69 Minuten Kagoshima
March 23, 2025, East China Sea ⋅ ☁️ 20 °C
Nach den zwei Tagen vor den Toren von Seoul geht es für uns nun wieder Richtung Süden. Anders als auf dem Hinweg ruht die See nun derartig, dass ich manchmal vergesse, dass wir gar nicht mehr an der Pier liegen.
Nach anderthalb Seetagen haben wir die koreanische Halbinsel hinter uns gelassen und fahren gerade in die Bucht von Kagoshima ein, das ganz im Süden von Japan liegt.
Die 750km näher dran am Äquator machen sich direkt bemerkbar, der Hafen ist von Palmen gesäumt und die Sonne lacht uns fröhlich an, während sie uns heimtückisch durch den Wind getarnt die oberste Hautschicht wegbrutzelt.
Heute ist es wieder ein kleiner Wettlauf gegen die Zeit für mich. Gegen 13 Uhr sollen die Behörden das Schiff freigegeben haben, sodass der Landgang möglich ist, 16 Uhr muss ich wie immer spielen.
Als ich zehn nach eins mit Sonnenbrille und Rucksack zur Gangway will, staut es sich schon bis ins Atrium. Der Kapitän entschuldigt sich gerade per Durchsage für das sehr sorgfältige Vorgehen der japanischen Einreisebeamten und deutet an, dass es wohl noch eine Stunde dauern wird, ehe die ersten Gäste an Land können.
Na super, das war's dann wohl mit meinem kleinen Erkundungsspaziergang hier. Denn "guests first" in allen Belangen an Bord bedeutet natürlich auch, dass ich erst die Gangway passieren werde, wenn dort kein Andrang vom zahlenden Publikum mehr herrscht.
Also setze ich mich auf den Balkon vor meiner Hütte und schaue auf die große Wiese jenseits des Hafens, auf der Fußball gespielt wird. Viele junge Leute hier, wie schön. Und alle ein bisschen entspannter als ihre Landsleute im Norden, hab ich das Gefühl.
Im Hintergrund ein schöner Berg, der aber kaputt zu sein scheint. Qualmt schon den ganzen Vormittag. Sakurajima, offensichtlich wirklich ein aktiver Vulkan, wie mir Wikipedia verrät.
Mittlerweile ist es 14:30 Uhr. Noch anderthalb Stunden, bis ich rausgeputzt an der Werkbank sitzen muss.
Probier ich es nochmal?
Wenigstens ein paar Schritte rund um den Hafen wären schon schön.
Und tatsächlich komme ich jetzt ohne Probleme vom Schiff runter. Schon fünf Minuten später bin ich durch die Passkontrolle durch und voller Tatendrang, mir so viel wie möglich von diesem Ort zu erschließen.
Da hinten gibt's eine schöne Brücke, von dort hat man bestimmt eine tolle Aussicht!
Dafür muss ich aber um die halbe Bucht rum, mmh. Wird sportlich, aber ein bisschen Bewegung vor meiner sitzenden Tätigkeit tut sicher gut.
Und so unterbiete ich meinen bisherigen Rekord, was Geh-Minuten pro Kilometer betrifft, fotografiere ohne anzuhalten, tackle Crewmitglieder mit mehr Zeit aus'm Weg und bin schweißgebadet, aber glücklich und mit neuen kleinen Juwelen des japanischen Einzelhandels im Rucksack wieder auf meiner Bude.
Duschen, rin in' Anzug, nochmal durchatmen und dann hoch ins Belvedere - dem Café des Schiffes oben auf Deck 9, von wo man stets eine schöne Aussicht auf das Geschehen rund ums Schiff hat und wo ich immer meine erste Stunde am Tag spiele.
15:59 Uhr, ich bin da, auch drei Kellnerinnen und Kellner stehen rum. Gäste gibt's allerdings keine. Denn die sind ja alle an Land. Ein bisschen ärgere ich mich schon über diese planerische Fehlleistung mit Ansage. Soviel Hektik für einen relativ sinnlosen Einsatz.
Andererseits ist es immer wieder eine gute Erdung für Herrn Flügel am Flügel, denn schließlich bin ich ja zum Arbeiten hier und nicht zum persönlichen Vergnügen, auch wenn ich davon die eine oder andere randvolle Tüte mitgehen lasse.
Und so bade ich etwas in Es-Dur und fühle mich wie ein ganz kleines Rädchen im Schiffs-Uhrwerk - gar noch ein bisschen kleiner als auf den Expeditionsschiffen, wo in solchen Fällen mal eben auf kurzem Dienstwege entschieden worden wäre, dass das mit dem Klavierspielen jetzt irgendwie auch Quatsch ist, so ganz ohne Menschen.
Hier, auf dem größten Schiff der Flotte (aber immer noch winzig im Vergleich zu den Riesenpötten von Mein Schiff und Co), geht so eine Entscheidung über einige Schreibtische, wie ich in den kommenden Tagen noch deutlicher zu spüren bekommen werde.
Und so unterhalte ich mich (unter sporadischem Tastendrücken) nett mit dem Rest der zum Warten verdonnerten Anwesenden, bis schließlich kurz vor Ende der Stunde doch noch eine Handvoll Gäste auf Kaffee und Kuchen vorbeischaut und ich wieder richtig spiele. Macht schon mehr Spaß, wenn es für Leute ist, und seien es auch nur ein paar.Read more









