• Zugfahren in China

    March 20 in China ⋅ 🌧 27 °C

    Normalerweise ist eine Zugfahrt nicht erwähnenswert.
    Aber eine Zugfahrt in China schon. Denn hier ist so einiges anders.

    Nachdem ich das System des Buchens, Reservierens und der Ticketausstellung kapiert habe, quäle ich mich weiter durch die Materie. Das Problem sind die Bahnhofsnamen.
    Guangzhou z.B., wäre einfach.
    Aber da gibt es Guangzhoubaiyun, Guangzhounan, Chongqingxi…etc.

    Sind das jetzt andere Orte, die nur ähnlich klingen? Womöglich in einem völlig anderen Teil Chinas?

    Es dauert ein wenig, bis ich in dem langen Buchstabensalat ein System erkanne:
    Am Ende eines jeden Ortsnamens hängt die Himmelsrichtung dran.
    So sind meine ersten chinesischen Vokabeln nicht Guten Tag oder Danke sondern Himmelsrichtungen.
    Bai, dong, nan und xi - stehen für Norden, Osten, Süden und Westen. Damit wird alles klarer. Denn fast jede Stadt - die großen sowieso - hat mehrere Bahnhöfe.

    Dass der Ticketkauf anders abläuft als bei uns, das hatte ich schon geschrieben.
    Nun. Zwei Tage vor Abfahrt haben wir immer noch keine bestätigten Tickets von Guangzhou nach Yangshuo. Wir könnten sofort welche in der 2. Klasse haben. Aber ich wollte ja unbedingt in der 1.Klasse oder BC fahren.

    Und weil ich nun hier vor Ort gelernt habe, dass sich die Bahnhöfe eh nicht um die Ecke befinden, sondern man immer ein Taxi für die Anfahrt benötigt, storniere ich die Buchung, erhalte binnen Minuten die schon gezahlte Summe aufs Konto zurück und buche einen G-Zug aus dem Süden Guangzhou‘s. Also von Guangzhounan - Yangshuo.

    Eine halbe Stunde braucht das Taxi vom Hotel zum Bahnhof. Die Bilder, die ich im Netz über die Größe eines „normalen“ Bahnhofs in China gesehen habe, waren nicht übertrieben.
    Das Gebäude ist tatsächlich riesig. Bevor man aber überhaupt zum Bahnhof gelangen kann, wird der Pass kontrolliert, denn der ist mit dem virtuellen Ticket gekoppelt. Chinesen weisen sich mit ihrem Ausweis aus.
    Wer also nicht mit dem Zug fahren wird, hat auf dem Bahnhof nichts zu suchen. Das finden wir sogar prima. Dann lungern auch keine komischen Gestalten rum. Das heißt, spätestens hier verabschiedet man seine Begleiter.

    Am gleichen Schalter wird das Gepäck gescannt. Genau wie am Airport. In einem unserer Koffer scheint etwas gefunden worden zu sein. Es geht an die Scheren und Messer. Die haben wir in unserem Campingbesteck. Jede einzelne Klinge wird abgemessen. Drei Messer haben eine Klinge, die länger ist als 6cm. Das heißt, sie dürfen nicht mit. Wir müssen sie hier abgeben. Mein über 25 Jahre altes Schnippelmesser und zwei Zackenmesser für’s Grillgut😢.

    Letztendlich ist es meine Schuld. Ich hätte mich mit den Beförderungshinweisen befassen müssen. Nun haben wir den Salat.

    Die Beamtin hat ein gutes Herz und schlägt vor, sie per Express-Sendung zum nächsten Hotel zu transportieren. Aber das ist letztendlich keine Lösung. Wir werden noch viele Male Zug fahren. Also lassen wir die Messer zum Airporthotel Shanghai in Pudong senden, wo wir Mitte Mai sein werden. Aber was kostet das? Das weiß niemand. Dann aber erscheint der Expressbote und kassiert 16¥ ab, was so was wie 1.94€ sind.
    Die Beamtin wird mein Kontakt per WeChat und sendet mir später ein Foto von der Sendung.
    Ich greife bei der Story etwas vor:
    Das Hotel in Shanghai muss kontaktiert werden. Ich habe es bei Booking gebucht. Aber über diesen Chat kann ich kein Foto senden. Also hilft mir die Rezi aus dem nächsten Hotel. Das Hotel sendet mir den WeChat Kontakt - wir werden „Freunde“ - ich sende das Foto - und nun? Nun sind wir gespannt, ob diese Aktion ein gutes Ende haben wird.

    Ok. Nun gilt es herauszufinden, wie es weiter mit unserer ersten Zugfahrt geht. Wir sind natürlich viel zu früh da. Aber das ist nun mal unser erstes Mal Zugfahren in China.
    Es gibt wie schon erwähnt keine Papiertickets. Alles was man vorerst wissen muss, ist die Zugnummer.
    Auf größeren Bahnhöfen, mit mehreren Zugängen zum Zug auch die Wagonnummer.
    Auf der riesigen Tafel, die von der Decke hängt, ist alles wunderbar aufgelistet. Die wichtigen Worte sind auch in Englisch zu lesen. An kleineren Bahnhöfen muss man sich eben mit dem Übersetzter behelfen. Aber hier in Guangzhounan, einem vergleichbar großen Bahnhof wie der Airport BER, ist auch für die wenigen Nichtchinesen gesorgt.

    Der Wartebereich ist gut besucht.
    An den Seiten verkaufen Restaurants Snacks und allerhand Speisen. Denn Chinesen essen gefühlt immer. Wahrscheinlich gibt es hier auch so etwas wie Lounges etc. Aber beim ersten Mal ist uns das alles Schnuppe.
    Unser Gate ist hier 27A. Diese Info bekam ich per Hinweis bei Trip.com, wo ich die Tickets gebucht habe. Aktualisierungen werden natürlich nachgeschoben.
    Der Zugang zum Bahnsteig ist für uns noch gesperrt. Da dürfen wir erst etwa zehn Minuten vor Abfahrt hin.

    Bei Lichte gesehen ist das eine clevere Vorgehensweise. Auf dem Bahnsteig selbst befinden sich nur die Passagiere, die mit dem einschiessenden Zug fahren werden. Kein Drängeln. Kein Behindern. Kein Durcheinander. Die ankommenden Passagiere werden über einen anderen Ausgang geführt. Ähnlich dem Prinzip am Flughafen.

    Ich schreibe dieses hier nach genau zwei Erfahrungen. Einmal mit Start in Guangzhounan, einem Großstadt-Bahnhof und mit Start in Yangshuo, einem Kleinstadt-Bahnhof. Die Vorgehensweise ist immer die Gleiche.
    Beide Male sind wir in der 1.Klasse gefahren. Es gibt eine 2-2 Bestuhlung. Die Sitze sind saubequem und in der Neigung verstellbar. Einen kleinen Tisch zum ausklappen gibt es auch.
    Kurz nach dem der Zug abgefahren ist, kommt eine Zugbegleiterin und bringt eine Snackbox und eine Flasche Wasser. Auch wenn man nur eine kurze Strecke fährt.

    Die Fahrt selbst ist sehr ruhig.
    Die 280 und mehr km/h sind nicht zu spüren.
    Bequemer kann man nicht reisen. Auch nicht kostengünstiger.
    Für die Strecke von Guangzhounan nach Yangshuo zahlen wir 38€ pP.
    2:03h braucht der Zug für 379 Kilometer mit vier Stationen.
    Von Yangshuo nach Guilinxi sind es 80 gefahrene Kilometer. Dafür braucht der Zug genau 20 Minuten bei einem Kostenpunkt von knapp 8€pP.

    Genau fünf Minuten bevor unsere Station erreicht ist, erhalte ich auf meiner Watch den entsprechenden Hinweis. Technik die begeistert.

    Dass die Züge pünktlich sind, ist selbstverständlich. Was sonst? Die Schienen sind ja schon da und der Plan tagtäglich der Gleiche 🤷‍♀️
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