Zurück
July 21, 2025 in India ⋅ ☀️ 22 °C
Im Landeanflug auf Leh. Karge braune Berge, Stein- und Staubland. Doch nicht nur Steine gibt es hier von oben zu sehen, sondern auch militärische Anlagen, eine nach der anderen. Darum heisst es jetzt: Fensterjalousien runter. Und dann: Welcome to Leh, zum dritten Mal! Aber das erste Mal mit unseren zwei Wildlingen.
Beim Auspacken unserer Fahrräder dann die böse Überraschung: Das Rohloff Zahnrad an einem unserer Räder ist gebrochen. Blöder könnte es nicht gelaufen sein. Ein guter Schweisser setzt das Ding wieder zusammen. Doch ob es hält? Wir setzen einen Notruf über Instagram ab und kaum zu glauben, er wird von Julia und Ralf gelesen. Zwei Österreichische Radler, die nach 14 Monaten Fahrt ebenfalls gerade in Leh sind und ein etwas kleineres Ersatzzahnrad dabei haben. Wir können unser Glück kaum fassen, als sie es uns überlassen. Es ist einer dieser Momente, die man seinen Grosskindern erzählt. Ein bisschen Reisemagie.
Nun haben wir ein Backup und so kann es losgehen, hinaus ins Industal. Könnten Steine die Zeit fühlen, würden sie sich wundern, warum ein Windhauch später die gleichen zwei Velofahrer wieder durchs Industal radeln, nun aber mit zwei Kindern im Schlepptau. Für uns sind neun Jahre vergangen. Für das Industal - ein Wimpernschlag. Was hat sich verändert? Der Verkehr ist gefühlt noch dichter geworden, das Wetter instabiler. Monsunwolken drücken bis hier in den Himalaya. Wir weichen der Hauptverkehrsachse aus, suchen einen Weg auf Nebenstrassen Richtung Kargil.
Was wir vor neun Jahren auf dem NH1 einfach möglichst schnell hinter uns gebracht haben, wird zu einer wochenlangen Fahrt über fünf Pässe auf schmalen, kaum befahrenen Bergstrassen. Pope La, Charatse La, Sarmanchan La. Flatternde Gebetsfahnen, Manisteine, vom Wetter abgeschliffen. Weiter unten im Industal bei Sanjak, fast an der pakistanischen Grenze, dünnen sie aus. Der Muezzin hallt nun wieder in unseren Ohren, trägt zusammen mit dem Rauschen der Wassermassen sein Echo die Felswände hoch. Zwei finale hohe Pässe: Samshi La und Hamboting La, bevor es runter geht ins Suru Tal. Wer hätte gedacht, dass es auf dieser Strecke noch so viel zu entdecken gibt?Read more
Reisende
July 28, 2025 in India ⋅ ☁️ 16 °C
9 Jahre, ist das eine lange Zeit? Wahrscheinlich kommt es darauf an, wen man fragt. Die Berge um uns würden die Frage nicht einmal verstehen. Die Gletscher im Suru Tal würden ächzen und jammern. Sie sind die grossen Verlierer der Zeit, schmelzen dahin, wie überall auf der Welt. Und wir, gehören wir zu den Gewinnern oder den Verlierern?
Als ein Freund unsere Fotos sieht, von der Fahrt über die ruppige Schotterpiste am Pensi La vor 9 Jahren und jetzt, mit Asphalt und zwei Kindern, die das erste Mal auf 4500m stehen, schreibt er: “So schön, da ist eine neue motivierte Generation an Abenteurern am Start.” Die Nostalgie, welche uns bei der Fahrt durchs Suru Tal begleitet hat, schwindet unter diesem Gedanken. Würden wir daran festhalten, uns weismachen, dass damals alles wilder, ursprünglicher und voller Möglichkeiten war, stünden wir auf der Verliererseite. Gefangen in den eigenen Erinnerungen mit dem Gefühl, dass das Reisen nur noch einfacher und die Möglichkeiten nur noch spärlicher werden. Die entlegensten Winkel sind kartiert, die höchsten Pässe asphaltiert und das Wissen über fremde Länder ist nur einen Klick entfernt. Wie wird das Reisen in nochmal neun Jahren aussehen, wenn unsere Kinder zu Teenagern herangewachsen sind? Gibt es überhaupt noch genug Abenteuer für eine nächste Reisegeneration?
Wenn wir das Reisen nur als das Entdecken unbekannter Kulturen, das Finden neuer Wege, das Ausloten der eigenen Grenzen definieren, mag die Antwort ernüchternd ausfallen. Auch dann hätten wir verloren. Doch wir fühlen uns nicht als Verlierer. Wir begleiten unsere Kinder auf ihrem Weg in die Welt. Versuchen, ihnen Neugier, Offenheit und Freude am Entdecken zu zeigen, auch wenn das Ungewohnte, die Eindrücke und die Ungewissheit, was als nächstes kommt, manchmal auch überfordern. Wir sprechen über das Klima, das sich ändert, über die Armut und den Dreck in den indischen Städten, warum jetzt wieder Gebetsfahnen auf den Pässen flattern oder der Lastwagenfahrer am Strassenrand seinen Gebetsteppich ausrollt. Und wenn dann die Fragen auf uns einprasseln, wenn fremde Kinder zu Spielkameraden werden, auch nur für einen Augenblick im Hinterhof eines Hotels, dann sind wir Gewinner.
Vielleicht ist das grösste Abenteuer heute nicht mehr das Erobern unberührter Flecken, sondern die Fähigkeit, sich nicht nur daheim, sondern überall mit den Orten und Menschen verbunden zu fühlen. Nicht nur touristische Häkchen zu setzen, sondern trotz der globalen Unsicherheit, Brücken zwischen den Kulturen zu schlagen, Vorurteile abzubauen und die Welt als Ganzes zu sehen. Die Reiseabenteuer? Sie warten auch noch in neun oder neunzig Jahren auf alle, die losziehen – sie sehen nur anders aus.Read more
Zanskar
August 5, 2025 in India ⋅ 🌙 16 °C
Bilder im Kopf, Bilder aus dem Bildband “Der zugefrorene Fluss”. Irgendwann ist dieses Buch bei uns Zuhause aufgetaucht. Als ich noch ein Kind war. Ich weiss noch genau, wie es mich fasziniert hat. Es erzählt die Wanderung aus dem abgeschnittenen Zanskartal auf dem gefrorenen Zanskar ins Industal. Früher im Winter die einzige Verbindung von Padum in die Aussenwelt. Fotografien von gefrorenen Wasserfällen, welche sich über die Felswände zum Zanskar ergiessen wie geronnenes Kerzenwachs. Die Feuer in den Eishöhlen, an denen sich wettergezeichnete und blaugefrorene Hände wärmen. Die gefährlichen Kletterpassagen, wenn das Flusseis aufgebrochen und der Weg in den Felsen gesucht werden musste. Licht auf den Bergspitzen und Schatten in der Schlucht, die ewigen Schatten, für Tage. Wie kalt musste dieser Weg für die Ladakhi gewesen sein, wie beschwerlich, wie einsam. Als wir im ersten Winter unserer langen Reise in Dubai standen, den Kopf voller Entscheidungen, wie es weitergehen soll, wären wir fast hier gelandet. Wir wussten, dass das die letzte Möglichkeit gewesen wäre, die Bilder des Chadar Treks für uns zum Leben zu erwecken, ehe sich die Sprengbohrer und Bagger begannen, ihren Weg durch die Schlucht zu bahnen. Hungrig nach Stein und der Aussicht, eine der verrücktesten Strassen Ladakhs in den Fels zu fressen, “im Einklang mit der ladakhischen Vision 2047, die ein entwickeltes und vernetztes Ladakh vorsieht”.
Nun, 12 Jahre später sind wir in der Zanskarschlucht unterwegs. Die abenteuerlichen Bilder des zugefrorenen Flusses versinken im Sepiabraun des Wassers, werden mit neuen überlagert: Eine raue Piste, die dem tosenden Zanskar folgt, ein zerfetzter Bagger, der am Strassenrand liegt, als wäre er dem Schritt eines Riesen zum Opfer gefallen. Strassenbauer in zerlöcherten schwarzen Kleidern, die auf einer wackeligen Bambusleiter stehen, einander Dynamitstangen zuwerfen und mit einem Stab in die Sprenglöcher stopfen. Ein stop und go auf der Idee einer Strasse, die eigentlich in der Schlucht gar keinen Platz hat. Ein grünes Strassenschild der Border Roads Organisation: “Entweder wir finden einen Weg, oder wir machen einen”. Nach einem Tag bereits müssen wir am Abzweiger in Nyerak sein. Denn in der Nacht gehen die Sprengladungen hoch. Ein kurzes Donnergrollen in der Dämmerung, das in der Schlucht verhallt. Ein Stück Erinnerung an eine vergangene Zeit, die in Schutt und Staub zerfällt.
Von Nyerak geht es hinauf auf den Singe La. Brutal steil windet sich die Strasse vom Talboden hoch. Auch hier hat es kaum Platz für sie. Eineinhalb Tage später stehen wir auf 4900 Meter. Es regnet, die Wolken hängen tief, die Luft ist dünn. Trotz der Akklimatisation in den letzten Wochen spüren wir die Höhe. Eiskalte Finger, wo nur bleibt das wärmende Feuer in der Eishöhle? Dann geht es runter ins nächste Tal. Zwei Nächte und einen Tag harren wir im Homestay bei Photoksar aus, warten darauf, dass sich das Wetter bessert und der Regen aufhört. Ein bisschen Basecampstimmung, nur ohne Jasskarten. Dafür mit zwei Kindern, die Dauerunterhaltung fordern. Zum Glück bricht am zweiten Tag die Sonne durch, als wir zu unserem letzten Pass hochkurbeln, dem Sir Sir La. Wolkenschatten und Licht auf den Bergspitzen. Das grande Finale unserer Ladakhtour. Ein Reisemonat ist um. Was bleibt sind die Bilder, die Bilder im Kopf. Und die Vorfreude auf einen weiteren Monat in Sri Lanka.Read more























































