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  • Day57

    Let's go surfing

    February 23 in Australia ⋅ 🌬 18 °C

    Ich stehe am Bondi Beach, Australiens berühmtesten Strand. Es ist Samstag Nachmittag und normalerweise tummeln sich hier um diese Zeit
    tausende von Sonnenanbetern und Wassersportlern, um ihr Können und ihre Körper zur Schau zur stellen oder einfach nur um Spaß zu haben. Doch jetzt gerade lassen sich nur ein paar einsame Gestalten am Strand sichten, hauptsächlich eine kleine Gruppe von unerschrockenen Surfern. Kein Wunder, dass es menschenleer ist, es schüttet wie aus Kübeln und der Wind peitscht. Und was mache ich? Ich stehe da in meinem engen Wetsuit und warte auf meine allererste Surfstunde, eines meiner Must Do‘s für Australien. Da wir morgen Australien verlassen, ist heute die allerletzte Gelegenheit hierfür. „Warum tue ich mir das an?“ geht es mir für einen kurzen Moment durch den Kopf. Vor ein paar Minuten musste ich noch ein Formular unterzeichnen, welches die Surfschule von jeglichen Schadenseratzforderungen im Falle eines Unfalls freispricht, unter anderem Knochenbrüche, Quallenstiche, Haiattacken und Ertrinken. Das hat jetzt nicht gerade wirklich ermutigt. Aber dann denke ich wieder positiv: Nass werde ich ja sowieso und zumindest habe ich den ganzen Strand heute fast für mich alleine 🙂 Neben mir stehen noch vier weitere Surf-Opfer: ein Engländer und drei junge Chinesen. Komplettiert wird unsere Gruppe durch unseren heutigen Coach, eine Surffigur wie aus dem Leerbuch, ein Sunnyboy mit langen blonden Locken und guter Laune. „Let‘s go surfing“, ruft er und bevor wir wirklich nachdenken können, stürmen wir auch schon durch den Regenschauer Richtung Strand. Nach einem spartanischen zweiminütigen Aufwärmprogramm folgt die Sicherheitsunterweisung: unser Coach erzählt uns etwas von den gefährlichen Strömungen im Meer und wie wir uns verhalten sollten, um nicht zu ertrinken. In den Gesichtern der drei Chinesen sehe ich nur Fragezeichen, weil sie unseren Coach weder sprachlich noch akustisch (der Wind stürmt recht laut) richtig verstehen können. Auch der Coach merkt, dass weitere Erklärungsversuche hier vergeudete Zeit wären und ändert die Strategie: „Okay guys, let‘s just stay together, it‘s all fine“. Ach ja, dann folgt nebenbei noch seine letzte Warnung: Momentan seien einige „Blue Bottles“ im Wasser (eine Quallenart, deren Stiche ziemlich schmerzhafte Schwellungen hinterlassen), daher sollten wir besser möglichst zügig durch das seichte Wasser laufen, wo diese hauptsächlich anzutreffen seien. „Das wird ja immer besser“ denke ich.
    Schließlich ziehen wir unsere Surfbretter mit schnellen Schritten Richtung Wasser und ich glaube meinen Augen kaum. Im Sand sind bereits hunderte von Blue Bottles angeschwemmt und ich muss mich merklich konzentrieren nicht in eine von ihnen zu treten. Wie soll das nur im Wasser werden? Ich versuche meine Gedanken frei zu machen und stürme ins Wasser und kämpfe mich Schritt für Schritt immer weiter vorwärts durch die Brandung, in der Hoffnung durch irgend einen glücklichen Zufall von den schmerzhaften Stichen verschont zu bleiben. Und dann kommt der entscheidende Moment: ich richte mein Surfbrett in Richtung der nächsten Welle aus, lege mich flach aufs Brett, nehme mit ein paar rudernden Armbewegungen Impuls auf, werde von der Welle erfasst und wie im Schwebezustand in Richtung des Ufers getragen. „Wow, das macht tatsächlich Spaß“. Alle Sorgen, das schlechte Wetter, die gefährlichen Strömungen und auch die fiesen Quallen sind plötzlich vergessen. Wieder und wieder stürze ich mich in die Wellen, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Ich falle, überschlage mich, schlucke Salzwasser. Aber das Gefühl von den Wellen getragen zu werden kompensiert alles. Ich habe Blut geleckt...
    Das Glück scheint dennoch nicht mit allen Teilnehmern zu sein. Einer nach dem anderen humpelt mit Schmerzen aus dem Wasser, die Blue Bottles haben zugeschlagen. Nachdem es schließlich alle bis auf mich erwischt hat, beschließt der Coach die Surfstunde vorzeitig abzubrechen. Er scheint selbst wenig Interesse an den unangenehmen Quallenstichen zu haben. So bekomme ich heute leider doch nicht mehr die Chance, einmal aufrecht auf dem Brett über die Wellen zu gleiten. Aber halb so wild: ich durfte heute die berühmtesten Wellen Australiens spüren, hatte meinen ersten Kontakt mit dem Surfbrett und gehe ohne Schwellungen nach Hause (ein Souvenir, auf das ich durchaus verzichten kann). Alles in allem haben es gerade die ungewöhnlichen Umstände zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht. Und wer weiß, vielleicht wartet ja bereits das Meer in Neuseeland auf mich und gibt mir die Gelegenheit, mein Surftraining noch zu beenden 😉
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