• Tag 19 Viele Kurven nach Evje

    June 30 in Norway ☁️ 20 °C

    Ich war wieder vor sechs Uhr ohne Wecker wach – trotz Schlafbrille. Ich wälze mich noch ein wenig von links nach rechts und entscheide mich dann fürs Aufstehen.
    Gestärkt mit einem Müsli lässt es sich besser einpacken. Zuerst sieht es immer nach Chaos aus, aber dann fügt sich doch alles und verschwindet in den Koffern und Packsäcken.

    Abflug zu Circle K. Elise will frühstücken, und ich bekomme nebenbei zwei Cappuccino quasi aufs Haus. Die 30 Euro für den Jahres-Flatrate-Becher habe ich schon nach ein paar Tagen wieder drin gehabt. Ich weiß gar nicht, wie sich das für die Einheimischen rechnet, die 365 Tage im Jahr ihren Kaffee hier holen.

    Nach Circle K wollte ich noch schnell schauen, was heute im Kino läuft. Das wäre doch lustig: in einen Film gehen und rein gar nix verstehen. Und am besten immer an den falschen Stellen lachen.

    Heute ist Kurvenwedeln angesagt. Ist hier ja eh nicht viel Verkehr, dann ist um 7:00 Uhr in der Früh noch weniger los.

    Zwischendurch fahre ich über ein Fjell mit Blick auf die Landschaftsroute Hardangervidda mit ihren schneebedeckten Gipfeln. Auf der anderen Seite der Hardangervidda war ich in diesem Urlaub schon einmal und bin dort von West nach Ost gefahren.

    Es gab immer wieder Baustellen, die von einem Flagman oder einer Flagwoman mit der Kelle geregelt wurden. So wie ich früher als Schülerlotse: „Hey, du kommst hier nicht rüber.“ Aber am Ende durften dann doch alle fahren. Manchmal gab es auch ein Vorausfahrzeug, das einen durch die Baustelle geführt hat.

    Es gab Kurven über Kurven – fast nicht zum Aushalten. So schön.

    Gut, am Fjell geht es mal ein paar Kilometer geradeaus, aber dann geht's auch schon wieder ums Eck.

    Ich fahre meinen ausgesuchten Campingplatz an und habe schon so ein komisches Gefühl. An der Rezeption steht „Zu verkaufen“, und überall liegt Müll herum, als hätte ein Tornado gewütet. Ich fahre zu den Zeltplätzen und … alle leer.

    Ich fahre noch mal zur Rezeption. Da steht: Help yourself.

    Wenn man so ein komisches Gefühl in der Blase hat, sollte man erst mal auf die Toilette gehen und dann weiterfahren. Gesagt, getan.

    Es geht zum nächstgrößeren Ort, nach Evje, etwa 60 Kilometer vor Kristiansand. Ich bringe die beiden Orte Kristiansand und Kristiansund immer durcheinander. Der mit dem -sund liegt viel weiter oben Richtung Polarkreis.

    Nach 318 kurvigen Kilometern bin ich auf dem Campingplatz Fennefoss in Evje angekommen und habe gleich ein gutes Gefühl. Mit mir kommt noch ein junges holländisches Pärchen an, beide jeweils auf einem eigenen Motorrad. Wir reden über dies und das – und vor allem über Benzin.

    Wie ich so mein Abendessen brutzle, kommt der Bua zu mir, weil es so gut riecht. Ich brutzle nämlich gerade Zwiebeln und Knoblauch an. Er ist ganz verblüfft, dass ich eine kleine Pfanne dabeihabe. Darin kann man ja sogar ein Steak braten. Sie haben nur kleine Kochtöpfe, aus denen sie auch gleich essen, und es gibt immer nur Pasta aus der Tüte. Heißes Wasser drauf und … (wegschütten … bääh).

    Dann sieht er Hildegard und fragt, ob das was hilft. Ich erzähle ihm natürlich gleich von Hildegard. Ich glaube, das war der Moment, in dem er lieber wieder gegangen wäre.

    Bissi später komme ich beim Abspülen mit dem Mädel ins Gespräch. Sie arbeitet bei einem Augenarzt und hat sich sehr für meine Augen-OP interessiert. Irgendwie sind wir nämlich vom Hundertsten ins Tausendste gekommen – und schließlich bei meiner OP gelandet.

    Wir haben dann alle beschlossen, nicht länger draußen zu sitzen und zu plaudern, sondern lieber ins Zelt zu gehen. Es waren nämlich jede Menge kleine Fliegen aufgetaucht, die nicht nur in Nase und Ohren gekrochen sind, sondern auch noch gezwickt haben.

    Dann trinke ich mein Bier halt im Zelt aus.

    Aaah … hört ihr das?

    Die Luftmatratze ruft ganz leise: „Christian, komm zu mir.“
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