• "Es zieht!"

    March 26, 2025 in Japan ⋅ 🌬 26 °C

    Eine kleine Anekdote unserer Begleiterin in Shimizu fand ich so putzig, dass ich sie hier gern nochmal wiedergebe.

    Als Tokiko noch eine junge Studentin und "arm wie der Kirchenmaus" war, konnte sie sich etwas Geld hinzuverdienen, indem sie in Japan tourende Orchester als Übersetzerin begleitet hat.

    Einmal war Karajan mit den Berliner Philharmonikern da. Deutsche Orchester in Japan, großes Ding.

    Alles läuft ganz gut, bis zum vorletzten Konzert. Schon zu Beginn der Probe kommt der Konzertmeister auf sie zu. "Es zieht!"
    Es zieht. Ah ja.
    Es zieht?
    Wer zieht?
    Tokiko kann sich keinen Reim darauf machen, aber schon kurze Zeit später steht ein Schwall Holzbläser vor ihr, schon etwas energischer.
    "Hier zieht es! ES. ZIEHT.
    Da, auf der Bühne.
    Tun Sie doch was!"

    Auch Tokikos Kolleginnen, die bereits auf diesen unhaltbaren Zustand angesprochen worden sind, schauen ratlos drein.
    Was soll das nur bedeuten? Sie können weit und breit nichts gezogenes entdecken.

    Anspielprobe, nun betritt Karajan in den Saal. Und auch der Maestro ist not amused.
    „Wenn das hier weiter so zieht, dann dirigiere ich nicht!"

    Jetzt ist die Not natürlich groß. Das Konzert will man auf keinen Fall aufs Spiel setzen, aber wie um alles in der Welt soll man "es" denn vom Ziehen abhalten?

    Schließlich erbarmt sich jemand aus dem Orchester und umschreibt den Umstand des unangenehm wehenden Luftzugs.

    Jetzt ist man einen Schritt weiter, aber irgendwie auch noch so ratlos wie zuvor, denn: Keine Japanerin, kein Japaner kann irgendein unangenehmes Lüftchen spüren auf der Bühne.

    Die zweite Geige ist schon ganz krank vor Sorge und hat sich einen dicken Schal um den Hals gewickelt.

    Der japanische Tourmanager entscheidet kurzerhand: Ein Vorhang muss her!
    Und so wird mühevoll die gesamte Rückseite der Bühne verhängt. Lieber ein bisschen mehr als zu wenig - wer weiß, wo „es“ sonst wieder mit dem Geziehe anfängt.

    Ein Kraftakt, doch pünktlich zum Konzert ist alles luftdicht verrammelt. Das Publikum staunt und auch Karajan deutet den Daumen nach oben, als er ans Pult schreitet.
    „Es zieht nicht mehr.“

    Abend gerettet, und während die ersten Töne Beethoven erklingen, fällt bei Tokiko und ihren Kolleginnen hinter der Bühne die Anspannung ab.

    Wen oder was die Deutschen da genau ziehen gespürt haben?
    Tokiko weiß es bis heute nicht.
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