Roadtrip-Gefühle
6. april 2025, Forenede Stater ⋅ ⛅ 25 °C
"Wir brauchen dich morgen leider nicht, tut mir echt leid!! Trauriger Smiley, Gehirnrausguck-Smiley, noch irgendein Smiley"
Kristina von der Touristik hat gleich geantwortet auf meine Frage, ob ich auf der letzten und größten Hawaii-Insel morgen eigentlich auch einen Ausflug begleiten soll.
Insgeheim hatte ich darauf gehofft, denn so kann ich den Tag komplett nach meinen eigenen Vorstellungen gestalten, ehe um 16 Uhr das Murmeltier grüßt.
Fast als Erster bin ich vom Schiff runter und sitze schon drei Minuten später im Uber, das mich zum Flughafen bringt. Dort chartere ich mir einen Helikopter...
Nein, natürlich nicht!
Aber ein Mietwagen darf's heute mal sein für den feinen Herrn.
Auch das klappt alles reibungslos, und so sitze ich bereits um kurz nach neun in meinem mietwagentypisch weißen Ami-Schlitten und bewundere all die Knöpfe und Hebel.
Wenn ich das hier in ein paar Jahren nochmal lesen sollte, wird das folgende bestimmt putzig und wahnsinnig gestrig klingen. Dennoch: ChatGPT ist echt ne Wucht und hat mir auf dieser Reise schon so manches mal richtig tolle Dienste geleistet.
"Hey, ich bin am Flughafen von Hilo auf Big Island und habe fünfeinhalb Stunden Zeit, mir die Insel anzugucken. Ich hab keinen Bock auf Menschen, dafür aber auf atemberaubende Natur. Was empfiehlst du mir?"
"Heut ist ein perfekter Tag dafür und der Flughafen von Hilo ein wirklich guter Ausgangsort. Das wird sicher toll! Ich habe vier Vorschläge für dich. Fahr zuerst dort hin, weil da das Licht morgens schöner ist. Und falls du unterwegs Lust auf einen lokalen Mittagssnack bekommst, mache einen Stop bei Two Ladies Kitchen und probiere die legendären Mochis dort. Soll ich dir eine Route mit allen Zwischenstopps für Google Maps erstellen?"
Zwölf Sekunden später halte ich eine Route in den Händen, die wirklich vielsprechend klingt und mich heute das eine oder andere mal staunend viel zu viele Fotos schiessen lassen wird.
Ach ChatGPT, also mich hast du ja schon ziemlich von dir überzeugt.
Ja, ich weiß, es ist auch cool, nur mit Straßenatlas umherzuirren oder sich ganz ohne Karte einfach treiben zu lassen. Mag ich auch echt, aber für meine engen Zeitfenster und den Wunsch, das Maximum rauszuholen, ist KI hier gerade echt ein Segen.
Hey, hast du das gehört, KI? Ich hab dich gelobt im Jahr 2025. Jetzt komm zurück zu meinem Käfig und gib mir was zu Essen!
Am ersten Stopp erwartet mich der 135m hohe Akaka-Wasserfall.
.. und leider auch ein Reisebus, aus dem gerade in Zeitlupe die ersten Zombies von unserem Schiff rauspurzeln.
Ich schaffe es gerade noch, mich freundlich lächelnd vor die Gruppe zu zwängen, bevor es auf den schmalen Baumwipfelpfad Richtung Wasserfall geht.
"War das nicht gerade der Pianist?"
Nee, war er nicht.
Heute bin ich einfach nur ein fremder Typ mit Sonnenbrille, Frau von und zu. Und Hüftgelenk-Stau kann ich gerade auf gar keinen Fall gebrauchen. Hatte ich nicht gesagt, dass ich keine Menschen will, Chatti?
Daran müssen wir noch arbeiten.
Die stark beleibte Amerikanerin am Einlass wünscht mir viel Spaß auf dem Rundweg und stellt mir in Aussicht, ihn in ungefähr 35 Minuten absolvieren zu können. Als ich 18 Minuten später wieder vor ihr stehe, staunt sie nicht schlecht. Dabei hab ich davon noch mindestens fünf vor dem beachtlichen Wasserfall gestanden und mich daran erfreut, wie die Sonne ihm einen Regenbogen-Bart malt.
Keine Frage, es ist mein erklärtes Ziel, irgendwann auch 35 Minuten für so einen Weg zu brauchen, schließlich will ich steinalt werden. Aber bis dahin genieße ich es, die Treppen hoch- und runterfliegen zu können, wie es mir beliebt.
Die Route führt mich weiter Richtung Norden, immer die Küste entlang. Rechts blitzt das unendliche Blau des Pazifiks durch die Zedern, links begleitet mich dichter Regenwald an steilen Hängen.
Besonders beeindruckend sind die tief eingeschnittenen Täler, die der Highway immer mal wieder mit abenteuerlich anmutenden Brücken überquert.
Am Waipi'o Valley Lookout, laut Chatti einem der "dramatischsten" Aussichtspunkte der ganzen Insel, erwartet mich ein toller Blick auf die steilen Klippen entlang der Küstenlinie. Hier stehe ich ein paar Minuten einfach nur so rum und lasse die gewaltigen Dimensionen auf mich wirken. Der schwarze Sandstrand da unten, die Wellen, die von hier oben wie in Zeitlupe aussehen, die gigantische Steilküste - wie Rügen auf Steroiden.
Es ist wirklich atemberaubend schön hier.
Am Laupāhoehoe Beach Park stehe ich dann schließlich auf den zerklüfteten Lava-Würsten, die hier einst ins Wasser geflossen sind und lasse mir die Gischt der abartig hohen Wellen ins Gesicht schlagen.
Kaum Touristen, dafür ein paar einheimische Familien mit Kindern, die gerade ihr Mittagessen grillen. Und ein paar Hippies ohne Kinder, dafür mit Gitarre in der Hängematte. Sieht alles sehr entspannt aus.
Ich hab meine Badesachen dabei, aber an Baden ist hier auf gar keinen Fall zu denken. "Strong current! If you're in doubt, stay out!" steht überall auf riesigen Schildern.
Ich bin nicht mal ansatzweise "in doubt", nachdem mich die vergleichsweise kleinen Wellen auf der letzten Insel ja schon mächtig geärgert haben.
Und so cruise ich den Highway 19 wieder Richtung Süden, nehme links und rechts immer mal einen Lookout oder eine Scenic Route mit, muss einmal auch wenden, weil ein riesiger Baum auf die Straße geplumst ist und lasse mir von meiner neuen besten Freundin noch eine kleine Wanderung empfehlen, damit ich heute nicht nur auf meinem Hintern gesessen haben werde.
Vor dreizehn Jahren bin ich mal sieben Wochen lang ziemlich genau so mit nem Campervan durch Australien gefahren. Nur ich und mein Auto - sehen, staunen und ganz viel Freiheit. Meine kleine Spritztour heute erinnert mich sehr an diese Zeit - mit dem kleinen Unterschied, dass meine Freiheit heute um 16 Uhr vorerst wieder endet.
Und so gönne ich mir nach der kleinen Wanderung durch den Regenwald noch einen Besuch im riesigen Supermarkt, um meine Vorräte wieder etwas aufzufüllen. Denn ab morgen Mittag steht der zweite Teil unserer Pazifiküberquerung an.
Fünf Seetage trennen uns dann noch von Los Angeles, dem Ziel unserer Reise.
Schon am Klavier sitzend übergebe ich den Autoschlüssel an meinen Schwiegervater, der gerade von seinem geführten Ausflug zurückkommt und nun die Insel auch noch etwas auf eigene Faust erkunden will.
Das Auto ist bis morgen früh noch meins und wird die Nacht über hoffentlich brav vor den Toren des Hafengeländes auf mich warten.
.. denn der eigentlich Hauptgrund, überhaupt ein Auto gemietet zu haben, der kommt erst noch.Læs mere












