• Pingyao - wie einst im alten China

    22.–25. apr., Kina ⋅ ☀️ 20 °C

    Xi’an zeigt sich am Abreisetag bei schönstem Wetter. Unser Zug geht spät. Es wäre also Zeit genug, um noch die ein oder andere Attraktion zu besichtigen. Wir entscheiden uns letztendlich dagegen. Frühstücken entspannt beim besten Breakfastbuffet der ganzen Reise, kaufen noch ein Xi’an Pferd entworfen von einem Künstler der Stadt und lassen uns kurz vor zwei zum Xi‘andong bringen.
    Im Zugfahren sind wir mittlerweile Profis. Aber ehrlich gesagt, muss man kein Profi sein. Man muss einfach nur dem Zugsystem vertrauen. Und das ist man in 🇩🇪 nun mal nicht gewohnt.
    2:25h braucht der Zug. Zwischendurch führt uns die Strecke auf 1.200 Höhenmeter. Unsere chinesischen Banknachbarn können zwar kein Wort englisch, versorgen uns aber mit Kuchen und Erdnüssen.

    Es geht ins Zentrum der Provinz Shaxi, nach Pingyao. Mit einer Geschichte von über 2.800 Jahren gehört Pingyao zu den ältesten Chinas.
    Pingyao war während der Qing-Dynastie eines der wichtigsten Finanzzentren Chinas. Mit der Gründung der Rishengchang Bank im Jahr 1823 entstand hier die erste moderne Bank des Landes, die Geldtransfers über große Entfernungen ermöglichte und damit konnte auch ein weit verzweigtes Finanznetz entstehen. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts verlor Pingyao seine führende Rolle an aufstrebende Handelsmetropolen wie Shanghai und Hongkong.

    In Pingyao Guecheng erreichen wir zum ersten Mal auf dieser Reise einen Bahnhof ohne Rolltreppen. Es gibt unendlich viele Treppen. Da kommt Rainer wieder einmal zu seinem schmerzlich vermissten Workout 🤭
    Dafür sind die Taxifahrer nicht so aufdringlich wie andernorts.

    Mit dem georderten Didi-Fahrer haben wir mehr als Glück. Die Adresse, extra auf Chinesisch eingegeben, führt uns jedoch nicht ans Ziel, sondern an den Rand einer Parkanlage.
    Wir sollen jetzt noch ne Viertelstunde laufen, sagt er und lädt dabei mit einer frisch angezündeten Fluppe im Mund unser Gepäck aus.

    „Niemals! Mit dem Gepäck?“, ist alles, was wir vollkommen entsetzt von uns geben können. Das kann unmöglich sein Ernst sein.
    Wir bitten ihn, unsere Unterkunft anzurufen. Das tut er auch und wirkt während des Gespräches - von dem wir Null verstehen - deutlich informierter und lädt alles wieder ein.

    Wir fahren weiter bis zu einem Tor. Für ihn ist hier offenbar Schluss.
    Hier herrscht reger Betrieb. Buggys fahren ständig hin und her. Er ruft einem dieser Fahrer etwas zu und schickt uns in diese Richtung.
    Also tun wir das, was uns gesagt wird und fahren mit dem Buggy durch die Altstadt.
    Irgendwo werden wir aber wieder abgesetzt. Der Buggy fährt weiter.
    Wir stehen etwas lost da.
    Eigentlich total hilflos. Ein Blick auf AMap zeigt: Vom Ziel sind wir noch ein ganzes Stück weit entfernt.

    Und jetzt?
    Man deutet uns, den schmalen Weg geradeaus zu nehmen.
    Ich bin total bedient! Wir laufen erst ein Stück, bevor wir entscheiden, dass Rainer prüft, aob dieser Weg überhaupt der richtige ist. Ja. Ist er.

    Die Unterkunft hat eine exquisite Lage. Nicht nur im Herzen der Altstadt sondern im absolut autofreien Abschnitt. Ideal für Reisende mit Handtasche 😎

    Es ist ein Homestay in einem renovierten, traditionellen chinesischen Haus mit mehreren Innenhöfen. Alles ist mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Genau so stellt man sich das alte China vor. Vermutlich hat es hier früher genau so ausgesehen. Vermutlich hat man so hier gelebt.

    Wir wohnen in einem Duplex-Zimmer. Abgesehen davon, dass die Bilder offenbar mit einem Weitwinkel aufgenommen wurden, entspricht alles weitgehend den Aufnahmen auf Trip.com, wo ich die Unterkunft gebucht habe. Für etwa 50€ pro Nacht kann man insgesamt nicht meckern.

    Das Bett befindet sich in der oberen Etage. Es gibt zwei Wasserkocher, allerdings weder Tee noch Kaffee. Dafür ist der Kühlschrank mit verschiedenen Softdrinks gefüllt, die kostenlos genutzt werden können. Das ist etwas, das man in China fast immer so erlebt. Jedenfalls war‘s auf der bisherigen Reise so.

    Eigentlich wäre alles sehr gut, wenn das ansonsten wunderschöne Hotel nicht gleichzeitig als Fotolocation genutzt würde. Auch externe Besucher kommen offenbar einfach hinein, um sich alles anzusehen.
    So etwas haben wir schon einmal in einem Hotel in Lecce in Italien erlebt. Dort war der Zugang jedoch auf den Blick in den historischen Innenhof beschränkt.
    Hier aber laufen die Besucher sogar über die Balkongänge der oberen Etage. Und nicht nur das: Sie haben keinerlei Hemmungen, in die Zimmer zu gaffen. Selbst dann nicht, wenn sie sehen, dass wir gerade im Wohnzimmer sitzen.
    Chinesen sind halt anders.

    Am Abend drehen wir noch ne Runde und stellen fest, dass Pingyao zwar wunderschön ist, aber auch sehr touristisch. Aller zwei Meter werden wir gebeten, in das jeweilige Restaurant einzukehren. Manche werben sogar mit einem englischsprachigen Menü. Das, obwohl eh jedes Gericht bebildert an Glasvitrinen zu sehen ist. Aber das alles ist nichts, was uns überzeugen kann. In unseren Augen sieht eh alles gleich aus. Uns wäre mal nach einem
    ordentlichen Steak oder Kartoffeln.

    Am Ende entscheiden wir uns für das Restaurant unserer Unterkunft. Schmeckt ganz gut. Und ist glücklicherweise nicht so scharf.

    Das Frühstück gibt es bis 8:30am.
    Ein großes chinesisches Büffet. Die Suppe darf ich allein zubereiten. Rainer findet Toastbrot. Aber weder Butter noch Marmelade. So ist das mit den unangepassten Essern 😉

    Egal. Für dieses Frühstück ist uns
    das eh viel zu früh. Das bringt uns auf die Idee uns mit Obst und Joghurt zu versorgen. Das reicht uns für ein Frühstück.
    Yoghurt in China ist nämlich unglaublich lecker. Und das sage ich, die zu Hause absolut kein Yoghurt-Fan ist.

    Nach einem ausgiebigen Spaziergang durch die wirklich schöne Altstadt am ersten Tag, nach dem ein oder anderen Museumsbesuch - der für Senioren übrigens stets kostenlos ist - und natürlich nach hunderten von Fotos 😉 - geht’s raus aus der Altstadt. Denn in der Altstadt gibt es außer Andenken nichts zu kaufen.

    Das Shoppingcenter gleich hinter der City Wall beherbergt einen Supermarkt. Und was für einen! Einen Walmart - nur in modern, sauber und mit hochglänzendem Boden, wie wir es bei den Lulu’s im Oman erleben durften. Hier gibt es alles, was der nach westlichen Essen lechzende Gaumen begeht. Wir decken uns ein mit allerlei Müsli, weißen Pfirsichen, Heidelbeeren und Yoghurt.
    Die nächsten Tage gibt es kein Chinesisch mehr. Im KFC nebenan schieben wir noch Hühnerkeulen ohne kleinteilige Knochen und Burger nach. Mit Chinesisch kann uns keiner mehr vor‘m Ofen vorlocken.

    Eigentlich reicht für die Besichtigung von Pingyao ein einziger ganzer Tag. Das habe ich nicht geahnt und wohl definitiv etwas zu großzügig geplant.

    Deshalb nehmen wir uns am zweiten Tag einen Spaziergang auf der Stadtmauer vor. Das Wetter ist perfekt dafür. Wir umrunden die Mauer zur Hälfte. Also vom Südtor bis zum Nordtor. Und es ist einfach nur toll.
    Abgesehen von dem Ausblick auf die Dächer und die wunderschönen blühenden Bäumen des Ortes, ist es hier oben entspannt ruhig.

    Am Abend lassen wir uns zum zweiten Mal in China massieren. Es ist eine Mischung aus Tuina und Akupressur. Ich bin ja kräftiges Kneten von meiner Physio zu Hause schon gewöhnt. Aber hier kocht mir am Ende mein Gewebe 🤣

    Für den Abreisetag haben wir eigentlich einen Abholservice gebucht, der uns vom Homestay zum Bahnhof bringen soll.
    So die Theorie.
    Praktisch passiert aber nichts. Vermutlich wurde die Buchung schlicht vergessen.
    Als wir dann deutlich unseren Unmut äußern, wird zwar hektisch reagiert und die Mitarbeiterin bemüht sich sichtbar, dennoch stehen wir vor der Unterkunft und niemand taucht auf. Am Ende bleibt uns nichts anderes übrig, als gemeinsam mit zwei Angestellten das Gepäck zu tragen bis zu dem Weg, auf dem die Buggys fahren, die uns schließlich zu einem Taxi bringen.
    Immerhin wartet dort ein Maybach auf uns, der uns zum Bahnhof fährt. Dem mit den vielen Stufen aber ohne Rolltreppe… 🙄

    Nun geht’s nach Datong. Noch eine Altstadt. Ob die uns überhaupt noch begeistern kann…?
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