Maui
5. april 2025, Forenede Stater ⋅ ☀️ 26 °C
Maui? Kenn ich.
Halloo?
Ich hab zwei Kinder im besten Disney-Alter!
Der freundliche Halbgott von nebenan mit den wandernden Tattoos auf dem Oberkörper. Heute ist der Tag, an dem ich zum ersten mal "seine" Insel betreten darf.
Maui ist die drittgrößte der Haiwaii-Inseln und der erste Blick aus meinem Bullauge ist schon mal vielversprechend - Vulkan mit Kopf in den Wolken, ansonsten blauer Himmel.
Ehrlich gesagt dachte ich bisher, dass die Insel Maui eben eine Insel ist und der muskelbepackte Typ aus dem Film damit nicht viel zu tun hat.
Aber da hatte ich mal wieder grandios wenig Ahnung, denn der beste Kumpel von Vaiana ist mehr als nur ein Leinwand-Held. Er wird von den Einwohnern hier auf Maui wirklich als Halbgott verehrt, wohnt da oben auf dem Vulkan und ist immer für einen Spaß zu haben.
Wer hat die Sonne eingefangen und ein bisschen näher an die Insel rangezogen, damit die Wäsche der Mama schneller trocknet? Maui.
Wer hat den Himmel ein Stück nach oben geschoben, damit die Menschen bequem aufrecht gehen können? Genau.
"Maui hat das für uns gemacht." sagt unser Guide Ka'ili schmunzelnd.
"You're welcome!"
Den Maui-Halbgott-Charakter bei Vaiana haben also keine findigen Autoren bei Disney geformt sondern eine gut 1800 Jahre alte Kultur. Wieder was gelernt.
Aber damit nicht genug: Der Film - den ich mir nach der Reise unbedingt nochmal anschauen will - erzählt im Grunde die Geschichte derer, die sich dereinst auf den Weg hierher gemacht haben.
Die Hawaii-Inseln wurden in drei Wellen besiedelt. Die mutigsten (und muskelbepacktesten) Entdeckerinnen und Entdecker aus dem Südpazifik - heute Französisch Polynesien - haben in meisterhaft konstruierten Doppelrumpf-Booten die Wellen besiegt und ihren Weg zu diesen Inseln gefunden.
Hawaii, das zwar auf der Nordhalbkugel liegt, durch die ethnische Herkunft seiner indigenen Bevölkerung aber zu den Südseeinseln zählt, ist mehr als 4000 Kilometer von Fidschi, Samoa und Co entfernt, von wo aus die mutigen Abenteurer erstmals im zweiten Jahrhundert hierher aufbrachen.
Menschen leben hier also erst seit ungefähr 1800 Jahren. Das ist quasi nix im Vergleich zum Rest der Welt. In Afrika, der Wiege der Menschheit, laufen „wir“ seit 150.000 Jahren durch die Gegend und in Europa gibt es uns auch schon ungefähr 45.000 Jahre.
Die Strömung des Pazifiks ließ die Wagemutigen nach mehreren Monaten genau hier ankommen. Rückkehr ausgeschlossen, denn gegen die Winde wieder gen Süden rudern? Das wird nix - Muskeln hin oder her.
Unsere Expertin für Landeskunde hat die Tage erzählt, dass es auf den Inseln hier eine sehr lebendige Erinnerungskultur gibt, die versucht, die Umstände der Besiedlung genau zu ergründen. Vor wenigen Jahren wurde eins der historischen Boote nachgebaut und auf den Kurs gebracht, den die Entdecker damals nahmen. Natürlich mit Netz und doppeltem Boden, denn im Falle des Kenterns hätten die Frauen und Männer, die sich auf die Spuren ihrer Vorfahren begaben, nur rüber zum Begleitboot schwimmen müssen.
Das war aber nicht nötig, denn die Expedition kam heil auf Hawaii an und so wurde tatsächlich der Beweis erbracht, dass man diese irre Strecke wirklich in Kanus überwinden kann, die mit Kokosnussfasern zusammengebunden sind.
Ich werde heute in kein Kanu steigen, hab aber mal wieder einen Ausflug gefangen, der mich in einem Kühlschrank-kalten Bus in eine unverschämt beeindruckende Schlucht bringt.
Zum ersten Mal machen sich im Zusammenhang mit Hawaii Wow-Gefühle breit.
Schroffe, zerklüftete Vulkan-Klippen ragen in den Himmel hoch, in ein grünes Kleid gehüllt. Und was für ein Kleid!
Wie vor zwei Jahren in Ecuador und Kolumbien erschlägt mich der Regenwald fast - so viel Grün, so viel Gezirpe und Geraschel.
Ich stelle mir vor, wie Maui sich die Flora & Fauna-Menükarte hat bringen lassen und grinsend "Jep, einmal das alles bitte, genau in der Reihenfolge" gesagt hat.
Der zweite Stopp ist eher Kaffeefahrt, obwohl sich "Besuch einer Macadamia- und Zuckerrohr-Plantage mit Führung über die Farm" eigentlich sehr nice angehört hat. Aber wegen eines Trauerfalls bei den Besitzern muss die Führung leider ausfallen. Das war schon am morgen klar und wurde den Gästen auch kommuniziert, kein Problem.
Was sich allerdings erst vor Ort rausstellt: Keine geführte Tour über die Plantage heißt Plantage betreten verboten. So hängen meine Schäfchen und ich 60 Minuten vor, in und hinter dem an Frechheit kaum zu überbietenden Souvenirshop ab (Pfund Kaffee 42 Dollar).
Als Ausgleich gibt es dann noch einen zusätzlichen Stopp an einem berühmten Walbeobachtungsstrand, an dem man in der Walbeobachtungssaison sicher auch unvergessliche Walbeobachtungsmomente erleben kann. Denn vor der Küste von Maui tummeln sich die majestätischen Tiere bevorzugt ab Oktober, um noch mehr Wale zu machen.
In dieser Saison haben Freiwillige wochenlang an genau diesem Strand gesessen und über 2200 vorbeiziehende Wale gezählt. Und da Wale nachts selten beleuchtet sind, werden es sicher noch ein paar mehr gewesen sein.
Die letzten haben sich wohl allerdings vor ungefähr drei Wochen wieder auf den Weg zurück vor die Küste Alaskas gemacht, um sich dort den Bauch vollzuschlagen, fügt unser Guide kleinlaut an.
Ein dünnes bisschen Hoffnung weht dennoch durch den Bus, ein Kollege Wal könnte seine Abfahrt deutlich verpasst haben und genau in dem Moment pirouettenspringend über den Horizont jubeln, wenn wir gerade acht Minuten lang aufs Wasser starren.
Es bleibt eine Hoffnung.
Ich bin mal wieder froh, dass ich Vormittage wie diese hier einfach geschenkt bekomme, denn wenn ich dafür viel Geld bezahlt hätte, wäre ich doch eher verärgert gewesen. Und so finde ich im Tour Report, den ich anschließend immer verfassen muss, auch ein paar deutliche Worte hinsichtlich des Preis-Leistungs-Verhältnisses.
Als der Bus um 12:30 Uhr wieder vor dem Schiff steht, tickt die Uhr für den Herrn Ozeanpianisten schon langsam wieder.
Zum Glück hab ich mich aber penibel auf diesen Moment vorbereitet: Die Badehose ist bereits im Rucksack und der Weg zum nächstgelegenen Strand im Handy gespeichert, sodass ich gar nicht erst zurück aufs Schiff, sondern direkt wieder raus aus dem Hafengelände gehe.
Hellgrün schimmernder Pazifik an palmigem Sandstrand, das sieht so verlockend aus, dass ich da heute unbedingt mal rein muss.
Zum Glück ist in diesem Falle nicht der Weg das Ziel, denn ich muss erst an der örtlichen Kläranlage vorbei und dann eine Straße entlang, wo Menschen in nicht mehr fahrtauglichen Autos wohnen und mich eher grimmig als freundlich anschauen. Ungefähr dort, wo sich gerade zwei Zahnlose gegenseitig bewundernd ihre Unterarm-langen Messer zeigen, eile ich Augenkontakt vermeidend an den Strand hinunter.
Hier unten wimmelt es von Kite-Surfern und der Wind bläst mich fast um.
Egal, ich will da jetzt rein!
Wenn man irgendwo von einem Hai gefressen wird, dann wohl an den Stränden von Maui, hab ich gestern gelesen, aber darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Wenn die Kitesurfer da draußen alle plötzlich verschwinden sollten, werde ich aus dem Wasser rausgehen, nehm ich mir fest vor.
Eine völlig unbegründete Exit-Strategie, denn wenn mich hier irgendwas umbringt, dann diese Mörderwellen! Fiese Kameraden, erst umschubsen und dann direkt mit sich ins Meer ziehen. Eieiei, das kenn ich aber anders aus Zinnowitz.
Und so ist mein erster Pazifik-Durst recht schnell wieder gestillt (Salzgehalt: Bis über beide Ohren!), nachdem ich anderthalb Armlängen vom Ufer entfernt drei meiner "steh auf, fall wieder hin"-Übungen absolviert habe.
Na gut, geh ich mal ein bisschen am Strand entlang. Und siehe da, in der nächsten Bucht wartet eine astreine Lagune auf mich. Die Wellen regen sich an den vorgelagerten Vulkanbrocken ab und was bei mir ankommt, ist schon eher Ostsee.
"Taugt schon als Sehnsuchtsort, dieses Hawaii" denke ich mir, als ich mit Blick auf Palmen links und hohe Wellen vor schroffen Felsen rechts bei 28° vor mich hinplätschere.
Google Maps ist unterdessen unerbittlich: Zurück zum Schiff entweder wieder durch die Messerstraße oder eine Stunde fünfzehn rund ums Vogelschutzgebiet.
Dafür fehlen mir Zeit und Bock, und so bin ich beim Verlassen des Strandes auf Sprinten vorbereitet, komme aber gemäßigten Schrittes wieder an der Wagenburg vorbei und bis zur Kläranlage. Der Wind hat aber mittlerweile gedreht und zwingt mich dann doch noch zu einem kleinen Sprint.
Zurück am Schiff spiele ich heute den Soundtrack von Vaiana hoch und runter - zumindest das, woran ich mich grob erinnern kann.
Maui.
Cooler Typ mit noch coolerer Insel!Læs mere












