• Wind trägt alle Pläne fort

    March 18, 2025 in South Korea ⋅ 🌬 5 °C

    Dieser Tag lässt sich im Grunde in einem Satz zusammenfassen: Starker Wind verhindert das Anlaufen des sehr ungeschützt liegenden Hafens von Jeju, somit entfällt unser Besuch dort und wir fahren direkt weiter die Küste hoch.

    Tatsächlich - so raunt es inoffiziell in der Crew - wäre es wohl noch möglich gewesen, in den Hafen hineinzukommen. Aber: Bei Windstärke 9 gibt dir keine Hafenbehörde eine Freigabe, wieder in See zu stechen. Im schlimmsten Falle wären wir für unbestimmte Zeit festgesetzt worden und hätten viel mehr als nur diesen einen Hafen auslassen müssen.

    So schaue ich mir heute also keinen großen Vulkankrater an, sondern nutze den freien Vormittag zum Wäschewaschen, Sportmachen und Tagebuchschreiben, ehe ich mich wie gewohnt um 16 Uhr ans Klavier setze.

    Heute schaukelt es doch schon etwas mehr als sonst. Ich muss hin und wieder mal von den Tasten aufschauen und mir ein bisschen Horizont suchen, um meinem Gleichgewichtssinn zu versichern, dass alle Sinne noch im selben Boot sitzen.

    Je mehr Welle, desto betont gelassener stolpern die Kellner zwischen den Gästen hin und her. "Ach, das ist doch noch gar nichts! So lange wir nicht alle Stühle festbinden, spricht hier keiner von Seegang, Verehrteste."
    Große Augen beim Gast, Abgang Kellner.

    Ich mag das nicht. Sag doch den Leuten, dass das schon ganz ordentlich Bewegung ist gerade. Von mir aus kannst du dann ja nachschieben, dass damals vor Grönland deine Kaffeetassen von selbst zu den Gästen geflogen sind, während du im Superman-Kostüm an der Siebträgermaschine standest.

    Während tagsüber die Stimmung ob des ausgefallenen Hafens tatsächlich etwas verhaltener ist auf'm Dampfer, hilft dann am Abend der gute alte Alkohol den Botox-gebügelten dabei, auch die seewetterlichen Sorgenfalten zu glätten.

    Auch ich hab in der zweiten und dritten Runde viel Spaß an den Tasten, weil ich in der langen Sichtachse jenseits meines Flügels den einen oder anderen lustigen Ausfallschritt beobachten darf.
    Ich spiele heut vorwiegend Seemannslieder und entdecke dabei, wieviel Pfeifen im Walde hinter manch fröhlicher Melodie steckt.

    Heimlich streue ich auch ein bisschen "Titanic" ein, aber nur in Dur und als Walzer, damit sich niemand fürchtet.
    Read more