Beijing im Feiertagsrausch
1. maj, Kina ⋅ ☁️ 25 °C
Irgendwie hatte ich im Kopf, früher Bilder von Militärparaden in den Nachrichten gesehen zu haben – aus Moskau und Peking. Das mal live zu erleben, klang ziemlich cool. Aber offenbar sind diese Erinnerungen Jahrzehnte alt.
In Peking gibt es Militärparaden nämlich nur im Oktober. Und das auch nur alle zehn Jahre…
Bleibt also die Frage:
WhatsUp in Beijing am 1. Mai?
Was ich im Netz finde, ist ernüchternd: kein Feuerwerk, keine Drohnenshow. Dafür irgendwo eine Pfingstrosen-Ausstellung. Wie spannend.
Dabei ist die erste Maiwoche in China ein großes Ding. Fast alle haben frei. Sie reisen oder besuchen die Familie.
Voll soll es sein auf den Straßen Beijings. Deshalb entscheiden wir uns am 1.Mai gegen Taxi und fürs Fahrrad. Leihräder gibt es in chinesischen Städten genug. Ausgeliehen haben wir bisher noch nie eins bekommen. Wir scheitern verzweifelt immer an der fehlenden chinesischen ID. Gut dass „Alice“, die gute Seele des Hauses, das Problem kennt und sofort anbietet, mit uns rauszugehen und für uns welche auszuleihen. Diese bleiben dann so lange aktiv, bis wir die Räder eine längere Zeit nicht mehr bewegen. Was „längere Zeit“ genau heißt, ist nicht bekannt. Die Stunde kostet 2.5¥ (etwa 30c). Wir vereinbaren, dass sie die Endsumme am Ende des Tages per Alipay wieder bekommt. Chinesen können bis zu drei Räder gleichzeitig ausleihen, erfahren wir. Wie praktisch für uns.
Beijing ist eigentlich recht übersichtlich aufgebaut, also radeln wir Richtung Tiananmen-Platz, dem Platz des himmlischen Friedens. Die Straßen sind schon gut voll. Als ehemalige Ossis würden wir sagen: voll wie zur Maidemonstration. Passt ja irgendwie.
Trotzdem kommen wir gut voran. Verkehrsregeln für Fahrrad- und Mopedfahrer wirken hier eher wie freundliche Empfehlungen.
Es läuft eigentlich super. Bis zwischen Kaiserpalast und Tiananmen plötzlich Schluss ist. Alles auf Rädern ist verboten. Nur noch Fußgänger.
Kurz glauben wir noch, wir seien besonders clever und finden einen Schleichweg. Natürlich tun wir es nicht.
Gerade als wir aufgeben und die Räder abstellen wollen, um zu Fuß weiter zu gehen, sprechen uns vier junge, englischsprachige Kerle an:
Ob wir eine Reservierung für den Platz hätten.
Reservierung? Nö.
Braucht man die? Ja.
Damit ist dieser Plan auch gestorben.
Was also jetzt? Ich hab da bei AMap ein paar Sternchen (Marker) gesetzt und die steuern wir jetzt an.
Und diese Fahrt wird ein voller Erfolg. Zum einen ist die Stadt nur wenige Parallelstrassen entfernt praktisch leer. Und zum anderen schauen wir uns die Architektur der Stadt an. Wir fahren durch Wohngebiete und vorbei an Parks. Am Ende kommen über 17 Kilometer zusammen, als wir am Harmey-Shop (hier gibt es sauteure westliche Kosmetika für ein Appel&Ei) die Räder abstellen.
Den Rückweg aber treten wir dann mit Taxi an.
Fix und fertig aber absolut glücklich über den erfolgreichen Tag spazieren wir dann noch zu Yoshinoya, unserem geliebten japanischen Schnellrestaurant.
Am folgenden Tag haben wir kurz nach Mittag eine Verabredung mit „Martin“, einem deutschsprachigen Guide, der uns die Verbotene Stadt, also den einstigen Kaiserpalast zeigen wird.
Wir treffen ihn in der Rezeption und sein erster kritische Blick gilt Rainers Mini-Rucksack und meiner Tasche in Größe meines Handys.
„Das kostet mindestens eine halbe Stunde Schlangestehen“ sagt er.
Wir sollen alles am Mann tragen.
Gesagt - getan.
Die Tickets sind schon vom Hotel reserviert und wir müssen sie nur noch mit dem Pass in der Hand abholen. Als Senioren zahlen wir die Hälfte - also 60¥ für uns beide - was etwa 7.50€ ist.
Anfangs bin ich noch nicht überzeugt, ob sich diese ziemlich kostenintensive Investition in einen Guide überhaupt lohnt. Aber er macht es super. Die Erklärungen sind kurz und knackig.
Die Anlage ist groß. Der Besucherandrang aber gar nicht so dramatisch, wie wir es befürchtet haben. Alles verteilt sich sehr gut. Wir erfahren, dass man nach der Pandemie die tägliche Besucherzahl
auf 40.000 beschränkt hat. Dabei werden über 60jährige gar nicht mitgerechnet. Vor der Pandemie besuchten täglich doppelt so viele Menschen das Areal.
Vor einem Monat hat ein Teil der Palastanlage nach vielen Jahren der Rekonstruktion wieder eröffnet. Nicht alle Guides kennen diesen Teil. So ist es hier auffallend wenig besucht. Fast sind wir am Ende mit der Besichtigung, da kommt ein Unwetter auf. Es wird windig und es fängt an zu nieseln. Wir sind aber auch gesättigt an Informationen und letztendlich dankbar über die Entscheidung einen Guide gebucht zu haben.
Am dritten Tag in Beijing steht der Sommerpalast auf dem Plan. Gerade als wir los wollen, gibt es plötzlich Starkregen nebst Gewitter. Nach einer Stunde hat es sich aber ausgeregnet und die Luft ist herrlich klar.
Wir lassen uns mit Didi bringen. Die Umgebung ist weiträumig abgesperrt. So müssen wir erst bis zum Eingang ein ganzes Stück laufen. Die Menschenmassen die hier unterwegs sind, sind ein Vielfaches von dem, was gestern in der Verbotenen Stadt unterwegs war.
Der Sommerpalast wurde im 18. Jahrhundert unter der Qing-Dynastie als Rückzugsort für die Kaiser, besonders für Kaiserin Cixi, ausgebaut. Das hat uns gestern schon Martin erzählt. Er hat uns den Besuch ans Herz gelegt. Aber obwohl die Anlage etwa 290 Hektar groß ist - ok. drei Viertel davon belegt der Kunming-See - platzt schon bald unsere Hoffnung, dass sich die Menschenmassen irgendwann verteilen.
Dennoch kämpfen wir uns bis zum Longevity Hill durch, wo der
Tower of Buddhist Incense thront.
Von hier oben hat man den besten Blick auf die Umgebung und den See. Schick haben sie es sich früher gemacht.
Rainer geht noch bis zum Marmorboot - mich nerven die Massen und anschließend verlassen wir die Anlage und lassen uns zum Beijing Olympic Park bringen. Hier stehen die markanten Gebäude des Water Parks, dem Cube und das National Stadium, genannt The Nest.
Am letzten Tag lassen wir uns die Ohren säubern. Earpicking nennt sich das hier. Ein recht interessantes Erlebnis. Ob wir jetzt besser hören?
Ich behaupte mal für mich: die Ohren fühlen sich offener an.
Danach gehts zur allerletzten Attraktion, zum Temple of Heaven. Das Wetter ist immer noch prima.
Wie nicht anders zu erwarten, sind wir auch hier nicht allein. Aber es ist wesentlich angenehmer als gestern.
So marschieren wir zu allererst zum markantesten Gebäude, das auch zum Symbol der Stadt geworden ist, der Halle des Erntegebets. Das sieht schon wegen seiner runden Form und strengen Symmetrie sehr beeindruckend aus.
Den Altar sehen zu wollen, gebe ich aber dann doch bald auf.
“Halb Indien” drängelt und schubst mit vollem Körpereinsatz.
Nee, das brauche ich nicht.
Die Anlage ist übrigens etwa 270 Hektar groß und damit größer als die Verbotene Stadt selbst. Wir spazieren noch über die Danbi Bridge. Es ist eigentlich keine wirkliche Brücke. Es ist ein erhöhter Steg der den Übergang zwischen Himmel und Erde symbolisiert. Der eigentliche Himmelspalast ist dann eher ein „ganz netter“ Anblick verglichen zum Gebäude der Halle des Erntegebets.
Das war also unser Beijing.
In viereinhalb Tagen haben wir viel aber noch lange nicht alles gesehen.
Wäre Beijing unsere erste Destination, wäre ich vielleicht unzufrieden mit dem Gesehenen.
So aber hat Beijing einen anderen Stellenwert und ist nur eine Ergänzung zu all den Eindrücken, die wir in den letzten sieben Wochen auf der Reise durch China gesammelt haben.Læs mere


























RejsendeDie Eindrücke würden mich echt erschlagen. Tut die Ohrensäuberung nicht weh? Bei deiner vorangegangenen Mittelohrentzündung wäre ich da vorsichtig.
RejsendeGenerell erschlagen einen die Eindrücke hier. Ich finde, es ist die anstrengendste Reise überhaupt. Wir lassen dann bewusst auch aus. Oft bin ich zugegeben auch nicht mehr so interessiert. Nicht mehr so aufnahmefähig. Von bestimmten Dingen wiederum, kann ich nicht genug bekommen. Da zählen die Dachkannten mit den Fabelwesen und die Frauen mit den historischen Kleidungen dazu.
RejsendeSelbst beim Lesen brauch ich immer mal wieder eine kleine Auszeit von ein paar Tagen, da es so viel Input ist. aber eure Reise ist so spannend, dass ich auf jeden Fall dranbleibe.