• „We just hate them.“

    March 19, 2025 in South Korea ⋅ ☁️ 6 °C

    Die Schaukelei des Vortages ist vergessen, wir liegen in Incheon im Hafen, sogar Overnight bis morgen Abend.
    Der gewaltige Tidenhub von mehr als neun Metern legt hier an der Küste zeitweilig alles trocken. Ein Anblick, der mit kleinen Fischerbooten in der Bretagne aber irgendwie netter aussieht, finde ich.

    Damit im wichtigsten Hafen des Landes davon unabhängig operiert werden kann, trennen ihn gigantische Schleusen vom Ozean ab und garantieren 24/7 vierzehn Meter Wasser unterm Kiel.

    Heut hab ich wieder einen Ausflug gefangen. Veronica - die wahrscheinlich (wie Mia im letzten Hafen auch) in Wirklichkeit ganz anders heißt, nur einfach keinen Bock darauf hat, Ausländern vierzehn Mal ihren Namen zu nennen - empfängt mich schon lächelnd vor dem Schiff.

    Die Beschreibung meines Ausflugs liest sich recht entspannt, mit dem Bus zu vier Sehenswürdigkeiten, jeweils etwas Aufenthalt, dann schon wieder zurück zum Schiff. Wahrscheinlich ist auch genau deswegen gästemäßig so gut wie alles, was nicht mehr richtig krauchen kann, heut auf meinem Trip dabei.

    Zunächst machen wir an einem riesigen Mahnmal-Museumskomplex halt. Hier wird uns in einem gigantischen Kinosaal ein kurzer Film über den Koreakrieg im Allgemeinen und die "Operation Chromite" im Speziellen gezeigt und mir wird mal wieder vor Augen geführt, wie wenig ich über all das weiß.

    Nachdem Nordkorea - hochgerüstet von den kommunistischen Verbündeten - den Süden überfallen und fast die gesamte Halbinsel unter seine Kontrolle gebracht hatte, haben die Südkoreaner - gestützt von den Amerikanern und 36 weiteren Nationen - genau hier in Incheon zum Gegenschlag ausgeholt, der letztlich die Wende im Krieg brachte und zum heutigen status quo der entmilitarisierten Zone entlang des 38. Breitengrades geführt hat.

    In einer gewaltigen Operation und unter haarsträubenden Verlusten auf beiden Seiten landeten hier am 15. August 1950 die alliierten Kräfte vom Wasser aus, befreiten in den Tagen darauf Seoul und schnitten den nach Süden vorgedrungenen Nordkoreanern die Versorgungslinien ab. Ein Großteil der Eingeschlossenen kam nicht mehr lebend von der Halbinsel hinunter.

    Anders als in Hiroshima sieht man hier an jeder Straßenecke kupferne Soldaten, die das Ufer erklimmen oder dem leitenden Marshall der US Streitkräfte glücklich die Hände schütteln.
    Also eine ganz andere Erinnerungskultur, die hier gepflegt wird.
    Propaganda, möchte ich fast sagen.

    Und auch unsere Veronica redet offen hasserfüllt von den Nordkoreanern. "We hate them, we really hate them. They get lots of tax money from us and send spies, lots of spies in the country and we never know what comes next."

    Im letzten Jahr schickte Nordkorea hunderte Ballons mit - Entschuldigung - Scheisse gen Süden. Getrocknete Exkremente von Mensch und Tier. Veronica berichtet lebhaft, wie die Regierung strengstens untersagte, Ballons abzuschiessen oder sich ihnen zu nähern, wenn diese von selbst landeten. Zu groß war die Angst, dass diese "Geschenke" aus dem Norden biochemische Substanzen enthalten könnten.

    Ich erinnere mich, dass diese Aktion es auch bis in die Nachrichten in Deutschland geschafft hatte. Neu für mich ist allerdings, dass dies die nordkoreanische Antwort darauf war, dass Südkoreaner bei entgegengesetzter Windrichtung seit vielen Jahren Ballons in den Norden schicken.

    Diese enthalten immer das gleiche:

    Einen kleinen Sack Reis, weil die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass der Empfänger Hunger leidet.

    Eine Dollarnote, weil dieses Stück Papier einen außerordentlichen Gegenwert hat dort drüben.

    Und schließlich einen Internet-USB-Stick. Denn nichts ist gefährlicher für das Regime, als wenn die Bevölkerung freien Zugang zu Informationen bekommt.

    Wir sind hier nur wenige Kilometer von der nordkoreanischen Grenze entfernt, über unseren Köpfen ziehen immer wieder mit Waffen bestückte Hubschrauber vorbei.

    Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was passieren würde, entzögen die USA dem Süden ihre schützende Hand. Tatsächlich wird mir erst in diesem Moment so richtig bewusst, wie heiß dieser Konflikt eigentlich ist, immer wieder neu genährt durch die langen Arme der beiden politischen Weltsysteme. Wobei, kann man eigentlich noch von zwei klaren Seiten sprechen gerade?

    Gleichzeitig rührt sich auch die Verbindung zu meiner eigenen Vergangenheit.
    Auch hier leben Menschen nur ein paar Kilometer voneinander entfernt, die eigentlich zusammengehören. Viele Jahrtausende zusammengehörten und nun seit ein paar Generationen mit gegenseitigem Hass aufgeladen werden. Immer noch ein Wimpernschlag, verglichen mit der Geschichte, die sie verbindet.

    Heute wünscht man sich offen die Vernichtung des anderen.

    Ich erzähle Veronica, dass ich die ersten Jahre meines Lebens im geteilten Berlin verbracht habe und frage, ob es auch in ihr die Hoffnung oder überhaupt den Wunsch gibt, dass Korea irgendwann wieder ein Land ist.
    "No. We can never trust them. We just hate them."

    Die weiteren Stationen des Ausflugs sind leichter verdaulich. Wir besuchen ein Stadtviertel, was vor fünfzehn Jahren noch gar nicht da war und jetzt Vorzeigeprojekt für ökologisch nachhaltiges Bauen ist. Riesige Häuser, breite Straßen, aber kaum Menschen.

    Tatsächlich hat Südkorea ein echtes Nachwuchsproblem. Die Geburtenrate liegt bei 0,7. Junge Leute wollen viel Geld verdienen und es dann auch für sich ausgeben. Teure Autos, Schönheits-OPs, üppige Apartments - das steht alles hoch im Kurs hier.

    Sich nicht festlegen, keine langfristige Verantwortung übernehmen in unsicheren Zeiten - alles Themen, die wir in Europa ja auch kennen. Nur: Hier ist die Generationen-Verantwortung noch viel tiefer kulturell und im System verankert als bei uns - ganz selbstverständlich teilen sich Kinder und Enkel die Pflege und finanzielle Unterstützung ihrer Eltern und Großeltern, wenn diese nicht mehr arbeiten können.

    Wer kümmert sich um die, die keine Kinder haben, wenn es der Staat nicht im ausreichenden Maße tut?

    Abschließend schmeissen wir uns noch ins bunte Treiben des lokalen Marktes, bevor es zurück in unsere heile Welt geht. Wieder viel zum Nachsinnen für mich während meiner „Arbeit“.

    Erstes Stück heute am Klavier: Leningrad von Billy Joel.
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