• Honolulu

    April 4, 2025 in the United States ⋅ ☁️ 25 °C

    Im Cruiseplan - eine riesige Tabelle im 3x-A3-Format, die jeder am Anfang der Reise ausgedruckt bekommt - hebt sich der heutige Tag durch einen dicken roten Vormittag vor:
    GENERAL DRILL US COAST GUARD!

    Bedeutet, dass Beamte der amerikanischen Küstenwache an Bord kommen und sich mal janz jenau zeigen lassen, wie gut wir uns hier im Notfall an die internationalen Verordnungen halten.

    Schon auf früheren Reisen wurde mit geweiteten Augen und angsterfülltem Blick von diesen Inspektionen gesprochen und auch hier ist die Anspannung spürbar.
    Bloß nichts falsch machen, den Behörden keine Angriffsfläche bieten, weil das sonst sehr unangenehm werden kann.

    In dem Wissen, dass auch einzelne Crewmitglieder willkürlich rausgepickt und zu sicherheitsrelevanten Vorgängen befragt werden, wurden wir in den letzten Drills schon gezielt mit solchen Fragen auf diese Situation vorbereitet.

    Nun konnte ich ja schon gestern Abend nicht raus und muss auch heute um 16 Uhr wieder spielen (Spoiler: wieder mal ohne Gäste), sodass ich wenig Lust verspüre, bis nach dem Drill gegen 12 Uhr an Bord zu bleiben und dann nur kurz durch die nähere Umgebung zu hetzen - abgesehen davon, dass ich auch nicht scharf darauf bin, der Coast Guard zu erklären, wie man eine Rettungsinsel korrekt zu Wasser lässt.

    Also habe ich die Touristik schon drei Tage vorher gefragt, ob ich nicht auf einen Ausflug mitfahren kann an diesem Vormittag. Eigentlich ist kein Bedarf, aber weil die mich glaub ich mögen, darf ich als zusätzliche Begleitung mit auf den Bus.

    Jackpot, denn während die übrige Crew morgens das Schiff bis nach dem Drill nicht verlassen darf, ist mein Status jetzt "excused" und das hilft mir dabei, die volle Packung Honolulu mitzunehmen.

    Honolulu, erster Teil.

    Wie schon in Tokio stehe ich abartig früh auf, um vor der eigentlichen Ausflugsbegleitung noch ein bisschen auf eigene Faust unterwegs zu sein.
    Ich habe mir einen vielversprechenden Aussichtspunkt auf einem Berg ausgeguckt, zu dem ich mich ubern lassen will, um dort den Sonnenaufgang anzuschauen und danach gemütlich zurück zum Schiff zu wandern. Die anschließende Tour mit dem Sightseeing-Bus wäre dann ein schöner Kontrast, hab ich mir überlegt.

    Kurz vor sechs sitze ich im Uber, noch zwanzig Minuten bis zum Sonnenaufgang, aber kaum Verkehr, das müsste genau klappen. Auch das Wetter scheint mitzuspielen, vereinzelte Wolken zeichnen sich vor einem immer blauer werdenden Himmel ab.

    Allerdings nicht mehr, als wir die Küste verlassen und hoch auf die Vulkanberge fahren. Mein sehr netter Fahrer rät mir unterdessen davon ab, den Berg anschließend wieder hinunterzulaufen, weil ich da einige Kilometer auf dem Freeway-Seitenstreifen unterwegs wäre.
    Mmh. Gut, muss ich mir halt wieder ein Taxi rufen, wenn ich da oben genug gesehen hab.

    Als es dann eine knappe Meile vor dem Ziel allerdings anfängt, wie aus Eimern zu gießen, muss ich einsehen, dass das mit mir und dem Sonnenaufgang heute wohl nicht so richtig klappen wird. Ich hopse am Lookout kurz raus, genieße neun Sekunden lang die Aussicht auf Berge und Wolken um mich herum und steige pitschnass zurück zu meinem Uberfahrer ins Auto, der mich schmunzelt wieder runter an die Küste bringt. Einmal nach Waikiki, bitte.

    Zum Glück sind hier Tag und Nacht 25 Grad und die Luftfeuchtigkeit ist so hoch, dass man ohnehin nur maximal halbtrocken ist - egal, ob es regnet oder nicht.

    Waikiki ist das Stadtviertel mit dem berühmten Surferstrand, an dem der Bus nachher zwar auch noch vorbeikommt, aber ich will dort gern in Ruhe ein bisschen verweilen und wenigstens die sieben Kilometer von dort zurück zum Schiff laufen, wenn es schon aus den Bergen nicht geklappt hat. Schließlich muss ich ja auf meine 10.000 Schritte kommen heute.

    So schlendere ich also um kurz vor sieben schon durch den feinen Sand und staune, wieviele Menschen hier um diese Zeit unterwegs sind. Surferinnen und Surfer, soweit das Auge reicht.
    Surfen wurde ja angeblich hier erfunden, weil die Wellen auf Hawaii so perfekt sind. In Waikiki rollen sie schon kraftvoll an den Strand, an der Nordseite der Insel gibt es aber die berühmt-berüchtigten Big Waves, die unzählige YouTube-Kanäle füllen.

    So richtig kriegt mich dieser Strand nicht (bin Ostsee-verwöhnt) und auch die betont lässigen, übertrieben sportlichen Menschen mit ihren Vintage-Brettern über den Köpfen sind spürbar aus einem anderen Holz geschnitzt als ich.

    Entlang der Küste reiht sich nun erstmal Nobelhotel an Nobelhotel und ich muss bestimmt zwanzig Minuten gehen, ehe ich nicht mehr durch Touristenblasen laufe. Am Ala Moana Beach Park endlich hab ich sie alle hinter mir gelassen. Hier joggen und surfen die Einheimischen, außerhalb des Wassers weniger elegant unterwegs, dafür um so mehr in den Wellen.

    Auch viele Obdachlose haben in diesem Park ihre Zeltplane über ihr Hab und Gut gespannt und mir wird gerade klar, dass ich in Japan keinen einzigen Menschen gesehen habe, der auf der Straße leben muss.

    Der Rest des Rückwegs verläuft recht ereignislos und so bin ich ganz schön durchgeschwitzt um halb neun zurück am Schiff - perfekt, um noch kurz zu duschen und mir ein kleines Müsli-Frühstück zu gönnen, ehe ich die Gangway wieder runtergehe
    ("I'm excused, Sir.") und mich zu meinem Bus begebe.

    Honolulu, zweiter Teil.

    Heute stehe ich nicht mit Lollipop und Liste vor dem Bus, denn in den USA ist es uns Crewmitgliedern strengstens untersagt, außerhalb des Schiffes irgendwelche Tätigkeiten auszuführen. Ich bin heute wirklich nur als Ansprechpartner für Notfälle dabei. Mega.

    Ich muss gestehen, dass ich mir die einzelnen Stops des Busses im Vorfeld nicht genau angeschaut habe, und als mir zum Ende der schönen Inselrundfahrt die Gegend plötzlich sehr bekannt vorkommt, muss ich schon ein bisschen lachen.

    Immerhin regnet es jetzt nicht mehr in Strömen am Nu'uanu Pali Lookout, zu dem ich mich heute schon mal für 45 Dollar hab chauffieren lassen - natürlich ohne zu wissen, dass ich hier mittags nochmal deutlich kostengünstiger vorbeikommen würde.
    Irgendwie fail, aber andererseits auch lustig.

    Pünktlich zur Tea Time sitze ich müde aber glücklich am Flügel. Natürlich ist wieder kein Gast da. Absolut verständlich, denn wer nach acht Tagen auf'm Pazifik nicht die Gelegenheit nutzt, das Weite zu suchen, der muss schon triftige Gründe haben.

    So feixe ich ein bisschen mit denen, die mir in den letzten vier Wochen schon recht vertraut geworden sind in den Kaffeestunden und träume mich heute mal durch die Kreuztonarten - und in Gedanken schon mal in den tiefen Schlaf, der mich heute Abend sicher überfallen wird, wenn das Schiff zur nächsten Insel schaukelt.
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