakhs in den Fels zu fressen, “im Einklang mit der ladakhischen Vision 2047, die ein entwickeltes und vernetztes Ladakh vorsieht”.

    Nun, 12 Jahre später sind wir in der Zanskarschlucht unterwegs. Die abenteuerlichen Bilder des zugefrorenen Flusses versinken im Sepiabraun des Wassers, werden mit neuen überlagert: Eine raue Piste, die dem tosenden Zanskar folgt, ein zerfetzter Bagger, der am Strassenrand liegt, als wäre er dem Schritt eines Riesen zum Opfer gefallen. Strassenbauer in zerlöcherten schwarzen Kleidern, die auf einer wackeligen Bambusleiter stehen, einander Dynamitstangen zuwerfen und mit einem Stab in die Sprenglöcher stopfen. Ein stop und go auf der Idee einer Strasse, die eigentlich in der Schlucht gar keinen Platz hat. Ein grünes Strassenschild der Border Roads Organisation: “Entweder wir finden einen Weg, oder wir machen einen”. Nach einem Tag bereits müssen wir am Abzweiger in Nyerak sein. Denn in der Nacht gehen die Sprengladungen hoch. Ein kurzes Donnergrollen in der Dämmerung, das in der Schlucht verhallt. Ein Stück Erinnerung an eine vergangene Zeit, die in Schutt und Staub zerfällt. 

    Von Nyerak geht es hinauf auf den Singe La. Brutal steil windet sich die Strasse vom Talboden hoch. Auch hier hat es kaum Platz für sie. Eineinhalb Tage später stehen wir auf 4900 Meter. Es regnet, die Wolken hängen tief, die Luft ist dünn. Trotz der Akklimatisation in den letzten Wochen spüren wir die Höhe. Eiskalte Finger, wo nur bleibt das wärmende Feuer in der Eishöhle? Dann geht es runter ins nächste Tal. Zwei Nächte und einen Tag harren wir im Homestay bei Photoksar aus, warten darauf, dass sich das Wetter bessert und der Regen aufhört. Ein bisschen Basecampstimmung, nur ohne Jasskarten. Dafür mit zwei Kindern, die Dauerunterhaltung fordern. Zum Glück bricht am zweiten Tag die Sonne durch, als wir zu unserem letzten Pass hochkurbeln, dem Sir Sir La. Wolkenschatten und Licht auf den Bergspitzen. Das grande Finale unserer Ladakhtour. Ein Reisemonat ist um. Was bleibt sind die Bilder, die Bilder im Kopf. Und die Vorfreude auf einen weiteren Monat in Sri Lanka.
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