• Öl. Offroad. Neue Bekanntschaften

    May 21–22, 2025 in Georgia ⋅ 🌙 6 °C

    Tiflis begrüßte mich heute mit strahlendem Sonnenschein – keine Spur mehr vom gestrigen Regen. Nach einer erholsamen Nacht in meinem kleinen, familiengeführten Hotel genoss ich ein ausgezeichnetes hausgemachtes Frühstück. Der Service war top, das Personal herzlich, und als ich um eine zweite Portion bat, wurde sofort nachgelegt. Und das alles für 30 € inklusive Frühstück und Parkplatz – in Tiflis ein echter Glücksgriff!

    Mein Tagesplan: Noch einmal die Reifensuche angehen und dann in Richtung Wardsia aufbrechen. Motorrad gepackt, Kette geschmiert, Ölstand gecheckt – und da der Schreck: Öl unter Minimum. Eigentlich stünde ein Wechsel erst in etwa 5.000 km an, aber die georgischen Bergpässe scheinen ihren Tribut zu fordern. Also schnell in die Stadt – Werkstatt suchen!

    Drei Adressen später, alles Fehlanzeige. Erst bei der vierten Werkstatt hatte ich Glück: passendes Öl war vorrätig, und ich durfte direkt im Verkaufsraum warten. Der Besitzer, ein Aserbaidschaner, war sofort neugierig auf meine Reise. Wir unterhielten uns ausführlich – über Motorräder, über Georgien, über den Unterschied zwischen Touristen und Reisenden.

    Als mein Bike schließlich in die Werkstatt gerollt wurde, kam das nächste Problem: Kein passender Ölfilter auf Lager. Honda-Motorräder? Hier offenbar selten. Zum Glück hatte ich beim Packen in Deutschland mitgedacht – Ölfilter, Dichtungen, Schrauben, alles unter der Verkleidung verstaut. Als ich die Teile aus dem Motorrad zauberte, staunten die Mechaniker nicht schlecht. Der Ölwechsel war schnell erledigt – und ich konnte endlich weiter.

    Inzwischen hatten Freunde mir noch ein paar Adressen für Reifen geschickt – wieder erfolglos. Die Erkenntnis des Tages: Reifen in meiner Größe sind in Georgien offenbar Mangelware. Also bleibt nur eins: weiterfahren und hoffen, dass der Gummi noch hält.

    Da es bereits später Nachmittag war, war Wardsia heute kein realistisches Ziel mehr. Aber zumindest in die Richtung wollte ich aufbrechen. Unterwegs entdeckte ich ein echtes Highlight: die Kass Land Diamond Bridge, eine spektakuläre Hängebrücke über einem tiefen Canyon – allein der Anblick war die Anfahrt wert.

    Bei einem Fotostopp lernte ich einen jungen Mann kennen, der ebenfalls dort hielt. Er studiert Marketing in Tiflis, kommt ursprünglich aus Abchasien und ist selbst begeisterter Motorradfahrer. Aus einem kurzen Gespräch wurde eine Stunde voller spannender Geschichten – Nummern getauscht, vielleicht sieht man sich ja wieder.

    Auf dem weiteren Weg legte ich eine kleine Offroad-Passage ein – doch die freilaufenden Hunde machten die Strecke zur Nervenprobe. Die reagieren auf Motorräder aggressiv – nicht anhalten, einfach weiterfahren. Leichter gesagt als getan, wenn der Asphalt aufhört.

    An der Hängebrücke angekommen bot sich ein spektakulärer Ausblick über Schluchten, Berge und Wälder – aber mit der Höhe kam auch die Kälte. Ich zog alles an, was ich dabeihatte.

    Als die Sonne unterging, suchte ich eine Unterkunft – keine einfache Aufgabe auf 1.700 Metern Höhe in einem abgelegenen Dorf. Schließlich fand ich ein verlassen wirkendes Hostel. Kein warmes Wasser, keine Heizung, aber ein traumhafter Blick auf einen Bergsee. Und LTE-Empfang. Wie das in Georgien funktioniert, während Deutschland Funklöcher kartiert, bleibt ein Mysterium.

    Zum Abendessen gab’s einfache, aber leckere Teigtaschen mit Fleisch und Käse. Zurück im Hostel traf ich auf zwei weitere Gäste: Einer war auf dem Weg zu seinem neuen Job, hatte aber früher in Essen gearbeitet. Der andere war ein junger Pakistani mit fließendem Deutsch – er hatte in Berlin und München studiert, lebt jetzt in Georgien, wartet aber auf seine Einreisegenehmigung nach Deutschland, wo er sich selbstständig machen will. Zwei fremde Menschen, zwei spannende Lebensgeschichten.

    Und wieder zeigt sich: Nicht nur die Landschaft macht eine Reise besonders – es sind die Menschen, denen man begegnet. Heute kein Abendspaziergang – draußen ist es stockdunkel, eiskalt und die nächste Straße weit weg. Ich übernachte irgendwo in den Bergen, mitten im Nirgendwo – aber mit vollem Herzen.

    Bis morgen.
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